Pharmazeutische Zeitung online
Hochschulporträt

Lupenreine Pharmazie

29.03.2011  17:56 Uhr

Von Sven Siebenand / Licht und Optik spielen in Jena spätestens seit Carl Zeiss und Ernst Abbe eine besondere Rolle. In der Reihe Hochschulporträt stellt die PZ das Institut für Pharmazie an der Friedrich-Schiller-Universität ins Rampenlicht und nimmt es unter die Lupe. Glasklares Fazit: Die Pharmazie ist in der Lichtstadt gut sichtbar und vernetzter denn je.

Obwohl die pharmazeutische Ausbildung an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena eine lange Tradition hatte, wurden 1970 durch zentrale Weisung der Studiengang Pharmazie und das Institut für Pharmazie im Rahmen der »III. Hochschulreform« der DDR geschlossen. Nach rund 20-jähriger Unterbrechung der Pharmazieausbildung in Jena wurde die Neugründung des Instituts bereits 1989 vorangetrieben. Im Oktober 1992 konnte das Institut dann schließlich wiedereröffnet werden. »Nach der Wende waren hier praktisch null Ressourcen vorhanden«, macht Professor Dr. Thomas Winckler vom Lehrstuhl für Pharmazeutische Biologie darauf aufmerksam, dass neue Gebäude, Ausstattungen und Dozenten für die Durchführung des Pharmaziestudiums nach Approbationsordnung rekrutiert werden mussten. Nach und nach zog es Wissenschaftler wieder gen Jena. Allein in den vergangenen fünf Jahren, so Winckler, habe die Universität Jena vier Professorenstellen im Fach Pharmazie neu besetzt.

 

Forschung der Jenaer Pharmazeuten

 

Den Lehrstuhl für Pharmazeutische/Medizinische Chemie hat zum Wintersemester 2010/2011 Professor Dr. Oliver Werz übernommen. Er erforscht mit seinem Team die molekularen Grundlagen entzündlicher Erkrankungen und versucht, aus den gewonnenen Erkenntnissen neue Konzepte für die Pharmakotherapie abzuleiten. Dabei klärt sein Arbeitskreis Zielstrukturen und Mechanismen entzündungshemmender und antineoplastischer Wirkstoffe auf molekularer und zellulärer Ebene auf.

Eine zweite Professur für Pharmazeutische Chemie mit dem Schwerpunkt Pharmazeutische Analytik ist mit Professor Dr. Gerhard Scriba besetzt. Er bearbeitet Fragestellungen zur Arzneistoff- und Peptidanalytik mittels chromatografischer und elektrophoretischer Verfahren speziell der Kapillarelektrophorese und der Kapillarelektrochromatografie.

 

Der Lehrstuhl für Pharmazeutische Technologie wird durch Professor Dr. Al-fred Fahr und Professor Dr. Dagmar Fischer vertreten. Fahr bearbeitet Fragestellungen zur Formulierung besonders schwerlöslicher Arzneistoffe mittels liposomaler Trägersysteme. Ferner testet er in seinem Arbeitskreis, inwiefern Liposomen auch zur Zielsteuerung von Arzneistoffen oder Diagnostika, zum Beispiel zu Tumorgewebe, genutzt werden können.

 

Die Entwicklung von Drug-Delivery-Systemen mit kontrollierter, steuerbarer Wirkstofffreisetzung auf der Basis von natürlichen und synthetischen Polymeren ist ein Schwerpunkt in Fischers Team. Das Hauptinteresse gilt dabei Struktur-Funktions-Beziehungen polymerbasierter Trägersysteme vor allem für innovative Arzneistoffe wie DNA, RNA, Proteine, Peptide und Small Molecules.

Steckbrief: Friedrich-Schiller-Universität

Die Friedrich-Schiller-Universität (FSU) Jena wurde im Jahr 1558 vom damaligen Kurfürsten Johann Friedrich I. gegründet. Gefördert durch Johann Wolfgang von Goethe lehrten unter anderem Hegel, Fichte, Schelling, Voß, die Gebrüder Schlegel und Friedrich Schiller in Jena, Novalis, Hölderlin, Brentano, Fröbel und Arndt saßen in ihren Vorlesungen. Auch aktuell erfreut sich die FSU großer Beliebtheit bei den Studienplatz-Interessierten. In den vergangenen zehn Jahren ist die Zahl der in Jena immatrikulierten Studierenden um mehr als 30 Prozent gestiegen und zählt im Wintersemester 2010/11 mehr als 21 000 Studierende, darunter etwa 330 Studierende im Staatsexamens-Studiengang Pharmazie. Damit machen die Studierenden in Jena etwa ein Fünftel der Einwohner und das auffallend jugendliche Flair der Stadt aus.

