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Rx-Versandhandel

»Politik darf Fehler einsehen«

24.04.2012  16:30 Uhr

Von Werner Kurzlechner, Berlin / Eine Länderinitiative im Bundesrat hat die Abschaffung des Versandhandels mit rezeptpflichtigen Medikamenten wieder auf die politische Agenda gesetzt. Auf einer Apotheken-Jahrestagung in Berlin wurde deutlich artikuliert, warum ein solches Verbot Sinn ergeben würde.

Dr. Peter Froese, Vorsitzender des Apothekerverbands Schleswig-Holstein, ist selbst Versandapotheker – wenngleich wider Willen. Mit dieser Information überraschte Froese vergangene Woche in Berlin auf der Euroforum-Jahrestagung »Apotheke 2012«. Das Staunen währte zum Glück nur kurz, denn Froese war als Gegner des Versandhandels mit rezeptpflichtigen Arzneimitteln zu einem Streitgespräch über dieses Thema eingeladen worden.

Diese Rolle füllte er auch vollumfänglich aus. Infolge einer Übernahme sei er unfreiwillig zum Inhaber auch einer Versandapotheke geworden, so das ABDA-Vorstandsmitglied. »Es widerspricht meinem apothekerlichen Gewissen«, beschrieb Froese seine Gemütslage beim zwangsläufigen Verschicken von Medikamenten an Unbekannte, das derzeit unausweichlich auch zu seinem Berufsalltag gehört. Die Ablehnung des Versandhandels begründete er fundamental. »Versand ist grundsätzlich Selbstbedienung«, so Froese.

 

Kritische Prüfung

 

Weil Arzneimittel ein sensibles Gut seien, bedürfe ihre Ausgabe einer kritischen Prüfung durch einen Pharmazeuten, der zudem mit dem Patienten in direktem Kontakt stehen müsse. Dies unterbleibe zwangsläufig beim Nutzen des Postwegs, der außerdem kaum Möglichkeiten biete, das Aushändigen eines Präparats aus fachlichen Gründen zu verweigern. Daher sei die aktuelle Initiative einiger Bundesländer, den Versandhandel mit rezeptpflichtigen Arzneimitteln wieder zu untersagen, auch völlig richtig. »Politik darf Fehler einsehen und auch korrigieren«, sagte Froese.

 

Seinen Kontrapart in der Diskus­sion gab Christian Buse, der in Wittenberg die Versandapotheke Mycare betreibt. Buse führte erwartungsgemäß eine Reihe von Argumenten gegen ein Umsteuern in der Versandhandels­politik ins Feld. Seit der Freigabe dieses Vertriebswegs 2004 habe es »keinerlei Vorfälle« gegeben, die Zweifel an der grundsätzlichen Sicherheit dieses Kanals hätten aufkommen lassen. Die Sorge, dass dubiose Händler mit gefälschten Arzneimitteln die Gutgläubigkeit der Onlinekäufer ausnutzen, unterschätze in bevormundender Weise die Aufgeklärtheit der Bevölkerung. Gerade im Internet kauften in der Regel gut informierte Patienten ein. Zudem biete die Liste auf der Website www.dimdi.de den Bürgern Sicherheit, bei seriösen Apothekern einzukaufen.

 

Ein Unterbinden des Rx-Versandhandels könne außerdem den Versand über Pick-up-Stellen stärken, indem zwei Klassen an Medikamenten geschaffen würden, so Buse weiter. Mittel wie Aspirin würden dann gemeinhin als Medikamente wahrgenommen, die es bequem in der Drogerie gebe. Zudem wollten weder die Bundesregierung noch die Mehrheit der Bevölkerung den Rx-Versandhandel aufgeben, der durchschnittliche Umsatz der Apotheken sei seit 2004 um 15 Prozent gestiegen. »Die wohnortnahe Versorgung ist durch das Schließen von Arztpraxen gefährdet, nicht durch den Versandhandel«, so Buse weiter.

 

Viele Fälschungen

 

»Gehen Sie einmal zum Frankfurter Zoll«, riet Froese in seiner Gegenrede. Die Beamten am Flughafen könnten über das Ausmaß aufklären, in dem Arzneimittelfälschungen in den vergangenen Jahren angestiegen seien. Zudem seien virtuelle Siegel wie das DIMDI-Logo ebenfalls fälschbar. Im Übrigen sei auch der Zeitpunkt der Einnahme von Medikamenten eine für den Therapieerfolg entscheidende Frage, die nur in der Apotheke vor Ort angemessen erörtert werden könne.

 

Buse hielt dagegen, dass der Versand von Arzneimitteln eine persönliche Registrierung aller Kunden erfordere. Diese Daten seien Basis für einen automatischen Wechselwirkungscheck, der vor jedem Versand erfolge. »Beide Systeme haben Nachteile«, so der Befürworter des Versandhandels weiter. Er gestehe zu, dass es aus fachlicher Sicht manchmal vonnöten wäre, den Patienten auch leibhaftig zu sehen und zu sprechen. / 

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