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Blutbild

Wie das Blut sich zusammensetzt

17.05.2011
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Von Annette Mende / Etwa vier bis sechs Liter Blut fließen in den Adern jedes erwachsenen Menschen. Der »Saft des Lebens« ist nicht nur sprichwörtlich dicker als Wasser, denn zu fast der Hälfte besteht er aus Zellen. Das Blutbild gibt Aufschluss über die Zusammensetzung des Blutes und die Funktionsfähigkeit seiner Bestandteile.

Ob jemand ruhig Blut bewahrt, böses Blut stiftet oder gar einen anderen bis aufs Blut reizt: Das Blut hat in vielen Redensarten Eingang in unseren Sprachgebrauch gefunden. Physiologisch könnte man Blut als flüssiges Gewebe bezeichnen, denn es erfüllt eine Vielzahl lebenswichtiger Aufgaben. Dazu gehören der Transport von Sauerstoff, Kohlendioxid, Nährstoffen, Stoffwechselprodukten, Vitaminen, Elektrolyten und Hormonen, die Wärmeregulation durch Ableiten von Wärmeenergie an die Körperoberfläche, die Stabilisierung des pH-Werts über Puffersysteme und die Abwehr von eingedrungenen Fremdstoffen und Mikroorganismen.

Das Blut besteht aus dem flüssigen Plasma und zellulären Bestandteilen, den Blutkör­per­chen. Alle Blutzellen stammen von gemeinsamen Vorläuferzellen ab, den pluripotenten Stammzellen, die sich ein Leben lang selbst reproduzieren. Unter der Wirkung von hämatopoetischen Wachs­tumsfaktoren differenzieren sie sich über mehrere Zwischenschritte in die verschie­denen Blutkörperchen aus: Erythrozyten, Leukozyten und Thrombozyten.

 

Das Verhältnis zwischen dem Blutzell­volu­men und dem Gesamtblutvolumen bezeich­net man als Hämatokrit (Hkt). Er beträgt beim Mann durchschnittlich 0,47 und bei der Frau 0,42. Das bedeutet, dass 47 bezie­hungsweise 42 Volumenprozent des Blutes aus Zellen bestehen. Die Toleranzbereiche liegen zwischen 40 und 54 Prozent bei Männern und 37 bis 47 Prozent bei Frauen. Für die Normwerte des Hämatokrits gilt ebenso wie für alle folgenden Werte, dass die Toleranzbereiche je nach Quelle geringfügig voneinander abweichen können. Die Grenzen sind nicht starr, vielmehr muss der Arzt bei einzelnen Blutwerten im Grenzbereich unter Berücksichtigung des gesamten Blutbildes und des Allgemeinzustandes des Patienten eine individuelle Therapieentscheidung fällen.

 

Sauerstofftransporter Erythrozyten

 

Mehr als 99 Prozent der festen Blutbestandteile machen die Erythrozyten (rote Blutkörperchen) aus. Ihr Name setzt sich zusammen aus den griechischen Wörtern »erythros« für »rot« und »kytos« für »Gefäß« oder »Hülle«. Erythrozyten sind kern- und mitochondrienlose, bikonkave Scheiben. Sie haben eine Lebensdauer von 110 bis 120 Tagen. Alte und brüchige Erythrozyten werden in der Milz ausgesondert und zerstört, die Bruchstücke in Milz, Leber und Knochenmark phagozytiert. Ein Mann hat durchschnittlich 5,2 Millionen Erythrozyten pro µl Blut, eine Frau 4,6 Millionen.

 

Neu gebildete Erythrozyten werden als Retikulozyten bezeichnet. Nachdem sie ins Blut gelangt sind, enthalten sie noch ein bis zwei Tage lang Reste von Zellorganellen und RNA, die nach Färbung im Mikroskop netzartig aussehen. Das hat den Zellen ihren Namen gegeben: »reticulum« bedeutet auf Lateinisch »kleines Netz«. Normalerweise beträgt der Anteil der Retikulozyten an der Gesamt-Erythrozytenmenge 1 bis 2 Prozent. Eine vermehrte Neubildung von Erythrozyten (Erythropoese) lässt diese sogenannte Retikulozytenzahl steigen.

Tabelle: Blutwerte, die beim kleinen Blutbild bestimmt werden, und ihre Normbereiche

Parameter Mann Frau
Erythrozytenzahl (EZ) 4,6 bis 6,2 Millionen pro µl Blut 4,2 bis 5,4 Millionen pro µl Blut
Retikulozytenzahl 1 bis 2 Prozent (der EZ) 1 bis 2 Prozent (der EZ)
Hämoglobin 14 bis 18 g/dl
8,7 bis 11,2 mmol/l
12 bis 16 g/dl
7,5 bis 9,9 mmol/l
Hämatokrit 0,4 bis 0,54 0,37 bis 0,47
Erythrozyten-Indices MCH: 28 bis 34 pg Hb
MCHC: 30 bis 36 g/dl
MCV: 80 bis 95 fl
MCH: 28 bis 34 pg Hb
MCHC: 30 bis 36 g/dl
MCV: 80 bis 95 fl
Leukozyten 4000 bis 10 000/µl 4000 bis 10 000/µl
Thrombozyten 160 000 bis 300 000/µl 160 000 bis 300 000/µl

Etwa ein Drittel des Zellinhaltes der Erythrozyten nimmt das Hämoglobin (Hb) ein. Der rote Blutfarbstoff ist nicht nur essenziell für den Transport von Sauerstoff und Kohlendioxid, sondern besitzt außerdem eine Pufferfunktion. Das kugelförmige Protein besteht aus vier Polypeptidketten, die symmetrisch um das zentrale Molekül Häm angeordnet sind. Jedes Mol Hämoglobin kann maximal 4 Mol Sauerstoff binden. Häm enthält zweiwertiges Eisen als Zentralatom, das von einem Protoporphyringerüst umgeben ist.

