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Anwendungsbeobachtung der BLAK

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20.02.2012
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Von Franziska Scharpf, Sonja Mayer, Ulrich Koczian / Die Bayerische Landesapothekerkammer (BLAK) führte mit den bayernweiten Qualitätszirkeln Pharmazeutische Betreuung flächendeckend im Juli 2011 die Anwendungsbeobachtung »Der Interaktions-Check in der Apotheke« durch.

Die Bayerische Akademie für Klinische Pharmazie der BLAK analysiert und berechnet erstmals für Deutschland, wie häufig Interaktionsmeldungen bei Patienten mit verordneten Arzneimitteln und/oder Selbstmedikationswunsch in der öffentlichen Apotheke auftreten. Sie zeigt auf, dass die überwiegende Mehrheit der Wechselwirkungen in der Apotheke gelöst wird.

Viele Faktoren sind entscheidend, ob Arzneimittel für den Patienten optimal wirken – oder auch nicht. Wichtig sind unter anderem die richtige Anwendung und der individuelle Medikamenten-Cocktail. Verordnete Arzneimittel, verschrieben vom Hausarzt, Facharzt sowie Kliniken und rezeptfreie, selbst gekaufte Medikamente oder Nahrungsergänzungsmittel passen oftmals nicht zusammen und können die Wirkung gegenseitig beeinflussen. Die Wahrscheinlichkeit für Interaktionen wächst mit der Zahl gleichzeitig eingenommener Medikamente, dem Alter der Patienten sowie der Anzahl verschreibender Ärzte (1). Einen weiteren wichtigen Risikofaktor stellt der häufige Wechsel der Apotheke und damit das Fehlen einer durchgehenden Arzneimittelhistorie insbesondere bei multimorbiden, polypharmazeutisch behandelten Patienten dar. Die potenzielle Relevanz der Wechselwirkung ist häufig vorhersagbar und damit vermeidbar (2,3)! Eine EDV-Unterstützung beim Interaktions-Check ist angesichts der unüberschaubaren Zahl der möglichen Wechselwirkungen unbedingt erforderlich. Die Texte der Interaktions-Monographien in der ABDA-Datenbank liefern wichtige Informationen, die es erlauben, das Risiko eines Patienten abzuschätzen und individuell angepasste Maßnahmen zu ergreifen. Der Interaktions-Check mithilfe der ABDA-Datenbank stellt somit einen wichtigen Beitrag der Apotheke zur Arzneimittelsicherheit dar.

PZ-Originalia

In der Rubrik Originalia werden wissen­schaftliche Untersuchungen und Studien veröffentlicht. Eingereichte Beiträge sollten in der Regel den Umfang von zwei Druckseiten nicht überschreiten und per E-Mail geschickt werden. Die PZ behält sich vor, eingereichte Manuskripte abzulehnen. Die veröffentlichten Beiträge geben nicht grundsätzlich die Meinung der Redaktion wieder.

»Diese im Bundesgebiet einzigartige Aktion ist für den Berufsstand von enormer Bedeutung. Wir erfassen lediglich das, was wir ohnehin jeden Tag in der Apotheke machen. So sensibilisieren wir den Bürger für den sicheren und eigenverantwortlichen Umgang mit Arzneimitteln. Wir dokumentieren, dass nur das individuelle Gespräch in der Apotheke dem Patienten gesundheitliche Vorteile bringt«, konstatiert Ulrich Koczian, Vizepräsident der Bayerischen Landesapothekerkammer. Vor diesem berufspolitischen Hintergrund und aufgrund der Tatsache, dass die Klassifikation nach Schweregrad bei der ABDA-Datenbank 2009 von einem handlungsorientierten System abgelöst wurde, hat die BLAK aufbauend auf der Anwendungsbeobachtung der Qualitätszir­kelapotheken Pharmazeutische Betreuung im Jahr 2006 in Zusammenarbeit mit den Qualitätszirkeln Pharmazeutische Betreuung im Juli 2011 die zweite bayernweite Interaktionserhebung durchgeführt. »Wir fördern und fordern pharmazeutische Kompetenz im Hochrisiko-Prozess Arzneimitteltherapie und sehen den Apotheker als Sicherheitsbarriere für den Patienten«, so Koczian.

