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Rotwein

Wundermittel der Natur?

21.02.2012
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Von Verena Arzbach / Rotwein werden, in Maßen genossen, allerlei positive Wirkungen nachgesagt. Doch inzwischen bröckelt das gute Image des roten Rebensafts. Einige Experten glauben gar, dass für die beobachteten Gesundheitseffekte allein der Alkohol verantwortlich ist. Jetzt wurde auch noch ein renommierter Rotwein-Forscher der Studienfälschung überführt.

Zu Beginn der 1990er-Jahre machten Wissenschaftler anhand epidemiologischer Studien eine interessante Beobachtung: Obwohl Franzosen traditionell viel rauchen und sich fettreich ernähren, lag die Herzinfarktrate damals in Frankreich 30 bis 40 Prozent niedriger als in anderen vergleichbaren Industrienationen. Den Grund für diese als französisches Paradoxon bekannt gewordene Besonderheit glaubte man im hohen Rotweinkonsum der Franzosen gefunden zu haben. Man nahm an, dass insbesondere die im Rotwein in hoher Konzentration vorliegenden Polyphenole, darunter Resveratrol, kardioprotektiv wirken. Wissenschaftler aus aller Welt befassten sich daraufhin in unzähligen Studien ausführlich mit dieser These.

So auch der US-amerikanische Kardiologe Dr. Dipak Das. Er beschäftigte sich in seinen Publikationen vorwiegend mit den positiven Wirkungen von Resveratrol auf Herz und Gefäße und dessen Rolle bei der Prophylaxe von Atherosklerose. Im Januar dieses Jahres kam ans Licht, dass er einige seiner in zahlreichen Fachjournalen publi­zierten Ergebnisse offenbar manipuliert hatte. Nach einem anonymen Hinweis hatte seine Universität, die University of Connecti­cut, bereits vor drei Jahren eine Untersu­chung eingeleitet. Jetzt bestätigte sie: Das hat in 24 Publikationen gelogen. Unter ande­rem soll er Westernblot-Untersuchungen per Gel-Elektrophorese mit einer Bildbearbei­tungs­software geschönt haben.

 

Das Gute steckt in der Schale

 

Jahrelang wurde besonders das Polyphenol Resveratrol für die gesundheitsfördernden Wirkungen des Rotweins verantwortlich gemacht. Es ist ein Phytoalexin, ein Wirkstoff des pflanzlichen Immunsystems. Hauptsächlich in der Traubenschale, in geringeren Mengen aber auch in anderen Teilen des Weinstocks vorkommend, schützt es als Abwehrstoff die Weintraube vor Infektionen und schädlichen Umwelteinflüssen wie UV-Strahlung oder Parasiten.

 

Rotwein enthält naturgemäß mehr Resveratrol als Weiß- oder Roséwein, da bei seiner Produktion die Maische mit den Traubenschalen länger in Kontakt mit dem Saft bleibt. Je nach Standort und Umweltbedingungen der Reben können verschiedene Rotweinsorten in ihrem Resveratrolgehalt variieren. So ist französischer Rotwein besonders reich an dem Polyphenol und soll sich daher positiv auf die Herzfunktion auswirken, deutscher hingegen kaum.

 

Resveratrol gilt im Bezug auf seine gesundheitsfördernden Eigenschaften beim Menschen als wahres Wundermittel. Dem Molekül werden antioxidative, antiinflammatorische, antivirale und kardioprotektive Wirkungen nachgesagt, außerdem soll es erhöhte Blutfettwerte senken, eine Insulinresistenz abschwächen und vor Krebs schützen (doi: 10.1007/s10741-011-9260-4).

 

Am ausführlichsten untersuchten Wissenschaftler in den vergangenen Jahren die protektive Wirkung auf Gefäße und Herz. Im Entstehungsprozess der Atherosklerose verhindert Resveratrol die Oxidation des LDL-Cholesterols und damit dessen Einlagerung in Gefäßwände. Dadurch bleibt eine Aktivierung von Makrophagen im Endothel aus, es bilden sich keine Schaumzellen. Über verschiedene Mechanismen steigert das Polyphenol auch die Aktivität des Enzyms NO-Synthase im Endothel. Unter anderem vermag es die Transkription des NO-Synthase-Gens und die Stabilität der zugehörigen mRNA zu steigern. Die daraus resultierende vermehrte Produktion von Stickstoffmonoxid schützt das Gefäßsystem durch Vasodilation und verringert die Thrombozytenaggregation (doi: 10.1016/j.niox.2011.12.006).

 

Kardioprotektive Wirkung

 

Die meisten bis heute veröffentlichten Studien waren Untersuchungen an isoliertem Gewebe oder Tieren. Forscher der Universitè de Bourgogne in Dijon in Frankreich zeigten jetzt in einer der wenigen klinischen Studien, dass sich ein moderater Rotweinkonsum in der Nachbehandlung von Herzinfarktpatienten günstig auswirken kann (doi: 10.1002/mnfr.201100336). Nach 14 Tagen stellten sie bei Patienten, die täglich 250 Milliliter Rotwein getrunken hatten, bessere Blutparameter fest als bei Patienten, die nur Wasser bekommen hatten. LDL- und Gesamtcholesterolspiegel waren gesunken, Erythrozytenparameter hatten sich ebenfalls verbessert.

