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Lipide

Blutfette richtig senken

17.05.2011
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Von Christina Hohmann-Jeddi, Wiesbaden / Bewegungsmangel und Fehlernährung lassen die Blutfette steigen. Patienten mit zu hohen Blutfettwerten sollten daher Sport treiben und sich gesund ernähren - und erst in zweiter Linie Medikamente einnehmen.

Störungen des Lipidstoffwechsels gehören zu den klassischen Zivilisationskrankheiten. In Deutschland haben etwa zwei Drittel der Bevölkerung zu hohe Blutfettwerte. Dabei werden unter dem Begriff »Blutfette« im Allgemeinen die Triglyceride und das Cholesterol zusammengefasst. Beide Lipide erfüllen wichtige Funktionen im Körper. Während Triglyceride vor allem Energieträger sind, dient Cholesterol als Strukturmolekül in Zellmembranen und als Ausgangsstoff für die Gallensäure- und Steroidsynthese.

Die Lipide werden zum Teil mit der Nahrung aufgenommen, zum Teil aber auch im Körper selbst synthetisiert. Wegen ihrer Lipophilie werden sie im Blut in Form von Lipoproteinen transportiert, das heißt, sie sind in eine Hülle aus Phospholipiden, Apolipoprotein und Cholesterol eingeschlossen. Je nach Größe werden die Partikel in Chylomikronen, VLDL (Very Low Density Lipoproteins), LDL (Low Density Lipoproteins) und HDL (High Density Lipoproteins) unterschieden. Diese haben verschiedene Eigenschaften, erklärte Professor Dr. Armin Steinmetz vom Lehrkrankenhaus der Universität Bonn beim Internistenkongress Anfang Mai in Wiesbaden. Während LDL atherogen wirkt, hat HDL einen kardio­protektiven Effekt.

 

Die Basisdiagnostik zur Erkennung von Fettstoffwechselstörungen umfasst die Bestimmung von Gesamtcholesterol-, HDL-, Triglycerid- und LDL-Werten, Letz­terer kann aus den ersten drei Werten berechnet werden. Da diese Werte zum Teil von der Nahrung abhängen, sollte der Patient vor der Blutentnahme etwa 12 bis 14 Stunden lang nüchtern gewesen sein. Wegen möglicher Schwankungen sollten zwei Tests im Abstand von zwei bis drei Wochen erfolgen, sagte Steinmetz. Außerdem sollte Alkoholgenuss am Tag zuvor vermieden werden. Das Körpergewicht sollte einige Wochen vor der Blutabnahme konstant geblieben sein, da diese Faktoren die Blutfettwerte beeinflussen können.

 

Das ebenfalls in den Blutfetten enthaltene Lipoprotein a potenziert die Atherogenität von LDL, sagte Steinmetz. Es kann ebenfalls im Verlauf der Diagnostik bestimmt werden. Dabei sei eine einzelne Messung ausreichend. »Als atherogen gelten Lipoprotein-a-Spiegel über 30 mg/dl«, so der Mediziner. Therapeutisch gebe es aber nur wenige Möglichkeiten, den Lipoprotein-a-Spiegel zu senken.

Tabelle 1: Therapieziele der Lipidsenkung in Abhängigkeit von Risikofaktoren laut Leitlinie

Wert Niedriges Risiko (0-1 Risikofaktor) Mäßiges Risiko (≥2 Risikofaktoren) Hohes Risiko (10-Jahres-Risiko ≥20 Prozent oder bestehende KHK)
Triglyceride < 150 mg/dl < 150 mg/dl < 150 mg/dl
LDL-Cholesterol < 160 mg/dl < 130 mg/dl < 100 mg/dl
HDL-Cholesterol > 40 mg/dl > 40 mg/dl > 40 mg/dl

Erhöhte Lipoprotein-a-Werte seien aber – anders als hohe Triglycerid- und niedrige HDL-Werte – kein unabhängiger Risikofaktor für kardiovaskuläre Erkrankungen (KHK), sagte Privatdozentin Dr. Sabine Fischer vom Universitätsklinikum Dresden. Am stärksten beeinflusst wird das KHK-Risiko durch erhöhte LDL-Spiegel. »Es besteht eine lineare Beziehung zwischen KHK-Risiko und LDL-Cholesterol-Spiegel«, so die Referentin. Dass die Reduktion des LDL-Werts auch das Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen senke, was häufig bezweifelt wurde, zeige eine Reihe von klinischen Studien. Ein Beispiel sei die Woscop-Studie: In ihr senkte die Gabe von Pravastatin über etwa fünf Jahre den LDL-Spiegel um 26 Prozent und die kardiovaskuläre Mortalität um 31 Prozent, berichtete Fischer.

Tabelle 2: Lipidsenker und ihre Wirkmechanismen

Wirkstoffe Wirkmechanismus
Ionenaustauscher (wie Colestyramin, Colesevelam) Sie binden Gallensäuren im Darm, diese werden ausgeschieden und müssen mithilfe von Cholesterol neu synthetisiert werden. Der LDL-Spiegel sinkt um etwa 20 bis 30 Prozent.
HMG-CoA-Reduktase-Hemmer (wie Pravastatin, Lovastatin, Simvastatin) Statine hemmen die Eigensynthese von Cholesterol durch Blockade des Hydroxymethylglutaryl-Coenzym A, dem geschwindigkeitsbestimmenden Enzym der Cholesterolsynthese.
Cholesterol-Resorptionshemmer (wie Ezetimib) Die Resorption von Cholesterol aus dem Darm wird gehemmt. Der LDL-Wert sinkt um bis zu 25 Prozent.
Fibrinsäure-Derivate (wie Bezafibrat, Fenofibrat, Gemfibrozil) Sie fördern die Aktivität der Lipoprotein-Lipase, was zum Abbau der VLDL-Fraktion führt. Der Triglycerid-Wert sinkt um bis zu 50 Prozent, der LDL-Wert um 10 Prozent. Der HDL-Wert steigt um bis zu 30 Prozent.
Nicotinsäure und Derivate Sie hemmen die Freisetzung von Fettsäuren aus dem Fettgewebe, die Neusynthese von Fettsäuren und die Triglycerid-Synthese. Als Folge sinkt das LDL-Cholesterol und die Triglyceride sowie der HDL-Wert steigen an.

