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Hausärzte außer Rand und Band

21.09.2010
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Von Werner Kurzlechner / Die Hausärzte gingen vergangene Woche wieder einmal auf die Straße. Ihrem Unmut über Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler und die Kassenärztliche Bundesvereinigung machten sie auch beim Hausärztetag Luft.

Die Hausärzte haben sich in einer Wagenburg verschanzt und schießen von dort in alle Richtungen – so wirkt es derzeit. Im Vorfeld des Deutschen Hausärztetages in Berlin machten viele Allgemeinmediziner wieder einmal aus Protest ihre Praxen dicht und gingen auf die Straße. Nach Angaben von Ulrich Weigeldt, Bundesvorsitzender des Deutschen Hausärzteverbandes, versammelten sich in Sindelfingen 2800 Ärzte, in Essen 1500 und in Saarbrücken 500. Dass Patienten trotz akuter Schmerzen unversorgt geblieben seien, könne er »nicht bestätigen«, sagte Weigeldt.

 

Rücktrittsforderung an Köhler

 

In Berlin eröffnete sein Verband dann das Sperrfeuer gegen das liberal geführte Bundesgesundheitsministerium, das mit Plänen einer erneuten Honorarreform den Widerstand gegen finanzielle Einschnitte geweckt hat und nach Ansicht des Verbandes die Hausarztverträge de facto abschaffen will. Im Visier waren auch die Krankenkassen, die Bundesärztekammer (BÄK) und Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV), dessen Vorsitzenden, Dr. Andreas Köhler, die Delegierten einstimmig zum Rücktritt aufforderten. Als einziger Verbündeter scheint der SPD-Bundesvorsitzende Sigmar Gabriel, der als Gastredner mit einem Bekenntnis zur hausarztzentrierten Versorgung die geschundenen Seelen zu streicheln vermochte.

Es rumort also gewaltig in der Ärzteschaft. Dass die breite Öffentlichkeit den Protest der Haus­ärzte nicht wirklich versteht, liegt nach deren Einschätzung nämlich neben den Kassen an der KBV. Köhlers Vereinigung hatte im August mit­geteilt, dass das jährliche Durchschnittshonorar der Hausärzte vor Steuern und Abzügen im vergangenen Jahr um vier Prozent gestiegen sei – auf 200 164 Euro. Nach Ansicht der Betroffenen verstärkt das den Eindruck vieler, die »gierigen Hausärzte« könnten den Hals nicht voll bekom­men und forderten trotz bereits üppigen Verdiens­tes immer mehr Geld. »Wir liegen immer noch im unteren Drittel der ärztlichen Einkommensskala«, sagte Weigeldt. Die Zahlen Köhlers seien – wie auch ähnliche Angaben von Kassenseite – »sehr verzerrt« und lediglich Hochrechnungen auf wackliger Grundlage. Es müsse ja Gründe dafür geben, dass jedes Jahr 600 Praxen geschlossen würden, so Weigeldt.

 

Dass BÄK und KBV unlängst auf den sich verschärfenden Hausärztemangel mit noch drastischeren Statistiken hingewiesen hatten, konnte den hausärztlichen Furor nicht besänftigen. »Das ist ein Offenbarungseid dieser Organisationen«, wetterte Weigeldt. BÄK und KBV hätten durch fortlaufende Benachteiligung der Allgemeinmediziner selbst für ein Ungleichgewicht gesorgt und zu viele Fachärzte »produziert«.

 

Der vom Hausärzteverband aus der Versenkung geholte Vorschlag zur Bewältigung des Ärztemangels ist eine verkappte Spitze gegen die Krankenkassen, mit denen man ebenfalls in Teilen über Kreuz liegt. Die Kassen sollten statt der Bundesländer und der Kassenärztlichen Vereinigungen die Sicherstellung der Versorgung übernehmen, forderte Weigeldt – wohl auch in der Hoffnung, auf diesem Wege eine bessere Vergütung als bisher aushandeln zu können.

 

Aktuell ist das Verhältnis etwa zur AOK ambivalent. In Baden-Württemberg konnte man sich auf eine Verlängerung und Ausweitung der Hausarztverträge nach Paragraf 73b des Sozialgesetzbuches V einigen, was Hauptgeschäftsführer Eberhard Mehl freudig begrüßte: »Wir haben das erste Mal in Deutschland eine flächendeckende Integrationsversorgung und heben Effizienzreserven.« Weigeldts Stellvertreter, Dr. Wolfgang Hoppenthaller, hatte hingegen »eine schlechte Nachricht aus Bayern« im Gepäck: Die AOK Bayern fordere eine Reduktion des obersten Fallhöchstwertes von 84 auf 76 Euro, was der Hausärzteverband als Signal einer völligen Abkehr von der hausarztzentrierten Versorgung wertet.

 

Gegen die in einem Referentenentwurf des Gesundheitsministeriums geplante Reform der lukrativen Hausarztverträge wollen sich die Hausärzte weiter vehement wehren. Anders als im Koalitionsvertrag versprochen, soll der Paragraf 73b für neue Verträge verändert werden. Der vom Ministerium zugesagte Bestandsschutz sei »fast nicht durchzuhalten«, sagte Mehl. »Tarifautonomie bleibt unser Ziel«, ergänzte Weigeldt. Dass ausgerechnet ein liberales Ministerium das Rad in Richtung Zentralisierung zurückdrehen wolle, habe »ein besonderes Geschmäckle«. /

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