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Amorfrutine

Süßholz gegen Diabetes

24.04.2012
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Von Ulrike Viegener / Ausgerechnet eine Pflanze, deren Süße namensgebend ist, enthält Wirkstoffe mit einem für den Typ-2-Diabetes hochinteressanten Profil: Die neu entdeckten Inhaltsstoffe der Süßholzwurzel senken am Tiermodell den Blutzucker durch Steigerung der Insulinsensitivität und wirken antientzündlich.

Als man das Süßholz zur Heilpflanze des Jahres 2012 erklärte, wusste man noch gar nicht, was alles in dieser Pflanze steckt. Seit Jahrtausenden werden Inhaltsstoffe der Laktritz-Pflanze (Glycyrrhiza glabra) medizinisch angewendet, und zwar vor allem als Tee bei Atemwegs- und Magenerkrankungen. Jetzt haben Forscher am Max-Planck-Institut für molekulare Genetik in Berlin in der Süßholzwurzel eine ganz neue Wirkstoffklasse entdeckt: die Amorfrutine.

Wie die Forscher zeigen konnten, docken die Amorfrutine gezielt an den PPAR-gamma-Rezeptor (Peroxisom-Proliferator-Aktivierter Rezeptor) an und aktivieren ihn. Da PPAR-Rezeptoren zahlreiche Stoffwech­selvorgänge beeinflussen, ist das medizini­sche Interesse an diesen Rezeptoren seit einigen Jahren sehr groß.

 

Der gamma-Untertyp spielt eine wichtige Rolle im Glucose- und Fettstoffwechsel. Eine Aktivierung des PPAR-gamma erhöht die Empfindlichkeit von Muskelzellen, Fett­zellen und Leberzellen für Insulin. Glucose und freie Fettsäuren werden deshalb vermehrt von den Zellen aufgenommen und aus dem Blut abgezogen. Auch bei der Differenzierung von Adipozyten scheint der PPAR-gamma eine Rolle zu spielen, und schließlich ist die Aktivierung des Rezeptors mit antientzündlichen Effekten verbunden.

 

Insulinsensitivität wird gesteigert

 

Im Einklang mit diesen Erkenntnissen der Grundlagenforschung stehen die Ergebnisse, die die Max-Planck-Forscher mit Amorfrutinen am Mausmodell für Adipositas und Tpy-2-Diabetes erzielt haben: Mit den neu entdeckten Pflanzenstoffen ließ sich die Insulinsensitivität deutlich steigern. Der Blutzucker wurde gesenkt und auch die Konzentration freier Fettsäuren im Blut ging zurück. Die Amorfrutine waren sogar in der Lage, der Entwicklung einer Fettleber vorzubeugen. Außerdem war eine Reduktion verschiedener Entzündungsparameter zu beobachten.

 

Dieses interessante Rundumprofil wird laut den experimentellen Daten durch eine sehr gute Verträglichkeit komplettiert. Damit, so die Autoren, weisen Amorfrutine einen entscheidenden Vorteil gegenüber synthetischen Liganden des PPAR-gamma auf. Denn die vor einigen Jahren in die Diabetestherapie eingeführten Glitazone binden an diesen Rezeptor. Allerdings ist Rosiglitazon schon wieder vom Markt verschwunden und das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte empfiehlt Ärzten, keine weiteren Patienten auf Pioglitazon einzustellen. Dass die natürlichen PPAR-gamma-Liganden offenbar frei sind von unerwünschten Effekten synthetischer Liganden, ist laut den Autoren auf die größere Selektivität zurückzuführen, mit der Amorfrutine durch die Bindung an den Rezeptor relevante Gene anschalten.

 

Amorfrutine passen ins Konzept

 

Das Profil der Amorfrutine ist deshalb so interessant, weil es metabolische und antiinflammatorische Effekte kombiniert. Entzündliche Prozesse spielen nach dem aktuellen Konzept in der Pathogenese des Typ-2-Diabetes eine wichtige Rolle und könnten ein wichtiges Bindeglied zwischen Adipositas, Diabetes und Arteriosklerose sein.

 

Bei Adipositas können Fettzellen auf ein Mehrfaches ihrer normalen Größe anwachsen, und diese hypertrophen Adipozyten schütten große Mengen von Entzündungsmediatoren aus. Dadurch werden Immunzellen wie Makrophagen angelockt, die in das Fettgewebe einwandern und die Situation weiter aufheizen, bis mit der Zeit eine chronische Entzündung (low grade inflammation) entsteht. Man konnte zeigen, dass die Überschwemmung mit Entzündungsmediatoren an insulinabhängigen Geweben eine Insulinresistenz hervorrufen beziehungsweise fördern kann, die Ausgangspunkt ist für die Entstehung eines Typ-2-Diabetes. Und auch bei der beschleunigten Arteriosklerose – als Folge von metabolischem Syndrom und Typ-2-Diabetes – sind entzündliche Prozesse mit im Spiel.

 

Man muss allerdings viel Süßholz raspeln, um die Effekte der Amorfrutine therapeutisch nutzen zu können – die bisher angebotenen Zubereitungen vor allem in Tees sind viel zu niedrig dosiert. Die Berliner Forscher haben bereits großindustriell anwendbare Extraktionsverfahren entwickelt, mit dem sich Amorfrutine konzentrieren lassen. Das medizinische Potenzial dieser interessanten Pflanzeninhaltsstoffe, die auch in den Früchten des in Amerika heimischen Strauches Amorpha fruticosa gefunden wurden, sehen die Max-Planck-Forscher in einem sowohl therapeutischen als auch präventiven Einsatz. / 

 

Quelle:

Weidner, C: Amorfrutines are potent antidiabetic dietary natural products, Proceedings of the National Academy of Sciences 2012, doi: 10.1073/pnas.1116971109

 

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