Pharmazeutische Zeitung online
Schwindel

An welcher Schraube drehen, wenn sich alles dreht?

15.03.2011  12:04 Uhr

Von Brigitte M. Gensthaler / Nach Kopf- und Rückenschmerzen ist Schwindel das häufigste Symptom, über das Menschen beim Arzt klagen. Etwa jeder fünfte Erwachsene soll an den quälenden Dreh- und Schwankgefühlen leiden. Einige Formen wie Schwindelmigräne und Morbus Menière sind medikamentös gut behandelbar.

Schwindel ist keine eigenständige Erkrankung, sondern ein Symptom vieler Leiden. Die Medizin kennt etwa 15 häufige Erkrankungen, bei denen Schwindel ein wichtiges oder das Hauptsymptom ist. Doch oft wird vor der Behandlung keine exakte Diagnose gestellt. »Viele Patienten bekommen alle drei bis vier Wochen ein neues Medikament, das ihnen gar nicht hilft«, beklagte Professor Dr. Michael Strupp von der Neurologischen Klinik der Universität München bei einer Fachkonferenz anlässlich der Eröffnung der Schwindelambulanz im Klinikum München-Großhadern (siehe Kasten).

Die ungezielte Medikation sei nicht nur nutz­los, sondern könne Folgeerkrankungen wie Depression, Angst oder Panik begünsti­gen, warnte der Arzt. Für eine erfolgreiche Schwindeltherapie seien die »4 D« zu be­ach­ten: korrekte Diagnose, Drug (Arzneimit­tel), Dosis und Dauer der Therapie.

 

Schwindel ist zudem eine häufige Arzneimit­tel­nebenwirkung, zum Beispiel von Psycho­pharmaka oder Antikonvulsiva, oder eine Folge zu rascher Blutdrucksenkung. Viele Patienten bemerken selbst den Zusammen­hang zwischen Schwindel und bestimmten Medikamenten oder einer hohen Dosierung. In der Apotheke kann das Team zum Beispiel nachfragen, ob es sich um Dreh- oder Schwankschwindel handelt, ob Begleitsymptome wie Hörminderung, Übelkeit oder Kopfschmerz auftreten, seit wann der Schwindel besteht und was ihn auslöst. Für eine exakte Diagnose sind weitere Untersuchungen beim Arzt nötig – in komplizierten Fällen auch in einem spezialisierten Zentrum wie einer Schwindelambulanz.

 

Die häufigste Schwindelform, der gutartige anfallsartige Lagerungsschwindel, ist medikamentös nicht heilbar, betonte Strupp. Arzneimittel können allenfalls vorübergehend Symptome wie Übelkeit und Erbrechen lindern. Die heftigen Drehschwindelattacken entstehen durch bestimmte Bewegungen, bei denen sich abgesprengte Calciumcarbonatkristalle (Otolithen) in den Bogengängen des Gleichgewichtsorgans bewegen. Einfache, aber gezielte Lagerungsübungen befreien die meisten Patienten rasch von ihrem Problem.

 

Medikamentös ansetzen

 

Zu den medikamentös behandelbaren Formen zählte der Experte den phobischen Schwankschwindel, zentral-vestibuläre Erkrankungen, zum Beispiel des Kleinhirns, die vestibuläre Migräne und den Morbus Menière.

 

Der phobische Schwankschwindel gehört zu den psychogen bedingten Formen. In bestimmten Situationen empfinden die Patienten nicht Angst (Phobie), sondern werden schwindelig. Gute Aufklärung über die nicht-körperlichen Ursachen, kognitive Verhaltenstherapie und Psychotherapie, aber auch regelmäßiger leichter Sport helfen oftmals. Bei einzelnen Patienten werden zudem selektive Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer wie Paroxetin oder Citalopram verordnet.

Erkrankungen des Kleinhirns können Gangstörungen, Schwankschwindel und überschießende Augenbewegungen (Nystagmus) auslösen, berichtete Strupp. Therapeutisch werden 4-Aminopyridine wie Fampridin eingesetzt, die die Kaliumkanäle im Gehirn blockieren und damit die Kleinhirnfunktion verbessern. Der Wirkstoff ist in den USA seit Februar 2010 zur Verbesserung der Gehfähigkeit bei erwachsenen MS-Patienten zugelassen. Zum Zulassungsantrag in Europa gab die europäische Arzneimittelbehörde EMA im Januar 2011 jedoch ein negatives Votum ab.

 

Weniger bekannt ist die Schwindelmigräne, von Fachleuten basiläre vestibuläre Migräne genannt. Etwa jeder zehnte Patient in spezialisierten Schwindelambulanzen leidet an dieser Sonderform der Migräne. Zwei Drittel haben neben Dreh- oder Schwankschwindelattacken, die Minuten bis Stunden anhalten können, auch Kopfschmerzen und andere Migränesymptome. Etwa ein Drittel berichtet ausschließlich über Schwindel, was die Diagnose erschwert. Die Mehrzahl der Patienten hatte früher bereits Migränekopfschmerzen.

 

Symptomatisch wird die Attacke mit Antiemetika wie Metoclopramid oder Domperidon sowie Analgetika wie Acetylsalicylsäure und Paracetamol behandelt. Zur Prophylaxe der Basilärmigräne werden die gleichen Medikamente wie bei der klassischen Migräne verordnet: Betablocker, zum Beispiel Metoprolol und Propranolol, Flunarizin, Topiramat und Valproinsäure.

