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Tschernobyl

Zahl der Todesopfer bleibt ungewiss

19.04.2011
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dpa / Am 26. April vor 25 Jahren ereignete sich im Atomreaktor Tschernobyl nahe der ukrainischen Stadt Prypjat die bislang schlimmste Atomkatastrophe weltweit. Bis heute können Wissenschaftler trotz intensiver Forschung das Ausmaß der gesundheitlichen Schäden nicht beziffern. Um die Zahl der Todesopfer wird erbittert gestritten.

Es existieren mittlerweile schätzungsweise mehr als 30 000 wissenschaftliche Beiträge zu den Folgen der Atomkatastrophe, die meisten davon in slawischer Sprache. In der Frage, wie viele Opfer das Unglück forderte, klaffen die Angaben weit ausei­nander. »Es gibt keine offizielle Statistik – das ist das Problem«, erklärt Sebastian Pflugbeil, der Präsident der Gesellschaft für Strahlenschutz (GfS). 2005 wurde hierzu der wohl bekannteste Report von internationaler Seite veröffentlicht. Das Tschernobyl-Forum, angeführt von der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) und der Weltgesundheitsorganisation (WHO), geht darin davon aus, dass es »weniger als 50 Tote« gibt, die direkt in Verbindung mit dem Unfall stehen. Schätzungsweise 4000 Menschen würden infolge der Katastrophe an Krebs sterben.

Umweltschützer weisen jedoch darauf hin, dass der Bericht eigentlich auf ganz anderen Zahlen fußt. Die Gesundheitsexperten des Forums (die WHO-Gruppe »Health«) hätten für den Report eine Quelle aus dem Jahr 1996 herangezogen. In dieser werden zwar tatsächlich rund 4000 Krebstote (genau: 3960) unter den Ersthelfern, den Evakuierten und den Bewohnern der Kontrollzone angegeben. Zusätzliche 4970 Menschen, die an Krebs sterben, werden aber auch in anderen kontaminierten Gebieten gesehen. Diese Schätzung ist laut WHO-Gruppe »Health« jedoch »außerordentlich unsicher«. Wird diese Zahl dazugezählt, kommt man auf 8930 Krebstote aus Russland, Weißrussland und der Ukraine.

 

Nicht nur wegen des Zahlen-Wirrwarrs sorgte der IAEA/WHO-Bericht bei vielen Atomkritikern für Entrüstung. »Ich war außer mir vor Wut«, erinnert sich Alexej Jablokow von der russischen Akademie der Wissenschaften. Er geht von 1,44 Millionen Toten weltweit aus. Wenn vorgeburtliche Todesfälle miteinbezogen werden, sogar von 1,6 Millionen. Jablokow bezweifelt, dass die WHO beim Thema Tschernobyl unabhängig forschen kann. Durch die Resolution WHA 12-40 aus dem Jahr 1959 sei die Organisation bei allen Projekten zur Radioaktivität an die IAEA gebunden – eine Behörde, deren Hauptaufgabe darin besteht, die friedliche Nutzung der Atomenergie zu fördern.

 

Von mehreren Seiten wird gefordert, dass diese Resolution aufgelöst wird, etwa von der Europaabgeordneten Rebecca Harms (Grüne). Die Politikerin hatte als Reaktion auf den IAEA/WHO-Bericht, Wissenschaftler mit einer Gegenanalyse beauftragt. In dem 2006 veröffentlichten TORCH-Report (The Other Report on Chernobyl) ist von bis zu 60 000 Krebstodesfällen die Rede.

 

Große Unterschiede

 

8930, 60 000, 1,44 Millionen: Drei Zahlen, drei Berichte. Doch warum sind die Schätzungen so unterschiedlich? Zum einen fehlt es an vielen Informationen, etwa darüber, wie viel Radioaktivität beim Unfall tatsächlich frei gesetzt wurde. Viele Unterlagen sind noch unter Geheimhaltung. Zum anderen ist der Nachweis, dass Krebs durch die zusätzliche Strahlung entstanden ist und nicht etwa aus anderen Gründen, fast unmöglich. »Niemand kann wirklich sagen, ob es wirklich daran liegt«, räumt auch der Biologe Jablokow ein. Zudem hat sich die Altersstruktur in den betroffenen Ländern stark geändert, was Vergleiche der Erkrankungsstatistiken schwierig macht.

 

Am allermeisten schwanken die Zahlen jedoch durch unterschiedliche Annahmen dazu, bei welcher Strahlendosis Schäden auftreten. Einige Forscher gehen davon aus, dass jede noch so kleine Menge an Radioaktivität gesundheitliche Folgen hat und beziehen das auch in ihre Schätzungen mit ein. Die UN-Organisation UNSCEAR (auch ein Mitglied des Tschernobyl-Forums) schrieb dagegen erst kürzlich, dass sie aufgrund »unakzeptabler Unsicherheiten« keine Modelle zu den Auswirkungen der Niedrigstrahlung berücksichtigen.

 

In Japan kündigt sich nun eine Wiederholung des Zahlen- und Meinungs-Wirrwarrs an. So erklärte UNSCEAR erst kürzlich, die Auswirkungen des Unfalls in Fukushima seien geringer als die nach der Katastrophe von Tschernobyl. GfS-Chef Pflugbeil vermutet hingegen, dass aufgrund der hohen Bevölkerungsdichte in Japan bis zu 40 Mal mehr Menschen an den Auswirkungen der Radioaktivität leiden werden. Doch 40 Mal wie viele? Hier muss auch Pflugbeil passen. Für die Opfer von Tschernobyl werde es immer heißen: »Wie viele es tatsächlich sind, wird man nie sagen können.« /

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