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Typ-1-Diabetes

Problemen in der Pubertät begegnen

17.05.2017
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Von Isabel Weinert / Die Pubertät stellt alles auf Revolte, ist geprägt von Rückzug und gesteigertem Eigensinn. Zur Therapie einer chronischen Krankheit wie Typ-1-Diabetes passt diese Lebens­phase gar nicht. Das zeigt auch die Stoffwechseleinstellung vieler betroffener Teenager. Sie brauchen dringend Unterstützung.

Der Blutzucker-Langzeitwert jugendlicher Typ-1-Diabetiker liegt bei durchschnittlich 9,3 Prozent. Das entspricht im Mittel 220 mg/dl, die aus einer Achterbahn aus zu hohen und zu tiefen oder auch nur aus hohen Werten resultieren. Viel zu hoch für Menschen, die ihr Leben noch vor sich haben, denn die Güte der Blutzucker-Einstellung entscheidet mit über Folgeschäden an Nieren, Nerven, Augen, Herz und Kreislauf. 

Umso wichtiger, die rund 30 000 jungen Typ-1-Diabetiker in Deutschland so gut wie möglich zu unterstützen. Hauptfiguren dabei sind die (Kinder-)Diabetologen und Diabetesassistenten. Sie kennen ihre Patienten häufig schon viele Jahre, die Jugendlichen vertrauen ihnen. Zudem wissen sie um die Probleme, die den Diabetes in der Pubertät so oft entgleisen lassen.

 

Hormonelle Umstellungen beeinflussen den Blutzuckerspiegel. Viele Mädchen bekommen das deutlich zu spüren, sobald die Regel einsetzt. Der Blutzucker lässt sich um die Zyklusmitte herum oft nur mit einer höheren Insulindosis senken. Ab der Blutung sinkt der Bedarf dann wieder drastisch, die Gefahr zu unterzuckern steigt. Die Schwankungen auszutarieren, erfordert viel Aufmerksamkeit.

 

Jugendliche brauchen zudem viel Energie und essen deshalb reichlich, aber nicht immer gesund. Viele schnell verfügbare Kohlenhydrate und Fast-Food erschweren gute Blutzucker­werte. Das gilt auch für Essstörungen, die bei Diabetikern gehäuft auftreten.

 

Im sozialen Miteinander zählt die Peergroup. Möglichst mithalten können, lautet die Devise. Dazu gehört oft genug auch der Konsum von Alkohol. Beachten Typ-1-Diabetiker dabei die Spielregeln nicht, drohen schwere Unterzuckerungen bis hin zum Hyposchock, denn Alkohol senkt indirekt den Blutzucker. Über all dem stehen Umbauprozesse im Gehirn, die das Seelenleben verändern. Die Impulskontrolle nimmt ab, die Gefühle schwanken, die Risikobereitschaft steigt. Der Diabetes wird leicht zur lästigen Nebensache.

 

Diabetesteams suchen im Kontakt mit ihren jungen Patienten immer wieder neu nach Wegen und Absprachen, die nicht nur realistisch sind, sondern den Diabetikern auch in ihrer aktuellen Lebensführung entgegenkommen. Daneben spielen die Eltern eine wichtige Rolle. Denn leicht gerät der Diabetes in der Pubertät zum Kampffeld, stellvertretend für andere Themen. Zeit für regelmäßige Diabetes-Gespräche zwischen Eltern und Kind kann dem entgegenwirken. Dabei dürfen beide Parteien nur über den Diabetes reden. Die Spielregeln: Das Kind darf nicht genervt reagieren, die Eltern dürfen nicht meckern, auch nicht über andere Bereiche, in denen sich das Kind ihrer Ansicht nach nicht gut verhält. Nur der Diabetes zählt.

 

Kompetenter Rat

 

Wie wichtig Apotheker für jugendliche Typ-1-Diabetiker sein können, darauf wiesen 2014 bereits die Ergebnisse der in Deutschland und Bosnien durchgeführten DIADEMA-Studie hin. Dabei kooperierten Diabetesteams einer Klinikambulanz oder einer Schwerpunktpraxis eng mit den Apotheken, die die teilnehmenden Jugendlichen versorgten, sodass sich der Kreis der kompetenten Ansprechpartner für die Typ-1-Diabetiker erweiterte. Durch eine intensive, strukturierte pharmazeutische Betreuung erhofften sich die Initiatoren der Studie klinisch relevante Verbesserungen. Geleitet von Professor Dr. Stephanie Läer, Institut für Klinische Pharmazie und Pharmakotherapie der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, entwickelte Mitarbeiterin Dr. Emina Obarcanin ein Studiendesign, das mit der Helios Klinik Krefeld, der Universitätskinderklinik Sarajewo und 15 beteiligten Apothekern in beiden Ländern umgesetzt wurde. Das Alter der 68 teilnehmenden Jugendlichen mit Typ-1-Diabetes lag zwischen zwölf und 18 Jahren, 40 von ihnen wurden von Diabetesteam plus Apotheker betreut, 28 nur von einem Diabetesteam. Die Wahl der Apotheke lag beim jeweiligen Jugendlichen. Die teilnehmenden Apotheker wurden vor und während der Studie geschult. Diabetologen, Diabetesberaterinnen und Apotheker besprachen regelmäßig Therapiekonzepte, deren Umsetzung und die Inhalte der Beratung. Die Apotheker kannten den Dosierplan für Insulin sowie die jeweils aktuellen Blutzuckerwerte der Jugendlichen.

 

Deutliche Verbesserung

Die Ergebnisse der Studie: Nach drei Monaten lag der Blutzucker-Langzeitwert HbA1c in der Interventionsgruppe, verglichen mit der Kontrollgruppe, um 1,4 Prozentpunkte niedriger, nach einem halben Jahr um 1,0 und nach einem Jahr um 0,9 Prozentpunkte. Zudem fühlten sich die Jugendlichen erheblich wohler.

 

In einer Subanalyse zu DIADEMA im Rahmen ihrer Doktorarbeit fand Maira Deters, diesjährige Preisträgerin des vom Apothekerverband Nordrhein verliehenen »Nachwuchspreis öffentliche Apotheke«, heraus, warum der HbA1c so deutlich sank: Lebensstiländerungen, wie sich mehr an den eigenen, individuellen Ernährungsplan zu halten oder bei Sport und Bewegung die Insulintherapie richtig anzupassen, stellten maßgebliche Parameter für den positiven Effekt dar. Ein wichtiger Aspekt der Betreuung in der Apotheke lag in diesem Patienten-Empowerment: Apotheker motivierten die Jugend­lichen, Insulintherapie und Lebensstil eigenständig zu optimieren. Perspektivisch scheint es somit sinnvoll, jugendlichen Diabetikern mit schlecht eingestelltem Diabetes und HbA1c-Werten größer 9 Prozent eine pharmazeutische Betreuung in der Apotheke zu bieten. Das entspräche auch dem Wunsch der jungen Teilnehmer der DIADEMA-Studie: Dass ihnen die interdisziplinäre Betreuung unter Mitarbeit von Apothekern auch künftig dabei helfen kann, den steinigen Stoffwechselweg durch die Pubertät erfolgreich zu gehen. /

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