Pharmazeutische Zeitung online
Ingelheimer Tage

Fragmente einer Epoche

27.04.2010
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Von Ulrike Abel-Wanek, Ingelheim / Jedes Jahr ist Ingelheim am Rhein Schauplatz international bedeutender Kunstausstellungen. Vom 27. April bis 4. Juli 2010 sind wegweisende Werke der grafischen Künste des 20. Jahrhunderts zu sehen: große Kunst im kleinen Rathaus der Rotweinstadt.

Boehringer Ingelheim, Gründer und Mäzen der seit 50 Jahren bestehenden »Ingelheimer Tage« hat in diesem Jahr 125-jähriges Jubiläum. Ein Anlass für die langjährige Kuratorin Dr. Patricia Rochard, zu schauen, was in der Zeitspanne von 1885 bis heute für die moderne Kunst bedeutsam war. Fin de Siècle, Weimarer Republik, zwei Kriege und Nachkriegszeiten, Konsumgesellschaft und technisches Zeitalter spiegeln sich in den rund 130 Kunstwerken wider, die Rochard aus dem In- und Ausland zusammentrug.

Standen in den letzten fünf Jahren große Einzelausstellungen namhafter Künstler wie unter anderem Picasso, Miró und Chagall im Mittelpunkt, – Chagall sprengte alle Rrekorde mit rund 25 000 Besuchern -, wollte das Ausstellungsteam in diesem Jahr mal wieder etwas anderes machen. Die Ausstellung »Zeitkurven« unternimmt einen Streifzug durch eine umwälzende Epoche und präsentiert eine Vielzahl von Künstlern, in deren Werk die »Grafik« eine zentrale Rolle spielt.

 

»Wir haben eine konzentrierte Auswahl herausragender, wegweisender Werke von bekannten Künstlern zusammengetragen, die ihre Zeit und deren Zeitgeist markiert und geprägt haben. Werke, die zu Meilensteinen, gar zu Ikonen in der Geschichte der grafischen Künste des 20. Jahrhunderts wurden«, so Rochard.

 

Die Auswahl von Werken und Künstlern musste notwendigerweise fragmentarisch bleiben. Die Zeitspanne ist zu komplex, um sie komplett abzubilden. Aber dem Besucher fehlt nichts. Fast alle großen Namen sind vertreten.

 

Im ersten Raum stehen die Werke von Gauguin, Toulouse-Lautrec und Max Klinger für das neu erwachte Interesse an den grafischen Künsten. »Ein Handschuh« ist wohl Klingers berühmtester Grafik-Zyklus: eine Frau lässt ihren Handschuh fallen und ein junger Mann – Klinger selbst – bückt sich danach. In surreal anmutenden Bildsequenzen beginnt eine Geschichte, eingebettet zwischen Begehren und Verzicht, zwischen Konventionen, Wünschen und Träumen. Gegen akademische Traditionen, gegen eine bourgeoise Selbstgefälligkeit zu Felde zu ziehen, entsprach dem Geist der Zeit an der Schwelle des 20. Jahrhunderts. Im zweiten Raum folgen Ernst Ludwig Kirchner, Käthe Kollwitz, Otto Dix und Max Beckmann, die wie viele ihrer Zeitgenossen den Ersten Weltkrieg zunächst als Aufbruch verstanden, dem aber bald das Trauma der Zerstörung folgte. Verlust, Leid und Verrohung werden zu künstlerischen Themen. Kirchner hatte sich 1914 als Freiwilliger zum Kriegsdienst gemeldet, wurde nach einem Nervenzusammenbruch aber in ein Sanatorium nach Königstein im Taunus entlassen, wo eines seiner bedeutendsten grafischen Werke entstand.

