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Verträge

Gemeinsam gegen die Bürokratie

13.05.2008  18:32 Uhr

Verträge

Gemeinsam gegen die Bürokratie

Von Uta Grossmann

 

Ärzte und AOK Baden-Württemberg haben den ersten Vertrag zur hausarztzentrierten Versorgung geschlossen, an dem die Kassenärztlichen Vereinigungen nicht beteiligt sind. Ob die Folgen so revolutionär sein werden, wie es sich die Vertragspartner erhoffen, scheint fraglich: Die Teilnahme ist für Ärzte und Versicherte freiwillig.

 

In einem heillos überfüllten Saal sprachen stolze Vertreter von Ärzten und Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOK) am vergangenen Donnerstag in Berlin von Revolution und historischer Wende. Der Anlass war nicht ganz so weltbewegend: AOK Baden-Württemberg, der Ärzteverband Medi-Verbund und Deutscher Hausärzteverband haben den bundesweit ersten Vertrag zur hausarztzentrierten Versorgung (HZV) geschlossen, an dem keine Kassenärztliche Vereinigung (KV) beteiligt ist.

 

»Wir wollen verkrustete Strukturen aufbrechen, wir wollen raus aus Kontroletti-Mentalität, wir wollen das Bürokratiemonster aus der Arztpraxis vertreiben«, sagte ein sichtlich euphorischer Dr. Christopher Hermann, stellvertretender Vorsitzender der AOK Baden-Württemberg und als Verhandlungsführer für die Rabattverträge geschult darin, in Vertragsdingen Neuland zu betreten und sich dabei auch mal die Finger zu verbrennen.

 

Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) spendete Beifall und nannte den Vertrag einen »Durchbruch«, teilte die Deutsche Presse-Agentur (dpa) mit. Sie forderte zur Nachahmung in anderen Bundesländern auf.

 

Bisher haben die KVen zentral für alle Kassenärzte ihrer Region die Arzthonorare mit den gesetzlichen Krankenkassen ausgehandelt. Das Wettbewerbsstärkungsgesetz der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV-WSG) hat die Vertragsfreiheit der Krankenkassen gestärkt. Sie können mit Ärzten und anderen Leistungsbringern direkt Verträge abschließen, was für mehr Wettbewerb im Gesundheitssystem sorgen soll.

 

Protest gegen das System

 

Die Hausärzte protestieren seit Jahren gegen die Honorarverteilung der Kassenärztlichen Vereinigungen, weil sie sich gegenüber den Fachärzten benachteiligt fühlen. Der bayerische Hausärzteverband ruft seine Mitglieder sogar zur Rückgabe ihrer Kassenzulassung auf. Der Bundesverband plädiert hingegen nicht für den Ausstieg aus dem KV-System, sondern will es von innen reformieren ­ zum Beispiel durch Abschlüsse von Direktverträgen zwischen Ärzten und Kassen ohne Beteiligung der Kassenärztlichen Vereinigungen.

 

Auch der Medi-Verbund kritisiert das KV-System und versteht sich als Parallelorganisation. Dr. Werner Baumgärtner, Vorsitzender von Medi Deutschland und Medi Baden-Württemberg und ehemaliger Vorsitzender der KV Nord-Württemberg, vertritt die Meinung, dass die körperschaftliche Struktur der KVen den Ärzten und ihrer Freiberuflichkeit zunehmend schadet.

 

Der Vertrag zwischen AOK Baden-Würtemberg, Medi-Verbund und baden-württembergischem Hausärzteverband läuft zunächst unbegrenzt. Hausärzte und Kinderärzte mit Kassenzulassung in Baden-Württemberg und Versicherte der AOK Baden-Württemberg können sich von Juli an einschreiben. Die Beteiligung ist freiwillig. Für Ärzte und Patienten, die sich nicht an dem Programm beteiligen, läuft alles weiter wie bisher.

 

Die Vertragspartner rechnen damit, dass sich bis Ende 2009 eine Million AOK-Versicherte und 5000 Ärzte einschreiben. Die AOK ist mit 3,7 Millionen Versicherten die größte Krankenkasse in Baden-Württemberg. Im Medi-Verbund sind in Baden-Württemberg 6600 und deutschlandweit 13.000 niedergelassene Ärzte und psychologische Psychotherapeuten organisiert. Der Deutsche Hausärzteverband hat 32.000 Mitglieder, in Baden-Württemberg sind es 3000.

