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Castell Miquel

Der erste Wein mit Beipackzettel

21.02.2012  15:52 Uhr

Von Uta Grossmann / Professor Dr. Michael A. Popp ist nicht nur Chef des Phyto-Herstellers Bionorica, er ist auch Eigentümer eines Weinguts. Der Pharmazeut baut auf der Baleareninsel Mallorca Wein an und analysiert dessen gesundheitsfördernde Inhaltsstoffe.

Der Bionorica-Chef Popp hat sich als Unternehmer auf dem Feld pflanzlicher Arzneimittel wie Sinupret längst einen Namen gemacht. Weltweit lässt der Pharmazeut die pharmakologischen Wirkprofile von Heilpflanzen erforschen, um sie gezielt für seine Phytopharmaka einsetzen zu können. Die Erkenntnisse aus der Arzneimittelherstellung nutzt er auch für seine zweite Leidenschaft, den Weinbau. Popp baut auf dem mallorquinischen Landgut Castell Miquel Weine an, die nicht nur die Sinne erfreuen, sondern auch die Gesundheit fördern sollen.

Der habilitierte Pharmazeut fokussiert sich darauf, das von ihm entwickelte Prinzip des »Phytoneering« in derzeit machbaren Teilen auf den Weinbau zu übertragen. Der Begriff Phytoneering steht für die Verbindung des Wirkstoffpotenzials der Pflanze (phyton) mit dem Wissen und den Methoden der Pharmaforschung (engineering) und beschreibt die Erforschung und Herstellung pflanzlicher Arzneimittel bei der Firma Bionorica: eine Symbiose aus modernen Forschungsmethoden, pharmakologischen und klinischen Studien und Hightech-Verfahren bei der Herstellung.

 

Analyse mit Patent

 

Für seine in Alaró in den Tramuntana-Bergen Mallorcas angebauten Weine hat Popp zusammen mit der Universität Innsbruck ein patentiertes Analyseverfahren mit Infrarotstrahlung entwickelt, um den Gehalt gesundheitsfördernder Inhaltsstoffe zu messen.

 

Als wissenschaftlich forschender Pharmazeut sieht der gebürtige Franke eine »Seelenverwandtschaft« zwischen Wein und Heilpflanzen. Wie bei Arzneimitteln aus Heilpflanzen ist auch beim Wein der Ausgangsstoff die Pflanze. Je nach Rebsorte, Lage und Anbaubedingungen entwickeln sich Weine mit unterschiedlichem Geruch und Geschmack. »Wir verwenden Rebsorten, die wir ausschließlich mit definierten Qualitätsstandards anbauen«, erläutert Popp. »Nur die richtige Auswahl der Pflanzenspezies, ein optimaler Anbau und die richtige Verarbeitung können letztlich die wertvollen gesundheitsfördernden Substanzen freigeben, das ist bei Weinen nicht anders als bei Arzneien auf Heilpflanzenbasis.«

 

Beim Anbau wird auf den Einsatz chemischer Mittel verzichtet. Die für Mallorca typischen Trockensteinmauern, die ohne Mörtel auskommen, bilden terrassenförmige Anbauflächen für die Weinstöcke. Sie speichern Feuchtigkeit und Sonnenwärme. Die Wärme geben sie nachts wieder ab, sodass es für die empfindlichen Reben nie zu warm und nie zu kalt wird. In den Mauern wächst Thymian, der Keime bindet und so die Reben schont. Allerdings werden die Trauben einem bestimmten Verfahren ausgesetzt.

 

Durch eine strenge Selektion und den rigorosen Beschnitt der Traube – bis zu sieben Mal im Jahr – bleibt Castell Miquel bewusst unter 30 bis 50 Prozent des möglichen Ernteertrages: In der »Grünen Lese« dünnt man den Wein aus, wenn die Trauben vor dem Reifebeginn stehen. »Außerdem stressen wir den Wein«, sagt Popp – die Reben bekommen wenig Wasser, damit die Trauben klein bleiben. Das Ziel: Prozentual weniger Fruchtfleisch, aber mehr Schale mit vielen Inhaltsstoffen, ein hoher Zucker- und später Alkoholgehalt. »Die geschmackvollen Trauben sollen nicht durch Wasser aufgeblasen werden«, so Popp.