Professuren im Bereich der Pharmazeutischen Biologie haben Dr. Thomas Winckler und Dr. Dirk Hoffmeister inne. Winckler beschäftigt sich mit der Charakterisierung nicht-humaner, mobiler genetischer Elemente, die zukünftig die Sicherheit von Gentherapie-Vektoren verbessern könnten. Zudem sucht er mit zellbasierten Testsystemen nach neuen chemisch-synthetischen oder natürlichen Wirkstoffen gegen Demenzerkrankungen.

Hoffmeister deckt mit seiner Forschung den Bereich der mikrobiellen Sekundärstoffe ab. Ein Schwerpunkt liegt auf der Erforschung der biochemischen und genetischen Grundlagen der Sekundärstoffbildung in höheren Pilzen sowie auf der Isolation und Strukturaufklärung neuer bioaktiver, zum Beispiel antiinfektiver Naturstoffe.

 

Die Pharmakologie-Ausbildung im Studiengang Pharmazie wird gemeinsam mit der medizinischen Fakultät von Professor Dr. Christian Fleck vom Institut für Pharmakologie und Toxikologie wahrgenommen. Die Ausbildung in Klinischer Pharmazie wird unter der Leitung von Privatdozent Dr. Andreas Seeling durchgeführt. Typisch klinisch-pharmazeutische Arbeiten befassen sich mit der Arzneimitteltherapie­sicherheit im Bereich der Offizin- und Krankenhauspharmazie. In Zusammenarbeit mit niedergelassenen Apothekern und Klinikapothekern werden – häufig im Rahmen von Diplomarbeiten – typische Pro­blemfelder wie Compliance, Medikationssicherheit und Medikationsirrtümer statistisch bearbeitet und ausgewertet. Darüber hinaus werden analytische Verfahren zur Qualitätssicherung von Rezeptur- und Defekturarzneimitteln validiert und in Laboratorien von Klinikapotheken etabliert.

 

Professur für Industriepharmazie

 

Seit 2006 wird das Institut für Pharmazie durch eine Honorarprofessur für Industriepharmazie in Person von Professor Dr. Michael Hildebrand verstärkt. »Das ist in Deutschland bislang einzigartig«, sagt Winckler. »Bei den Studenten kommt die kompakte Übersicht zu diesem Themenfeld enorm gut an«, ergänzt Professor Dr. Dagmar Fischer.

Apropos Studenten: Seit der Neugründung des Instituts für Pharmazie verzeichnet der Studiengang Pharmazie an der Universität Jena stetig steigende Absolventenzahlen. Derzeit werden pro Jahr circa 80 Studierende neu immatrikuliert. Die Abbrecherquote, so Fischer, ist in Jena geringer als im bundesdeutschen Durchschnitt und circa 90 Prozent der Studierenden befinden sich in der Regelstudienzeit. Ein Grund dafür könnte der enge Kontakt von Studierenden und Lehrenden sein. Winckler ist überzeugt, dass dieses gute Verhältnis sich auch darin widerspiegelt, dass der Standort Jena im aktuellen CHE-Ranking unter den vier besten Standorten rangiert. Im Gespräch mit der PZ heben die Hochschullehrer die konstruktive Zusammenarbeit mit den Vertretern der Fachschaft Pharmazie hervor. Bei regelmäßigen informellen Treffen kommen Angelegenheiten des Lehrbetriebs zur Sprache. Anna Knecht, Studentin im siebten Semester, und Matthias Zink, Diplomand am Institut, können das bestätigen. Knecht lobt zum Beispiel die gute Betreuung in den Praktika und dass die Professoren bei Problemen immer ein offenes Ohr haben. Egal ob Wahlpflichtfach, Diplom oder Promotion: Zink findet es gut, dass die Professoren die Studenten dazu motivieren, sich in der Forschung zu engagieren. Seiner Meinung nach sind die Pharmaziestudenten zudem sehr gut untereinander und mit anderen Disziplinen, etwa der Biologie, vernetzt.

