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Rätselhaftes Syndrom

Die Brauerei im Bauch

04.04.2018  10:03 Uhr

Von Nicole Schuster / Betroffene leiden unter Symptomen der Trunkenheit, in ihrem Blut lässt sich Ethanol nachweisen – Alkohol getrunken haben sie aber nicht. Die Ursachen des seltenen Eigenbrauerei-Syndroms sind noch unklar. Eine Besiedelung mit Hefepilzen scheint eine wichtige Rolle zu spielen.

Rätselhafte Syndrome fordern Ärzten bisweilen die reinste Detektivarbeit ab. So auch bei dem als Darmfermentations-Syndrom, endogener Ethanol­fermentation oder auch Eigenbrauerei-Syndrom (Auto-Brewery-Syndrome) bezeichneten Phänomen.

 

Bisher gibt es nur Einzelfallberichte zu dieser weitgehend unbekannten Störung. Kennzeichnend für das Syndrom ist, dass Patienten immer wieder einen hohen Alkoholgehalt im Blut aufweisen, dabei aber versichern, keinen oder nicht übermäßig viel Alkohol zu sich genommen zu haben. Das Problem der Betroffenen: Angesichts der Messergebnisse schenkt man ihren Beteuerungen meist keinen Glauben. Für viele sind sie schlicht Alkoholiker, die ihre Sucht verbergen wollen und heimlich trinken.

 

Fermentierende Untermieter

 

Dass es auch anders sein kann, zeigt der Fall eines Patienten aus Texas. Der Mann wurde mit einer schweren Alkoholvergiftung ins Krankenhaus eingeliefert, bestand aber darauf, dass kein übermäßiger Alkoholgenuss für seinen Zustand verantwortlich war. Eingehende Untersuchungen ergaben, dass sich im Stuhl des Patienten der Hefepilz Saccharomyces cerevisiae befand. Dieser Pilz wird zum Backen, aber auch für den Gärprozess beim Bierbrauen genutzt. Bei dem Mann hatte er sich wohl infolge einer Antibiotikabehandlung übermäßig im Darm angesiedelt. Wenn er nun kohlenhydrathaltige Lebensmittel oder Getränke zu sich nahm, wandelte die Hefe den Zucker in Ethanol um. Das bestätigten die behandelnden Ärzte, die dem Mann im Krankenhaus 24 Stunden lang unter strenger Überwachung nur Traubenzucker und zuckerreiche Lebensmittel zu essen ­gaben. Alle zwei Stunden nahmen sie Promille-Messungen vor und beobachteten, wie die Blutalkohol­konzentration anstieg (»Scientific ­Research« 2013, DOI: 10.4236/ijcm. 2013.47054).

In anderen Fällen machten Ärzte neben Saccharomyces cerevisiae auch die Pilze Candida albicans, Candida krusei, Candida kefyr oder Candida glabrata für das Eigenbrauerei-Syndrom verantwortlich. Die Störung kann auch Kinder betreffen. Das zeigen Fallberichte von einem 13- und einem dreijährigen Kind. Beide hatten Fehlbildungen des Darms, wobei Kausalzusammenhänge mit dem Syndrom unklar sind. Auch der Einfluss von Faktoren wie der Ernährung, dem Immunzustand und der Aktivität bestimmter Leberenzyme sollte noch weiter untersucht werden.

 

Beim Patienten aus Texas nahmen die Ärzte eine Behandlung mit dem Anti­mykotikum Fluconazol vor und ­gaben dem Mann anschließend noch Nystatin. Seine Darmflora versuchten sie durch Gabe des probiotischen Bakteriums Lactobacillus acidophilus wiederherzustellen. Während der Therapie musste der Patient auf Zucker, kohlenhydrathaltige Lebensmittel sowie auf Alkohol verzichten. Die Ärzte überprüften durch regelmäßige Alkoholmessungen, dass sich kein Ethanol im Blut des Mannes befand. Nach der Behandlung konnten sie in Stuhlproben keine Bierhefe mehr nachweisen. Eine Besiedelung des Magens mit Heilcobacter pylori therapierten sie ebenfalls, nahmen aber wohl keinen Zusammenhang mit dem Syndrom an. Der Mann wurde von da an als beschwerdefrei beschrieben.

 

Gravierende Folgen

 

So kurios das Eigenbrauerei-Syndrom auch klingen mag, für die Betroffenen ist es nicht nur demütigend, für einen heimlichen Alkoholiker gehalten zu werden, ihr Zustand kann für sie auch gesundheits- und existenzschädigend werden. Es drohen Leberschäden, so­ziale Isolation, der Verlust der Arbeit sowie möglicherweise auch Strafverfolgungen etwa wegen Trunkenheit am Steuer. Wünschenswert ist daher, bald mehr über das Syndrom, seine Aus­löser und Therapiemöglichkeiten zu erfahren. /

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