Pharmazeutische Zeitung online
Neurodermitis

Haut in Bedrängnis

04.04.2016
Datenschutz bei der PZ

Von Verena Ruß / Neurodermitis ist eine der häufigsten ­Hautkrankheiten weltweit. Heilbar ist die Erkrankung bislang nicht. Eine individuelle bedarfsgerechte Therapie kann das ­Hautbild deutlich bessern und die Beschwerden der Patienten spürbar lindern.

Die Neurodermitis, auch atopisches ­Ekzem oder atopische Dermatitis genannt, ist eine Unterform der Ekzem­erkrankungen und spielt neben der ­allergischen Kontaktdermatitis eine wichtige Rolle in der Praxis der Dermatologen. Vor wenigen Wochen wurde die überarbeitete S2k-Leitlinie zur Neurodermitis veröffentlicht (abzurufen unter www.awmf.org). Unter anderem bewerten die Experten hier die medikamentösen und nicht-medikamentösen Therapieoptionen.

Nach epidemiologischen Analysen aus Deutschland nehmen rund 23 Prozent der Säuglinge und Kleinkinder, 8 Prozent der Schulkinder und 2 bis 4 Prozent der Erwachsenen Gesundheitsleistungen aufgrund einer neurodermitischen Erkrankung in Anspruch. Bei Kindern ist Neurodermitis hierzulande die häufigste chronische Erkrankung überhaupt.

In den vergangenen Jahrzehnten konnte man länderübergreifend anhand vieler Studien erkennen, dass die Prävalenz der Neurodermitis ständig zunimmt – wenngleich mit regionalen Unterschieden. Entgegen aller Vermutungen sind dabei nicht die stärker ­industrialisierten Länder Vorreiter, sondern auch in ländlichen Gegenden wie in Zentralafrika gehört die Neurodermitis mittlerweile zu den häufigsten dermatologischen Erkrankungen.

 

Die Ursachen für den rasanten Anstieg sind nicht eindeutig geklärt. Hypothesen, wonach in erster Linie veränderte Umweltbedingungen (Abgase, Umwelttoxine) und der westliche Lebensstil (Industrialisierung, Hygiene) dazu beigetragen haben, sind nicht immer eindeutig beweisbar und bisweilen widersprüchlich. Auch eine stärkere Aufmerksamkeit der Bevölkerung für das Krankheitsbild könnte eine Rolle spielen. Seit einigen Jahren zeigt sich in vielen Ländern ein »Prävalenzplateau«.

 

Vielfältiges Krankheitsbild

 

Immer wieder wurde die Neurodermitis in den vergangenen Jahren unterschiedlich definiert. Die allgemeingültige Definition findet sich in der aktuellen S2k-Leitlinie: Neurodermitis ist eine chronische oder chronisch-rezidivierende, nicht ansteckende Hauterkrankung, deren klassische Morphologie und Lokalisation altersabhängig unterschiedlich ausgeprägt ist und die meist mit starkem Juckreiz einhergeht. Häufigere Komplikationen sind Infektionen durch Staphylococcus aureus, virale Infektionen oder Mykosen.

 

Der Juckreiz rückt als entscheidendes Kriterium weiter in den Vordergrund und wird zu einer weiteren, zwar unsichtbaren, Primäreffloreszenz einer Neurodermitis. Bisher galten für viele Dermatologen folgende Veränderungen der Haut alleine als erstes Indiz:

 

  • Erytheme: Hautrötungen, teilweise mit lokalen Verdickungen,
  • Lichenifikationen: starke Hautverdickungen und Vergröberungen der Haut,
  • Prurigo-Knoten: dicke, tief sitzende Knoten, teilweise stark entzündet.
     

Bei Kleinkindern gehören auch nässende Hautveränderungen dazu, die mit Bläschen- und Krustenbildung einhergehen.

