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Masern

Von der Kinder- zur Reisekrankheit

01.03.2011  14:24 Uhr

Von Maria Pues, Hamburg / Eigentlich sollten Masern in Europa längst ausgerottet sein. Jedenfalls hatte sich die Weltgesundheitsorganisation (WHO) dies bis 2010 vorgenommen. Nun hat sie die Frist verlängert. Und die Ständige Impfkommission hat ihre Empfehlungen ausgeweitet.

Nicht nur, dass es mit der Ausrottung der Masern bislang noch nicht geklappt hat – die Infektion, die noch immer als Kinderkrankheit gilt, verändert seit einigen Jahren auch noch ihr Gesicht. Sie scheint »in die Jahre« zu kommen. Das macht sie jedoch nicht weniger gefährlich. Im Gegenteil. Die Gründe erläuterte Allgemein- und Tropenmediziner Dr. Albrecht von Schrader-Beielstein, Wörthsee, bei einer Presseveranstaltung von GlaxoSmithKline in Hamburg. Seit etlichen Jahren nimmt die Zahl der erkrankten Kinder wie auch die Erkrankungszahl insgesamt stetig ab.

Seit 2006 verzeichnet das Robert-Koch-Institut jedoch eine Zunahme der Masernfälle bei den Erwachsenen, die zwischen 1970 und 1990 geboren sind. Die Jüngeren verfügen zumeist über einen Schutz durch eine Impfung. Die Älteren sind geschützt, weil praktisch alle von ihnen als Kind Masern durchgemacht haben. Nach 1970 setzte sich die Impfung erst allmählich durch. Das heißt, es bestehen Impflücken. Viele Personen hätten außerdem nach der damals gültigen Empfehlung nur eine Impfung erhalten, berichtet Schrader-Beielstein. Inzwischen sei bekannt, dass eine zweite Impfung notwendig ist, um mögliche Impfversager zu erwischen, erläuterte er. Bei der Zweitimpfung handelt es sich daher nicht, wie bei den meisten anderen Impfungen, um eine Auffrischung, sondern um eine zweite Chance für Personen, die beim ersten Mal keine ausreichende Immunantwort entwickelt haben.

 

Ein weiterer Grund, warum immer mehr Erwachsene an Masern erkranken, ist, dass Fernreisen als vergleichsweise neue Ansteckungsmöglichkeit in den letzten Jahren hinzugekommen sind. Zum einen hat die Zahl der Fernreisen stark zugenommen, zum anderen steigt gerade die Gruppe der 20- bis 40-Jährigen besonders häufig in den Flieger – aus beruflichen oder privaten Gründen. Kleinere lokale Epidemien, wie sie immer wieder auftreten, gehen daher zuweilen auch auf das Konto von eingeschleppten Infektionen.

 

Ein Problem bei dieser Tendenz, dass immer mehr Erwachsene Masern entwickeln, ist, dass das Komplikationsrisiko mit zunehmendem Alter des Patienten steigt. Ein weiteres Risiko kommt hinzu: Die Gefahr, dass die Ursache der Symptome nicht rasch erkannt wird. Denn wer denkt bei einem erkrankten Afrika-Reisenden gleich an eine »Kinderkrankheit«? Dies geht inzwischen auch Medizinern so, sagte der Experte und schilderte den Fall eines Fußballfans, der nach der WM aus Südafrika mit Masern zurückgekehrt war. Jüngere Ärzte kennen die Erkrankung nur noch aus dem Lehrbuch.

 

Die Erkrankung ist zwar in Europa selten geworden, aber noch nicht verschwunden. Ein entsprechendes Ziel hat die Weltgesundheitsorganisation verfehlt. Als neues Ziel hat sie die Ausrottung der Virus-Erkrankung bis 2015 definiert. Wichtigstes Instrumentarium ist die Impfung. Aber lohnt denn eine Impfung bei einer Erkrankung, die so selten auftritt, dass selbst Ärzte sie nicht gleich erkennen? Der Experte bejahte die Frage. Ausschlaggebend sei bei Masern nicht allein, mit welcher Wahrscheinlichkeit man sich infiziere, sondern auch, wie hoch das Risiko für einen schweren Verlauf und für bleibende Schäden sei. Mittelohr- und Lungenentzündungen, lebensgefährliche Hirnentzündungen, bleibende Behinderungen und auch Todesfälle können bei Masern auftreten.

 

Die STIKO empfiehlt für alle Kinder zwei Impfungen: Die erste im Alter von 11 bis 14 Lebensmonaten und die zweite im Alter von 15 bis 23 Lebensmonaten. Zudem rät sie, dass sich auch Personen, die nach 1970 geboren wurden und ungeimpft sind oder einen unklaren Impfstatus haben, sowie über 18-Jährige, die in der Kindheit nur einmal geimpft wurden, noch einmal immunisieren lassen. Wer sich impfen lässt, schützt auch andere, die man nicht impfen kann, zum Beispiel Kinder unter einem Jahr sowie immunsupprimierte Patienten, bei denen sich die Anwendung von Lebend­impfstoffen verbietet. Die STIKO empfiehlt die Impfung daher auch Personen ab 18 Jahren, wenn diese im Gesundheitswesen und bei der Betreuung von Immundefizienten sowie in Gemeinschaftseinrichtungen tätig sind. Die Impfung soll vorzugsweise mit MMR-Kombinationsimpfstoff erfolgen. Und wenn das Impfbuch verschwunden ist? Schrader-Beielstein rät sicherheitshalber zu einer Impfung. »Eine Überimpfung wie bei Tetanus gibt es bei Masern nicht«, sagte er. Wenn eine Immunität besteht, machten die Antikörper mit den Impfstoffmasern dasselbe wie mit den Wild-Masern. /

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