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Hantavirus

Infektionszahlen auf Rekordniveau

22.04.2008
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Hantavirus

Infektionszahlen auf Rekordniveau

Von Gudrun Heyn, Berlin

 

2007 sind in Deutschland weit mehr als tausend Menschen an einer Hantavirus-Infektion erkrankt. Damit erreicht die Zahl der Betroffenen ein Rekordniveau seit Einführung der Meldepflicht.

 

In Europa kannte man beachtenswerte Erkrankungszahlen für Hantavirus-Infektionen bisher nur aus den skandinavischen Ländern und Russland. Seit 2007 ist dies anders. In Deutschland haben sich im vergangenen Jahr 1687 Menschen mit dem Virus infiziert. Die Zahl der Erkrankten lag damit fast viermal höher als in dem vorangegangenen Spitzenjahr 2005 mit 448 betroffenen Personen. In normalen Jahren werden dem Robert-Koch-Institut (RKI) dagegen sehr viel weniger Infektionen mit Hantaviren gemeldet. Von 2001 bis 2004 schwankte die Zahl der pro Jahr Erkrankten zwischen 150 und 259 Menschen. 2006 waren sogar nur 73 Personen betroffen.

 

»Obwohl eine Hantavirus-Infektion trotz der massiven Zunahme im Jahr 2007 immer noch zu den seltenen Erkrankungen gehört und obwohl das hämorrhagische Fieber mit renalem Syndrom in Deutschland zumeist mild verläuft, sollte man die Erkrankung nicht unterschätzen«, sagte Dr. Judith Koch vom RKI auf einer Fortbildung für den öffentlichen Gesundheitsdienst am Bundesinstitut für Risikobewertung in Berlin.

 

Untersuchungen aus dem Spitzenjahr 2005 in Deutschland ergaben, dass drei Viertel der Betroffenen einen stationären Krankenhausaufenthalt benötigen. Bei rund zwei Drittel der Erkrankten ist die Nierenfunktion eingeschränkt und etwa 7 Prozent bedürfen einer Hämodialyse. Die fast dreimonatige Arbeitsunfähigkeit macht die Hantavirus-Infektion zudem zu einem gesellschaftlichen Problem.

 

Die Erkrankung, die auch den Namen Nephropathia epidemica trägt, beginnt meist abrupt mit hohem Fieber, das zunächst drei bis vier Tage anhält. Hinzu kommen weitere unspezifische grippeähnliche Symptome wie Kopfschmerzen, Gliederschmerzen, gastrointestinale Beschwerden, Myalgien und verschwommenes Sehen. Im Verlauf der Erkrankung nimmt die Harnausscheidung der Nieren immer mehr ab. Sogar ein akutes Nierenversagen ist möglich. Außerdem kann eine Thrombozytopenie und in Ausnahmefällen ein Blutdruckabfall auftreten. Dennoch gilt die Nephropathia epidemica in unseren Breiten als weitaus weniger gefährlich als etwa in asiatischen Ländern.

 

Für die milde Verlaufsform der Erkrankung in Deutschland ist das Puumala-Virus verantwortlich. Über 90 Prozent der Infektionen werden durch dieses Virus ausgelöst. Wie bei anderen Arten der Gattung Hantavirus aus der Familie Bunyaviridae handelt es sich dabei um ein Einzelstrang-RNA-Virus mit einer Hülle. Andere bekannte Hantavirus-Arten sind etwa das Hantaan-Virus und das Dobrava-Belgrad-Virus. Auch sie verursachen ein hämorrhagisches Fieber mit renalem Syndrom, aber mit deutlich schwereren Symptomen. Während beispielsweise bei Hantaan-Virus-Infektionen in Ostasien die Letalität 10 bis 15 Prozent beträgt, liegt die Letalität bei einer Puumala-Virus-Erkrankung in Europa unter einem Prozent. »In der Bundesrepublik sind hämorrhagische Verläufe der Nephropathia epidemica absolute Einzelfalle«, sagte Koch. So wurden dem RKI 2007 nur vier Fälle gemeldet.

 

Vorsicht bei Mäusekot

 

Hantaviren sind weltweit verbreitet. Sie kommen jedoch nur dort vor, wo auch ihre Reservoirtiere leben. Jede Hantavirus-Art hat dabei eine spezifische Nagetierart als Wirt. So ist das Puumala-Virus in der Regel eng mit der Rötelmaus (Myodes glareolus) assoziiert. Das ebenfalls in Deutschland vorkommende Dobrava-Belgrad-Virus nutzt dagegen wahrscheinlich die Brandmaus (Apodemus agrarius), in anderen europäischen Ländern die Gelbhalsmaus (Apodemus flavicollis) als natürlichen Wirt. In einheimischen Feldmäusen (Microtus arvalis) wird zudem das Tulavirus gefunden, eine Hantavirus-Art, bei der eine Pathogenität für den Menschen bisher noch nicht nachgewiesen werden konnte. »Daneben gibt es zunehmend Hinweise, dass auch bestimmte Spitzmäuse Reservoirwirte von weiteren Hantavirustypen sind«, sagte Dr. Rainer Ullrich vom Friedrich-Loeffler-Institut auf der Tagung.