 

Methodik

 

Alle Apotheken, die einem Qualitätszirkel Pharmazeutische Betreuung der Bayerischen Landesapothekerkammer (BLAK) angehören, konnten an der Anwendungsbeobachtung teilnehmen. Um eine einheitliche Datenbasis durch Standardisierung zu bekommen, wurden im Vorfeld der Untersuchung für das gesamte pharmazeutische Personal, welches im Handverkauf tätig ist, kostenlose, regionale, zweistündige Fortbildungen mit drei Fortbildungspunkten der BLAK zum Thema »Der Interaktionscheck in der Apotheke« angeboten (n=20).

 

Die Einschlusskriterien erfüllten 133 Apotheken, an der Erhebung teilgenommen haben 98, Daten ausgewertet wurden von 96 Apotheken mit circa 200 Studienteilnehmern.

 

Die Fragestellung und der standardisierte Erfassungsbogen wurde von der BLAK in Kooperation mit Dr. Nina Griese, ZAPP der ABDA, Dr. Oliver Schwalbe, Lehrstuhl Klinische Pharmazie der Universität Bonn, Dr. Petra Zagermann-Muncke, ABDATA, und Dr. Markus Zieglmeier, Krankenhaus Bogenhausen, diskutiert und konzipiert. Der Erfassungsbogen wurde im Pretest von vier bayerischen Apotheken auf Praxistauglichkeit evaluiert und angepasst.

 

Im Mustererfassungsbogen (Abbildung siehe unten) sind exemplarisch Fallbeispiele eingetragen. Anhand dieser Beispiele soll hier gezeigt werden, dass eine standardisierte Interaktionsberatung sinnvoll dokumentiert und die pharmazeutische Intervention ausgewertet werden kann.

 

Dokumentationszeitraum war der 1. bis 31. Juli 2011. Jeder einzelne Teilnehmer aus der Apotheke erfasste mithilfe des standardisierten Erfassungsbogens, 100 Kunden nacheinander, sowohl Kunden mit als auch ohne Interaktionsproblematik. Der Dokumentationsbogen enthält je Datensatz 24 Auswahlfelder in drei Hauptkategorien (Patientendaten/Interaktion/Intervention), davon sieben Pflichtfelder sowie ein Freitextfeld. Aus Auswertungsgründen wurde anstelle eines Kreuzchens für ein positives Ergebnis immer eine »1« eingetragen, weitere Angaben (zum Beispiel Ausnullen) waren nicht erwünscht.

 

Die Teilnehmer dokumentierten im ersten Schritt, ob der Kunde eine Kundenkarte besitzt, das Medikament persönlich abgeholt wurde (per Definition sind Medikamentenabholungen für Kinder bis zwölf Jahre als »Bote« gekennzeichnet), Geburtsjahrgang (auf Rezept oder gegebenenfalls geschätzt), das Geschlecht und die Anzahl der gerade abgegebenen Medikamente. Im aktuellen Verkaufsvorgang wurden sowohl verschreibungspflichtige als auch nicht-verschreibungspflichtige Arzneimittel in allen Darreichungsformen, Homöopathika, Nahrungsergänzungsmittel und Medizinprodukte gezählt. Nicht erfasst wurden Kunden, die nur Kosmetika, Diätetika oder Hilfsmittel abholten. Diese Pflichtangaben zum Patienten wurden für jeden Kunden, egal ob eine Interaktion auftrat oder nicht, erfasst. Wenn für einen Kunden mehrere Interaktionen angezeigt wurden, war jeweils dieselbe laufende Nummer für diesen Kunden unterei­nander einzutragen. Die Pflicht-Patientenangaben waren für einen Patienten nur einmal einzutragen. Bei Kunden ohne Kundenkarte erfolgte die standardisierte Nachfrage: »Welche Arzneimittel nehmen Sie noch ein?« aktiv und zwingend.