 

Die Versicherten binden sich für ein Jahr an einen Hausarzt. Sie verpflichten sich, Fachärzte nur auf Überweisung des Hausarztes zu konsultieren. Ausnahmen sind Augenärzte, Gynäkologen und Notfalldienste. Im Gegenzug bekommen sie mehr Service, zum Beispiel ausführlichere Arztgespräche und eine wöchentliche Abendsprechstunde für Berufstätige.

 

Für die Ärzte liegen die Vorteile auf der Hand. Sie sollen von der verhassten Bürokratie entlastet werden und mehr Honorar bekommen. Durch den geringeren Verwaltungsaufwand haben die Ärzte mehr Zeit für die Patienten. Die bislang komplizierte Quartalsabrechnung soll nun auf einen Bierdeckel passen, versprach Baden-Württembergs AOK-Vize Hermann.

 

Das Honorar ist in drei Pauschalen – eine kontaktunabhängige Jahrespauschale pro eingeschriebenem Versichertem von 65 Euro, eine kontaktabhängige pro Quartal von 40 Euro und einen Zuschlag von 25 Euro im Quartal für die Behandlung von chronisch Kranken – sowie diverse Zuschläge etwa bei Erreichen einer Zielquote für Arzneimittelverordnungen gegliedert. Durch den neuen Vertrag soll der Behandlungsfallwert, also das durchschnittliche Honorar für einen Patienten pro Quartal, deutlich steigen. Bisher liegt es in Baden-Württemberg bei 55 Euro. Hermann glaubt, dass 80 Euro erreichbar seien – »für einen Arzt, der Versorgung leistet und nicht Scheine zählt«. »Eine solche leistungsgerechte Bezahlung ohne Budgetierung sichert die Zukunft der Hausärzte«, sagte Dr. Berthold Dietsche, Vorsitzender des Hausärzteverbandes Baden-Württemberg.

 

Ärzte sollen »rationaler« verordnen

 

Die AOK hofft auf mehr Wirtschaftlichkeit und eine bessere Versorgungsqualität. Der Hausarzt soll seine Rolle als Lotse auch tatsächlich wahrnehmen. »Er muss die Behandlungsabläufe immer wieder prüfen und wenn notwendig verbessern, das reduziert den zeitlichen und finanziellen Aufwand«, sagte Dr. Rolf Hoberg, Vorsitzender der AOK Baden-Württemberg.

 

Eine Sparmöglichkeit sei ein »rationaleres« Verordnen der Ärzte, sagte Hoberg. Es werde softwaregestützte Empfehlungen beispielsweise zur Verordnung günstiger Generika geben. Die Therapiefreiheit des Arztes sei aber gewährleistet, denn er könne in medizinisch begründeten Fällen jederzeit ein anderes Präparat verordnen.

 

Ob das Hausarztmodell tatsächlich die erhofften Verbesserungen bringt, scheint fraglich. Die Techniker Krankenkasse (TK) hat jedenfalls nach drei Jahren ihres Hausarztmodells in Nordwürttemberg eine ernüchternde Bilanz gezogen, wie dpa berichtete. Sie zitierte den TK-Landeschef Andreas Vogt mit den Worten: »Wir haben keinen Nachweis dafür, dass die hausarztzentrierte Versorgung qualitative und wirtschaftliche Vorteile bringt.«

 

Die höheren Honorare für die Behandlung eingeschriebener Patienten und der Erlass der Praxisgebühren für diese Versicherten kosten nach Angaben der TK jährlich zwei Millionen Euro, ohne dass das Geld durch entsprechende Einsparungen wieder eingespart würde.

 

Die Ärzte hielten sich nicht an die vertraglich festgelegte Vorgabe, vor einer Überweisung an eine Klinik den Versicherten zu einem Facharzt zu schicken. Auch der Aufforderung, Generika statt Originalpräparate zu verschreiben, seien sie nicht häufiger nachgekommen als ihre übrigen Kollegen, so dpa. Zudem nutzten die teilnehmenden Versicherten die Gesundheitsvorsorgeuntersuchungen nicht häufiger als andere TK-Mitglieder.

 

Im Unterschied zum TK-Modell bleibt beim Vertrag der AOK Baden-Württemberg die Kassenärztliche Vereinigung außen vor. Ob allein durch die Vermeidung von Bürokratie durch diese zwischen Arzt und Kasse geschaltete Instanz genug Geld eingespart wird, um den Direktvertrag zum Erfolg zu machen, lässt sich jetzt noch nicht absehen.

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