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Reiseberatung

Gezielt Migranten ansprechen

03.05.2010  12:43 Uhr

Von Christina Hohmann, Wiesbaden / Sie haben ein hohes Infektionsrisiko auf Reisen, lassen sich aber selten beraten: In Deutschland lebende Migranten, die ihre alte Heimat besuchen, erkranken überproportional häufig an tropischen Erkrankungen wie Malaria oder Dengue-Fieber.

»Der typische Malaria-Patient in deutschen Kliniken ist nicht mehr der Kenia-Tourist, sondern der Migrant, der von einem Familienbesuch zurückkommt«, sagte Privatdozent Dr. August Stich auf dem Internistenkongress in Wiesbaden. Migranten machen mittlerweile mehr als die Hälfte der Malariafälle aus, dennoch stehen sie nicht im Fokus der Reiseberatung, berichtete der Chefarzt der tropenmedizinischen Abteilung an der Missionsärztlichen Klinik in Düsseldorf.

Als VFR für »Visiting Friends and Relatives« wird diese Gruppe von Reisenden bezeichnet, die ein besonders hohes Infektionsrisiko hat. Hierfür gibt es mehrere Grün­de. Zum einen wohnen sie in Privatunterkünften mit meist niedrigen hygienischen Standards, sie haben einen engen Kontakt zur Bevölkerung und auch zu heimischen Tieren. Zum anderen meinen sie, die ge­sundheitlichen Risiken in ihrem Heimatland einschätzen zu können. Doch häufig haben sie durch ihre lange Aufenthaltszeit in Europa ihre Teilimmunität gegen tropische Erkrankungen wie Malaria verloren, erklärte Stich. VFR haben auch ein besonders hohes Infektions­risiko für Hepatitis A und B sowie Typhus, Cholera und HIV. »Diese Risikogruppe braucht dringend Informationen zur Malaria-Prophylaxe, zur Expositionsprophylaxe, zum Mückenschutz und zu möglichen Impfungen«, sagte Stich. »Migranten brauchen genauso eine Reiseberatung wie Europäer.« Ärzte und Apotheker müssten in dieser Hinsicht umdenken und gezielt auf diese Zielgruppe zugehen. Denn häufig würden Migranten, die in ihre Heimatländer zu Besuch fahren, nicht aktiv eine Beratung suchen. Dies kann auf finanzielle Gründe oder auch auf eine falsche Risikoeinschätzung oder ein Misstrauen in das medizinische System zurückgehen.

 

Diese Gruppe der VFR ist sehr schlecht zu erreichen, bestätigte auch Privatdozent Dr. Tomas Jelinek, wissenschaftlicher Leiter des Centrums für Reisemedizin (CRM), Düsseldorf. »Wir brauchen Konzepte, um diese Risikogruppe anzusprechen, eventuell über eine Einbindung bestimmter Organisationen oder Vereine.« Eine wesentliche Maßnahme sei auch, Mediziner und Apotheker für das Problem zu sensibilisieren, damit sie aktiv auf diese Zielgruppe zugehen. /

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