 

Im zweiten Schritt wurde der Interaktionscheck durchgeführt. Es wurden die ersten vier Interaktionskategorien (schwerwiegende Folgen wahrscheinlich, kontraindiziert/vorsichtshalber kontraindiziert/Überwachung beziehungsweise Anpassung nötig/in bestimmten Fällen Überwachung beziehungsweise Anpassung nötig) erfasst. Die Studienteilnehmer bezogen bei Kunden mit Kunden­karte die Medikationshistorie über einen Zeitraum von sechs Monaten ein. Dazu wurde die Software dementsprechend eingestellt. Trat eine Interaktionsmeldung bei einem Kunden auf, wurde die Interaktionsmonographienummer/ABDA-Nummer der gemeldeten Interaktion in den Erfassungsbogen eingetragen. Zusätzlich wurde von den Apotheken angegeben, ob die Interaktion auf eine gezielte Nachfrage entdeckt wurde, ob ein Arzneimittel der Selbstmedikation beteiligt war oder ob es sich um eine Erstverordnung gehandelt hat. Im Fall, dass die Interaktionspartner nicht gleichzeitig angewendet wurden, kennzeichneten die Teilnehmer dies durch das Feld »keine parallele Therapie«.

 

Die pharmazeutische Dienstleistung und der Umgang mit der Wechselwirkung wurden auf Patientenebene (bereits geklärt, aktives Patientengespräch mit Hinweis auf zeitversetzte Einnahme oder Parameter/UAW-Kontrolle oder Sonstiges) und Arztebene (Rücksprache Arzt plus Zusatzauswahl folgt Apotheken-Empfehlung, Auswahl eines alternativen Arzneimittel, Dosisanpassung, Änderung der Medikation, Sonstiges) dokumentiert.

 

Die Daten wurden nach Ablauf des Dokumentationszeitraumes entweder elektronisch per E-Mail (Excel-Tabelle) oder postalisch im August 2011 an die Studienzentrale der BLAK übermittelt.

 

Ergebnisse

 

Die Untersuchung basiert auf Daten, die Kollegen aus ganz Bayern freiwillig erhoben und zur Verfügung gestellt haben. Im Dokumentationszeitraum nahmen 98 Apotheken aus 18 Qualitätszirkeln Pharmazeutische Betreuung der BLAK teil. Die Apotheken waren flächendeckend und gleichmäßig über Bayern verteilt. Sie dokumentierten insgesamt 23 923 Datensätze von 20 890 Kunden. Durchschnittlich wurden 249 Datensätze je Apotheke gemeldet.

 

Alle eingegangenen Daten wurden von der Bayerischen Akademie für Klinische Pharmazie auf Vollständigkeit (laufende Nummer, ABDA-Nr., Kundenkarte, Intervention) und Plausibilität, vor allem auf Zugehörigkeit der gemeldeten Interaktionen mit den vier Kategorien der ABDA-Datenbank, Stand 2/2011, geprüft.

 

Die Charakteristika der Kunden in der Apotheke sahen wie folgt aus: 64 Prozent der Kunden waren über 50 Jahre und 60 Prozent aller Arzneimittelabgaben erfolgten an Frauen. Jeder zweite Kunde besaß eine Kundenkarte und jeder vierte Kunde sandte einen Boten. Eltern wurden bei Arzneimittelabgabe an unter Zwölfjährige als Bote gewertet. Durchschnittlich wurden 1,75 Medikamente pro Kunde, insgesamt 36 571 Produkte abgegeben.

 

Interaktionen treten häufig auf

 

Anhand der dokumentierten ABDA-Nummern wurde eine Auswertung der Häufigkeit einer speziellen Interaktionsmeldung durchgeführt. Insgesamt wurden bei 3347 Kunden 5272 Interaktionsmeldungen aus 277 Interaktions-Nummern erfasst. Im Mittel wurden 55 Interaktionen je Apotheke erfasst, die Anzahl variierte von 2 bis 288 Interaktionsmeldungen pro Apotheke. Jeder sechste Kunde war betroffen und jeder betroffene Kunde hatte 1,6 Interaktionen.

 

Insgesamt wurden 100 Interaktionen mit Kontraindikation aus 19 Interaktions-Nummern detektiert, jeder 200. Kunde war davon betroffen. Bei Annahme von 200 Kundenkontakten/pro Apotheke und pro Tag wurde durchschnittlich eine Interaktion mit Kontraindikation (ABDA-Kategorie 1) dokumentiert. Pro Jahr kommen über 870 000 solcher Interaktionen in bayerischen Apotheken vor. Pro Tag deckt eine öffentliche Apotheke durchschnittlich eine dieser lebensbedrohlichen Interaktionen auf.

 

In der Theorie sind mehr als 5000 Wechselwirkungen bekannt. Es wurden 277 verschiedene Interaktions-Nummern auf Stoffgruppen-Ebene von insgesamt 717 aus Kategorie 1 bis 4 möglichen in unterschiedlicher Häufigkeit gemeldet.