Das Erscheinungsbild und -muster sowie das Ausmaß der Neurodermitis unterscheiden sich je nach Stadium (akut oder chronisch) und Lebensalter. Im Säuglingsalter sind Ekzeme streckseitig an Armen und Beinen, im Gesicht sowie am Kopf vorherrschend. Interessant ist, dass der Windelbereich meist komplett symptomlos bleibt, während die umgebenden Hautareale oft stark entzündet sind (»Windel-Zeichen«). Bei älteren Kindern und Erwachsenen finden sich häufig Beugenekzeme am ­Ellenbogen oder in den Kniekehlen. In Abhängigkeit von hautbelastenden Tätigkeiten können auch Handekzeme auftreten.

 

Minimalvarianten am Ohrläppchen, an den Mundwinkeln oder an den Fingerkuppen sind oft auf dem ersten Blick nicht gleich dem Krankheitsbild Neurodermitis zuzuordnen. Sie gehören zu den Stigmata der Neurodermitis, die die Anamnese des Arztes ergänzen (Kasten).

 

Eine Neurodermitis verläuft wechselhaft. Krankheitsschübe können unterschiedliche Dauer und Schwere haben und kehren häufig wieder. Auch leichte Manifestationen können die Betroffenen schwer beeinträchtigen und psychisch belasten. Spontanheilungen sind beschrieben, aber selten. Mindestens 30 Prozent aller Kinder, die an einer Neurodermitis leiden, entwickeln auch im Erwachsenenalter Ekzeme. Differenzialdiagnostisch sollten immer andere Ekzemkrankheiten ausgeschlossen werden, vor allem das allergische, das irritativ-toxische und das mikrobielle Ekzem sowie bei Erwachsenen das Ekzemstadium des kutanen ­T-Zell-Lymphoms. Bei Säuglingen muss vor allem das seborrhoische Ekzem ­abgegrenzt werden.

Stigmata der Neurodermitis

Stigmata sind Hautveränderungen, die selbst nicht unbedingt Krankheitswert haben, jedoch ein Auffälligkeitsmerkmal darstellen und bei der Neurodermitis für den Dermatologen die Anamnese ergänzen. Hierzu gehören vor allem:

 

  • doppelte Unterlidfalte (Dennie-Morgan-Falte),
  • Gesichtsblässe mit Schatten um die Augen,
  • bizarre Linienzeichnung der Handfläche und Fußsohle,
  • trockene Haut und eventuell Fischschuppen-artige Schuppung der Haut,
  • rötlich-braune Punkte, vor allem an Armen und Beinen durch Verhornungen der Haarschäfte (Keratosis follikularis),
  • eine Ausdünnung der seitlichen Augenbrauen (Hertoghe-Zeichen),
  • eingerissene Mundwinkel oder Ohrläppchen,
  • Auftreten weißer Linien bei Bestreichen der Haut (weißer Dermographismus),
  • trockene und aufgeplatzte Fingerkuppen und Zehenspitzen, vor allem im Winter,
  • Bildung kleiner Wasserbläschen an den Fingern, vor allem im Sommer,
  • Entzündungen der Brustwarzen.

Prädisposition und Provokation

 

Ein Großteil der Patienten (je nach Studie 50 bis 80 Prozent) weist eine IgE-vermittelte Sensibilisierung durch ­Aeroallergene und/oder Nahrungsmittelallergene auf. Bei anderen ist keine entsprechende Sensibilisierung nachzuweisen. Diskutiert wird auch eine dritte Untergruppe, die Züge einer ­Autoimmunerkrankung aufweist.

 

Provokationsfaktoren scheinen eine wichtige Rolle zu spielen, aber ursächlich scheint vor allem die genetische Prädisposition zu sein. Zwillingsstudien zeigten nämlich, dass eine Neurodermitis bei homozygoten Zwillingen mit 75 Prozent deutlich häufiger auftritt als bei heterozygoten Zwillingen (23 Prozent). Auch ist die Erkrankungswahrscheinlichkeit höher, wenn beide Elternteile daran leiden.

 

Auf molekularer Ebene wurde bei Neurodermitis-Patienten eine Reihe von Mutationen und Polymorphismen der Barrieremoleküle der Haut und von Molekülen des angeborenen sowie des adaptiven Immunsystems beschrieben. Es ist davon auszugehen, dass verschiedene Gene auf mehreren Chro­mosomen für die Veranlagung verantwortlich sind. Insbesondere durch eine Funktionsverlustmutation des strukturbildenden epidermalen Proteins Filaggrin steigt das Risiko für eine Neurodermitis drastisch an.

