Pharmazeutische Zeitung online
Verstopfung

Irrtümer rund um die Verdauung

04.05.2010
Datenschutz bei der PZ

Von Kerstin A. Gräfe, Ingelheim / Betroffene ernähren sich falsch, trinken zu wenig, bewegen sich nicht richtig oder haben zu oft Abführmittel genommen: So die gängigen Thesen zum Thema Verstopfung – selbst in Fachkreisen. Der Gastroenterologe Professor Dr. Stefan Müller-Lissner räumte im Rahmen einer Pressekonferenz mit diesen gründlich auf.

»Alles Vorurteile, denn wissenschaftliche Belege sind kaum vorhanden«, lautete das vernichtende Urteil des Chefarzts der Inneren Medizin an der Berliner Parkklinik Weißensee auf einer von Boehringer Ingelheim unterstützten Veranstaltung.

Vorurteil Nr. 1: Gefahr der Autotoxikation

 

So halte sich zum Beispiel hartnäckig das Vorurteil der »Selbstvergiftung«. »Der Körper kann sich durch Darm­inhalt nicht selbst vergiften«, betonte Müller-Lissner. Zum einen sei niemals ein Toxin identifiziert worden. Zum anderen trete nach der Gabe eines Abführmittels eine sofortige, unverzügliche Besserung ein. Dies sei völlig ausgeschlossen, sofern sich tatsächlich im Körper ein Toxin befinde, denn dies könne nur ausschleichend, also langsam entfernt werden. Dennoch halte sich die Vor­stellung der Autotoxikation hartnäckig und führe dazu, dass Patienten häufig beunruhigt sind, wenn sie nicht täglich auf die Toilette können. »Es gibt keinen medi­zinischen Grund, warum der Darm mit einer bestimmten Häufigkeit entleert werden müsste«, so der Mediziner.

 

Vorurteil Nr. 2: Mehr Trinken

 

Ähnliches gelte für das Vorurteil »Flüssigkeitsmangel«. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigten, dass Ob­stipierte in der Regel nicht weniger als die Kontrollgruppe trinken. Zudem bewirke eine Variation der Trinkmenge keine klinische relevante Änderung der Darmfunktion. Also habe es diesbezüglich auch keinen Effekt, wenn Patienten mit Verstopfung mehr als die oft empfohlenen anderthalb Liter pro Tag zu sich nehmen. »Eine chronische Verstopfung bessert sich durch Trinken nicht, es sei denn, es liegt ein schwerer Flüssigkeitsmangel vor«, so die Meinung des Gastroenterologen.

 

Vorurteil Nr. 3: Bewegung hilft

 

Auch die These »mehr Bewegung bringt die Verdauung in Schwung« stimmt nur bedingt. Bei Personen mit leichten Beschwerden oder älteren Patienten, bei denen ein echter Bewegungsmangel vorliegt, könne körperliche Aktivität durchaus hilfreich sein. »Es gibt jedoch keinen wissenschaftlichen Beweis dafür, dass auch eine schwere Verstopfung durch mehr Bewegung gebessert wird«, so Müller-Lissner. In Studien habe sich bei diesen Patienten selbst ein tägliches Laufpensum von etwa fünf Kilometern als wirkungslos erwiesen.

 

Vorurteil Nr. 4: Ballastoffreicher essen

 

Auch Ballaststoffe helfen nur begrenzt. Zwar erhöht eine ballaststoffreiche Ernährung das Stuhlvolumen und die Häufigkeit des Stuhlgangs bei gesunden Menschen. Doch trifft das auch auf Patienten mit chronischer Verstopfung zu? Nur einer von fünf, das zeigten Untersuchungen, erfährt durch Ballaststoffe wie Weizenkleie eine Verbesserung. Dazu Müller-Lissner: »Ein Versuch ist es auf jeden Fall wert: Ballaststoffe lindern bei manchen Patienten die Verstopfung. Bei vielen Betroffenen bleibt das Problem jedoch bestehen, egal wie viele Ballaststoffe sie zu sich nehmen.«

 

Vorurteil Nr. 5: Elektrolytentzug

 

Weit verbreitet sei auch die Sorge vor einem Flüssigkeitsverlust und einer Störung des Elektrolythaushaltes infolge eines Laxanziengebrauchs. Im Vordergrund steht hier der Natrium- und Kaliummangel, der im Sinne eines Circulus vitiosus die Obstipation verstärkt. Die Betroffenen leiden unter einer chronischen Obstipation, nehmen deshalb Laxanzien ein, es kommt zum Natrium- und Wasserverlust, der eine gesteigerte Aldosteronsekretion nach sich zieht. Diese wiederum führt zum Kaliumverlust und zur erneuten und ausgeprägteren Obstipation. »Bei bestimmungsgemäßem Gebrauch eines Abführmittels ist weder ein relevanter Flüssigkeits- noch Elektrolytverlust zu befürchten«, stellte Müller-Lissner klar. Denn bei auftretendem Durchfall sei das Laxanz abzusetzen, bei einem notwendigen längerfristigen Gebrauch die Dosis und Einnahmefrequenz zu reduzieren. Hier müsse allerdings deutlich zwischen einer bestimmungsgemäßen Anwendung und einem Missbrauch differenziert werden.