 

Bei den 20 häufigsten Meldungen handelt es sich durchweg nicht um schwerwiegende Interaktionen (Kombination kontraindiziert beziehungsweise vorsichtshalber kontraindiziert). Vierzehn verschiedene Interaktionsmeldungen machten 50 Prozent aller Interaktionsmeldungen aus. Fasst man gleichartige Interaktionen aus Antihypertonika und NSAR zusammen, machten diese 902 Meldungen (17,2 Prozent) aus. Bei den Top 20 spielten Arzneistoffgruppen wie Antihy­pertonika (zwölf Nennungen), nicht steroidale Antiphlogistika (NSAR, acht Nennungen), selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI, zwei Nennungen) und poly­valente Kationen (zwei Nennungen) eine wichtige Rolle. Die zwanzig häufigsten Interaktionsmeldungen zeigt Tabelle 1.

Tabelle 1: Top 20 der Interaktionen

ABDA-Nr. Kategorie IA-Gruppe-links IA-Gruppe-rechts
211 in bestimmten Fällen Überwachung Diuretika, kaliuretische Antiphlogistika, nicht steroidale
1 in bestimmten Fällen Überwachung ACE-Hemmer Antiphlogistika, nicht steroidale
45 in bestimmten Fällen Überwachung Betablocker Antiphlogistika, nicht steroidale
288 Überwachung beziehungsweise Anpassung nötig ACE-Hemmer Allopurinol
564 Überwachung beziehungsweise Anpassung nötig Schilddrüsenhormone Kationen, polyvalente
915 in bestimmten Fällen Überwachung Angiotensin-Antagonisten Antiphlogistika, nicht steroidale
393 Überwachung beziehungsweise Anpassung nötig Insuline Betablocker, kardioselektive
189 Überwachung beziehungsweise Anpassung nötig Antiphlogistika, nicht steroidale Glukokortikoide
1145 Überwachung beziehungsweise Anpassung nötig Antiphlogistika, nicht steroidale Serotonin-Reuptake-Hemmer
967 Überwachung beziehungsweise Anpassung nötig Acetylsalicylsäure Ibuprofen
357 Überwachung beziehungsweise Anpassung nötig Bisphosphonate Kationen, polyvalente
111 Überwachung beziehungsweise Anpassung nötig Beta-Sympathomimetika Betablocker
186 Überwachung beziehungsweise Anpassung nötig ACE-Hemmer Diuretika, kaliumretinierende
511 Überwachung beziehungsweise Anpassung nötig Thrombozytenaggregationshemmer Antiphlogistika, nicht steroidale
61 Überwachung beziehungsweise Anpassung nötig Alpha-2-Rezeptoragonisten Betablocker
488 Überwachung beziehungsweise Anpassung nötig Antikoagulantien, orale Cholesterol-Synthese-Hemmer
425 Überwachung beziehungsweise Anpassung nötig Antidepressiva, trizyklische, und Analoge Serotonin-Reuptake-Hemmer
97 Überwachung beziehungsweise Anpassung nötig Herzglykoside Diuretika, kaliuretische
663 Überwachung beziehungsweise Anpassung nötig Vitamin-D-Derivate Thiazid-Diuretika
1054 in bestimmten Fällen Überwachung Gyrasehemmer Antiphlogistika, nicht steroidale

Die zehn häufigsten schwerwiegenden Interaktionen zeigt Tabelle 2. Die Wechselwirkung CSE-Hemmer/Makrolid-Antibiotikum wurde 23-mal, die Interaktion Kaliumsalze/kaliumretinierende Diuretika 21-mal sowie die Kombination Phenprocoumon/ASS 14-mal detektiert.

Tabelle 2: Top 10 Interaktionen mit Kontraindikation

ABDA-Nr. Kategorie IA-Gruppe-links IA-Gruppe-rechts
437 kontraindiziert Cholesterol-Synthese-Hemmer Makrolid-Antibiotika
112 kontraindiziert Kaliumsalze Diuretika, kaliumretinierende
35 kontraindiziert Antikoagulanzien, orale Salicylate (hoch dosiert)
1265 kontraindiziert Dronedaron Antiarrhythmika
584 kontraindiziert Allergenextrakte Betablocker
169 kontraindiziert Theophyllin und -Derivate Betablocker, nicht kardioselektive
928 kontraindiziert Lebend-Impfstoffe Glucocorticoide
595 kontraindiziert Nitrate Phosphodiesterase-5-Hemmer
494 kontraindiziert Cholesterol-Synthese-Hemmer Azol-Antimykotika
981 kontraindiziert Clozapin Stoffe, die die Knochenmarkfunktion supprimieren

