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Phytopharmaka

Zwischen Tradition und Moderne

27.03.2007  11:05 Uhr

Phytopharmaka

Zwischen Tradition und Moderne

Von Annette Immel-Sehr, Bonn

 

Phytopharmaka erfreuen sich bei den Deutschen großer Beliebtheit. Dennoch ist ihr Umsatz seit Jahren stark rückläufig. Wie kann der Stellenwert pflanzlicher Arzneimittel verbessert werden? Vorschläge erarbeiteten Experten aus Wissenschaft, Industrie und Universität auf einem Workshop der Deutschen Gesellschaft für Drug Regulatory Affairs und des Bundesverbands der Arzneimittelhersteller.

 

»Die 14. AMG-Novelle von 2005 hat das Inverkehrbringen von Phytopharmaka neu geregelt«, sagte Professor Dr. Harald G. Schweim, Lehrstuhl für Drug Regulatory Affairs der Universität Bonn. Neben dem klassischen Zulassungsverfahren eröffnete die Novelle für pflanzliche Arzneimittel die Möglichkeit einer Registrierung als »traditionelles pflanzliches Arzneimittel«. Dabei ist unter anderem die mindestens 30-jährige medizinische Anwendungstradition (davon mindestens 15 Jahre in der EU) zu belegen. Auch die Unbedenklichkeit und Plausibilität der pharmakologischen Wirkungen oder Wirksamkeit ist darzulegen.

 

In der Realität erweise sich die Überführung eines traditionellen Phyto-Präparates in die Neuregistrierung jedoch als wesentlich schwieriger, als es der Gesetzestext erwarten lässt, konstatierte Dr. Rainer Kolkmann, Diapharm Gruppe. So sei es für den Hersteller mitunter eine sehr knifflige Aufgabe, die medizinische Verwendung des betreffenden oder eines entsprechenden Arzneimittels seit mindestens 30 Jahren nachzuweisen. Kolkmann kritisierte einige Ungereimheiten des Gesetzes, die sich jetzt in der Umsetzung zeigten. So ist es zwar unerheblich für die Registrierung, wenn in der Vergangenheit  Anzahl oder Menge der Wirkstoffe eines Präparates herabgesetzt worden waren. Umgekehrt stellt aber eine Anhebung der Dosis ein Problem dar. Dies sei um so unverständlicher, wenn die Dosisanhebung nachweislich aufgrund damals neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse erfolgt war. Kolkmann drängte darauf, die Unstimmigkeiten und Hürden des Gesetzes baldmöglichst zu beheben.

 

Trotz Fortschritt zu wenig Daten

 

»Eines der Ziele der ESCOP ist es, harmonisierte Bewertungskriterien für Phytopharmaka in Europa zu schaffen«, sagte Professor Dr. Liselotte Krenn, Universität Wien. ESCOP (European Scientific Cooperative on Phytotherapy) ist eine Dachorganisation nationaler wissenschaftlicher Fachgesellschaften für Phytotherapie, für die ein wissenschaftliches Komitee aus Experten der Hochschulen, Behörden und Industrie Monographien für Heilpflanzen erarbeitet. Basis der Bewertung sind alle vorliegenden pharmakologischen, toxikologischen und klinischen Studien. Die Bewertung erfolgt gemäß »best available scientific evidence«. Mittlerweile liegen 80 Monographien vor. In diesem Jahr werden 20 weitere sowie fünf revidierte Monographien folgen.

 

Insgesamt sei die Zahl der klinischen Studien zum Einsatz von Phytopharmaka in den letzten Jahren stark gestiegen. Dies bewertete Krenn als sehr positiv, da das Studiendesign vieler Studien aus den 1980er-Jahren den aktuellen Anforderungen nicht mehr genügt. Dennoch bestehe weiterhin großer Forschungsbedarf zur Anwendung von Phytopharmaka. So wünsche sie sich klinische Studien zu bewährten Arzneipflanzen wie Hopfen. Auch zur Pharmakokinetik von Wirksubstanzen gebe es noch zu wenig Daten.

