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Pharmazie in Jena

»Das Experiment hat funktioniert«

30.10.2012
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Von Conny Becker, Jena / Nachdem zu DDR-Zeiten der Rotstift angesetzt wurde, musste die Friedrich-Schiller-Universität Jena (FSU) mehr als zwanzig Jahre ohne die Pharmazie auskommen. Jetzt feiert das Institut seine zwanzigjährige Wiedergründung und kann stolz sein auf das Erreichte.

»Das Fach Pharmazie blickt in Jena auf eine 200-jährige Tradition zurück«, sagte Professor Dr. Gerhard K. E. Scriba in seiner Begrüßung bei der 20-Jahres-Feier. Den Grundbaustein für die Pharmazie in Jena legte damals kein geringerer als Johann Wolfgang von Goethe, berichtete der Direktor des Instituts für Pharmazie. Naturwissenschaftlich sehr interessiert und versiert, veranlasste Goethe als zuständiger Minister, dass die Pharmazie aus der Medizin he-rausgelöst wurde, bei welcher sie als materia medica bis dahin nur ein Anhängsel darstellte. So sei 1789 der Apothekenprovisor Johann Friedrich August Göttling als außerordentlicher Professor für Chemie, Pharmazie und Technologie an die philosophische Fakultät der Universität Jena berufen worden. »Dies bedeutete zur damaligen Zeit erstmals die Trennung der Chemie und damit der Pharmazie von der Medizin – also ein klares Bekenntnis zur Pharmazie als Naturwissenschat«, resümierte Scriba.

Aktuell könne sich die »kleine, aber feine« Pharmazie in Jena sehen lassen. Ihre kontinuierlich 350 Studierenden profitieren etwa von einem Austausch mit der Universität von Wuhan, China. Die Jenaer Pharmazeuten betrieben ferner international kompetitive Forschung, was sich auch an DFG-geförderten Projekten sowie Veröffentlichungen in internationalen Fachzeitschriften zeige. »Die Pharmazie wird in Jena also ganz im Sinne Goethes als Naturwissenschaft betrieben, und das auf hohem Niveau,« so Scriba. Dies unterstrich auch Professor Dr. Klaus Dicke, Rektor der FSU Jena, und führte hinzu: »Die pharmazeutische Forschung hat sich im großen Umfang in Verbundforschungsprojekten der Universität eingebracht.« So sind Pharmazeuten zum Beispiel in der fakultätsübergreifenden Exzellenzgraduiertenschule »Jena School for Microbial Communication« aktiv.

 

Dass die Pharmazie schon immer Brücke zwischen verschiedenen Fachgebieten war und ein wichtiges Netzwerk zu knüpfen geholfen hat, betonte Professor Dr. Frank Hellwig: »Für uns steht der Fortbestand der Pharmazie überhaupt nicht zur Disposition. Wir brauchen die Pharmazie«, sagte der Dekan der Biologisch-Pharmazeutischen Fakultät und nannte als Praxisbeispiel die Altersforschung, die ein Schwerpunkt der Fakultät bildet. »Hier ist die Pharmazie eine wichtige Klammer. Zugleich ist sie wie wenige andere Bereiche unserer Fakultät mit der Wirtschaft verbunden und hilft so mit, dass Erkenntnisse der Grundlagenforschung genutzt werden.« Auch der Präsident der Deutschen Pharmazeutischen Gesellschaft bestätigte, dass die Jenaer Pharmazeuten wissenschaftlich einschlägig ausgewiesen seien. »Nach 20 Jahren kann das Resümee gezogen werden, dass das Experiment der Einrichtung der Pharmazie in Jena funktioniert hat«, so Professor Dr. Dieter Steinhilber.

 

Heute unentbehrlich

 

»Wir schätzen die Zusammenarbeit mit Ihnen und natürlich auch den Apothekern und Apothekerinnen im ganzen Lande. Denn sie sind einfach wichtig«, betonte Heike Taubert, Thüringer Ministerin für Soziales, Familie und Gesundheit. Pharmazeuten hätten über die Jahre eine immer wichtigere Stellung erhalten, auch angesichts des Ärztemangels in Thüringen. So sei im ländlichen Raum häufig der Apotheker die einzige Fachperson. Sich selbst befragend, was wäre, wenn man ohne Pharmazie auskommen müsste, sagte Taubert: »Das kann man sich einfach nicht vorstellen!«