Auffällig war, dass in der vorliegenden Untersuchung der Hauptanteil der Interaktionsmeldungen Kunden mit Kundenkarte (79 Pr0zent, n = 2628) ausmachten (IA bei Kundenkartenkunden n = 2628, IA ohne Kundenkarte n = 719, Kundenkartenkunden gesamt n = 9996, Kunden ohne Kundenkarte n = 10894). Grund dafür wird sein, dass bei Kunden ohne Kundenkarte die Gesamtmedikation nicht bekannt ist und deshalb nicht angezeigt werden konnte. Diese Daten belegen und zeigen eindrucksvoll, wie bedeutend eine Speicherung der Medikation für die Arzneimitteltherapiesicherheit für Kunden sein kann. Ebenso konnte gezeigt werden, dass Kunden im Alter zwischen 60 und 79 Jahren die meisten Interaktionsmeldungen (53 Prozent, n = 2818) aufweisen. In der Praxis kommt es häufig vor, dass mehr als ein Arzneimittel eingenommen wird. Die Anwendungsbeobachtung präsentierte, dass sich das Interaktionsrisiko mit der Zahl gleichzeitig eingenommener Medikamente erhöht.

 

Welche Arzneimittel nehmen Sie noch ein?

 

Bei Laufkunden war die aktive Nachfrage »Welche Arzneimittel nehmen Sie noch ein?« standardisiert zu stellen. Durch ein strukturiertes Beratungsgespräch des pharmazeutischen Personals konnten bei 11 Prozent der betroffenen Kunden Interaktionen auf gezielte Nachfrage bei der Vorlage eines Rezeptes oder beim Kauf eines Arzneimittels ermittelt werden. Ein weiteres Befragen der Kunden nach der Einnahme weiterer Arzneimittel ist hauptsächlich bei OTC-Präparaten wie NSAR, polyvalente Kationen, Johanniskraut und Grapefruit relevant. Da diese Stoffgruppen im Rahmen der Selbstmedikation zur Verfügung stehen, sollten diese, vor allem bei Laufkunden, stets im Auge behalten werden. Die Nachfrage ist auch sehr wertvoll bei Arzneimitteln, die mit OTC-Präparaten interagieren können, insbesondere bei der (Erst-)Verordnung zum Beispiel von: Gyrasehemmern, Tetracy­clinen, Bisphosphonaten, Schilddrüsenhormonen und Phenprocoumon. Ferner bei Arzneimitteln, mit hohem Interak­tionspotenzial und hohem Risiko für unerwünschte Arzneimittelereignisse.

 

Auch von Arzneimitteln der Selbstmedikation kann ein ernstzunehmendes Interaktionspotenzial ausgehen. So waren bei ungefähr jedem achten betroffenen Kunden Wechselwirkungen mit einem Präparat der Selbstmedikation beteiligt. Auch hier sind am häufigsten NSAR und polyvalente Kationen als Interaktionspartner vorzufinden.

 

Interventionen

 

Die wenigsten Interaktionen sind gleichbedeutend mit einer Kontraindikation der betroffenen Kombination. Häufig muss lediglich beobachtet werden, ob eine beschriebene Interaktion beim Patienten auch zu einer klinischen Symptomatik führt, und selbst dann kann das Problem meist mithilfe einer Dosisanpassung oder durch andere zu treffenden Maßnahmen gelöst werden. Die vollständige Information zu einer Wechselwirkung besteht also neben der Tatsache, dass sie auftreten kann in dem Mechanismus, der ihr zugrunde liegt, und in den Maßnahmen, die zu treffen sind. Entscheidungsbäume zur Bearbeitung von Interaktionsmeldungen, die an die Umstellung der ABDA-Datenbank auf das ORCA-System angepasst sind, sind für eine strukturierte Interaktionsberatung nötig. In 9 Prozent der Interaktionsmeldungen konnte über die Medikationshistorie sowie in Gesprächen abgeklärt werden, dass der Interaktionspartner zeitlich begrenzt war und nun nicht mehr eingenommen wird. In 7 Prozent lag eine Neuverordnung vor.

