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Topika-Leitlinie

Grundlagen- Forschung vonnöten

11.04.2018  10:06 Uhr

Von Sven Siebenand / Die neue S2k-Leitlinie zum Gebrauch von Präparationen zur lokalen Anwendung auf der Haut haben Ärzte und Apotheker gemeinsam erarbeitet. Konsequenterweise ­informieren Vertreter beider Professionen über die Inhalte und Zielsetzungen der Leitlinie: Dr. Ralph von Kiedrowski, Interims-­Präsident des Berufsverbandes der Deutschen Dermatologen, und Dr. Andreas Kiefer, Präsident der Bundesapothekerkammer und Vorsitzender der DAC/NRF-Kommission.

PZ: Was war der Anlass zur Erstellung der Leitlinie? 


von Kiedrowski:
 Die überwiegende Mehrheit der Erkrankungen in unserem Fachgebiet ist durch Auftragen von Präparaten auf die betroffenen Hautpar­tien behandelbar. Dazu bedarf es neben der Kenntnis der jeweiligen Pathomechanismen auch eines fundierten Wissens über den Hautaufbau. Interaktionen von Wirksubstanz und Grundlage sowie von beiden mit der erkrankten Haut und letztlich die Pharmakokinetik spielen dabei eine entscheidende Rolle für den Erfolg der äußerlichen Therapie. Die Konzeption, Anwendung und Kon­trolle einer solchen topischen Therapie stellen eine Kernkompetenz unserer Fachgruppe dar. Und dennoch hat bis dato dazu eine wissenschaftlich fundierte und evidenzbasierte Leitlinie gefehlt. Jetzt ist Abhilfe geschaffen worden.

 

PZ: Welche Rolle spielten die ­Apotheker bei der Erarbeitung der Leitlinie?

 

Kiefer: Zwei Apotheker haben an der Erstellung der ärztlichen Leitlinie als Mitglieder der Gesellschaft für Dermopharmazie gleichberechtigt und intensiv mitgearbeitet: Dr. Andreas Hünerbein als Apothekenleiter und Dr. Holger Reimann für das DAC/NRF. Beiden danke ich für ihr großes Engagement. Eine wichtige Aufgabe der beiden Apotheker war, die rechtlichen Rahmenbedingungen bei der Rezepturarzneimittel-Herstellung im Auge zu behalten. Zweitens achteten sie auf die pharmazeutisch-wissenschaftlichen Termini in der Systematik der Dermatika-Grundlagen. Zudem sorgten sie dafür, dass die Umsetzbarkeit hautärztlicher Verschreibungen praktikabel bleibt – Stichwort Plausibilitätsprüfung.

 

PZ: Was sind die wichtigsten Inhalte der neuen Leitlinie?

 

Kiefer: Zunächst einmal ist dies die erste AWMF-Leitlinie, deren Schwerpunkt die Topika sind. Eine S2k-Leitlinie zu erstellen, ist ohne Frage aufwendig, vor dem Hintergrund der evidenzbasierten Medizin aber ausgesprochen wertvoll für den Versorgungsalltag. Eine seit Jahrzehnten bestehende Leitlinie der Gesellschaft für Dermopharmazie zur guten Praxis der dermatologischen ­Rezepturenverschreibung ist bei Haus- und Kinderärzten nicht »angekommen« und wurde nicht streng nach dem qualitätsgesicherten Entwicklungsprozess der AWMF erstellt. Sie wird aber in der neuen Leitlinie zitiert. Inhaltlich sind drei Punkte entscheidend: Erstens fokussiert die Leitlinie auf die Bedeutung der galenischen Grundlage für die Wirksamkeit von Topika und benennt wissenschaftliche Kriterien für die Auswahl einer adäquaten Grundlage. Zweitens ist eine Empfehlung konsentiert, in welchen Fällen Rezepturarzneimittel in ­Abgrenzung zu Fertigarzneimitteln verordnet werden sollen. Drittens wird die heilberufliche Zusammenarbeit im Bereich der Topika gestärkt. Der Verweis auf leitlinienkonformes Handeln ist bei gemeinsamen Problemlösungen immer ein starkes Argument.

 

von Kiedrowski: Ergänzend dazu ist für mich die Übersicht zum Potenzial von Unverträglichkeitsreaktionen und Allergien zahlreicher Wirkstoffe und Grundlagen von besonderer Wichtigkeit. Ebenso hervorzuheben ist die klare Positionierung in Bezug auf die Austauschbarkeit und Substitution unserer Verordnungen aus rein ökonomischen Gründen in der täglichen Patientenversorgung.

 

PZ: Sie thematisieren die Bedeutung der galenischen Grundlage. In der Leit­linie heißt es: »Arzneimittelrechtlich ist die Therapiehoheit des Arztes bei der Auswahl der Grundlage für eine definierte Indikation unter Einbeziehung des individuellen Hautzustandes festgeschrieben. Faktisch wird diese aber sozialrechtlich durch die vom Gesetzgeber geförderte Substitution von wirkstoffgleichen Arzneimitteln wesentlich eingeschränkt.« Was ist die Folge dieser vom Gesetzgeber geförderten Substitution?

