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Masern

Weder harmlos noch Kinderkrankheit

24.06.2015
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Von Annette Mende, Berlin / Die Masern als harmlose Kinderkrankheit zu bezeichnen, hieße sie grob zu unterschätzen. Denn eine Maserninfektion setzt den Patienten akut völlig außer Gefecht, kann bleibende Schäden verursachen und sogar den Tod zur Folge haben. Junge Erwachsene ohne Impfschutz sind besonders infektionsgefährdet.

Das Masernvirus ist einer der wenigen Erreger, die der Mensch durch Impfung komplett ausrotten könnte. Doch der aktuelle Ausbruch in Deutschland mit vielen Erkrankten zeigt, dass das bestenfalls Zukunftsmusik ist. Warum sich die Masern so schwer in den Griff bekommen lassen, erklärte Professor Dr. Annette Mankertz vom Robert-Koch-Institut (RKI) bei einem Vortrag der Deutschen Pharmazeutischen Gesellschaft in Berlin. 

»Das Problem, das wir mit den Masern haben, ist, dass sie so unglaublich ansteckend sind«, sagte Mankertz. Der Kontagionsindex liegt bei nahezu 100 Prozent. Das klingt beeindruckend, ist aber wenig greifbar. Anschaulicher ist ein Vergleich mit anderen Infek­tionskrankheiten. »Von einem Grippepatienten gehen im Schnitt anderthalb weitere Erkrankungen aus. Bei den Pocken waren es fünf bis sieben Folgefälle. Bei Masern zieht ein Erkrankter zwölf bis achtzehn Folgeerkrankungen nach sich«, erläuterte Mankertz.

 

Häufige Komplikationen

 

Ebenso hoch wie der Kontagionsindex ist der Manifestationsindex. »Das bedeutet, dass nahezu jeder, der sich mit dem Masernvirus angesteckt hat, erkrankt«, sagte die Virologin, die das nationale Referenzzentrum für Masern, Mumps, Röteln am RKI leitet. Die Erkrankung verläuft in zwei Phasen. Sie beginnt nach einer Inkubationszeit von acht bis zwölf Tagen mit unspezi­fischen Erkältungssymptomen wie Schnupfen, Husten, Fieber und häufig auch Konjunktivitis. Charakteristisch für die Masern sind in dieser Phase lediglich die sogenannten Koplik-Flecken, Kalkspritzer-artige, weiße bis blau-weiße Flecken an der Mundschleimhaut.

 

Das typische Masernexanthem, das aus bräunlich-rosafarbenen, konfluierenden Hautflecken besteht, zeigt sich am dritten bis siebten Tag nach Auftreten der ersten Symptome. Es beginnt im Gesicht und hinter den Ohren und bleibt vier bis sieben Tage bestehen. Der Ausschlag juckt nicht, aber die Patienten haben hohes Fieber über mindestens drei Tage und ein ausgeprägtes Krankheitsgefühl. Ansteckend sind sie bereits fünf Tage vor Auftreten des Exanthems – also zu einem Zeitpunkt, zu dem die meisten noch nichts von ihrer Masernerkrankung wissen – und bis vier Tage danach.

 

Eine Masernerkrankung hinterlässt eine vorübergehende Immunschwäche, weshalb Folgeerkrankungen häufig sind. Bislang ging man davon aus, dass das Immunsystem für die Dauer von etwa sechs Wochen geschwächt ist. Eine kürzlich im Fachjournal »Science« erschienene Studie zeigte jedoch, dass dieser Zeitraum wahrscheinlich deutlich länger ist (lesen Sie dazu Maserninfektion: Das Immunsystem leidet langfristig). »Demnach hält die Immunsuppression sogar zwei bis drei Jahre an, statt nur wenige Wochen«, sagte Mankertz.

 

Häufige Komplikationen einer Maserninfektion sind Mittelohrentzündung, Lungenentzündung und Enzephalitis. »Die Enzephalitiden heilen oft nicht aus, sondern sind mit bleibenden Schäden verbunden und können sogar zum Tod führen«, sagte Mankertz. Besonders gefürchtet sei die subakute sklerosierende Panenzephalitis (SSPE), eine degenerative Erkrankung des Gehirns. Wenn sie einmal ausgebrochen sei, führt sie unweigerlich zum Tod. Das passiere in der Regel erst mehrere Jahre nach der eigentlichen Maserninfektion. »Wir hatten im Referenzzentrum schon mehrfach Anrufe hilfloser Eltern, die uns um Rat fragten für ihr Kind mit SSPE. Leider gibt es nichts, was man tun kann«, sagte die Referentin.