 

82 Prozent aller Interaktionen wurden mit dem Patienten direkt in der Apotheke gelöst. 27 Prozent der Interaktionsmeldungen wurden bereits in der Vergangenheit mit dem Kunden geklärt und ihm die weitere Vorgehensweise erklärt. Das bedeutet, dass potenzielle Interaktionen, die in der Apotheke bereits geklärt wurden, unbedingt als solche dokumentiert werden sollten. In 55 Prozent der Fälle erfolgte eine aktuelle Interaktionsberatung mit dem Kunden vor Ort. In diesen Gesprächen (Mehrfachnennung möglich) mit den Kunden wurde zum Beispiel in 11 Prozent auf eine zeitversetzte Einnahme hingewiesen. In 29 Prozent der Gespräche mit dem Kunden wurde auf eine Parameterkontrolle, zum Beispiel die regelmäßige Blutdruck-/Blutzuckerselbstmessung, aufmerksam gemacht. Auch das engmaschige Monitoring des International Normalised Ratio (INR)/Quickwert bei Veränderung des Schilddrüsenhormonstatus über mehrere Wochen mit Patientenhinweis, dass bei Dosisänderung oder Absetzen der Therapie Veränderung der Wirkung des Antikoagulans möglich sind, wurde häufig besprochen. In 15 Prozent war aufgrund der Klassifikation »Sonstiges« nicht erkennbar, wie der Apotheker die Wechselwirkung gelöst hatte.

 

Eine differenzierte Interaktionsberatung kann die Therapie des Arztes unterstützen. 10 Prozent der Interaktionsmeldungen waren in der Apotheke als bereits mit dem Arzt besprochen gekennzeichnet. Hierunter fällt zum Beispiel die einmalig mit dem Neurologen besprochene Interaktion durch Neuroleptika mit Parkinson-Mittel, die engmaschig gemonitort wird. Bei 8 Prozent der Fälle wurde die Interaktionsmeldung aktuell durch Rücksprache des Arztes geklärt. Dies zeigt, dass eine multiprofessionelle Zusammenarbeit zwischen Arzt und Apotheker eine bedeutende Rolle für die Patientensicherheit spielt.

 

Diskussion

 

Wechselwirkungen kommen sehr häufig vor, nicht nur bei verschreibungspflichtigen Arzneimitteln. Gerade die vielen dokumentierten Interaktionen mit Medikamenten im Rahmen der Selbstmedikation stellen ein starkes Argument für den Erhalt der Apothekenpflicht dar. Nur der Apotheker kann aufgrund seiner qualifizierten Ausbildung und dem direkten Kontakt zum Patienten potenziell gefährliche Arzneimittel-Kombinationen erkennen und verhindern.

 

Für den Apothekenalltag ist es wichtig, dass die Interaktionsmeldungen mit wenig Zeitaufwand nach klinischer Relevanz einzuordnen sind. Dies ist nur möglich, wenn ein Entscheidungsbaum bekannt ist. Die Interaktionsberatung bleibt ein wichtiges Dauerthema und die Kenntnis über verschiedene Interaktionen erleichtert wesentlich das tägliche Arbeiten in der Apotheke.

 

Den Großteil der Interaktionsmeldungen machen ein und dieselben Interaktionen aus. Allein das Augenmerk auf die 20 häufigsten Interaktionen zu richten, deckt bereits einen großen Anteil der Interaktionsberatung ab. Die für Wechselwirkungen risikoreichsten Arzneistoffgruppen sind Antihypertonika, Schmerzmittel, Antidepressiva und polyvalente Kationen. Jeder Apothekenleiter sollte Sorge dafür tragen, dass sein Team diese Interaktionen mit Lösungen kennt. Viele Interaktionsmeldungen sind effizient zu beheben, wenn der Kunde auf eine zeitlich versetzte Einnahme der Arzneimittel (zum Beispiel polyvalente Kationen plus Bisphosphonate oder Schilddrüsenmedikamente) hingewiesen wird. Zur Lösung einiger interaktionsbedingter Probleme ist eine sorgfältige Kontrolle von Parametern durch den Patienten wie Blutzucker, Blutdruck und Quickwert/INR unerlässlich. Ein Patient, der den Sachverhalt kennt und informiert ist, wie er auf Veränderungen reagieren muss, wird mit den möglichen Auswirkungen der Interaktion kein Problem haben (zum Beispiel Diabetiker und Betablocker). Sowohl bei der Information zur zeitversetzten Einnahme als auch beim Hinweis der sorgfältigen Kontrolle der Patientenparameter wird eine Dokumentation dringend empfohlen. Dadurch wird gewährleistet, dass das gesamte Apothekenteam die gleichen Empfehlungen gibt.