 

Die Präsentation im Ingelheimer Rathaus folgt einer chronologischen Ordnung und ist in sieben Kapitel unterteilt: sieben Kapitel, die für sieben Zeitwendungen und gesellschaftliche Umwälzungen stehen. So folgt nach dem Trauma des Ersten Weltkriegs in den 20er-Jahren die geradezu ekstatische Hoffnung von Künstlern wie Kandinsky, Lissitzky, Schwitters und Hans Arp auf eine neue Welt – zwischen Bauhaus, Konstruktivismus und Dada. Picasso, der künstlerischen »Kultfigur« der Nachkriegszeit, ist ein eigener Raum gewidmet. Mit dem Pinsel direkt auf die Kupferplatte zeichnete er den dramatischen Ablauf eines Stierkampfes – insgesamt 26 Blätter in nur drei Stunden.

 

Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs verliert Europa seine Machtstellung als Mekka der Künste. Das Zepter übernimmt Amerika – nicht ohne die Wirkung der vielen europäischen Künstler, die dort Exil fanden. Auf den als unzeitgemäß empfundenen Abstakten Expressionismus folgt Mitte der 60er-Jahre die Pop Art von Warhol, Rauschenberg und Lichtenstein und die sogenannte New Abstraction, ein Stil mit streng gegliederter Bildordnung, der allein auf den Gesetzen von Farbe und Form aufbaut.

 

In den 70er-Jahren schließlich wird die Fotografie kunstfähig und dient als Vorlage für Gemälde und Grafiken. Werke von Gerhard Richter sind in Ingelheim ebenso zu sehen wie von Andreas Gursky. Ein zunächst von der Kuratorin favorisiertes Gursky-Bild fand aufgrund der räumlichen Enge des Alten Rathauses jedoch nicht den Weg in die Ausstellung. Der Transport des über vier Meter langen Riesenformats wäre am kurvenreichen Aufgang in den ersten Stock des Gebäudes gescheitert. Eine ebenso sehenswerte, aber etwas kleinere Alternative ist nun das Bild »Hong Kong Stock Exchange« ein distanzierter Blick auf Menschen der modernen Welt, die von Globalisierung, Schnelllebigkeit und Konsumverhalten geprägt ist.

 

Am Ende der Ausstellung kommen speziell Apotheker in eine beinahe vertraute Umgebung. Mit seinen riesigen verfremdeten Arzneimittel-Packungen bekannter Pharmafirmen verweist Damien Hirst auf heutige Zivilisationskrankheiten und zugleich auf das Konsumverhalten unserer Gesellschaft. Mit den 13 Siebdrucken der Serie »Last Supper« greift Hirst eines seiner beliebtesten Themen auf: Seit den späten 1980er-Jahren spielt der Künstler immer wieder mit Sujets aus der Medizin. Jedes von einer Pharmafirma »gereichte Mahl« bezieht sich auf typisch englische Gerichte wie »chicken«, »beans« oder »chips«. Laut Hirst macht die Gesellschaft keinen Unterschied zwischen dem Verzehr von Fast Food und Arzneimitteln – beides werde bedenkenlos konsumiert. »Kunst ist wie Medizin – sie kann heilen. Trotzdem verstehe ich nicht, warum so viele Menschen an die Medizin glauben, aber nicht an die Kunst, ohne dies zu hinterfragen«, sagt er. Ob heilende Wirkung oder nicht, die Ausstellung ist absolut sehenswert. /

Öffnungszeiten

Die Ausstellung »Zeitkurven der grafischen Künste im 20. Jahrhundert« ist vom 27. April bis 4. Juli 2010 zu sehen: Altes Rathaus, Francois-Lachenal-Platz, 555218 Ingelheim am Rhein. Öffnungszeiten: Di, Mi, Do, Fr von 11 bis 19 Uhr., Sa, So, Feiertag von 11 bis 18 Uhr.

 

Der Katalog ist in der Ausstellung erhältlich oder unter info(at)internationale-tage.de: 244 Seiten mit ganzseitigen Abbildungen, Biografien der Künstler und Begleittexte zu den einzelnen Werken. Universitätsdruckerei H. Schmidt, Mainz. 32 Euro.

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