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Alternativlos

29.03.2017
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Alternativlos

Eine Situation, in der es rationalen Naturwissenschaftlern schon mal schwerfallen kann, ruhig zu bleiben, ist das Gespräch mit Impfkritikern. Tatsächlich ähnelt die verbale Auseinandersetzung mit Menschen, die Impfungen für sich und ihre Kinder kategorisch ablehnen, oft der Diskussion des tapferen Pressevertreters mit der Trump-Vertrauten Kellyanne Conway nach der Inauguration des aktuellen US-Präsidenten. Konfrontiert mit den tatsächlichen Besucherzahlen der Veranstaltung, die offenbar hinter den Erwartungen zurückgeblieben waren, sagte Conway den mittlerweile legendären Satz: »Sie präsentieren Fakten, wir haben alternative Fakten.«

 

Selbstverständlich sind alternative Fakten keine Tatsachen, sondern Unwahrheiten. Das gilt für Donald Trumps Wunschvorstellungen genauso wie für die faktenfreien Behauptungen der Impfgegner. Zu diesem extrem erfolgreichen, aber zugleich auch kontroversen Feld der Medizin finden sich in diesem Schwerpunktheft gleich mehrere Artikel. So erklärt die Psychologin Dr. Cornelia Betsch im Interview, woher die Abneigung gegen das Impfen kommt und mit welchen Argumenten Impfgegner am besten zu überzeugen sind (lesen Sie dazu Impfgegner: Zwang bringt nichts).

 

Eines ist sicher: Zu Lebzeiten Emil von Behrings, dessen Todestag sich am kommenden Samstag zum hundertsten Mal jährt (Emil von Behring: Kantig, kreativ und genial), hätte niemand den Sinn der Diphtherie-Impfung angezweifelt. Zu präsent waren damals die Schrecken der Erkrankung, die vielsagend auch als »Würgeengel der Kinder« bezeichnet wurde. Ein Jahrhundert Forschung hat dazu geführt, dass Beh­rings archaisch anmutende Verwendung von Serum-Pferden zugunsten moderner Methoden der Impfstoffherstellung aufgegeben wurde (Herstellung von Impfstoffen: Vom Hühnerei zur Gentechnologie).

 

Heute vermeiden Impfungen jährlich sechs Millionen Todesfälle. Eine Erfolgs­geschichte, die noch lange nicht zu Ende geschrieben ist – selbst bei HIV schließen Experten nicht mehr aus, dass es gelingen kann, einen Impfstoff zu entwickeln (HIV-Impfstoff: Schluss mit Scheitern).

 

Impfungen sind die einzige Maßnahme, mit der ein Krankheitserreger auf der Welt komplett ausgerottet wurde. Die erfolgreiche Eradikation der Pocken, die die Weltgesundheitsorganisation im Jahr 1980 verkünden konnte, ist bis heute einzigartig. Möglich wäre ein solcher Schritt auch bei anderen ­Erregern, etwa dem Masern- oder dem Poliovirus. Impfquoten, die vor allem aufgrund der alternativen Fakten von Impfverweigerern noch zu niedrig sind, haben das bisher verhindert. Es ist daher notwendig, noch mehr Menschen argumentativ vom Nutzen von Impfungen zu überzeugen. Immer wieder das Gespräch mit Impfgegnern zu suchen, ist daher zwar mühsam, aber alter­nativlos.

 

Annette Mende 

Redakteurin Pharmazie 

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