Pharmazeutische Zeitung online Avoxa
whatsApp instagram facebook bluesky linkedin xign

Whistler und Masuyama
-
Raum und Zeit im Fluss

Kleinformatige Druckgrafik trifft auf opulente Installation: Mit James McNeill Whistler und Hiroyuki Masuyama stehen in diesem Jahr zwei Künstler im Fokus der Internationalen Tage Ingelheim, die auf den ersten Blick unterschiedlicher kaum sein könnten. 
AutorKontaktAngela Kalisch
Datum 29.04.2026  08:00 Uhr

Die Internationalen Tage Ingelheim zeigen in diesem Jahr das Werk eines Künstlers, der vor allem im englischsprachigen Raum berühmt ist. James McNeill Whistler (1834–1903) gilt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts als Revolutionär der künstlerischen Grafik. Seine Werken werden nun nach mehr als 25 Jahren in Deutschland wieder mit einer Ausstellung gewürdigt.

Aufgewachsen an der Ostküste der USA, siedelte Whistler als junger Mann nach Europa über und ließ sich in seiner neuen Wahlheimat London nieder. Von dort aus führten ihn Reisen quer durch Europa. Immer im Gepäck mehrere kleinformatige Kupfertafeln, auf denen er direkt vor Ort in Radierungen festhielt, was seine Aufmerksamkeit auf sich zog. Dabei interessierten ihn weniger die berühmten Ansichten und bekannten Sehenswürdigkeiten, sondern viel mehr Alltagsszenen am Flussufer, Arbeiter im Hafen, vermeintlich unscheinbare Hinterhöfe und die Auswirkungen der Industriealisierung auf die Großstädte.

Vor allem in London selbst – direkt an der Themse – entstanden viele seiner Arbeiten, während er die Uferzonen erkundete. Eine Auftragsarbeit führte ihn zudem für mehr als ein Jahr nach Venedig. Statt der beauftragten zwölf Stadtansichten schuf Whistler mehr als fünfzig Drucke sowie eine ganze Sammlung an Zeichnungen. Die Grafiken, die in diesen beiden Städten entstanden, bilden das Zentrum der Ausstellung in Ingelheim.

Herausforderung für Sehgewohnheiten

Stilistisch bedient sich Whistler für seine Radierungen und Lithografien starker Kontraste – Licht und Dunkelheit, Raumtiefe und Dimension sowie dem Fokus auf Details mit diffus angedeuteter Umgebung. Diese Technik stieß seinerzeit zumeist auf Unverständnis bei den Betrachtenden, da sie die Erwartungshaltung an ein realistisches Abbild durchbrach und die Sehgewohnheiten der damaligen Zeit häufig überforderte.

Den Bogen zur Gegenwart spannt der japanische Künstler Hiroyuki Masuyama. Er reiste im vergangenen Jahr nach London und Venedig, um genau die Orte aufzusuchen, an denen Whistlers Grafiken entstanden waren. Dort hielt er identische Szenen fotografisch fest und legte beide Arbeiten in einer Montage übereinander. Getrennt durch eine Acrylscheibe, entsteht so der Eindruck einer archäologischen Ausgrabung, die unter den Fotografien, oft mit einem Skalpell, freigelegt wird.

Die Veränderung von Zeit und Raum zieht sich als Hauptmotiv durch Masuyamas Kunst. Sein Werk besteht in erster Linie aus Installationen, Farbfotografien und großformatigen Leuchtkästen. In je sieben Montagen aus London und Venedig wird das Thema der Veränderung zu einer Reise in die Vergangenheit zweier Städte. Dabei zeigt sich deutlich, wie stark sich London als Weltmetropole verändert hat. Oft wird höchstens noch an der Lage der Brücken erkennbar, aus welcher Perspektive Whistler gezeichnet hatte. Dahingegen wirken in Venedig die Plätze und Gebäude nahezu unverändert, eine historische Stadtansicht mit modern gekleideten Menschen.

Als Brücke zwischen London und Venedig hat Masuyama einen Leuchtkasten geschaffen, der den Flug zwischen den beiden Städten als meterlanges Panorama darstellt. Auch der Luftraum ist der ständigen Veränderung ausgesetzt. Denn zu keiner Zeit hat es die genau gleichen Konstellationen von Wolken und Landschaft geben, jedes Abbild der gleichen Reise ist also eine Momentaufnahme.

Zeit und Raum in Veränderung

Im Kontrast dazu steht eine Installation, die während der Pandemie entstanden ist. Ein Jahr lang hat Masuyama täglich einen Scherenschnitt aus dem Schatten der Pflanzen angefertigt, die auf natürliche Weise in einem Eimer gewachsen sind. Zeit und Raum im Universum oder auf einem einzigen Quadratmeter Erde sind gleichmaßen einer kontinuierlichen – wenn auch unterschiedlich intensiven – Veränderung unterworfen. Der letzte Raum der Ausstellung in Ingelheim zeigt diese 365 Scherenschnitte, die kreisförmig angeordnet kopfüber an der Decke hängen. Eine weitere Installation in Form einer tonnenschweren Kugel ist sogar begehbar. Außen massiv und dunkel, offenbart sie im Inneren ein Mini-Planetarium mit Blick ins Universum. 

Die Werke der beiden Künstler Whistler und Masuyama treten in der Ausstellung im Alten Rathaus Ingelheim in einen spannenden Dialog. Während die Szenen aus London und Venedig als direkte Auseinandersetzung im Mittelpunkt stehen, sind weitere Parallelen unverkennbar. So war Whistler durch seine Reisetätigkeit nicht nur ein Kosmopolit, sondern auch in der Künstlerszene seiner Zeit stark vernetzt. Das Interesse des produktiven und als exzentrisch geltenden Künstlers reichte vom genauen Studium der Technik Rembrandts über eine Freundschaft zum französischen Lyriker Charles Baudelaire bis hin zur Sammlung japanischer Holzschnitte.

Die Ausstellung zeigt neben Whistlers Arbeiten auch einige Beispiele aus seinem persönlichen Umfeld. Zur kunsthistorischen Einordnung sind zudem Blätter von Rembrandt, Pablo Picasso, Camille Pissarro und Édouard Manet zu sehen, wodurch nachvollziehbar wird, wer ihn inspirierte.

Masuyama (*1968), der seit 2001 in Deutschland lebt, sucht in seinen Arbeiten häufig die Auseinandersetzung mit der Kunst des 19. Jahrhunderts. Vor allem seine Beschäftigung mit den Gemälden Caspar David Friedrichs zeigt exemplarisch seine Technik der Montage und Collage im Hinblick auf das wiederkehrende Thema der Veränderung in Zeit und Raum. Das Zusammenspiel der beiden Künstler lässt sich als Einladung zu einer Reise verstehen, in der Geschichte und Gegenwart kontrastreich aufeinandertreffen und zugleich kontinuierlich ineinander verwoben sind.

Mehr von Avoxa