 

Therapieprinzipien bei Neurodermitis

 

Zur Behandlung der Neurodermitis steht eine Vielzahl an Arzneimitteln und Therapieverfahren zur Verfügung: Dermatika, systemisch wirksame Medikamente sowie nicht-medikamentöse Ansätze, die auch physikalische Maßnahmen beinhalten.

 

Gemäß einer internationalen Empfehlung von 2006 (PRACTALL Consensus Report) sollte die Behandlung den individuellen Phasen (Schwere, Verlauf, Lokalisation, Leidensdruck) angepasst werden. Die Therapieschemata werden in der S2k-Leitlinie in einem Stufenplan dargestellt (Grafik).

Basispflege ist das A und O

 

Ein wesentliches Merkmal der Haut von Neurodermitis-Patienten ist die starke Trockenheit; besser beschreibbar als Rauigkeit der Hautoberfläche. Denn tatsächlich enthält die Haut nicht weniger Wasser, sondern ist spröder und »wasserdurchlässiger«. Störungen im Proteinstoffwechsel und defekte Muster der epidermalen Lipide schwächen die Barrierefunktion der Haut. Eine gute Basispflege ist das A und O, um die Schutzfunktion wiederherzustellen.

 

Bei der Pflege sollte man dem alten Grundsatz »feucht auf feucht« respektive »fett auf trocken« folgen. Durch das Auftragen fetter Salben und fehlender Lipide auf die trockene Haut können lecke Stellen gefüllt, der Wasserverlust vermindert sowie das Eindringen von Allergenen und Mikroorganismen unterbunden werden. Beim akut nässenden Ekzem im Schub sollte man Pflegeprodukte mit einem höheren Wassergehalt bevorzugen. Feucht-wässrige Umschläge, Hydrogele oder O/W-Emulsionen sind geeignet. Je chronischer das Stadium wird, desto fetthaltiger sollte die Rezeptur werden. Lipophile Emulsionen, Fettsalben und weiche Pasten können benutzt werden, in schwersten Fällen auch Okklusivverbände (Tabelle).

 

Empirisch hat sich gezeigt, dass auch die Jahres- und Tageszeit sowie das Lebensalter bei der Auswahl der Hautpflege zu berücksichtigen sind. Einem Neurodermitis-Patienten behagt im Sommer oder tagsüber eine Creme mit einem höheren Wasseranteil mehr als eine reine Fettsalbe. Allerdings empfinden Kinder und ältere Menschen einen relativ höheren Fettanteil in den Formulierungen meist als angenehm und heilender.

 

Übrigens: Seit 2004 müssen die Patienten Basistherapeutika, auch harnstoffhaltige Präparate, selbst bezahlen, da die Produkte nicht verschreibungspflichtig sind. Es gilt eine Ausnahme­regelung für Kinder bis zum zwölften Lebensjahr, bei Entwicklungsstörungen bis zum 18. Lebensjahr.

 

Basispflege bedeutet aber nicht nur reines Cremen, sondern beginnt mit der Hautreinigung. Wichtig ist, auf Seifen, irritierende Syndets, Konservierungsmittel und Duftstoffe zu verzichten. Das Apothekenteam sollte dem Patienten empfehlen, lieber zu duschen als zu baden, aber nicht zu heiß, um das Herauslösen von Hautlipiden zu minimieren. Nach dem Waschen besser abtupfen als abrubbeln. Im akuten Stadium können Bäder helfen, Krusten und Schuppen zu lösen, was die meisten Patienten als sehr wohltuend empfinden. Wichtig ist immer: nachher eincremen. Eine zweimal tägliche Hautpflege ist sehr zu empfehlen!