 

Klassiker Morbus Menière

 

Ein Klassiker unter den Schwindelformen ist Morbus Menière, eine Erkrankung des Innenohrs. Vor genau 150 Jahren beschrieb der französische Arzt Prosper Menière (1799 bis 1862) die typischen Symptome, berichtete Privatdozent Dr. Eike Krause von der HNO-Klinik der Universität München. Zur »Menièreschen Trias« gehören Drehschwindelattacken, die stundenlang, aber mindestens 20 Minuten anhalten, einseitiges, meist niederfrequentes Ohrgeräusch (Tinnitus) sowie anfallsweise Hörminderung und oft Druckgefühl im betroffenen Ohr.

 

Am häufigsten erkranken Menschen zwischen dem 40. und 60. Lebensjahr. Bei 20 bis 30 Prozent sind beide Ohren betroffen. Menière vermutete bereits, dass die Gleichgewichtsstörung in den Bogengängen des Ohres ihren Ursprung hat – damals eine revolutionäre Idee.

 

Nach heutiger Kenntnis löst eine vermehrte Flüssigkeitsansammlung im Innenohr die Erkrankung aus. Die Endolymphe, die für die Funktion des Gleichgewichtsorgans unverzichtbar ist, wird bei den Patienten entweder im Übermaß produziert oder schlecht abgeleitet. In der Folge ist der normalerweise schmale Endolymphschlauch prall gefüllt; Mediziner sprechen vom endolymphatischen Hydrops der Cochlea. Dies überdehnt die Membran, die einreißen kann. Dann vermischen sich Endo- und Perilymphe.

 

Histologisch ist der Hydrops erst post mortem nachweisbar. »Morbus Menière ist ein hochdramatisches Krankheitsbild, das nur klinisch diagnostiziert werden kann«, erklärte Krause.

 

Tatsächlich hat bislang noch niemand den Hydrops im Verlauf verfolgt, unter anderem weil der Endolymphschlauch mikroskopisch klein und entsprechend schwer darstellbar ist. Diesem Problem widmen sich Ärzte in einem Forschungsprojekt des Integrierten Forschungs- und Behandlungszentrums (IFB). Sie spritzen dem Patienten ein Kontrastmittel durch das Trommelfell ins Mittelohr; dieses gelangt von dort ins Gleichgewichtsorgan, das nunmehr in hoch auflösender Kernspintomografie (MRT) dargestellt werden kann. »Die MRT-Bilder korrelieren mit den klinischen Befunden«, sagte Krause. An etwa 30 Patienten habe man bereits gezeigt, dass Schwindel und Beschwerden umso stärker sind, je ausgeprägter der Hydrops ist. Möglicherweise könne man mit dem Verfahren klären, welche Bedeutung der Hydrops für den Krankheitsverlauf hat. Auch ein Therapiemonitoring sei denkbar.

 

Betahistin zur Prophylaxe

 

Die Therapie zielt darauf ab, Schwindelattacken zu verhindern und Gehör und Gleichgewichtsorgan dabei möglichst zu schonen. Gesunde Lebensführung, Medikamente, Operation, Psychotherapie und Akupunktur: »Egal was wir tun: Wir haben gute Erfolge, aber für keine Methode gibt es einen sicheren Wirksamkeitsnachweis«, sagte Krause.

 

Standardmedikament zur Prophylaxe der Schwindelanfälle ist Betahistin (als Dimesilat oder Dihydrochlorid, zum Beispiel Aequamen® und Vasomotal®). Der Wirkstoff greift in den zentralen Histamin-Stoffwechsel ein, indem er postsynaptische H1-Rezeptoren stimuliert und präsynaptische H3-Rezeptoren blockiert. »Die Wirkung ist dosisabhängig. Je länger die Therapie beibehalten wird, umso wirksamer ist sie«, erläuterte Strupp. Der Patient solle dreimal täglich 16 bis 24 mg für mindestens sechs bis zwölf Monate einnehmen; bei unzureichendem Ansprechen könne man die Dosis nach drei Monaten auf dreimal 48 mg erhöhen. Den Einfluss der Dosierung auf die Vermeidung von Schwindelanfällen soll jetzt eine multizentrische, doppelblinde Dosisfindungsstudie klären, die Strupp leitet. Die Rekrutierung der Patienten läuft gerade. / 

Neues Schwindelzentrum

Anfang Februar nahm das Schwindelzentrum im »Integrierten Forschungs- und Behandlungszentrum (IFB) für Schwindel, Gleichgewichts- und Augenbewegungsstörungen« an der Ludwig-Maximilians-Universität, München, seine Arbeit auf (www.schwindelambulanz-muenchen.de). Das Bundesministerium für Bildung und Forschung fördert das IFB bis 2014 mit bis zu 25 Millionen Euro. »Weil in der neuen Münchner Ambulanz Mediziner unterschiedlicher Richtungen zusammen­arbeiten, wird vielen Schwindelpatienten eine umfassende Diagnose und Therapie ihrer Beschwerden ermöglicht. Das kann ein Rettungsanker sein in der oft jahrelangen Odyssee von Facharzt zu Facharzt«, erklärte Staatssekretär Dr. Helge Braun bei der Eröffnung der Ambulanz. Begleitend ist die Broschüre »Der Schwindel: Forschung – Diagnose – Therapie« entstanden, die laienverständlich über verschiedene Schwindelformen informiert und auf www.gesundheitsforschung-bmbf.de/de/2589.php heruntergeladen werden kann. Erklärtes Ziel der inzwischen acht IFB in Deutschland ist es, Forschung und Praxis enger zu verzahnen, damit Forschungsergebnisse schneller zum Patienten kommen.

Mehr von Avoxa