 

Durch die hohe Komplikationsrate sterben vergleichsweise viele Menschen an den Masern. Selbst bei exzellenter medizinischer Versorgung, wie sie in Industrienationen gegeben ist, müsse man mit ein bis zwei Todesfällen pro 1000 Erkrankungen rechnen, so Mankertz. In Afrika und Asien seien es bedeutend mehr. Laut Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sterben jährlich 150 000 Menschen an den Masern. »Und das, obwohl es eigentlich gar nicht nötig wäre, denn wir haben eine wunderbare Impfung.«

 

Der Masernimpfstoff wurde Ende der 1950er-Jahre im Labor des US-amerikanischen Virologen John Enders entwickelt. »Damals gab es in der Nähe einen Masernausbruch, und ein Mitarbeiter nahm dort einen Rachenabstrich von einem erkrankten Jungen namens David Edmonston. Dieser Erregerstamm wurde dann auf Zellkulturen und in Tiermodellen passagiert und verlor dabei seine pathogenen Eigenschaften«, erklärte Mankertz. Der attenuierte Lebendimpfstoff, der daraus gewonnen wurde, wird heute noch in Varianten verwendet. »Alle Masernimpfstoffe leiten sich von diesem Edmonston-Isolat ab.«

 

Da der Impfstoff licht- und temperaturlabil ist, muss die Kühlkette eingehalten werden. »Wenn er in der Praxis zu lange auf der Fensterbank steht, hat er einen Großteil seiner Aktivität verloren«, sagte Mankertz. »Wir hatten im Referenzzentrum schon Fälle, in denen nach einmaliger MMR-Impfung eine Immunität gegen Mumps und Röteln gegeben war, aber nicht gegen Masern. Auf Nachfrage stellte sich heraus, dass die Betroffenen im Sommer zunächst den Impfstoff in der Apotheke besorgt hatten und dann nicht sofort in die Arztpraxis gekommen waren.«

 

Bei intaktem Impfstoff entwickeln nach einmaliger Impfung 91 Prozent der Impflinge einen entsprechenden Schutz, nach zweimaliger Impfung 95 Prozent. Die zweite Impfung dient dabei nicht der Auffrischung, sondern dem Schließen von Impflücken. Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt, Kindern die erste Dosis zwischen dem 11. und 14. Lebensmonat und die zweite Dosis zwischen dem 15. und 23. Lebensmonat zu verabreichen. Unter bestimmten Voraussetzungen wie Kitabesuch oder Ausbruchssituation kann die Impfung auch schon früher erfolgen. »Leider erfolgt sie aber häufig sehr viel später«, so die Expertin.

Aufklärungsbedarf

Die Ständige Impfkommission empfiehlt seit 2010 allen nach 1970 geborenen Erwachsenen die Impfung gegen Masern, falls noch kein ausreichender immunologischer Schutz vorliegt. Diese Empfehlung ist vielen nicht bekannt, meldet die Bundeszentrale für Gesundheitliche Aufklärung. Eine aktuelle Untersuchung zeigt, dass fast 74 Prozent der Befragten die Impfempfehlung nicht kennen. Etwa 70 Prozent der Befragten mit unklarem Impfstatus gaben an, dass sie nicht auf die Notwendigkeit der Masernimpfung hingewiesen wurden. Angst vor Nebenwirkungen hindert ein Viertel der Befragten, sich impfen zu lassen, und knapp jeder Fünfte zählt sich selbst nicht zur Zielgruppe für diese Impfung.

Kurzer Nestschutz

 

Eine frühzeitige Impfung sei notwendig, da der Nestschutz, den Mütter im letzten Trimester der Schwangerschaft auf ihr Kind übertragen, aktuellen Erkenntnissen zufolge wohl nicht so lang anhält, wie bislang gedacht. Der Zeitraum sei »drastisch kürzer« als die sechs bis neun Monate nach durchgemachter Erkrankung beziehungsweise drei bis sechs Monate bei geimpften Müttern, von denen man bisher ausging, so die Expertin. Insbesondere sehr kleine Kinder müssten aber unbedingt geschützt werden, da das Risiko für eine SSPE umso größer sei, je jünger Patienten bei einer Masernerkrankung sind.