 

Harnstoff als Moisturizer

Harnstoff kann als Moisturizer bei der Hautpflege empfohlen werden, um den Feuchtigkeitsgehalt der Haut effizient zu erhöhen und den transepidermalen Wasserverlust auszugleichen. Harnstoffhaltige Zubereitungen für Erwachsene sollten eine Konzentration von 5 bis 10 Prozent haben. Bei der Verwendung als Rezeptursubstanz ist zu berücksichtigen, dass Harnstoff zur Rekristallisation neigt und dessen Stabilität bei hoher Temperatur sowie bei stark alkalischem oder stark saurem pH-Wert eingeschränkt ist.

 

Bei Kindern sollte der Prozentgehalt auf 2 bis 3 Prozent reduziert werden. Bis zum sechsten Lebensjahr darf gar kein Harnstoff verwendet werden, da Urea hier fast immer zu passagerem Brennen und Irritationen der Haut führt. Auch bei entzündeter Haut ist Harnstoff obsolet. Hier kann stattdessen Glycerin verwendet werden.

 

Quälenden Juckreiz lindern

 

Juckreiz ist das vorherrschende Symptom der Neurodermitis. Er hat für die Patienten eine Leidensqualität wie Schmerz, wird jedoch allzu oft von Außenstehenden unterschätzt, da er rein subjektiv und schwer zu messen ist. Auslösefaktoren wie falsche Kleidung (Wolle, Nylon, Perlon) oder zu hohe Temperaturen (auch Bettwärme) sollten Neurodermitis-Patienten meiden. Adäquate Maßnahmen, um den lästigen Juck-Kratz-Kreislauf zu durchbrechen, sind fett-feuchte Verbände, Kühlung und Entspannungstechniken. Die Patienten sollten diese Hilfe kennen und üben.

 

Natürlich stehen auch verschiedene Antipruriginosa zur Verfügung. Polidocanol wirkt aufgrund seiner lokalanästhetischen Eigenschaften schmerz- und juckreizstillend. Gleiches gilt für Gerbstoffe, Teere oder Ammonium­bituminosulfonate, die im Akutfall schnelle Linderung bringen. Die Autoren der aktuellen Leitlinie geben keine Therapieempfehlung für Polidocanol und Gerbstoffe auf der Basis kontrollierter Studien. Aufgrund der Ergebnisse offener Studien sowie klinischer ­Erfahrung könne eine unterstützende antipruriginöse Behandlung mit diesen Stoffen erwogen werden, ersetze aber keine antientzündliche Therapie. Aufgrund der allgemeinen klinischen Erfahrung könne man auch Schieferöle einsetzen.

 

Systemisch angewandte H1-Antihist­aminika (Dimetinden, Cetirizin, Lora­tadin, Fexofenadin) leisten im akuten Schub hervorragende Dienste, um den Juckreiz effizient zu hemmen. Topisch sollten sie nicht angewendet werden. Die vor allem als Gele verfügbaren Zubereitungen würden die Haut zu sehr austrocknen und den Juckreiz antreiben.

Tabelle: Stadiengerechte Basispflege bei Neurodermitis

Stadium Symptome Pflege
akut Juckreiz, Bläschen, Nässen, ­Krusten austrocknend, feucht auf feucht: feucht-wässrige Umschläge, ­Hydrogele, O/W-Emulsionen
subakut Rötungen, Juckreiz, Ödeme, ­Papeln, Schuppen mild austrocknend, ­entzündungshemmend: O/W-Emulsionen
chronisch trockene Schuppung, Papeln, eventuell Lichenifikation lipophile W/O-Emulsionen, ­Fettsalben, weiche Pasten
schwer chronisch Hyperkeratosen, Rhagaden keratolytische Salben, ­Okklusivverbände

Ohne Cortison geht’s selten

 

Für die Behandlung akuter, aber auch chronisch entzündeter Areale werden vor allem topische Glucocorticoide verwendet. Sie wirken intrazellulär und hemmen die Aktivierung des Transkriptionsfaktors NF-κB und damit die Bildung (pro)inflammatorischer Zytokine. In der Regel reichen bei Neurodermitis schwache bis mittelstarke Corticoide wie Hydrocortison, Prednisolon, Dexamethason und Triamcinolonacetonid aus. Nur bei einem sehr schweren Verlauf oder chronischer Lichenifizierung sind kurzfristig starke Corticoide wie Betamethason-17-valerat, Mometasonfuroat, Prednicarbat oder Clobetasol-17-propionat indiziert.