 

Vorurteil Nr. 6: Gewöhnungseffekt

 

Ebenfalls hartnäckig halte sich die Vorstellung, dass Laxanzien bei regelmäßiger Verwendung zur Toleranzentwicklung führen. Dazu Müller-Lissner: »Von Querschnittsgelähmten gibt es Erfahrungen über Jahrzehnte, die zeigen, dass auch die Gabe über einen so langen Zeitraum in der Regel nicht zur Gewöhnung führt«. Der Gastroenterologe stellte in diesem Zusammenhang eine aktuelle Studie vor, die unter seiner Leitung durchgeführt wurde (siehe Kasten).

Was hilft nun?

 

Nach all diesen »desillusionie­renden« Fakten – was können nun chronisch Obstipierte gegen ihre Verstopfung tun? Zum einen könne eine Art Toilettentraining helfen, so Müller-Lissner. Es sei bekannt, dass sich nach jeder Mahlzeit, vor allem aber nach dem Frühstück, die motorische Aktivität des Dick­darms erhöht. Dieser sogenannte gastrokolische Reflex werde häufig missachtet beziehungsweise unterdrückt. Der Patient müsse lernen, sich für den Gang auf die Toilette Zeit zu nehmen, eben am besten nach dem Frühstück.

 

Zum anderen müsse die Obsti­pation als solche akzeptiert und mit Abführmitteln behandelt werden. Hier empfehle er zwei Präparate­gruppen. Eine davon sind die Polyethylenglykole. Sie erhöhen das Stuhlvolumen durch Wasserbindung und machen den Stuhl damit weicher. Dieses Laxans ist ein synthetischer Ballaststoff, der bakteriell nicht spaltbar ist. Zu der anderen Gruppe zählen Bisycodyl und Natriumpicosulfat, die chemisch sehr ähnlich sind und eine doppelte Wirkung besitzen. Einerseits führen sie dazu, dass aus dem Darminhalt weniger Flüssigkeit resorbiert wird und andererseits regen sie die Dickdarmtätigkeit an. /

Studie: Kein Gewöhnungseffekt unter Natriumpicosulfat

Eine aktuelle klinische Studie unter Leitung von Professor Dr. Stefan Müller-Lissner bestätigt dem Wirkstoff Natriumpicosulfat einen deutlichen Behandlungserfolg bei chronischer Verstopfung und eine gute Verträglichkeit ohne Gewöhnungseffekte (Gastroenterology 138, 2010, 228). Von insgesamt 367 Probanden mit chronischer Obstipation erhielten 233 vier Wochen lang einmal täglich 10 mg Natriumpicosulfat (18 Laxoberal® Abführ-Tropfen), wobei bei Bedarf eine Reduktion auf 5 mg erlaubt war. 134 Probanden bekamen Placebo. Beide Gruppen durften als »Notfallmedikation« zusätzlich Bisacodyl-Zäpfchen verwenden. Ziel der Studie war die Bewertung der Wirksamkeit und Verträglichkeit der aktiven Wirkform BHPM, die im Dickdarm durch die enzymatische Hydrolyse von Natriumpicosulfat entsteht.

 

Das Ergebnis: Im Vergleich zu Placebo war die Anzahl der kompletten Stuhlgänge pro Woche bereits ab der ersten Behandlungswoche signifikant erhöht. Dieser Zustand hielt über den gesamten Zeitraum von vier Wochen an; ein Wirkverlust war nicht festzustellen. Zudem verbesserten sich signifikant Wohlbefinden und Lebensqualität; unerwartete Nebenwirkungen traten nicht auf. Auch Elektrolytverluste oder eine Gewöhnung des Darms an die Abführhilfe war nicht festzustellen. Die Dosierung erwies sich über den gesamten Zeitraum als ausreichend und wurde sogar kurz nach Beginn bereits von 40 Prozent und schließlich von 50 Prozent der Patienten nach ihrem Bedarf reduziert. Insgesamt verdeutlichten diese Ergebnisse die zuverlässige und gute Verträglichkeit von Natriumpicosulfat, so das Fazit.

Mehr von Avoxa