 

»Vor diesem Hintergrund ist es sehr bedenklich, dass beim aktuellen Ausbruch in Berlin sehr viele junge Kinder erkrankt sind«, sagte Mankertz. Das RKI registrierte bis zum 10. Juni in diesem Jahr 1129 Masernfälle in Berlin, bundesweit waren es 2163. Damit hat Deutschland das WHO-Ziel der Masernelimination bis 2015 klar verfehlt. Erfüllt wäre es bei einer Inzidenz von weniger als 1 pro 1 Million Einwohner, also von etwa 80 Fällen pro Jahr in Deutschland. Ein weiteres Kriterium für die Masernelimination ist, dass die endemische Transmission abgebrochen ist, also dass nicht eine bestimmte Virusvariante für mehr als zwölf Monate in einem Land nachgewiesen wird. Um das zu kontrollieren, bestimmt das nationale Referenzzentrum den Genotyp jedes zirkulierenden Masernstamms. Der Verdacht, die Erkrankung und der Labornachweis des Masernvirus sind laut Infektionsschutzgesetz meldepflichtig.

 

Überhaupt möglich ist die Eradika­tion des Masernvirus nur, weil es folgende Eigenschaften hat: Der Mensch ist der einzige Wirt, die Übertragung erfolgt ohne Zwischenwirte, der Erreger kommt nicht ubiquitär vor, es gibt keine Subtypen, man kann ihn durch Antikörper vollständig neutralisieren, er verbleibt nach einer Infektion nicht latent im Körper und die Schutzimpfung ist weltweit möglich. Ob das WHO-Ziel realistisch ist, ist allerdings trotzdem fraglich, denn die Impfskepsis steigt laut Mankertz weltweit und nicht nur in Deutschland.

 

Hohe Impfrate nötig

Aufgrund des hohen Kontagionsindex’ ist die Eradikation nur bei einer Impfquote von mindestens 95 Prozent zu realisieren. Diese ist in Deutschland bei den Kindern teilweise schon erreicht, nicht jedoch bei jungen Erwachsenen. Nach 1970 Geborene sollen sich daher laut STIKO bei fehlender Impfung oder unklarem Impfstatus einmalig impfen lassen. Viele kennen diese Empfehlung jedoch nicht (siehe Kasten auf Seite 39). Für ältere Erwachsene gilt die Empfehlung nicht, da sie als Kinder höchstwahrscheinlich die Erkrankung durchgemacht haben und damit natürlich immun sind.

 

Bislang geht man davon aus, dass eine – durch Impfen oder die Erkrankung erworbene – Immunität gegen Masern lebenslang anhält. Diese Einschätzung muss laut Mankertz jedoch regelmäßig überprüft werden, und zwar umso dringender, je mehr es gelingt, das Masernvirus mit der Impfung zurückzudrängen. »Dadurch nimmt die natürliche Boosterung ab, die beim Kontakt mit dem Erreger entsteht. Wie sich das auf die Immunität auswirkt, müssen wir im Auge behalten.« Obwohl das Masernvirus schon ein so alter Bekannter des Menschen ist, wirft es also immer noch Fragen auf. /

Kommentar

Weg mit den Masern

Das Masernvirus könnte nach dem Pockenvirus der zweite Erreger sein, der weltweit ausgerottet wird – wenn endlich konsequenter geimpft würde. Deshalb ist es gut, dass die Bundes­regierung nun nach Jahren des Androhens strengere Regeln zum Impfschutz gegen Masern beschlossen hat. Die Möglichkeit, bei Masernausbrüchen ungeimpfte Kinder von Betreuungseinrichtungen auszuschließen, die jetzt im Präventionsgesetz verankert wurde, war längst überfällig. Es ist fraglich, ob dies hartnäckige Impfgegner umstimmen kann, die Nebenwirkungen der Impfung fürchten. Fest steht jedoch, dass diese deutlich milder ausfallen als eine Erkrankung und deren mögliche Komplikationen.

 

Es ist ein Skandal, dass in einem hoch entwickelten Land wie Deutschland immer noch Kinder an Masernkomplikationen sterben. Dass das nicht sein muss, haben die Länder Nord- und Südamerikas vorgemacht, deren Kontinent mittlerweile masernfrei ist. Die Impfung ist wirksam und sicher und es gibt keine wissenschaftlichen Gründe, sie nicht einzusetzen. Deswegen ist der Beschluss der Bundesregierung so wichtig.

 

Klar ist aber auch, dass weitere Schritte folgen müssen, um die Impfraten weiter anzuheben. Dazu gehört eine Impfpflicht für Kinder gegen Masern. Außerdem müssen vor allem auch mehr junge Erwachsene geimpft werden, da die niedrigen Impfraten in dieser Altersgruppe einer Ausrottung des Masernvirus in Deutschland stärker im Weg stehen als die der Kinder.

 

Christina Hohmann-Jeddi

Ressortleiterin Medizin

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