| Sven Siebenand |
| 13.05.2026 10:30 Uhr |
Hantaviren besitzen ein einzelsträngiges RNA-Genom. Spezifische zugelassene antivirale Wirkstoffe gibt es hierzulande nicht. / © GettyImages/Ruslanas Baranauskas/Science Photo Library
In »Frontiers in Microbiology« erschien im Jahr 2023 ein Übersichtsartikel, dem zufolge viele Ideen für Wirkstoffe bei Hantavirus-Infektionen vorhanden sind. Vor der Zulassung stehen sie aber alle noch nicht. Daher wird man auf mögliche Zulassungen noch eine Zeit warten müssen.
Ein diskutierter Ansatz in der Behandlung von Hantavirus-Infektionen besteht darin, das Eindringen der Viren in die Wirtszellen zu verhindern. Genannt wird zum Beispiel ein Protein namens Griffithsin (GRFT), das in Rotalgen entdeckt wurde. Die Spikes des Hantavirus bestehen aus Tetrameren, die aus Heterodimeren der Glykoproteine Gc und Gn gebildet werden und die gesamte Oberfläche des Viruspartikels umhüllen. Das Glykoprotein Gn dürfte das Target von GRFT sein. GRFT dockt dort an und blockiert dadurch das Eindringen des Virus in die Zelle. In-vitro-Tests und Tierversuche wecken die Hoffnung, dass GRFT sowohl gegen das Andes-Virus als auch gegen das Hantaan-Virus wirksam sein kann. Als besonders effektiv erwies sich eine modifizierte Form namens 3mGRFT.
Auch Lactoferrin, ein eisenbindendes Glykoprotein, könnte als Entry-Inhibitor taugen. Es verhindert die Anheftung des Virus an die Zelloberfläche und reduzierte in Zellversuchen die Virusvermehrung.
Wie bei anderen Virusinfektionen versucht man auch bei den Hantaviren, die Replikation zu hemmen. In diesem Zusammenhang gehen die Autoren unter anderem auf den bekannten Wirkstoff Ribavirin als mögliche Option ein. Auch das Robert-Koch-Institut (RKI) erwähnt diesen Wirkstoff – allerdings sehr zurückhaltend. »In einzelnen Fällen soll sich die frühzeitige antivirale Chemotherapie mit Ribavirin als erfolgreich erwiesen haben, die Wirksamkeit wird jedoch kontrovers diskutiert.«
Ein anderer Wirkstoff, der die Virusreplikation hemmen soll, ist Favipiravir. Die Substanz wurde ursprünglich als Grippemittel entwickelt und war während der Coronavirus-Pandemie immer mal wieder als Therapieoption gegen SARS-CoV-2 im Gespräch. Favipiravir blockiert auch bei Hantaviren die virale RNA-Polymerase und verhindert dadurch die Vermehrung des Virus.
Auch immunologische Therapien könnten helfen. Die Antikörper JL16 und MIB22 zeigten in Tierversuchen eine Schutzwirkung gegen tödliche Infektionen mit dem Andes-Virus. Zusätzlich wird an polyklonalen Antikörpertherapien gearbeitet, die ein breiteres Spektrum verschiedener Hantaviren abdecken sollen.
Last, but not least wird auch über wirtsgerichtete Therapien nachgedacht. Hantavirus-Infektionen führen häufig zu Gefäßleckagen und einer erhöhten Kapillardurchlässigkeit. Eine verstärkte Freisetzung von Bradykinin könnte die Ursache sein. Mit dem beim hereditären Angioödem zugelassenen Wirkstoff Icatibant will man das verhindern. Icatibant wirkt als Bradykinin-Antagonist, indem es selektiv und kompetitiv Bradykinin-B2-Rezeptoren blockiert. Das RKI schreibt, dass Icatibant bei schweren pulmonalen Manifestationen schon erfolgreich im Off-Label-Use eingesetzt wurde.