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Pharmaziegeschichte

Die Apotheke im Keller

12.03.2013
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Von Verena Arzbach, Dortmund / Als Schlangenhaut und Hai­zähne als Medikamente eingenommen wurden, Katzenfelle gegen Rheuma halfen und Buckelapotheker um die Häuser zogen: In der Adler Apotheke in Dortmund fühlen sich die Besucher in eine andere Zeit versetzt. Die Apothekerfamilie Ausbüttel hat in den Kellerräumen eine historische Apotheke nachgebaut.

Die Adler Apotheke hat als älteste Apotheke Nordrhein-Westfalens eine lange Historie. Im Jahr 1322 wird sie erstmals urkundlich erwähnt, seit 1502 sind alle Besitzer, Betreiber oder Pächter namentlich bekannt. Das Mobiliar blieb auch während des Zweiten Weltkriegs erhalten, weil der Betrieb der Apotheke damals frühzeitig in den Keller verlegt worden war. So konnte sie als einzige Apotheke in Dortmund die Bevölkerung weiter mit Arzneimitteln versorgen.

Im Besitz von Ulrich Ausbüttel ist die Adler Apotheke seit 1998. Sein Vater Hermann Ausbüttel hat sich im zweiten Kellergeschoss des Hauses einen Traum erfüllt: Auf 130 Quadratmetern hat der Apotheker eine historische Apotheke nachgebaut. Die mehr als 6000 Exponate stammen größtenteils aus dem Familienbesitz sowie dem historischen Inventar der Adler Apotheke. Ausbüttel stellt damit seit der Eröffnung im Jahr 2000 die wohl umfangreichste private pharmaziehistorische Sammlung Deutschlands aus.

 

Betritt der Besucher den Tiefkeller, befindet er sich gleich im Glanzstück des Museums: einer Offizin aus dem Jahr 1880. Die Regale beinhalten originale Standgefäße aus der gleichen Zeit, in den Schubschränken lagert Ausbüttel mehr als 3000 verschiedene historische Verbandstoffe und Arzneimittel, die zum Teil älter als 200 Jahre sind. Die Einrichtung stammt aus der Löwen-Apotheke in Remscheid und steht unter Denkmalschutz.

 

»Manche Besucher entdecken hier längst vergessene Arzneimittel aus ihrer Kindheit wieder«, erzählte Ausbüttel. Ein großer Prunkmörser, der in den Apotheken vorwiegend zu Repräsentationszwecken verwendet wurde, stammt aus dem Jahr 1722.

 

Tierische Arzneimittel

 

Ausbüttel ist leidenschaftlicher Sammler von Animalia, die auch zahlreich in der Offizin ausgestellt sind. Nach damaliger Vorstellung sollten diese tierischen Arzneimittel nach dem Prinzip der Analogie wirken. »Frauen nahmen zum Beispiel gemahlene Schlangenhaut ein, um selbst schöne Haut zu bekommen. Schildkröten sollten helfen, alt zu werden, und kalkhaltige Muscheln oder Korallen sollten die Knochen stärken«, erklärte Ausbüttel. Die ausgestellten Exponate seltener Tier­arten sind größtenteils Leihgaben des Umweltamtes oder des Hauptzoll­amtes der Stadt Dortmund.

 

Eine Besonderheit: In Ausbüttels Museum dürfen die Besucher alle Ausstellungsstücke selbst anfassen. Bei einer Führung in kleinen Gruppen mit acht bis zehn Teilnehmern öffnet der Museumsgründer gemeinsam mit den Gästen zum Beispiel alte Vorratsblechdosen und lässt sie an Moschus, Teufelsdreck (Asa Foetida) oder Bibergeil (Castoreum) riechen. Diese Penetrantia kamen in früheren Zeiten als Arzneimittel zur Beruhigung sogenannter hysterischer Frauen zum Einsatz.