Einen großen Einfluss auf die Wirkstärke der Corticoide hat das galenische Vehikel, das die Liberation aus der Grundlage bestimmt. Salben setzen den Wirkstoff langsamer frei als Fettcremes, Cremes leichter. Aus Lösungen erzielt man eine beinahe sofortige Wirkstofffreisetzung. Ein Austausch des Vehikels ist ohne Rücksprache mit dem verordnenden Arzt zu unter­lassen.

 

Häufige unerwünschte Arzneimittelwirkungen (UAW) bei topischer Corticoid-Anwendung sind Teleangiek­tasien (spinnennetzartig erweiterte Äderchen), Hautinfektionen, periorale Dermatitis oder steroidinduzierte ­Rosazea (»Kupferrose«). Systemische Nebenwirkungen sind sehr selten ­(Beispiel: Wachstumshemmung bei Kindern). Eine besonders gefürchtete UAW ist die pergamentpapierartige Hautatrophie. Bei kurzfristiger topischer Anwendung gibt es jedoch keinen Grund zur Sorge. Dennoch kommen immer wieder Kunden mit ­»Cortisonphobie« in die Apotheke. Das Apothekenteam sollte Verständnis zeigen und dem Kunden die Angst nehmen, indem es ihm rational den Nutzen bei therapiegerechter und richtiger Anwendung erklärt.

 

Corticoide sind bis zur Abheilung der Läsionen in der Regel einmal, in Ausnahmefällen zweimal täglich anzuwenden. Im Anschluss kann nach ärzt­licher Rücksprache eine maximal dreimonatige Nachbehandlung folgen.

 

Entwarnung für Calcineurin-Antagonisten

 

Die topischen Calcineurin-Antagonisten Tacrolimus und Pimecrolimus sind seit 2002 zur Therapie der Neurodermitis zugelassen. Sie wirken wie Glucocorticoide symptomatisch antientzündlich. Ihr Wirkprinzip beruht auf einer reversiblen Hemmung intrazellulärer Calcineurin-abhängiger Signalwege, was letztlich zu einer Herunterregula­tion von Mechanismen führt, die insbesondere für hautinfiltrierende T-Lymphozyten von Bedeutung sind.

Für besonderes Aufsehen sorgte 2005 eine Black-Box-Warnung, in der die ­US-amerikanische Arzneimittelbehörde FDA auf ein erhöhtes Risiko für Lymphome und Hautkrebs hinwies. Dies verunsichert viele Patienten heute noch. Grundlage der Warnung waren Tierversuche an Albinomäusen und theoretische Überlegungen zu deren Übertragbarkeit auf den Menschen. Bis heute wurde jedoch keine erhöhte ­Inzidenz von Tumorerkrankungen nachgewiesen. In der Leitlinie heißt es explizit: Es gibt »weder aus kontrollierten Studien mit Nachbeobachtung der Patienten noch aus Untersuchungen von Patientendatenbanken überzeugende Hinweise dafür, dass Calcineurininhibitoren maligne Erkrankungen (Plattenepithelkarzinome, maligne Lymphome) bei topischer Anwendung induzieren«.

 

Topische Calcineurin-Inhibitoren werden vor allem dann empfohlen, wenn topische Glucocorticoide nicht einsetzbar sind oder es während der Behandlung zu lokalen irreversiblen Nebenwirkungen kam. Da sie weder Hautatrophie noch Teleangiektasien und perorale Dermatitiden auslösen, gelten Calcineurin-Inhibitoren als erste Wahl zur Anwendung im Gesicht, im Genitalbereich und am Kopf. Nebenwirkungen treten kurzfristig auf und vergehen von selbst, zum Beispiel passageres Wärmegefühl bei Pimecrolimus oder kurzfristiger Juckreiz bei ­Tacrolimus. Topische Calcineurin-Inhibitoren verlieren ihre Wirksamkeit auch über einen längeren Behandlungszeitraum nicht, wohingegen bei Corticoiden mitunter Tachyphylaxien (Wirkungsverlust) auftreten können.