Eine weitere klinische Studie eines Forscherteams um Dr. E. Szabados von der Universität von Pecs in Ungarn lieferte ähnliche Ergebnisse. Die Wissenschaftler untersuchten in einer doppelblinden Studie an 40 Patienten die Effekte von Resveratrol gegenüber Placebo nach einem erlittenen Herzinfarkt. Bei der Gruppe, die über eine Dauer von drei Monaten täglich 10 Milligramm Resveratrol als Kapsel zu sich nahm, verbesserte sich die linksventrikuläre diastolische Funktion des Herzens signifikant. Außerdem war der LDL-Cholesterol-Blutspiegel herabgesetzt und die Endothelfunktion hatte sich im Vergleich zur Placebogruppe deutlich verbessert (Clin Hemorheol Microcirc 2012 Jan 3).

 

Dass Rotwein anderen alkoholischen Getränken bezüglich der Kardioprotektivität überlegen ist, haben in der Vergangenheit einige vergleichende Stu­dien nahegelegt. Auch die Mortalitätsrate moderater Weintrinker scheint geringer zu sein als die von Konsumenten anderer alkoholischer Getränke. Chinesische Forscher fanden in einer tierexperimentellen Studie, dass die Gaben von Rotwein, entalkoholisiertem Rotwein oder reinem Resveratrol vergleichbare Effekte auf das Gefäßsystem von Kaninchen haben. Gewebeproben zeigten bei allen unterschiedlichen Getränken einen deutlichen Rückgang von Größe und Dichte atherosklerotischer Plaques sowie eine verbesserte Endothelfunktion. Der alkoholhaltige Rotwein hatte gegenüber der alkoholfreien Variante sowie reinem Resveratrol keine zusätzlichen Effekte (Int J Mol Med. 2005 Oct;16(4):533-40).

 

Ist es nur der Alkohol?

 

Einige epidemiologische Studien und Metaanalysen haben jedoch in vergangenen Jahren Zweifel am Wundermolekül Resveratrol aufgeworfen. In ihnen war Rotwein anderen alkoholischen Getränken nicht überlegen. Ein aktueller Review von Maike Krenz und Ronald J. Korthuis von der University of Missouri, Columbia in den USA, legt die Vermutung nahe, dass der Alkohol die positiven Wirkungen auf Herz und Gefäße bedingt, egal ob als Rot- oder Weißwein, Bier oder Spirituosen getrunken. Viel bedeutender ist laut der Studie die Menge: Leichter bis moderater Alkoholgenuss senkt das Risiko von Herzinfarkt oder Schlaganfall und die Mortalitätsrate.

 

Für Frauen gilt ein Getränk mit circa 15 bis 20 Gramm Alkohol täglich als gesundheitsfördernd, bei Männern auch die doppelte Menge. Drei bis vier Getränke pro Tag lassen jedoch das Risiko ernster kardiovaskulärer Ereignisse wieder steigen (doi: 10.1016/j.yjmcc.2011.10. 011). Regelmäßiger leichter Alkoholkonsum scheint das Risiko für Herzerkrankungen laut der Auswertung generell um 30 bis 35 Prozent zu senken – bei Frauen und Männern, bei Jung und Alt. Ein günstiger Effekt zeigt sich sogar bei Rauchern und Risikopatienten mit Erkrankungen wie Diabetes, Hypertonie, Hypercholesterolämie und Adipositas.

 

Ob nun letztlich Resveratrol und andere Polyphenole des Rotweins für die günstigen Wirkungen verantwortlich sind oder diese allein dem Alkohol zuzuschreiben sind, ist unklar. Fest steht jedoch, dass Alkohol abhängig machen kann. Diese sehr reale Gefahr darf man bei der Diskussion um die positiven Effekte des Rotweins nie aus den Augen verlieren. / 

Kommentar

Das Paradoxon, das keines ist

Rotwein ist lecker. Dem werden wahrscheinlich nur sehr wenige Menschen widersprechen wollen. Umso besser, wenn das tägliche Gläschen Rotspon auch noch der Gesundheit nützt. Daher verweisen Weinliebhaber nur allzu gern auf das sogenannte französische Paradoxon. Sie übersehen dabei, dass dieses zwar eine Korrelation zwischen dem Rotweinkonsum der Franzosen und ihrer vergleichsweise niedrigen Herzinfarktrate zeigt, eine Kausalität jedoch nicht. Das anhand von epidemiologischen Untersuchungen zu belegen, ist nämlich unmöglich. Lifestyle-Effekte sind daher als Erklärung für das französische Paradoxon mindestens genauso einleuchtend wie Resveratrol und all die anderen ach so gesunden Inhaltsstoffe des Rotweins. Denn Weintrinker sind Genießer und zu einem guten Glas Rotwein passen eben weder Hamburger noch Pommes frites. Umgekehrt wird man die Folgen eines ungesunden Lebensstils auch mit noch so Resveratrol-reichem Rotwein nicht ausgleichen können.

 

Annette Mende

Redakteurin Pharmazie

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