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Chronische Müdigkeit

Erschöpft bei kleinster Belastung

13.03.2012
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Von Verena Arzbach / Zu spät ins Bett gegangen, zu früh auf­gestanden, schlecht geschlafen: Äußere Gründe müde zu sein gibt es viele. Üblicherweise lässt sich das Problem sehr einfach durch Ausschlafen beheben. Gegen pathologische Müdigkeit hilft Schlafen hingegen nicht. Sie kann entweder infolge einer anderen Grunderkrankung auftreten oder aber selbst krankhaft sein.

Das Symptom Müdigkeit äußert sich auf vielfältige Weise. Die emotionale Komponente beinhaltet beispielsweise Unlust, Motivationsmangel oder Traurigkeit, kognitiv können verminderte geistige Aktivität und Leistungsfähigkeit auftreten. Auch Verhaltensaspekte, etwa ein sogenannter Leistungsknick, oder körperliche Beeinträchtigungen wie muskuläre Schwäche spielen oftmals eine Rolle.

Häufig tritt Müdigkeit in Zusammenhang mit einer Grunderkrankung auf. Besonders seelische Stö­rungen, allen voran Depressionen und Angststö­run­gen, sind eng mit Erschöpfungszuständen verknüpft. Aber auch chronische somatische Erkrankungen wie Herzinsuffizienz, Multiple Sklerose, Morbus Parkinson oder rheumatoide Arthritis gehen oftmals mit Müdigkeitssymp­to­men einher. Bei Tumorpatienten wird parallel häufig das so­genannte Fatigue-Syndrom diagnostiziert. Ein Zusammenhang zwischen Anämie oder Hypotonie und Müdigkeit konnte bis jetzt hingegen nicht her­gestellt werden.

 

Auch eine Medikamententherapie kann anhalten­de Müdigkeit als Nebenwirkung mit sich bringen. Problematisch sind in diesem Zusammenhang etwa Benzodiazepine mit langen Halbwertszei­ten, einige Antidepressiva und Neuroleptika, Antihypertensiva oder Antihistaminika.

 

Chronisch überlastet

 

Was aber, wenn eine ungewohnte, anhaltende Müdigkeit sich nicht durch seelische oder körperliche Grunderkrankungen erklären lässt? In seltenen Fällen ist das chronische Erschöpfungssyndrom (englisch: chronic fatigue syndrome, CFS), auch myalgische Enzephalitis genannt, die Ursache.

 

Der streng definierte Symptomenkomplex des CFS ist weder mit anderen Erkrankungen assoziiert, noch lässt er sich durch einen definierten Patho­mechanismus erklären. Mittels Laboruntersuchungen und bildgebenden Verfahren sollte der Arzt daher anfänglich andere Ursachen ausschließen. Auch die Entstehung des Syndroms ist weitgehend unklar. Bei manchen Patienten könnte eine virale Infektion und damit verbundene Symptome wie Muskelschmerzen oder eine herabgesetzte Leistungsfähigkeit am Anfang der Krankheit stehen. Durch kognitive Veränderungen und Verhaltensanpassungen kann ein chronischer Verlauf begünstigt werden.

 

Zahlreiche Definitionen

 

Im Jahr 1988 definierte eine Expertengruppe der US-amerikanischen Gesundheitsbehörde Centers for Disease Control and Prevention (CDC) CFS erstmals als eigenständige Erkrankung. Heute existieren für die Krankheit unterschiedliche Definitionen. Gemeinsam ist allen eine neue, zu einem definierten Zeitpunkt beginnende, nicht durch Begleiterkrankungen hervorgerufene Symptomatik. Daraus resultiert für die Betroffenen eine enorme Beeinträchtigung im beruflichen und privaten Umfeld (siehe Kasten).

 

In den Vereinigten Staaten liegt die Prävalenzrate bei circa 0,42 Prozent. Der Bundesverband Chronisches Erschöpfungssyndrom »Fatigatio« schätzt aufgrund dieser Daten, dass in Deutschland circa 300 000 Patienten von CFS betroffen sein könnten. Genaue Angaben zu Betroffenenzahlen sind laut Fatigatio nahezu unmöglich zu ermitteln, da die Diagnose oftmals ausbleibt. Ärzte schließen bei Patienten mit dieser Symptomatik zahlreiche Untersuchungen oft ohne Befund ab oder diagnostizieren fälschlicherweise eine Depression. Diese psychische Erkrankung ist aber nicht die Ursache, sondern häufig eine Folge des CFS. Erschwerend kommt hinzu, dass die Symptome des CFS relativ unspezifisch sind und immer auch in Zusammenhang mit anderen Ursachen auftreten können.

