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Studie

450 Millionen Euro bei Apotheken sparen

01.03.2011  16:10 Uhr

Von Stephanie Schersch, Berlin / Eine Reform des Apothekenmarktes könnte rund 450 Millionen Euro einsparen. Das geht aus einer Studie hervor, die Professor Dr. Justus Haucap vom Düsseldorfer Institut für Wettbewerbsökonomie zusammen mit der TU Illmenau erstellt hat. Die Gutachter wollen vor allem das Apothekenhonorar reformieren.

Entstanden ist die Studie im Auftrag der Initiative »Neue Soziale Marktwirtschaft«. Deren Geschäftsführer Hubertus Pellengahr sprach von »versteckten Einsparpotenzialen auf dem Apothekenmarkt« als er die Studienergebnisse in Berlin vorstellte. Arzneimittel seien besondere Güter, ein bestimmtes Maß an Regulierung daher vernünftig, sagte Pellengahr. »Es spricht aber nichts dagegen, durch einen klugen Ordnungsrahmen, Preiswettbewerb zwischen Apotheken zu entfachen.«

Im Kern geht es um Preiswettbewerb auch bei rezeptpflichtigen Arzneimitteln. Die Gutachter wollen dafür die Vergütung der Apotheker umstellen. So soll der Pa­tient die Dienstleistung des Apothekers in Form einer Taxe direkt bezahlen. Die Packungspauschale von 8,10 Euro plus 3 Prozent auf den Apothekeneinkaufs­preis entfällt, ebenso die gesetzliche Zuzahlung für Kassenpatienten. Auch der Kassenrabatt, den die Apotheken den Krankenkassen gewähren, wird gestrichen.

 

Die Höhe der so genannten Apotheken­taxe soll jede Apotheke selbst festlegen können. Mehr als 10 Euro dürfen es aber nicht sein. Über die unterschiedlich hohen Gebühren soll mehr Wettbewerb unter den Apotheken entstehen. »Der Patient kann schließlich frei entschei­den, wo er seine Arzneimittel kauft«, sagte Haucap. Apotheken in Innenstadt­la­ge seien dabei aufgrund der meist starken Konkurrenz mehr betroffen als solche auf dem Land. Haucap sieht mit den Reformvorschlägen die flächendeckende Arzneimittelversorgung daher auch nicht in Gefahr. Im Gegenteil: »Eine Landapotheke kann durchaus eine höhere Apothekentaxe nehmen und so ihr Überleben besser sichern.«

 

Bei zuzahlungsfreien, besonders günstigen Arzneimitteln müsste der Patient die Apothekentaxe zunächst vorstrecken. Die Kasse erstattet anschließend einen Fixbetrag. Liegt dieser über der von der Apotheke geforderten Taxe, kann der Versicherte die Differenz behalten. Ist die Apothekentaxe dagegen höher als der Erstattungsbetrag, muss der Patient die Mehrkosten aus eigener Tasche zahlen. »So bleibt die Steuerungswirkung der Taxe bei zuzahlungsbefreiten Arzneimitteln erhalten«, sagte Haucap.

 

1000 Apotheken müssten schließen

 

Zudem würde gewährleistet, dass die Hersteller für bestimmte Wirkstoffe oder Präparate niedrige Preise festsetzten. Patienten, die generell keine Zuzahlung leisten, sollen weiterhin befreit sein. Auch sie müssten die Apothekentaxe jedoch zunächst auslegen und würden sich den Besuch einer teuren Apotheke daher gut überlegen, heißt es in der Studie.

 

Die Gutachter haben unterschiedliche Szenarien durchgespielt. Demnach liegt das Einsparpotenzial der Vorschläge zwischen 105 und 448 Millionen Euro, je nachdem, wie stark sich der Wettbewerb entfaltet. Zwischen 500 und 1000 Apotheken müssten der Studie zufolge schließen. Der Wettbewerbsdruck unter den verbleibenden Apotheken würde die Effizienz der Betriebe steigern und damit die Apothekentaxe im Schnitt weiter senken, so die Berechnungen. Über die Einsparungen könne langfristig auch der Beitrag zur Krankenversicherung sinken, sagte Haucap. »Profiteure einer solchen Reform sind somit die Versicherten.«

 

Die Vorschläge beinhalten außerdem die Aufhebung des Fremd- und Mehrbesitzverbots. Apothekenketten und Kooperationen würden den Wettbewerb weiter verschärfen und damit zu mehr Einsparungen führen, so Haucap. Auch die Zulassung von Pick-up-Stellen hält er für sinnvoll. »Sie sind nicht nur ökonomisch zu begrüßen, sondern stellen auch einen wichtigen Schritt in Richtung einer patientenorientierten Gesundheitspolitik dar.«

 

Neu sind die mit der Studie präsentierten Vorschläge allerdings nicht. Im vergangenen Jahr hatte sich die Monopolkommission ebenfalls unter Haucaps Leitung bereits für eine direkte Vergütung des Apothekers durch den Patienten ausgesprochen. Erst vor wenigen Wochen hat die Bundesregierung diese Liberalisierungspläne jedoch abgelehnt (siehe dazu Apothekenmarkt: Bundesregierung widerspricht Monopolkommission, PZ 05/2011). / 

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