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Internationale Tage

Reise zum Mittelpunkt des Ich

09.05.2011
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Von Ulrike Abel-Wanek, Ingelheim / Die von Boehringer initiierten Internationalen Tage in Ingelheim haben längst einen festen Platz in der Liga überregional beachteter Kunst-Ausstellungen. Nach Chagall, Miró und Picasso holte Kuratorin Dr. Patricia Rochard in diesem Jahr Werke von Adolf Wölfli an den Rhein – und zeigt damit die größte monografische Schau des »Outsider-Künstlers« der letzten 20 Jahre.

Ohne Walter Morgenthaler wäre Adolf Wölfli ein klassischer Fall von »dementia paranoides« unter vielen geblieben. Der im schweizerischen Emmental 1864 geborene Wölfli lebte von 1895 bis zu seinem Tod 1930 in der psychiatrischen Anstalt Waldau in Bern. Hier weckten seine Zeichnungen und Texte das Interesse des damaligen Oberarztes Morgenthaler.

Seine Wölfli-Monografie »Ein Geisteskranker als Künstler«, die 1921 erschien, wurde in Fachkreisen zunächst wenig ernst genommen. Für seinen schizophrenen Patienten war sie jedoch der Start in die Welt der anerkannten Kunst. Heute hängen Wölfli-Bilder in Museen und um die wenigen Stücke, die auf dem Kunstmarkt auftauchen, reißen sich die Sammler.

 

Wölfli, wegen sexueller Übergriffe und Gewalttätigkeiten lebenslang interniert, begann 1899 zu zeichnen. Keines der Werke vor 1904 hat sich jedoch erhalten. Morgenthaler, der 1907 an die Waldau kam, erkannte das künstlerische Talent und den auffallend guten Farbsinn seines Patienten und unterstützte ihn bis zu seinem Weggang von der Anstalt im Jahr 1920.

 

Wölflis Schaffenskraft war enorm. Um den Nachschub an Farbstiften, Papier und Bleistiften zu sichern, begann er mit dem »Verkauf« einzelner Zeichenblätter an Ärzte, Pfleger und Wärter in der Waldau. Mehrere Hundert dieser Arbeiten, die sogenannte »Brotkunst«, fertigte er im Laufe der Zeit an. Der größere Teil seines Werks, dem er selber auch den höheren Wert beimaß, umfasst jedoch eine imaginäre Autobiografie, die er auf zahllosen Blättern schrieb und zeichnete.

Hier erfindet Wölfli sich und sein Leben völlig neu. Die ruhelose Arbeit zwang nicht nur die Stimmen in seinem Kopf in weitgehend geordnete Bahnen. Diese »Kopfreisen« genannten Werke zeigen vor allem seinen Traum von einer anderen, besseren Kindheit als die eigene es jemals war und erkunden eine Gegenwart und Zukunft voller Wünsche und Fantasien, die er nicht leben konnte. Seine Arbeiten umfassten schließlich rund 25 000, meist großformatige, zu Heften gebundene Seiten mit Zeichnungen, Noten, Erzähltexten, Collagen, Gedichten, Lautschriften und Zahlenkompositionen: aufeinander gestapelt, ein Turm von über zwei Metern Höhe.

 

Morgenthalers Buch begeisterte Künstler und Intellektuelle in den 20er-Jahren, Rilke sah in Wölfli einen »Fall, der dazu verhelfen wird, einmal über die Ursprünge des Produktiven neue Aufschlüsse zu gewinnen«. Erst viele Jahre später, 1972, war Wölflis Gesamtkunstwerk erstmals öffentlich zu sehen: auf der Dokumenta 5 neben Werken von Polke, Baselitz und Gerhard Richter. Als einer der bekanntesten und zugleich erfindungsreichsten Vertreter der »Art Brut«, bleiben er und seine Kunst einem breiteren Publikum jedoch bis heute immer noch verschlossen. Grund genug für Kuratorin Rochard, rund 50 Arbeiten seines monumentalen und faszinierenden Werks im Rahmen der diesjährigen Internationalen Tage zu präsentieren. /

Adolf Wölfli in Ingelheim

1. Mai bis 10. Juli 2011.

Altes Rathaus

Francois-Lachenal-Platz 1

55218 Ingelheim am Rhein

www.internationale-tage.de

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