Pharmazeutische Zeitung online
Juckreiz

Den Teufelskreis durchbrechen

11.05.2010
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Von Susanne Poth / Jucken – Kratzen – Jucken: Vor allem bei kleinen Patienten ist dieser Kreislauf schwer zu durchbrechen. Welche Hilfe es für Kinder und deren Eltern gibt, erklärt Professor Dr. Michael Albani, ehemaliger Chefarzt an der Klinik für Kinder und Jugendliche, Wiesbaden, im Gespräch mit der Pharmazeutischen Zeitung.

PZ: Juckreiz ist das Begleitsymptom vieler exogener und endogener Erkrankungen, wie Windpocken, Urtikaria, atopisches Ekzem oder quälende Insektenstiche. Warum juckt es eigentlich?

 

Professor Dr. Michael Albani: Über die Vorgänge beim Jucken konnten in den letzten Jahren neue Erkenntnisse gewonnen werden. Früher nahm man an, dass Schmerz und Juckreiz von den gleichen Rezeptoren übertragen werden. Inzwischen wurde erkannt, dass der Histamin-vermittelte Juckreiz eine eigenständige Empfindung ist. Diese wird über spezifische, in den oberflächlichen Hautschichten gelegene Nozizeptoren und ein eigenständiges Leitungssystem, die polymodalen C-Fasern, über das Rückenmark ins Gehirn geleitet.

PZ: Woran liegt es, dass so viele verschiedene Erkrankungen mit dem gleichen Symptom einhergehen?

 

Albani: Der klassische Vermittler des Juckens ist Histamin. Die Substanz ist Neurotransmitter und Gewebshormon zugleich und besitzt sehr viele Funk­tionen, wobei ihre Beteiligung an Ab­wehrreaktionen im Vordergrund steht. Histamin wird in den Mastzellen der Epidermis, der Schleimhäute, der Bronchien sowie in den Nervenzellen synthetisiert und in Vesikeln gespei­chert. Aus diesen zytoplasmatischen Granula wird Histamin freigesetzt und an spezifische Rezeptoren gebunden. Damit lösen sie die typischen allergischen Symptome aus. Ebenso ist Histamin eine Mediatorsubstanz bei Urtikaria, Entzündungen und Verbrennungen, mit den Folgen Juckreiz, Schmerz, Kontraktion der glatten Muskulatur, Erweiterung der kleinen Blutgefäße, die sich durch Hautrötung zeigen und Erhöhung der Permeabilität der Gefäßwände kleiner Blutgefäße, sichtbar durch Ödembildung.

 

PZ: Wenn der Juckreiz erst einmal begonnen hat, scheint er gar nicht mehr aufzuhören. Wie kommt es dazu?

 

Albani: Durch das Jucken werden nicht nur motorische und sensorische Juckreizareale aktiviert, sondern auch emotionale Bereiche im Gehirn. Für den Juckreiz scheint eine Art Erinnerungsvermögen zu bestehen; ist er erst einmal im Gedächtnis gespeichert, nimmt der Patient ihn bereits ab einer deutlich niedrigeren Reizschwelle wahr.

 

PZ: Starker Juckreiz führt insbesondere bei Kindern oft zu einem Teufelskreis, der Eltern und kleine Patienten verzweifeln lässt. Welchen Tipp können Sie aus Ihrer langjährigen Erfahrung als Kinder- und Jugendarzt geben, den man in der Apotheke an die Kunden weiterreichen kann?

 

Albani: Man kann Kindern nur schwer vermitteln, dass das Jucken den Juckreiz nur verschlimmert. Aber man kann versuchen, sie vom Jucken abzulenken, indem man sich intensiv mit ihnen beschäftigt, mit ihnen spielt oder ihnen vorliest. Hilft das nur bedingt oder wenn der Juckreiz abends das Einschlafen verhindert, ist es sinnvoll, ein Antihistaminikum vom Typ 1 zu geben. Diese H1-Rezeptorantagonisten gehen eine kompetitive und reversible Bindung mit den H1-Rezeptoren ein und hemmen dadurch die Wirkung des Histamins. Die Antihistaminika der ersten Generation wie Dimetindenmaleat sind sehr lipophil und können daher die Blut-Hirn-Schranke passieren. Sie wirken deshalb sedierend. Dieser Nebeneffekt bringt bei starkem Juckreiz deutliche Vorteile und wird von Kinderärzten therapeutisch genutzt.

 

PZ: Wie wirkt sich das in der Praxis aus?

 

Albani: Werden Dragees, Tropfen oder Sirup mit dem Wirkstoff Dimetindenmaleat abends vor dem Schlafengehen gegeben, wirken sie beruhigend und dämmen die Kratzattacken ein. Der kleine Patient kann endlich entspannen und schläft ein. Dadurch kann sich auch der betroffene Hautbereich für einige Stunden erholen. Die Durchlässigkeit der dermalen Blutgefässe nimmt durch Dimetindenmaleat ab, Quaddeln bilden sich zurück, Erytheme und Entzündungsprozesse normalisieren sich. Der Teufelskreis ist durchbrochen – und der Juckreiz bei den kleinen Patienten meist erst einmal aus dem Gedächtnis gestrichen.

 

PZ: Ab welchem Alter ist der Wirkstoff Dimetindenmaleat geeignet?

 

Albani: Der Wirkstoff Dimetindenmaleat ist besonders bei Juckreiz im Kindesalter geeignet, zum Beispiel bei Windpocken, atopischer Dermatits oder Urtikaria. Seine gute Verträglichkeit und die Sicherheit in der Anwendung konnten über viele Jahre verfolgt und bestätigt werden. Sowohl die alkoholfreien, exakt dosierbaren Tropfen als auch der Sirup sind bereits für Kleinkinder ab einem Jahr medizinisch empfohlen. Da der Wirkstoff bereits in gelöster Form vorliegt, wird er besonders schnell resorbiert. Für Kinder ab drei Jahren, die gut schlucken können, eignen sich auch Dragees. /

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