 

Fachwissen ist unabdingbar

 

»Apotheker, die in der Herstellung von Phytopharmaka arbeiten, benötigen ein umfangreiches  pharmazeutisch-biologisches Fachwissen«, betonte Dr. Dieter Zeh, Salus. Schon allein wegen der Fülle von Heilpflanzenzubereitungen, die vom Arzneitee über Trockenextrakte, Frischpflanzenpresssäfte bis zu öligen Auszügen reichen, benötigten sie ein spezielles Know-how. Dies ist auch nötig, um die Qualität der eingekauften pflanzlichen Drogen aus Züchtung oder Wildsammlungen beurteilen zu können, also Identität und Reinheit zu prüfen. Etwa 15 Prozent aller untersuchten Chargen von Arzneibuchdrogen entsprechen nicht den Arzneibuchanforderungen. Rund zwei Drittel der Reklamationen entfallen auf ungenügende Reinheit. Auch wenn in der Industrie längst moderne analytische Verfahren eingesetzt werden würden, habe das »gute alte« Mikroskop immer noch hohe Bedeutung für die Identitätsprüfung. Die Spitzenstellung der deutschen Phytopharmaka-Industrie in Europa sei nur haltbar, wenn auch die zukünftigen Apotheker gut in klassischer pharmazeutischer Biologie ausgebildet werden, so Zeh.

 

Phytotherapie ist nach Ansicht von Dr. Günter Meng, Dr. Wilmar Schwabe,  eine moderne Therapierichtung. Sie bietet jungen Wissenschaftlern ein höchst attraktives Forschungsgebiet mit interessanten Indikationen. Die Extraktcharakteristik zum Beispiel steckt immer noch voller Herausforderungen. Welche Inhaltstoffe kommen vor? Was sind geeignete Leitsubstanzen? Vorbedingung für die Entwicklung eines Phytopharmakons ist eine möglichst gute Definition des Wirkstoffs »Extrakt«. Die optimierte Zusammensetzung des Wirkstoffs muss frühzeitig auf Basis verlässlicher pharmakologischer Daten festgelegt werden. Passend zum angestrebten Symptomen-Profil für den Einsatz bei der jeweiligen Erkrankung sollte der Wirkstoff ein optimiertes Wirkungsprofil haben. Die Entwicklung eines neuen Phytopharmakons ist ein langwieriges und sehr kostspieliges Unterfangen. Immer wieder muss dabei auch das eigene Vorhaben kritisch hinterfragt werden, um es an neue Erkenntnisse anzupassen. Ist die angestrebte Indikation die richtige? Müssen vielleicht andere Akzente gesetzt werden? Entscheidend für die Planung eines so großen Projektes ist auch die Absicherung der Projektinvestitionen. Nur über den Verwertungsschutz können die investierten Kosten wieder erwirtschaftet werden. Während schnell wirksame Synthetika vor allem bei akuten Beschwerdebildern eingesetzt werden, sieht Meng die spezielle Indikation von Phytopharmaka bei vielschichtigen Syndromen, zu denen häufig auch somatische und psycho-soziale Symptom-Komponenten zählen. Gerade leichte bis mittelschwere chronische Erkrankungen stellen typische Einsatzgebiete einer syndrombezogenen Phytotherapie dar. Hier könnte die Phytotherapie der Therapie mit Einzelsubstanzen sogar überlegen sein, vermutete Meng.

 

Mit Universitäten gemeinsam forschen

 

Auch wenn Beinwell (Symphytum officinale L.) bereits seit über 2000 Jahren als Arzneipflanze verwendet wird, ist er in der Bevölkerung relativ wenig bekannt. Nach der Monographie der Kommission E wirkt Symphythi radix entzündungshemmend und fördert die Kallus-Bildung. Bei Prellungen, Zerrungen und Verstauchungen wird sie äußerlich angewendet. Dr. Christiane Staiger, Merck Selbstmedikation, stellte ein klinisches Forschungsprogramm vor, das eine über die Monographie hinausgehende wissenschaftliche Basis für den firmeneigenen Beinwellwurzel-Extrakt liefern soll. 

 

In einer ersten Untersuchung wurde das Produkt bei Verstauchungen des Sprunggelenks gegen Placebo getestet. Beinwellwurzel-Extrakt bewirkte eine hochsignifikante Schmerzreduktion und einen schnelleren Rückgang der Schwellung. In einer nächsten klinischen Prüfung verglich man die Extrakt-Salbe mit einem Diclofenac-haltigen Schmerzgel. Die Salbe zeigte eine dem Diclofenac mindestens gleichwertige Reduktion von Schmerz und Schwellung. Auch in einem weiteren Indikationsgebiet, der schmerzhaften Arthrose des Kniegelenks, wurde Beinwellwurzel-Extrakt-Salbe klinisch getestet. In der randomisierten placebokontrollierten Doppelblindstudie konnte eine signifikante Schmerzlinderung und Besserung der Steifigkeits- und Funktionssymptomatik für Beinwellwurzel-Extrakt-Salbe belegt werden.

