Pharmazeutische Zeitung online
Zytomegalievirus

Für Ungeborene lebensgefährlich

05.04.2007
Datenschutz bei der PZ

Zytomegalievirus

Für Ungeborene lebensgefährlich

Von Christina Hohmann

 

Das Zytomegalievirus ist kaum einer werdenden Mutter bekannt. Dabei ist es der häufigste Erreger von Infektionen in der Schwangerschaft. Die pränatale Infektion kann zu schweren Schäden wie Taubheit oder Retardierung oder sogar zum Tod führen.

 

Rund 60 Prozent der Bevölkerung tragen das Zytomegalievirus (CMV), das zu den Herpesviren gehört, in sich. Sie verbreiten es durch Schmierkontakte, über infizierten Speichel, Urin oder beim Geschlechtsverkehr. Die Erstinfektion verläuft bei 99 Prozent der Infizierten asymptomatisch oder sehr mild. Nur 1 Prozent leidet unter wochenlangem Fieber, Schwellung der Lymphknoten sowie Kopf- und Gliederschmerzen.

 

Für immunkompetente Erwachsene ist das CMV in der Regel harmlos, nur für Ungeborene kann die Infektion lebensgefährlich sein. Die Zytomegalie ist noch vor Toxoplasmose und Röteln die häufigste Infektion, die Kinder im Mutterleib schädigen kann. Von den jährlich etwa 700.000 Frauen in Deutschland, die ein Kind erwarten, ist rund die Hälfte seronegativ, hatte also noch keinen Kontakt mit dem Erreger. Mindestens 1 Prozent dieser Frauen infiziert sich während der Schwangerschaft mit CMV, das sind 3500 Frauen pro Jahr. Das Risiko, dass sich auch das Kind infiziert, beträgt 40 Prozent. Dementsprechend stecken sich rund 1400 Kinder jedes Jahr im Mutterleib mit dem Virus an, 500 von ihnen entwickeln im Laufe ihres Lebens Schäden. Das Tückische ist jedoch, dass die Infektion bei der Geburt nicht zu erkennen ist. Nur 10 Prozent der infizierten Neugeborenen weisen klinische Symptome auf. Zu diesen zählen ein zu kleiner Schädel, Meningitis, Neugeborenenkrämpfe, vergrößerte Milz und Leber, Bauchwassersucht und Thrombozytopenie. Die Mehrheit der infizierten Kinder wirkt bei Geburt gesund. Bei ihnen können aber auch Jahre später noch Schäden wie geistige und körperliche Entwicklungsrückstände, Sprachstörungen und Taubheit auftreten. Die Zytomegalie ist die häufigste Ursache für Taubheit im Kindesalter. Etwa 40 Kinder sterben jedes Jahr an den Folgen einer CMV-Infektion.

 

Häufig unbemerkt

 

Da Infektionen bei Erwachsenen in der Regel asymptomatisch verlaufen, merken die meisten Schwangeren nicht, wenn sie sich mit CMV infizieren. Ein Test auf das Virus ist auch nicht in den Mutterschaftsrichtlinien enthalten. Daher wird er nicht routinemäßig angeboten und von den Krankenkassen meist nicht bezahlt. Erst wenn sich Symptome beim Kind zeigen, wenn es zum Beispiel bei einer Ultraschalluntersuchung durch seine geringe Größe auffällt, wird ein CMV-Test durchgeführt. Werdende Mütter können aber den Frauenarzt selbst ansprechen und um eine Blutuntersuchung bitten. Dieser Test kostet etwa 13 Euro. Bei seronegativen Frauen sollte der Test etwa alle acht bis zwölf Wochen wiederholt werden.

 

Da es keine Schutzimpfung gegen CMV gibt, besteht die Infektionsprophylaxe bei Schwangeren vor allem in einer sorgfältigen Händehygiene. Kinder sind die Hauptinfektionsquelle. Daher sollten seronegative Schwangere engen Kontakt mit Kindern möglichst vermeiden. So sollten Tassen, Löffel oder Gläser nicht gemeinsam mit Kindern benutzt werden. Nach Windelwechseln, Füttern und Kontakt mit Speichel sollten sich Schwangere gründlich die Hände waschen.

 

Beschäftigte in Kindertagestätten oder Kinderkliniken haben ein erhöhtes Ansteckungsrisiko. Zu ihrem Schutz werden sie in Abteilungen mit Kindern versetzt, die älter als drei Jahre sind, da diese weniger Viren in Urin und Speichel ausscheiden als infizierte jüngere Kinder.

 

Keine Therapie vorhanden

 

Der CMV-Test ist unter anderem deshalb nicht Bestandteil der Mutterschaftsvorsorge, weil bisher keine Therapie zur Verfügung steht. Bei einer Erstinfektion im ersten und zweiten Trimester der Schwangerschaft wird mitunter zu einem Abbruch geraten, da etwa 15 Prozent der betroffenen Kinder mit schweren Schäden zur Welt kommen. Eine andere Option gab es bislang nicht.

 

Eine im September 2005 veröffentlichte Studie (»New England Journal of Medicine«; Band 353, Seite 1350 bis 1362) weist aber darauf hin, dass die Gabe von CMV-Hyperimmunglobulinen zur Prävention sowie zur Therapie der konnatalen CMV-Infektion geeignet ist. In der Studie wurden infizierte Mütter behandelt, deren Feten nicht infiziert waren. Die Therapie konnte die Übertragung des Erregers erfolgreich verhindern. Mütter, deren Kinder sich bereits angesteckt hatten, erhielten auch die Antikörper injiziert. Da diese plazentagängig sind, erreichen sie auch den Fetus und bekämpfen dort die Infektion. Bislang hat sich die Therapie mit CMV-Hyperimmunglobulinen noch nicht als Standard etabliert.

 

Um Infektionen während der Schwangerschaft zu verhindern, wäre eine effektive Schutzimpfung sinnvoll. Derzeit sind einige Vakzine in der Entwicklung. Ein von Wissenschaftlern der University of Minnesota entwickelter Vektor-Impfstoff war in Tierversuchen erfolgreich. Meerschweinchen, die vor der Schwangerschaft den Vakzine-Prototyp erhielten, hatten eine deutlich niedrigere Viruskonzentration im Blut als ungeimpfte Tiere. Die Immunisierung senkte außerdem die Mortalität der Jungen. Diese betrug bei den ungeimpften Tieren 59 Prozent, bei den geimpften Tieren dagegen 13 Prozent, berichteten die Forscher im März im »Journal of Infectious Diseases« (Band 195, Seite 789 bis 798).

Mehr von Avoxa