 

Von den zumeist asymptomatisch infizierten Mäusen werden die Viren mit dem Kot, dem Speichel und dem Urin verbreitet. Wenn sich die Ausscheidungen zu Staub zersetzen, können sie vom Mensch eingeatmet werden. Noch bis zu zwölf Tage nach Entfernung der Nager können die erregerhaltigen Hinterlassenschaften infektiös sein, wie Tierexperimente zeigen. Auch über Hautverletzungen oder seltener über Nagetierbisse ist eine Infektion möglich. Dagegen ist eine Übertragung von Mensch zu Mensch (mit einer Ausnahme in Südamerika) bisher noch nicht nachgewiesen worden. Die Inkubationszeit liegt zwischen zwei und vier Wochen.

 

Da mit der Zunahme der Nagetierpopulation auch die Infektionsgefahr für den Menschen steigt, gibt es in Deutschland einen deutlichen saisonalen Erkrankungsgipfel in den Sommermonaten. Auch die typischen Ausbruchsjahre der Hantavirus-Infektionen mit dazwischen liegenden weitgehend erkrankungsfreien Perioden lassen sich durch die Schwankungen der Mäusepopulation erklären. So vermehren sich die Tiere vor allem in Jahren mit gutem Nahrungsangebot und nach milden Wintern überdurchschnittlich stark.

 

In der Regel kommt es so in Deutschland nur alle drei bis vier Jahre zu einer deutlichen Zunahme der Rötelmausbestände und damit zu einer Steigerung der Erkrankungszahlen. Noch ist es jedoch zu früh, um den erneuten Ausbruch im Jahr 2007 nach 2005 als Folge des Klimawandels zu werten. Doch die ungewöhnlich starke Massenvermehrung der Rötelmaus im Jahr 2007 ist ebenfalls auf die milden Temperaturen im sehr kurzen Winter 2006/2007 und einem reichlichen Angebot an Bucheckern zurückzuführen. Ob nun auch der milde, kurze Winter 2007/2008 mit seiner kaum vorhandenen Schneedecke das Jahr 2008 zu einem weiteren Ausbruchsjahr macht, kann derzeit noch nicht vorhergesagt werden. »Menschen, die beispielsweise im Wald arbeiten oder deren Garten sich in unmittelbarer Waldnähe befindet, sollten daher besonders vorsichtig sein, wenn sie Nager in ihrer Nähe vermuten«, sagte Koch.

 

Lokale Gefahr

 

Doch nicht überall in Deutschland ist die Gefahr einer Hantavirus-Infektion gegeben. Auf der Landkarte befinden sich viele weiße Flecke, wo auch die Rötelmäuse nicht oder kaum mit Puumala-Viren durchseucht sind. Während beispielsweise im Stadtpark von Köln bis zu 60 Prozent der Rötelmäuse Puumala-positiv sind, ist im Bundesland Brandenburg nur etwa 1 Prozent Träger des Erregers.

 

Außerdem haben die Nager einen recht kleinen Verbreitungsradius. So kommt es, dass 2007 mehr als die Hälfte der Hantavirus-Infektionen aus dem Bundesland Baden-Württemberg gemeldet wurde. Weitere regionale Endemiegebiete liegen in Nordrhein-Westfalen, Bayern und Niedersachsen. Zusammen mit Baden-Württemberg sind dort über 90 Prozent aller Nephropathia-epidemica-Erkrankungen aufgetreten. Besonders starke lokale Ausbrüche gab es etwa auf der Schwäbischen Alb, um Osnabrück und im Bayrischen Wald. In Landkreisen wie Heidenheim wurde sogar eine Inzidenz von 90 Betroffenen auf 100.000 Einwohner beobachtet. Dagegen beträgt die durchschnittliche, bundesweite Inzidenz in normalen Jahren 0,25 Erkrankte auf 100.000 Einwohner.

 

Während Puumula-Viren in Deutschland wesentlich weiter verbreitet sind, haben Dobrava-Belgrad-Viren ihren regionalen Schwerpunkt vor allem in den nordöstlichen Bundesländern. Aktuell beobachtet das RKI auch bei diesem Virustyp eine Zunahme der Infektionen. Im Vergleich zu den Puumala-Virus-Aubrüchen machen sie bis jetzt jedoch nur einen geringen Teil aller Hantaviruserkrankungen aus.

 

Da es derzeit weder eine spezifische Therapie zur Behandlung der Nephropathia epidemica noch eine Impfung in Deutschland gibt, bieten Präventionsmaßnahmen die einzige Möglichkeit, um sich zu schützen. Alle Personen, die ein berufliches Expositionsrisiko haben, sollten über die Hantavirus-Infektion aufgeklärt werden, forderte Koch. Hierzu gehören alle Menschen, die in der Wald- und Forstwirtschaft sowie im Bauwesen tätig sind. So kann schon das Umschichten oder Hacken von Holz zu einer Infektion führen. Vorsicht ist auch in weitgehend ungenutzten Wochenendhäusern, Schuppen, Garagen, Kellern und Dachböden geboten, denn sie werden gerne von den Nagern als Wohnstätte genutzt.

 

»In Wohnungen sollten Nagetiere immer bekämpft werden«, sagte Koch. Auch bei der Entsorgung sollte man aufpassen, sich nicht zu infizieren. Bei staubenden Tätigkeiten, wie etwa dem Fegen einer Terrasse, kann das Tragen einer Staubmaske (FFP3-Maske) aus dem Baumarkt helfen.

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