 

Wissenschaftliches Umfeld

 

Letzteres ist nicht überraschend, denn die Pharmazie in Jena ist in einer Fakultät mit der Biologie, der Biochemie und den Ernährungswissenschaften organisiert. In diesem Bereich der Lebenswissenschaften sind in der Stadt auch einige außeruniversitäre Einrichtungen aktiv, zum Beispiel die Leibniz-Institute für Altersforschung beziehungsweise Naturstoffforschung und Infektionsbiologie (Hans-Knöll-Institut). Zudem sind in Jena das Max-Planck-Institut für Biogeochemie sowie das Max-Planck-Institut für Chemische Ökologie ansässig. In dieses herausragende Forschungsumfeld ist die Jenaer Pharmazie durch zahlreiche Kooperationen eingebettet. In diesem Zusammenhang spricht Professor Dr. Oliver Werz von einem echten Markenzeichen Jenas. Er lobt das in sich geschlossene wissenschaftliche Umfeld der Stadt, die kooperationsfreudigen und -bereiten (außer-)fakultären Kollegen und die kurzen Wege in dem »quirligen Universitätsstädtchen«. Während es nach der Wende vor allem darum ging, die Lehre in Jena wiederaufzubauen, hat die Jenaer Pharmazie nun auch wissenschaftlich noch mehr zu bieten, so Werz.

Er ist zum Beispiel mit zwei Teilprojekten fester Bestandteil einer kürzlich aus der Pharmazie heraus gegründeten DFG-Forschergruppe (»Exploiting the Potential of Natural Compounds: Myxobacteria as Source for Therapeutic Leads and Chemical Tools in Cancer Research«). Die Professoren Hoffmeister und Winckler sind mit Forschungsprojekten in der »Jena School for Microbial Communication« (JSMC), einer 2006 im Rahmen der Exzellenzinitiative gegründeten Graduiertenschule, aktiv. Forschungsschwerpunkt der Wissenschaftler sind niedermolekulare Sekundärstoffe, die als Informationsträger zwischen Mikroben fungieren. Weitere Informationen dazu sind unter www.jsmc.uni-jena.de zu finden.

 

Unter dem Dach der JSMC ist eine weitere Graduiertenschule angesiedelt, die International Leibniz Research School (ILRS) for Microbial Interaction. Auch hier ist die Jenaer Pharmazie präsent. Das im Rahmen des Thüringer Landesprogramms bewilligte ProExzellenz-Projekt NanoConSens befasst sich mit dem Einschluss beziehungsweise der Immobilisierung von funktionalen Molekülen und Partikeln in kleinsten, kompartimentierten Strukturen, was die gezielte Nutzung von Substanzen in verschiedenen Anwendungsfeldern ermöglicht. Die Pharmazeutische Technologie in Jena ist maßgeblich an diesem Projekt beteiligt. Im November 2010 konstituierte sich aus zwei ProExzellenz-Projekten, eines davon NanoConSens, das Jena Center for Soft Matter, welches sich interdisziplinär mit der Entwicklung und Charakterisierung neuer Materialien und Biomaterialien auf der Basis funktionaler Polymere befasst und sie zielgerichtet in Anwendungen überführt.

 

Engagement in Nachwuchsförderung

 

Forschung und Lehre sind in Jena eng miteinander verknüpft: Für alle Bereiche in der Lehre gilt, dass die Studierenden anhand moderner und aktueller Methoden der Wirkstoffforschung und -entwicklung sowie Analytik in die Forschungsarbeiten der Lehrstühle eingeführt werden. Großen Anklang bei den Studierenden fand zum Beispiel ein von Winckler organisiertes Gentechnik-Praktikum. Werz plant zukünftig, auch einen fakultativen Kurs »Scientific English« für interessierte Studenten anzubieten. Die Klinische Pharmazie ist als multidisziplinäre Seminarveranstaltung im letzten Fachsemester angesiedelt. Die fundierte Vermittlung praxis- und vor allem patientenorientierten Fachwissens wird getragen von Offizin- und Krankenhausapothekern, Pharmakologen, Klinikern und Hochschullehrern der Pharmazie. Winckler spricht von einer wichtigen Schnittstelle zwischen Hochschulstudium und praktischer Berufsausbildung. »Die Kooperation mit der Landesapothekerkammer Thüringen läuft optimal«, fügt Fischer hinzu. Erst kürzlich wurde eine gemeinsame Arbeitsgruppe ins Leben gerufen, die sich dem Thema »Nachwuchsförderung« widmet. Ziel ist es unter anderem, so Fischer, das Pharmaziestudium schon bei Schülern bekannter zu machen. Eine andere Form der Nachwuchsförderung ist die Betreuung der Seminarfacharbeiten, die Gymnasiasten des Landes Thüringen anfertigen müssen. »Die Pharmazie in Jena musste insgesamt sichtbarer und vernetzter werden. Und das haben wir auch erreicht«, zieht Winckler ein positives Resümee. / 

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