 

Derzeit bestehen noch zahlreiche Unsicherheiten bezüglich Definition, Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten des CFS. Die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familien­medizin empfiehlt daher Ärzten in ihrer aktuellen Leitlinie »Müdigkeit«, die Diagnose auf Patienten zu beschränken, die ausnahmslos alle genannten Symptome aufweisen.

 

Keine einheitliche Therapieempfehlung

 

Da die verschiedenen Symptome des CFS nicht bei allen Patienten gleich stark ausgeprägt sind, gibt es auch keine pauschalen Therapieempfehlungen. Eine Therapie richtet sich vor allem nach dem Ausmaß der Beeinträchtigung des täglichen Lebens. Das in den USA bei CFS-Patienten häufig verordnete Antidepressivum Fluoxetin hatte in einer 1996 im Fachjournal »Lancet« publizierten, randomisierten, kontrollierten, doppelblinden Studie keinen Effekt auf die Symptomatik (doi: 10.1016/S0140-6736(96)91345-8). Nur bei denjenigen Patienten, die zusätzlich an einer Depression litten, hat Fluoxetin laut einer zwei Jahre später im »British Journal of Psychiatry« erschienenen Arbeit einen günstigen Einfluss auf die depressive Symptomatik (doi: 10.1192/bjp.172.6.485).

 

Bei einigen Patienten besserten sich Erschöpfungssymptome im Rahmen einer klinischen Studie kurzfristig nach einem Monat Behandlung mit 5 bis 10 Milligramm Hydrocortison pro Tag (doi: 10.1016/S0140-6736(98)04074-4). Das Patientenkollektiv dieser 1999 in »Lancet« erschienenen Studie war jedoch sehr klein und die Behandlungsdauer kurz, daher sind weitere Untersuchungen zur Wirksamkeit notwendig.

 

Einige Leitlinien empfehlen Amphetamine wie Methylphenidat als Therapieversuch bei ansonsten nicht beeinflussbarer Müdigkeit bei Multipler Sklerose und Morbus Parkinson oder das bei Narkolepsie zugelassene Modafinil als »Wachmacher«. Evidenz für einen Nutzen bei CFS gibt es bislang nicht, der Einsatz dieser Medikamente beim chronischen Erschöpfungssyndrom erfolgt daher off-Label.

 

Eine kognitive Verhaltenstherapie scheint hingegen bei vielen Patienten die Wahrnehmung der Krankheit sowie das Verhalten positiv zu beeinflussen und damit Erschöpfungssymptome nachhaltig zu bessern (doi: 10.1136/bmj.312.7022.22). Auch ein spezielles Sportprogramm mit allmählich gesteigerter Aktivitätserhöhung, ähnlich einer Physiotherapie, brachte in einer Untersuchung an 620 CFS-Patienten bei knapp zwei Dritteln eine signifikante Verbesserung von Müdigkeit und körperlicher Funktion (doi: 10.1016/S0140-6736(11)60096-2). / 

Diagnosekriterien des CFS

Die Diagnose chronisches Erschöpfungssyndrom kann ein Arzt stellen, wenn beide der folgenden Kriterien erfüllt sind:

 

Unerklärliche anhaltende Erschöpfung für mindestens sechs Monate:

nicht als Folge einer längeren Anstrengung oder Überlastung

Symptome bessern sich durch Erholung nicht wesentlich

der Zeitpunkt des Beginns kann klar definiert werden

signifikante Reduktion früherer Aktivitäten in beruflichem und privatem Umfeld

 

Vier oder mehr dieser Symptome für mindestens sechs Monate:

Beeinträchtigung des Erinnerungsvermögen oder der Konzentration

extreme und lang anhaltende Erschöpfung und Unwohlsein nach physischer oder mentaler Anstrengung

nicht erholsamer Schlaf

Muskelschmerzen

Gelenkschmerzen ohne Schwellung oder Rötung

Kopfschmerzen, andere Art und Schweregrad als zuvor

anhaltende oder wiederkehrende Halsschmerzen

empfindliche Lymphknoten

 

Quelle: Centers for Disease Control and Prevention

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