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Non-24

Leben nach der inneren Uhr

07.03.2018
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Von Nicole Schuster / Bei vollblinden Menschen fehlt die Steuerung von Schlaf- und Wachphasen durch das Sonnenlicht. Rhythmische Prozesse im Körper wie der Hormonhaushalt laufen bei ihnen nicht synchron mit dem 24-Stunden-Tag ab. Das kann im Alltag sehr belastend sein.

Die zyklische Non-24-Schlaf-Wach-Rhythmusstörung, kurz als Non-24 bezeichnet, zählt zu den Schlafstörungen. Betroffen sind hauptsächlich blinde Menschen, die keine Lichtwahrnehmung haben. Bei ihnen folgen rhythmische Vorgänge im Körper beispielsweise die Ausschüttung von Hormonen, das Auf und Ab von Blutdruck und Herzfrequenz, die Temperaturregulierung oder auch metabolische Rhythmen allein der inneren Uhr. 

 

Der genetisch bedingte innere Taktgeber ist individuell unterschiedlich und gibt eine durch Schlaf- und Wachphasen bestimmte Tageslänge vor, die in der Regel etwas länger als der 24-Stunden-Tag ist. Das Tageslicht fungiert als eine der inneren Uhr übergeordnete Steuerung. Dank der visuellen Wahrnehmung des Lichts synchronisieren sich ständig die inneren Vorgänge im Körper mit dem exogenen Taktgeber. »Sehende Menschen mit intakter Hell-Dunkel-Wahrnehmung leben folglich nach der äußeren Uhr, nicht aber nach der inneren, haben also einen strikten 24 Stunden Rhythmus«, sagt Professor Dr. Ingo Fietze, Leiter des Interdisziplinären Schlafmedizinischen Zentrums der Charité – Universitätsmedizin Berlin im Gespräch mit der Pharmazeutischen Zeitung.

 

Innere und äußere Zeit

 

Bei blinden Menschen, die kaum oder gar kein Licht wahrnehmen, kann sich der innere Taktgeber nicht mit dem Sonnenlicht als äußeren Zeitgeber synchronisieren. Etwa 70 Prozent von ihnen leiden an der ansonsten seltenen zyklischen Non-24-Schlaf-Wach-Rhythmusstörung. Bei den Patienten verschiebt sich das durch den endogenen Rhythmus bestimmte Schlaf-Wach-Bedürfnis gegenüber dem 24 Stunden andauernden Hell-Dunkel-Tag täglich um eine bestimmte Zeitspanne, beispielsweise um eine viertel Stunde. Die Rhythmen driften allmählich immer weiter auseinander, bis sie sich schließlich wieder annähern und kurz synchron laufen. Danach bewegen sie sich wieder voneinander weg, sodass ein zyklischer Verlauf entsteht. Dauert der endogen bestimmte Tag beispielsweise 24,25 Stunden, stimmt erst nach 96 Tagen der biologisch determinierte Tag-Nacht-Rhythmus wieder mit dem »normalen« 24-Stunden-Tag überein.

Hoher Leidensdruck

 

»Für die Betroffenen entsteht ein hoher Leidensdruck dadurch, dass sie sich im sozialen und beruflichen Alltag entgegen ihrer eigenen inneren Uhr ständig anpassen müssen«, erklärt Fietze. »Symptome wie Schlafstörungen und exzessive Tagesschläfrigkeit sind die Folge.« Am härtesten trifft es die Patienten in Phasen, wenn ihr biologischer Tag mit der exogenen Nacht zusammenfällt. In dieser Zeit schlafen sie wenig und schlecht und sind tagsüber entsprechend, müde, unausgeruht und nur bedingt leistungsfähig.

 

»Im Gegensatz zu anderen Schlafstörungen, bei denen Betroffene meistens auch tagsüber nicht schlafen können, müssen Patienten bei Non-24 zyklisch wiederkehrend am Tag immerzu gegen das Einschlafen ankämpfen«, so der Experte. Ärzte sprechen auch von einer intermittierend ausgeprägten Schlafstörung, da diese episodenweise auftritt und in ihrer Stärke Schwankungen aufweist. Beschwerdefrei sind die Patienten oft nur an den Tagen, an denen der 24-Stunden-Tag und ihr innerer zirkadianer Rhythmus nahezu parallel verlaufen.

 

Die Non-24-Störung vieler Vollblinden ist sogar Schlafmedizinern oft nicht bekannt. Es ist daher davon auszugehen, dass viele der Patienten un­diagnostiziert sind. Um die Krankheit festzustellen, kommt neben einer sorgfältigen Schlafanamnese auch ein spezifischer Fragebogen zum Einsatz. Zudem sollen die Patienten einige Wochen bis Monate ein Schlaftagebuch führen. Damit kann der Arzt das individuelle Schlaf-Wach-Muster erkennen.

 

Eine weitere Methode ist die Aktigraphie, bei der Daten über die Bewegungen und mitunter auch Parameter wie Helligkeit und Umgebungstemperatur aufgezeichnet werden, um Aktivitäts- und Ruhezyklen zu bestimmen. Der Patient trägt dazu einige Wochen lang ein Messgerät, das einer Armbanduhr gleicht. In einigen Fällen führen Ärzte zur Differenzialdiagnostik von anderen Arten von Schlafstörungen eine Polysomnografie oder Melatoninbestimmung durch. Das Epiphysenhormon Melatonin gilt als Marker des zirkadianen Rhythmus und wird vom Körper abhängig von der inneren Uhr ausgeschüttet (siehe Kasten). Die höchste Konzentration findet sich in der biologischen Nacht, während es in den Stunden des biologischen Tages nur in äußerst geringen Spuren vorhanden ist.

Melatonin

Das Hormon Melatonin wird hauptsächlich von der Zirbeldrüse gebildet und steuert den Schlaf-Wach-Rhythmus. Seine Bildung wird durch Licht (am Tag) gehemmt. Bei Dunkelheit fällt die Hemmung weg, Melatonin wird somit produziert und freigesetzt. Dies wirkt schlaffördernd, der Organismus wird auf den Schlaf vorbereitet, indem zum Beispiel der Blutdruck gesenkt und der Stoffwechsel runtergefahren wird. Ein Defizit an Melatonin kann zu Schlafstörungen führen.

Neue kausale Therapie

 

Die Möglichkeiten zur Behandlung waren bisher begrenzt. Oft behalfen sich Ärzte damit, gegen die Schlafstörung Hypnotika, Sedativa oder auch Anti­depressiva zu verordnen und zur Therapie der Tagesmüdigkeit Stimulanzien. Diese Optionen bringen aber zahlreiche Nebenwirkungen mit sich. Eine nur bedingt geeignete und in Deutschland auch nicht zur Synchronisation des Schlaf-Wach-Rhythmus zugelassene Alternative ist Melatonin.

 

Ein neuer kausaler Therapieansatz steht jetzt mit dem in der Europäischen Union für die Behandlung von Non-24 zugelassenen Melatoninrezeptor-Agonisten Tasimelteon (Hetlioz®) zur Verfügung. »Bei regelmäßiger Einnahme 30 bis 60 Minuten vor dem Schlafengehen kann das Medikament den Schlaf-Wach-Rhythmus bei den Betroffenen effektiv an den 24-Stunden-Tag anpassen«, erzählt Fietze. Die Wirkung wurde in zwei randomisierten, doppelblinden, placebokontrollierten Phase-III-Studien bestätigt. Als Nebenwirkung können Kopfschmerzen, erhöhte Leberenzymwerte und Alb- beziehungsweise anomale Träume auftreten. /

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