 

Dermatologen empfehlen eine zeitlich begrenzte, zweimal tägliche Anwendung zunächst bis zur Abheilung der Läsion. Im Anschluss kann eine dreimonatige Nachbehandlung zweimal pro Woche angezeigt sein.

 

Wichtig sind die Altersbeschränkungen: Pimecrolimus und Tacrolimus (0,03 Prozent) sind erst ab dem dritten Lebensjahr erlaubt. Der Einsatz der 0,1-prozentigen Tacrolimus-Formulierung ist erst ab dem 17. Lebensjahr ­zulässig. Bei äußerst schweren Gesichts- oder Wangenekzemen kann im Einzelfall bei Säuglingen Pimecrolimus angewandt werden.

 

Bei der Abgabe der Präparate sollte das Apothekenpersonal den Patienten stets darauf hinweisen, nach der Anwendung unbedingt die Hände zu waschen und den Kontakt mit Augen und Schleimhäuten zu vermeiden. Zwei Stunden vor und nach der Anwendung von Tacrolimus sollte er keine Hautpflegemittel verwenden. Für Pimecrolimus gilt dies nicht. Auch auf ausreichenden Sonnenschutz sollte das Apothekenteam hinweisen.

 

Treten virale Infektionen im Behandlungsareal auf, wird eine The­rapiepause empfohlen. Bakterielle ­Superinfektionen der Haut sind seltener als bei einer Corticoidtherapie.

 

Systemische ­Immunsuppressiva

 

Meist reicht eine topische Therapie der Neurodermitis aus. Nur bei schweren, vor allem großflächigen Akutverschlimmerungen ist eine systemische Behandlung erforderlich – bei sorgfältiger Nutzen-Risiko-Abwägung. Empfohlen wird der Einsatz von Ciclosporin. Eine kurzzeitige Therapie mit oralen Glucocorticoiden wird laut Leitlinie nur zur Unterbrechung des akuten Schubs, vor allem bei erwachsenen Patienten mit schweren Formen einer Neurodermitis erwogen.

Vor Behandlungsbeginn mit Ciclosporin muss der Patient eingehend auf seinen allgemeinen körperlichen und insbesondere nephrologischen Status hin untersucht werden. Ciclosporin wird von einer Anfangsdosis von 2,5 bis 3,5, maximal 5 mg/kg/d (in zwei Einzeldosen) schrittweise aufdosiert; bei gutem Ansprechen wird ein Ausschleichen nach vier bis sechs Monaten empfohlen. Ciclosporin kann auch bei Kindern und Jugendlichen mit therapieresistentem, sehr schwerem Verlauf der Neurodermitis off-label genutzt werden.

 

Aufgrund des erhöhten Karzinogeneserisikos darf Ciclosporin nicht mit einer Phototherapie kombiniert werden. Während der Einnahme von Ciclosporin muss der Patient immer auf einen optimalen Lichtschutz achten.

 

Zeigt Ciclosporin keinen therapeutischen Erfolg, können Azathioprin, Methotrexat oder Mycophenolat Mofetil (alle off label) erwogen werden.

 

Eine Behandlung mit dem Anti-IgE-Antikörper Omalizumab, der zur Behandlung des schweren allergischen Asthma bronchiale und bei schwerer Urtikaria zugelassen ist, wird laut Leitlinie nicht empfohlen. Positive Fallberichte lägen für Ustekinumab, Rituximab, Tocilizumab und Alefacept vor. Die Studienlage erlaube aber noch keine Bewertung von Biologicals bei Neurodermitis.

 

Licht heilt Haut

 

Bei entzündlichen Hauterkrankungen hat die Phototherapie ihren festen Platz. Am wirksamsten, wenngleich auch am nebenwirkungsreichsten (Verbrennungen, Hautkrebsrisiko) ist die PUVA-Therapie (PUVA: Psoralen plus UV-A). Mit einer Kombination von langwelligem UV-Licht und dem Naturstoff Psoralen werden dessen photosensibilisierende Eigenschaften zu therapeutischen Zwecken genutzt.