Die alte Bibliothek verfügt über eine Sammlung von nahezu 600 Büchern. Darunter sind Arzneibücher, Fachliteratur aus den Bereichen Botanik, Chemie, Physik und Pharmaziegeschichte sowie zahlreiche alte handschriftliche Aufzeichnungen von Apothekern. Besonders stolz ist Ausbüttel auf ein Rezeptsammelbuch im Ledereinband mit mehr als 200 handgeschriebenen Rezepturen und Notizen von 1680 bis 1720. Im gleichen Raum präsentiert das Museum eine Mörsersammlung mit mehr als 200 Exemplaren aus den unterschiedlichsten Materialien. Stoßgefäße aus Messing, Bronze, Holz, Marmor, Elfenbein, Eisenmörser aus Kriegszeiten oder achteckige Mörser aus Achat. Diesem Mineral wurde eine heilende Wirkung zugeschrieben, die während der Verreibung in den Arzneistoff übergehen und dessen Wirkkraft verstärken sollte. Ältestes Stück der Kollektion ist ein Mörser aus Marmor mit altrömischem Dekor, vermutlich aus dem Jahr 650 nach Christus.

 

Als Schmuckstücke in der Offizin wohlhabender Apotheker dienten einst die sogenannten Fayencen. Die aus Tonerde gebrannten, bemalten und mit Glas überzogenen Standgefäße sind benannt nach der italienischen Stadt Faenza, in der die Gefäße hauptsächlich produziert wurden. Die Stücke in Ausbüttels umfangreicher Sammlung sind größtenteils spanischer oder Italienischer Herkunft aus der Zeit von 1680 bis 1870. In der Materialkammer der historischen Apotheke belegt eine Sammlung alter Heilwasserflaschen die Bedeutung der Adler Apotheke. Ab 1865 war die Apotheke die einzige Niederlassung zur Heilwässerlieferung in Dortmund. In einem Raritätenschrank bewahrt Ausbüttel uralte chemische Substanzen, Reise- und Hausapotheken aus den vergangenen 200 Jahren sowie Geräte zur Dichtebestimmung von Flüssigkeiten auf. Sein besonderer Stolz gilt einer Destillationsanlage aus dem Mittelalter.

Die Materialkammer bietet außerdem ein großes Sortiment medizinischer Hilfsmittel. Der Besucher kann die Weiterentwicklung und Veränderung von Klistierspritzen und Irrigatoren oder von Babyflaschen und Brustpumpen im Laufe der Jahrhunderte nachvollziehen. Hier findet sich auch das älteste Stück des ganzen Museums: Ein römischer »Guttus«, eine etwa 2500 Jahre alte Babyflasche.

 

Arbeitsplatz des Apothekers

 

Das historische Labor gewährt mit Destillationsapparaturen, Öfen, Sterilisierschränken und Mikroskopen den besten Einblick in den Alltag einstiger Apotheker, denn hier verrichteten sie damals den Großteil ihrer Arbeit. Der Besucher hat die Chance, hautnah mitzuerleben, wie die Apotheker noch in den 1960er-Jahren nach alter Rezeptur Pillen drehten, Tabletten pressten oder Tinkturen herstellten. Teedrogen bewahrte der Apotheker zu damaliger Zeit in der Kräuterkammer auf. Botanisch interessierte Besucher finden hier Hunderte Holzteedosen, Vorratsbehälter aus Metall, Holz oder Pappe, Herbarien, Drogenkästen sowie Botanisiertrommeln, mit denen die Apotheker oder ihre Lehrlinge in der Natur Pflanzen für ihre Herbarien sammelten. /

Museum

Apotheken-Museum in der Adler Apotheke

 

Markt 4, 44137 Dortmund

www.apotheken-museum.de

 

Die Besichtigung des Museums ist nur nach Voranmeldung von Montag bis Samstag von 8 bis 18 Uhr möglich. Die Führung erfolgt in Gruppen von maximal acht bis zehn Personen.

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