Dem konnte Erika Fink, Präsidentin der Bundesapothekerkammer, natürlich nur zustimmen und stellte dabei klar: »Ohne universitäre Ausbildung ist man den Aufgaben als Apotheker nicht gewachsen.« Denn nur das Fachwissen ermögliche, die Arzneimittel-Therapiesicherheit durch das Erkennen von Doppelverordnungen, Unverträglichkeitsreaktionen oder Kontraindikationen zu erhöhen. »Wir sind diejenigen, die die Patienten in die Lage versetzen, mit ihrem Arzneimittel richtig umzugehen.« Gerade in der alternden Gesellschaft mit steigender Multimorbidität und damit verbundener Polypharmazie und komplexen Therapieregime sei die Beratung durch den Apotheker unentbehrlich. Von einem Überangebot an Apotheken könne keine Rede sein. Fink: »Es reicht gerade so.«

 

Was damals geschah

 

Was sich genau vor zwanzig Jahren abspielte und warum das Institut zu DDR-Zeiten überhaupt geschlossen wurde, erklärte Professor Dr. Jochen Lehmann, Lehrstuhl für Pharmazeutische/Medizinische Chemie am Institut für Pharmazie der FSU. Dass Jena in der Pharmazielandschaft weiterhin präsent ist, sei dem Engagement einiger zäher Überzeugungstäter zu verdanken, allen vo-ran Professor Dr. Gerhard Reuter sowie dem inzwischen verstorbenen Professor Dr. Herbert Oelschläger, berichtete der Altdekan aus Jena.

 

Reuter kam bereits 1966 in die thüringische Universitätsstadt, wo eine seiner ersten Aufgaben als ordentlicher Professor darin bestand, die Schließung des Instituts zu betreuen. Während 1966 noch ein Neubau zur Diskussion stand, beschlossen die zuständigen Minister vermutlich schon im Folgejahr, dass die DDR weniger zusätzliche Apotheker benötige und die Ausbildung im Fach Pharmazie in Jena einzustellen sei, so der Referent. Stattdessen hätten Kooperationen mit der Industrie im Fokus gestanden, wie das Uni-Carl Zeiss Kombinat. »Ein Grund war offenbar auch das Interesse der Sowjetunion am wissenschaftlichen Gerätebau«, berichtete Lehmann. »Hierfür war die Pharmazie damals uninteressant«. Mit der Schließung gingen die Kapazitäten an die Biologie und mit ihnen auch Reuter – als ordentlicher Professor für mikrobielle Biochemie. Den damaligen Studenten und Doktoranden wurde noch ihr Abschluss ermöglicht, das Institut im Jahr 1970 geschlossen.

Die Neugründung rund 20 Jahre später bahnte sich 1989 bereits vor dem Fall der Mauer an, wobei Reuter erneut einer der Vorkämpfer für diese Idee in der sogenannten »Aktionsgemeinschaft Demokratische Erneuerung der Hochschule« war. Zusammen mit Gleichgesinnten konnte er im Folgejahr die Universitätsleitung überzeugen, dass die freiwerdenden Kapazitäten durch den Wegfall der Sektion Marxismus-Leninismus mit einem pharmazeutischen Institut bestens genutzt sein würden. Parallel berechnete Jürgen Keiner vom Thüringer Ministerium für Soziales und Gesundheit einen Mehrbedarf von rund 1000 Apothekern für Thüringen bis zum Jahr 2000 und auch der Verband der deutschen pharmazeutischen Hochschullehrer unterstützte das Vorhaben. Konkret erklärte der soeben emeritierte Oelschläger das Projekt zu seiner Herzensangelegenheit und redete mit allen Involvierten und Entscheidungsträgern.

 

Nach »zähen Verhandlungen« und ohne Neubau willigt der zuständige Minister in die Wiedereröffnung der Fakultät zum Wintersemester 1992 ein. Oelschläger wechselte damit aus Frankfurt am Main in die laut Lehmann später für Wasserrohrbrüche berühmt-berüchtigte Semmelweisstraße 10, die »Keimzelle der neuen Pharmazie«. Als Honorarprofessor leitete er zehn Jahre lang den Lehrstuhl für Pharmazeutische/Medizinische Chemie, bis ihn Lehmann als ordentlicher Professor ablöste. Reuters Lehrstuhl wurde in den für Pharmazeutische Biologie umgewidmet, die Pharmazeutische Technologie, eine Stiftungsprofessur von Jenapharm, begründete Professor Dr. Karl-Heinz Frömming. Ein vierter Lehrstuhl für Pharmazeutische Pharmakologie nach Frankfurter Vorbild konnte hingegen nicht erreicht werden. Mittlerweile sind jedoch noch Professuren für Klinische Pharmazie sowie für Industriepharmazie hinzugekommen, sodass die Pharmazie in Jena breit aufgestellt ist. / 

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