 

Ein Deziliter (dl, 100 ml) Blut enthält beim Mann etwa 14 bis 18 g Hämoglobin, bei der Frau sind es 12 bis 16 g/dl. Als Einheit für die Hämoglobin-Konzentration ebenso gebräuchlich ist die Angabe in mmol/l. Dabei entspricht 1 g/dl etwa 0,621 mmol/l Hämoglobin. Die Normwerte betragen also für Männer 8,7 bis 11,2 beziehungsweise für Frauen 7,5 bis 9,9 mmol/l. In die andere Richtung erfolgt die Umrechnung mit dem Faktor 1,61. 1 mmol/l entspricht also 1,61 g/dl Hb.

Die Menge an Hämoglobin, die jedes einzelne rote Blutkörperchen enthält, ist nicht immer gleich hoch. Sie kann beispielsweise sinken, wenn aufgrund eines Eisenmangels nicht genügend Eisen für die Häm-Synthese zur Verfügung steht. Normalerweise enthält jeder Erythrozyt 28 bis 34 pg Hb (mittlere korpuskuläre Hämoglobinmenge, MCH). Das entspricht einer mittleren korpuskulären Hämoglobinkonzentration (MCHC) von 30 bis 36 g Hb pro dl Erythrozyten.

 

Ein normal großer Erythrozyt hat ein Volumen von 80 bis 95 Femtoliter (fl, 10-15 l). Diesen Wert bezeichnet man auch als mittleres korpuskuläres Volumen (MCV). Erythrozyten sind aufgrund des hohen Hämoglobin-Gehaltes gegenüber dem Plasmawasser hyperosmolar. Um den Einstrom von Wasser zu verhindern, muss die intrazelluläre Ionenkonzentration über Ionentransporter gesenkt werden. Da Erythrozyten keine Mitochondrien besitzen, stammt das dazu benötigte ATP aus der anaeroben Glykolyse. Steht nicht genügend ATP zur Verfügung oder ist die Membran geschädigt, schwellen die Erythrozyten an und haben eine verkürzte Lebensdauer.

 

Die Blutplättchen oder auch Thrombozyten (von Griechisch »thrombos« für »Klumpen«) sorgen bei der Verletzung eines Blutgefäßes für die Blutstillung. Sie sind wie die Erythrozyten kernlos und haben eine Lebensdauer von ein bis zwei Wochen. 160 000 bis 300 000 Thrombozyten finden sich normalerweise pro µl Blut. Auf ihrer Oberfläche tragen die Blutplättchen eine Reihe von Rezeptoren, die für die Anheftung an Gefäßwände und die Quervernetzung untereinander wichtig sind. Nachdem die Thrombozyten das Gefäßleck vorläufig verklebt haben, bildet das von zahlreichen Faktoren abhängige plasmatische Gerinnungssystem einen stabileren Verschluss aus Fibrin.

Differenzialblutbild

Diese Parameter werden bestimmt:

Leukozyten – 4000 bis 10 000/µl

Lymphozyten – 25 bis 40 Prozent der Leukozyten

neutrophile Granulozyten – 55 bis 70 Prozent der Leukozyten

eosinophile Granulozyten – 2 bis 4 Prozent der Leukozyten

basophile Granulozyten – 0 bis 1 Prozent der Leukozyten

Monozyten – 2 bis 6 Prozent der Leukozyten

 

Die für die Immunabwehr zuständigen weißen Blutkörperchen oder auch Leukozyten (Griechisch »leukos«: »weiß«) machen weniger als 1 Prozent der zellulären Bestandteile des Blutes aus. Im Durchschnitt hat jeder Mensch 6000 Leukozyten pro µl Blut, doch diese Zahl kann stark schwanken. Finden sich mehr als 10 000 Leukozyten pro µl Blut, spricht man von einer Leukozytose, bei weniger als 4000 von einer Leukopenie. Anders als Erythrozyten und Thrombozyten enthalten Leukozyten Zellkerne. Sie werden unterschieden in Monozyten, Lymphozyten und Granulozyten. Letztere lassen sich weiter differenzieren in (segment- beziehungsweise stabkernige) neutrophile, eosinophile und basophile. Die Klassifikation der Granulozyten hängt davon ab, ob die Zellen mit sauren oder basischen Farbstoffen anfärbbar sind. Granulozyten sind für die unspezifische Immunabwehr zuständig, während spezifische Immunreaktionen über Mono- und Lymphozyten vermittelt werden.

 

Im kleinen Blutbild wird nur die Gesamtzahl der Leukozyten ermittelt. Sind die Werte auffällig, wird zusätzlich ein Differenzialblutbild erstellt, bei dem die Unterformen der Leukozyten bestimmt und abgezählt werden. Das Differenzialblutbild ist beispielsweise verändert bei Entzündungen, Infektionen, Immundefekten und Leukämie. Als großes Blutbild bezeichnet man das kleine und das Differenzialblutbild zusammengenommen. /

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