| Angela Kalisch |
| 29.04.2026 08:00 Uhr |
Blick in die Sterne: Die Installationen von Hiroyuki Masuyama bilden den Abschluss des Rundgangs in der aktuellen Ausstellung in Ingelheim. / © PZ/Kalisch
Die Internationalen Tage Ingelheim zeigen in diesem Jahr das Werk eines Künstlers, der vor allem im englischsprachigen Raum berühmt ist. James McNeill Whistler (1834–1903) gilt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts als Revolutionär der künstlerischen Grafik. Seine Werken werden nun nach mehr als 25 Jahren in Deutschland wieder mit einer Ausstellung gewürdigt.
Aufgewachsen an der Ostküste der USA, siedelte Whistler als junger Mann nach Europa über und ließ sich in seiner neuen Wahlheimat London nieder. Von dort aus führten ihn Reisen quer durch Europa. Immer im Gepäck mehrere kleinformatige Kupfertafeln, auf denen er direkt vor Ort in Radierungen festhielt, was seine Aufmerksamkeit auf sich zog. Dabei interessierten ihn weniger die berühmten Ansichten und bekannten Sehenswürdigkeiten, sondern viel mehr Alltagsszenen am Flussufer, Arbeiter im Hafen, vermeintlich unscheinbare Hinterhöfe und die Auswirkungen der Industriealisierung auf die Großstädte.
Vor allem in London selbst – direkt an der Themse – entstanden viele seiner Arbeiten, während er die Uferzonen erkundete. Eine Auftragsarbeit führte ihn zudem für mehr als ein Jahr nach Venedig. Statt der beauftragten zwölf Stadtansichten schuf Whistler mehr als fünfzig Drucke sowie eine ganze Sammlung an Zeichnungen. Die Grafiken, die in diesen beiden Städten entstanden, bilden das Zentrum der Ausstellung in Ingelheim.
Stilistisch bedient sich Whistler für seine Radierungen und Lithografien starker Kontraste – Licht und Dunkelheit, Raumtiefe und Dimension sowie dem Fokus auf Details mit diffus angedeuteter Umgebung. Diese Technik stieß seinerzeit zumeist auf Unverständnis bei den Betrachtenden, da sie die Erwartungshaltung an ein realistisches Abbild durchbrach und die Sehgewohnheiten der damaligen Zeit häufig überforderte.
Die Kuratorin der Ausstellung, Katharina Henkel, vor Originalgrafiken Whistlers. / © PZ/Kalisch
Den Bogen zur Gegenwart spannt der japanische Künstler Hiroyuki Masuyama. Er reiste im vergangenen Jahr nach London und Venedig, um genau die Orte aufzusuchen, an denen Whistlers Grafiken entstanden waren. Dort hielt er identische Szenen fotografisch fest und legte beide Arbeiten in einer Montage übereinander. Getrennt durch eine Acrylscheibe, entsteht so der Eindruck einer archäologischen Ausgrabung, die unter den Fotografien, oft mit einem Skalpell, freigelegt wird.
Die Veränderung von Zeit und Raum zieht sich als Hauptmotiv durch Masuyamas Kunst. Sein Werk besteht in erster Linie aus Installationen, Farbfotografien und großformatigen Leuchtkästen. In je sieben Montagen aus London und Venedig wird das Thema der Veränderung zu einer Reise in die Vergangenheit zweier Städte. Dabei zeigt sich deutlich, wie stark sich London als Weltmetropole verändert hat. Oft wird höchstens noch an der Lage der Brücken erkennbar, aus welcher Perspektive Whistler gezeichnet hatte. Dahingegen wirken in Venedig die Plätze und Gebäude nahezu unverändert, eine historische Stadtansicht mit modern gekleideten Menschen.
Als Brücke zwischen London und Venedig hat Masuyama einen Leuchtkasten geschaffen, der den Flug zwischen den beiden Städten als meterlanges Panorama darstellt. Auch der Luftraum ist der ständigen Veränderung ausgesetzt. Denn zu keiner Zeit hat es die genau gleichen Konstellationen von Wolken und Landschaft geben, jedes Abbild der gleichen Reise ist also eine Momentaufnahme.