Um bei Patienten mit Fettstoffwechselstörungen die Therapieziele festzulegen, ist neben der Blutuntersuchung eine ausführliche Anamnese nötig. Die Therapieziele sind von Patient zu Patient unterschiedlich und richten sich nach den vorliegenden Risikofaktoren (siehe Tabelle 1). Zu diesen zählen: Alter über 45 Jahre bei Männern und über 55 Jahre bei Frauen, positive Familienanamnese für kardiovaskuläre Erkrankungen, Rauchen, Bluthochdruck und niedriges HDL (unter 40 mg/dl).

 

Die Therapie besteht aus drei Säulen: Zuerst müssen Risikofaktoren wie Rauchen oder Hypertonie ausgeschaltet werden. Zweitens sollten Patienten ihren Lebensstil ändern, vor allem die Ernährung umstellen, das Gewicht reduzieren und sich vermehrt bewegen. Erst wenn diese Maßnahmen keinen ausreichenden Erfolg zeigen, kommt die dritte Säule zum Einsatz: die medikamentöse Therapie. Bevor eine solche begonnen wird, sollten andere mögliche Ursachen von Fettstoffwechselstörungen ausgeschlossen werden. Dies sind Diabetes, cholestatische Lebererkrankungen, Hyperthyreose und chronisches Nierenversagen.

Für eine medikamentöse Lipidtherapie stehen verschiedene Wirkstoffklassen zur Verfügung (siehe Tabelle 2). Eine reine Hypertriglyceridämie kann durch Ernährungsumstellung, Reduktion des Alkoholkonsums, Sport, Gabe von Fischölkapseln und Fibraten therapiert werden. Eine spezielle Patientengruppe sind Diabetiker, berichtete Fischer. Sie müssen wegen des hohen KHK-Risikos besonders gut eingestellt werden.

 

Lebensstil verändern

 

Eine Änderung des Lebensstils hat Vorrang vor einer medikamentösen Therapie. Ein wichtiges Element ist dabei die Reduktion des Körpergewichts. Allerdings beeinflusst das Abnehmen den LDL-Wert weniger als erhofft, berichtete Professor Dr. Andreas Pfeiffer vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung in Potsdam-Rehbrücke. In einer Untersuchung mit etwa 700 Patienten nahmen diese unter hypokalorischer Diät im Schnitt etwa 11 Kilogramm ab und ihre LDL-Spiegel sanken. Diese gingen aber auf den Ausgangswert zurück, sobald die Patienten wieder anfingen, normale Kalorienmengen zu verzehren, so Pfeiffer.

 

Der Verzicht auf Eier und andere cholesterolreiche Lebensmittel spielt keine Rolle für den LDL-Cholesterolwert. »Das ist lange Zeit überschätzt worden«, so Pfeiffer. Wichtiger sei eine Fettreduktion und die richtige Auswahl an Fetten. Insgesamt sollte Fett nicht mehr als 30 Prozent der Gesamtkalorienmenge ausmachen. Gesättigte Fettsäuren sollten möglichst durch ungesättigte ersetzt werden. Denn gesättigte Fettsäuren und Trans-Fette erhöhen den LDL-Cholesterolwert. Einfach und mehrfach ungesättigte Fettsäuren senken dagegen den LDL-Spiegel. Die Senkung falle bei einem höheren Anteil von mehrfach ungesättigten Fettsäuren, zu denen die ω-3- und ω-6-Fettsäuren gehören, im Vergleich zu einfach ungesättigten stärker aus. Ungesättigte Fettsäuren würden zudem den HDL-Spiegel anheben.

 

Eine weitere LDL-Cholesterolsenkung ließe sich durch pflanzliche Sterine erreichen, weshalb der Verzehr von Obst und Gemüse erhöht werden sollte. Auch Ballaststoffe aus Haferflocken, Flohsamen oder Pektin aus Apfelschalen haben moderate Effekte. Sojaprotein senkt ebenfalls den LDL-Spiegel, berichtete Pfeiffer. Sein Fazit: »Man kann einiges erreichen über die Ernährung.«

 

Blutfettwerte lassen sich auch durch körperliche Aktivität senken. »HDL-Cholesterol und Triglyceride werden stark durch den BMI und durch Sport beeinflusst«, sagte Professor Dr. Martin Halle vom Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München. So ließe sich Studien zufolge der HDL-Cholesterolwert durch Sport um etwa 5 bis 10 Prozent erhöhen und der Triglyceridwert um 30 bis 50 Prozent reduzieren. Das Ausmaß der Veränderung hinge dabei vom Umfang und der Intensität der körperlichen Aktivität ab. Vier bis fünf Stunden zügiges Spazierengehen wöchentlich sei schon effektiv. Durch intensiveres und häufigeres Training ließen sich deutlich bessere Werte erreichen. »Der LDL-Cholesterolwert wird dagegen kaum von BMI und körperlicher Aktivität beeinflusst«, so Halle. Doch einen gewissen schützenden Effekt hat Sport auch hier: »Je stärker das Training, desto größer die LDL-Partikel.« / 

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