 

von Kiedrowski: Es ist dermatologisches Grundwissen, dass für den Therapieerfolg neben dem Wirkstoff ganz entscheidend und zum Teil je nach Krankheitsphase wechselnd die galenische Grundlage verantwortlich ist. Es wäre wünschenswert, wenn dies von Kostenträgern und Normierungsgebern endlich verstanden und akzeptiert wird. Es ist nicht hinnehmbar, dass der verordnende Arzt hier in seiner Therapiehoheit und Therapieverantwortung eingeschränkt wird, und zwar aus rein ökonomischen Gründen, die den Therapieerfolg und damit den Patienten gefährden und letztlich die Kosten sogar steigen lassen. Unter diesen Gesichtspunkten sind auch die Quotierungen im Bereich der Generika und bei der Aut-idem-Kennzeichnung zu kritisieren und abzulehnen.

 

PZ: Welche Empfehlungen haben Sie für Ihre Kollegen, um zu vermeiden, dass mit dem sozialrechtlich bedingten Austausch des Arzneimittels auch ein Wechsel der galenischen Grundlage einhergeht?

 

von Kiedrowski: Hier kommt es auf die interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Apotheker und Dermatologe vor Ort an und deshalb ist auch diese ­gemeinsame Aktion der Fachverbände so wichtig und begrüßenswert. Wir haben unseren Mitgliedern ein vorgefertigtes Anschreiben für die Apotheken im eigenen Umfeld zur Verfügung gestellt, um auf die gemeinsame ­Verantwortung hinzuweisen und die Zusammenarbeit im Alltag der Patientenversorgung zu stärken. Wenn sich alle Beteiligten ihrer Verantwortung bewusst sind, wird der Patient weiterhin von der dermatologischen Kompetenz in der topischen Therapie profitieren.

 

PZ: Was halten Sie von dieser Form der interdisziplinären Zusammenarbeit und was können Apotheker in der alltäglichen Praxis für den Patienten tun?

Kiefer: Ich begrüße die neue Leitlinie und die darin vorgeschlagenen Prozesse zur heilberuflichen Zusammenarbeit. Der Arzt wählt das passende Topikum aus, aber er weiß meist nicht, welches Fertigarzneimittel der Apotheker je nach Rabattvertrag abgeben muss. Wir Apotheker können die Ärzte entlasten, denn in vielen Fällen mag es keinen Wider­spruch zwischen der Verordnung und dem abzugebenden Rabattarzneimittel geben. In den anderen Fällen werden wir den Arzt auf mögliche Widersprüche zwischen der ursprünglichen Verordnung und der Auswahl laut Rabatt­vertrag aufmerksam machen. Der Arzt kann dann entscheiden, was der Patient de facto erhält, und behält seine Therapiehoheit. Klar ist aber auch, dass wir Apotheker unserer Pflicht nachkommen werden, Rabattarzneimittel abzugeben, wenn weder der Arzt aut idem ausgeschlossen hat noch pharmazeutische Bedenken dagegensprechen.

 

PZ: Wie leicht können Apotheker erkennen, dass es sich bei der Substitu­tion um eine galenisch betrachtet andere Grundlage handelt?

 

Kiefer: Das ist nicht immer einfach. Dafür braucht man viel Fachwissen und Erfahrung. So muss sich der Apotheker neben den zulassungsrechtlich vorgeschriebenen Standardtermini, wie Salbe, Creme, Gel oder Lösung zur Anwendung auf der Haut, intensiv mit den Bestandteilen auseinandersetzen, aus denen in den meisten Fällen der ­hydrophile, lipophile oder alkoholische Charakter erst hervorgeht. Wir fordern deshalb, dass in den Fachinformationen genauere Angaben zu den galenischen Charakteristika gemacht werden. Ein erster Schritt wäre es schon, wenn – wie bei Körperpflegemitteln – die Hilfsstoffe in der Reihenfolge ihres Mengenanteils gekennzeichnet werden. In vielen Fällen sind konkrete Informationen beim Arzneimittelhersteller zu erhalten, in manchen Fällen können die Fachleute bei DAC/NRF weiterhelfen.

PZ: Welche Maßnahmen ergreifen Sie, um die Ärzte über die neue Leitlinie zu informieren?

 

von Kiedrowski: Wir bedienen unterschiedliche Informationskanäle – vom Internet über die Berichterstattung in unserem Verbandsorgan und im Präsidenten-Rundbrief bis hin zu Vortragsveranstaltungen und Tagungen.

 

PZ: Abgesehen von diesem Interview: Wie werden die Apotheker über die Inhalte informiert?

 

Kiefer: Die Bundesapothekerkammer wird die Apothekerkammern der Länder anschreiben mit der Bitte, alle Apotheken über die jeweiligen Mitgliederrundschreiben zu informieren. Auch die DAC/NRF-Kommission wird auf die neue Leitlinie an geeigneten Stellen hinweisen. Ohne Kosten, Anmeldung oder Kennwortschutz kann in der Apotheke jeder den Leitlinientext unter www.awmf.org herunterladen. /

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