 

PUVA ist nur bei Erwachsenen mit starken Hautirritationen zugelassen. Speziell bei Neurodermitis konnten eine deutliche antiinflammatorische Wirkung und ein juckreizstillender Effekt gezeigt werden.

Die Autorin

Verena Ruß studierte von 2000 bis 2004 Pharmazie an der Julius-Maximi­lians-Universität Würzburg. Nach dem Praktischen Jahr in der pharmazeutischen Industrie und Offizin begann sie ihre Promotion 2005 an der LMU in München im Bereich Pharmazeutische Biolo­gie/Biotechnologie zum Thema nichtviraler Gentransfer zur Tumor­therapie. In ihrer Postdoktorandenzeit am City of Hope in Duarte, Kalifornien/USA, erweiterte sie die Therapieziele auf die HIV-Therapie und kehrte 2009 nach Deutschland zurück. Seit 2010 ist sie Inhaberin einer Apotheke und nebenbei als freiberuf­liche Fachjournalistin tätig.

 

Dr. Verena Ruß

Franz-Fihl-Straße 3

80992 München

E-Mail: verenaruss@gmail.com

Gefürchtete Komplikationen

 

Aufgrund der geschwächten Immunabwehr des geschädigten Hautorgans kann es leicht zu Komplikationen kommen. Dies müssen Neurodermitis-Patienten wissen, um schwere bakterielle oder virale Infektionen vermeiden zu können.

 

Circa 90 Prozent aller Neurodermitiker haben eine vermehrte Besiedlung mit Staphylococcus aureus – auch auf gesunder Haut, unter den Nägeln oder am Naseneingang. In schubfreien Phasen spielt der Erreger keine Rolle. Bei einem akuten Schub kann es jedoch leicht zu einer eitrigen Infektion der geschwächten Haut kommen. Topisch können dann Antiseptika wie Fusidinsäure, Clioquinol oder Triclosan helfen. Eine längerfristige Anwendung wird wegen der Gefahr der Resistenzbildung und teilweise auch der Sensibilisierung (Triclosan) nicht empfohlen. Ist eine systemische Antibiose angezeigt, werden aufgrund der aktuellen Resistenzspektren insbesondere das nur gegen grampositive Keime wirksame Cephalexin oder andere Cephalosporine der ersten Generation empfohlen.

 

Gefürchtet sind auch virale Komplikationen. Vor allem eine Infektion mit dem Herpes-simplex-Virus kann dramatische Folgen für den immungeschwächten Patienten haben. Innerhalb kürzester Zeit kann es zu hohem Fieber, Lymphknotenschwellung und Bläschenbildung am ganzen Körper kommen (Eczema herpeticatum). Die Prognose ist bei schneller intravenöser Gabe von Virustatika, zum Beispiel Aciclovir, gut.

 

Auch Infektionen mit anderen Viren wie Dellwarzenvirus (Mollusca contagiosa), Coxsackievirus (Eczema coxsackium) oder humane Papillomviren sind gefürchtet. Sie verlaufen oft schlimmer und langwieriger als bei ­Patienten ohne Neurodermitis.

 

Mit Neurodermitis leben

 

Neurodermitis ist ein komplexes Krankheitsbild, das viele Bereiche des Organismus und des täglichen Lebens beeinflusst. Seelische Faktoren spielen eine wesentliche Rolle bei der teils psychosomatischen, vielleicht sogar vielmehr somatopsychischen Erkrankung.

 

Die Betroffenen brauchen mehr als Medikamente, Salben und Cremes. Die Behandlung sollte einem ganzheitlichen Ansatz folgen und die individuelle Befindlichkeit, Sensibilisierung und Provokationsfaktoren berücksichtigen. Das erfordert die Mit- und Zusammenarbeit, aber auch das Wissen des Patienten und seiner Angehörigen über Details zur Therapie, Pflege, Psyche und zu vielen Aspekten des Lebens. Inzwischen werden Schulungsprogramme für Betroffene und Angehörige angeboten, die auch von den Krankenkassen erstattet werden (Näheres unter www.neurodermitisschulung.de). /

Mehr von Avoxa