 

Die ABDA-Datenbank beinhaltet in Kategorie 1-4 717 mögliche Interaktionen, im Apothekenalltag sind – wie die erhobenen Daten zeigen – jedoch nur gut ein Drittel von Relevanz.

 

Im persönlichen Beratungsgespräch erhält der Apotheker relevante Informationen über die weitere Medikation und die Einnahmeroutine des Patienten. 82 Prozent aller Interaktionen können auf diese Weise direkt in der Apotheke gelöst werden. Durch pharmazeutische Beratung und einfache Hinweise, wie die zeitversetzte Einnahme von Medikamenten, wird Interaktionen effektiv vorgebeugt. Der Apotheker fungiert als Schnittstelle zwischen Medikament, Patient und Arzt. Bei 8 Prozent der entdeckten Interaktionen ist eine Rücksprache mit dem Arzt erforderlich. Durch den direkten Dialog der Heilberufler auf Augenhöhe kann dem Patienten individuell und schnell geholfen werden.

 

Fazit

 

Interaktionsmeldungen gehören zu den am häufigsten identifizierten arzneimittelbezogenen Problemen. Deshalb ist es, auch gesundheitsökonomisch, von besonderer Bedeutung, dafür im Apothekenalltag umsetzbare Lösungen anzubieten. In den letzten Jahren hat sich das Verständnis von Arzneimittelwechselwirkungen bedeutend verbessert. Die erhobenen Daten zeigen Tendenzen und sollen Hilfestellung und Anregung sein um eine bessere Patientensicherheit zu gewährleisten.

 

Mit der Hilfe der ABDA-Datenbank und einer entsprechenden Software können Interaktionsmeldungen gut detektiert werden. Nichtsdestotrotz ist pharmazeutisches Sachwissen nötig, da nur unter Berücksichtigung der momentanen individuellen Situation des betroffenen Patienten, im persönlichen Gespräch mit den Kunden eine Interaktionsproblematik vom Apotheker, aufgrund seiner qualifizierten Ausbildung, richtig bewertet und individuell beurteilt werden kann. Aber auch Patienten können helfen, Interaktionen zu vermeiden. Schon alleine mit einer Speicherung aller Arzneimittel in der Apotheke ist es möglich, einen umfassenden Interaktionscheck durchzuführen.

 

Unter anderem werden mithilfe der gewonnenen Zahlen, im ersten Halbjahr 2012, bayernweite Seminarfortbildungen »Der Interaktions-Check« der BLAK durchgeführt. Schwerpunkte der Fortbildung sind es, Risikomedikamente zu erkennen, die Beurteilungen der klinischen Relevanz einer möglichen Interaktion für jeden individuellen Patienten vorzunehmen und die Entscheidung für oder gegen eine Intervention zu treffen.

 

Nur mit einer offenen, multiprofessionellen Kommunikation kann der Apotheker die Therapie des Arztes durch Förderung der Patientencompliance unterstützen und die Patientensicherheit entscheidend verbessern.

 

Mit dieser statistischen Erfassung aus dem Apothekenalltag haben Apotheker gezeigt, wie häufig Interaktionen in der Apotheke auftreten und dort gelöst werden. Herzlicher Dank gilt den Teilnehmern der Interaktionserhebung, die eine solche Anwendungsbeobachtung erst möglich gemacht haben. /

Literatur

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Becker et al. Drug Saf. 2005; 28 (5):371

Seymour et al., Drugs Aging. 1998 Jun; 12 (6): 485

Dormann et al., Drug Saf. 2003; 26 (5): 353

 

Anschrift der Verfasser:

Dr. Sonja Mayer und Franziska Scharpf,

Bayerische Landesapothekerkammer,

Maria-Theresia-Straße 28,

81675 München,

E-Mail: sonja.mayer(at)blak.aponet.de

 

Ulrich Koczian,

Linden-Apotheke,

Stadtberger Straße 4 1/2,

86157 Augsburg

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