 

Trotz der positiven Ergebnisse ist nach wie vor ungeklärt, wie die Wirkung zustande kommt. Zwar gibt es einige Theorien, die aber letztlich nicht belegt sind. Staiger bot den Universitäten eine Kooperation an, um gemeinsam dem Wirkungsmechanismus auf die Spur zu kommen.

 

Studiengang braucht Revolution

 

Privatdozent Dr. Werner Knöss vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte, Bonn, beklagte einen kontinuierlichen Rückgang der Forschungsaktivitäten der Universitäten auf dem Gebiet der Phytopharmaka. Bisher sei die Pharmazeutische Biologie des deutschsprachigen Raums in Europa führend gewesen, doch heute habe sie starke Konkurrenz aus Großbritannien bekommen. Dies alles wirke sich negativ auf das Ansehen der Phytopharmaka aus. Eine Ursache für die mangelnde Forschung sieht Knöss in den vielen neuen attraktiven Forschungsfeldern der Pharmazeutischen Biologie, die die »alten« Themen leicht ins Abseits drängen. Problematisch stellt sich nach seiner Einschätzung auch die Finanzierung dar, da es wenig Drittmittel für die Pharmakognosie gibt. Weder die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) noch europäische Forschungsorganisationen sehen Förderungsschwerpunkte hierfür vor. Negativ wirke sich auch der niedrige Publikationswert von Arbeiten über Phyto-Themen aus. Knöss beklagte, dass im Ausland,  zum Beispiel in Australien, relativ häufig unwissenschaftliche »Skandalberichte« über die schädliche Wirkung von Phytopharmaka veröffentlicht würden. Dem sollten die deutschen Universitäten hochwertige wissenschaftliche Publikationen mit eindeutigen Angaben zu den pflanzlichen Zubereitungen entgegensetzen, die den Behörden eine sachgerechte Risikobewertung ermöglichen.

 

Nach Auffassung von Professor Dr. Theo Dingermann, Universität Frankfurt am Main, führt die von der Politik gewollte Fokussierung der Universitäten auf »Excellence« letztlich dazu, dass angewandte Forschung zunehmend an Bedeutung verliert. Hinsichtlich der heutigen Approbationsordnung machte er deutlich, dass das Pharmaziestudium mit Lehrinhalten hoffnungslos überfrachtet ist. Er regte an, die verschiedenen Universitäten sollten nicht länger versuchen, dieselbe Ausbildung anzubieten, sondern sich hinsichtlich fachlicher Schwerpunkte profilieren. Die klassischen Fächerstrukturen sollten zugunsten einer konsequenten Integration aller pharmazeutischen Fächer in die Ausbildung aufgebrochen werden, auch um unnötige Redundanzen zu vermeiden. Anstatt zu versuchen, einen schier nicht zu bewältigenden Lehrstoff zu vermitteln, sollten die Studierenden zu Autodidakten ausgebildet werden, die zu lebenslangem Lernen fähig sind.

Internationaler Studiengang

PZ / Die Deutsche Gesellschaft für Regulatory Affairs und die Universität Bonn bieten mit dem weiterbildenden Studiengang »Drug Regulatory Affairs« erstmals eine akademische Ausbildung für RA in Deutschland an. Die Ausbildung schließt mit dem Titel »Master of Drug Regulatory Affairs« ab.

 

Zugelassen werden kann, wer einen der folgenden Studiengänge abgeschlossen hat: Pharmazie, Biologie, Medizin, Tiermedizin, Chemie, Lebensmittelchemie oder ein anderes, nahe stehendes naturwissenschaftliches Studium.

 

Die Ausbildung gliedert sich in zwölf Module mit insgesamt 320 Präsenzstunden (Blockunterricht an Freitagen und Samstagen), die in einem Zeitraum von ein bis drei Jahren absolviert werden können. Es sind zwölf Studienarbeiten zu schreiben.

 

Die Ausbildung beinhaltet ein sechsmonatiges Praktikum in einer RA-Abteilung und schließt mit einer mündlichen Prüfung sowie einer schriftlichen Prüfungsarbeit ab.

 

Die Zulassung der Teilnehmer erfolgt durch den Studien- und Prüfungsausschuss der Universität Bonn. Die Teilnahme an einzelnen Modulen ist auf Antrag möglich. Der Antrag hierzu muss ebenfalls bis zum Bewerbungsschluss des Studiengangs vorliegen.

 

Die Gebühren pro Studiengang betragen 6000 Euro und sind über die DGRA zu entrichten. Die Kosten für die Teilnahme an einem einzelnen Modul werden je nach Art des Moduls berechnet. Weitere Informationen unter www.dgra.de.

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