 

Länger gesund leben

 

Die Trauben werden dann bei der Ernte handverlesen und kühl und dunkel in Kellergewölben bis zum Keltern gelagert. Die nächste Herausforderung sei es, die Traubenschale möglichst optimal zu extrahieren, erläutert Popp: »Die wichtigsten Substanzen sind Polyphenole wie das sogenannte Resveratrol, mit dem man nach wissenschaftlichen Erkenntnissen länger gesund leben kann. Diese sekundären Pflanzeninhaltsstoffe lösen wir mit speziellen Hightech-Verfahren durch langsame Vergärung aus der Traubenschale heraus.«

 

Die Weine werden anschließend »en barrique«, in Eichenfässern gelagert. 225 Liter gehen in so ein Fass hinein. Knapp ein Jahr lang reift der Wein in den Fässern aus ungarischer und französischer Eiche. So sollen osmotische Prozesse zwischen Holz und Wein in Gang gesetzt werden, die den Wein medizinisch besonders wertvoll machen.

 

In den vergangenen zwanzig Jahren haben Wissenschaftler und Ärzte in vielen Studien zahlreiche gesundheitsfördernde Wirkungen von Wein (insbesondere Rotwein) zutage gefördert (lesen Sie dazu auch Rotwein: Wundermittel der Natur?). Voraussetzung ist ein moderater Weingenuss: Das bedeutet pro Tag nicht mehr als zwei Gläser für Männer und ein Glas für Frauen. In Maßen genossen, soll Rotwein das Herzinfarktrisiko senken, das gute HDL-Cholesterin (high density lipoprotein) ansteigen lassen, Koronararterien weiten, zu fettreichem Essen getrunken die Fettverbrennung ankurbeln, den Stoffwechsel von Diabetikern verbessern, vor Parodontose und sogar vor Krebs schützen. Polyphenolen wird nachgesagt, das Verklumpen von Blutplättchen zu verhindern, hochreaktive Sauerstoffteilchen abzufangen und bremsend auf den Alterungsprozess zu wirken. Allerdings sind diese Studienergebnisse umstritten, weil es schwierig ist, positive Wirkungen wie die Senkung des Infarktrisikos oder den Schutz vor Krebs allein auf den Wein­genuss zurückzuführen. Hier spielen zahlreiche Faktoren der Lebensführung wie Bewegung, gesunde Ernährung oder Stress eine Rolle.

Rotwein ist gesünder als Weißwein, weil er eine im Durchschnitt zehnmal höhere Resveratrol-Konzentration aufweist. Der Grund: Er bleibt bei der Herstellung viel länger in Kontakt mit Traubenschalen, in denen dieser sekundäre Pflanzenstoff vor allem sitzt. Traubensaft taugt übrigens nicht als Alternative: Bei der Saftherstellung werden die Traubenschalen und die -kerne entfernt, sodass Traubensaft nur wenige Polyphenole enthält.

 

Zahlreiche Auszeichnungen

 

Bei Weinkennern kommen die Castell-Miquel-Weine an, wie zahlreiche Auszeichnungen zeigen. Zu den bekennenden Fans zählt auch Bundes­gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP), der im vergangenen Herbst beim parlamentarischen Abend der Bionorica als Referent zu Gast war.

 

Der erste Jahrgang, 1997 noch mit gekauften Trauben gekeltert, ergab 2000 Liter. 2010 wurden auf der Finca 150 000 Flaschen Wein abgefüllt. Die Kartonagen haben einen »Beipackzettel«, der die Anteile an Inhaltsstoffen auflistet und Empfehlungen gibt, zu welchen Gerichten der Wein passt und wie sie zubereitet werden sollten. »Die Wechselwirkungen zwischen Wein und Gerichten sind immens«, sagt Popp. Es gebe zum Beispiel fast keine Käsesorte, zu der Rotwein passt: »Käse vernichtet meiner Ansicht nach den Geschmack von Rotwein.«

 

Seit 2007/2008 schreibe er mit dem Weingut eine »schwarze Null«, seit 2010 mache er Gewinn, sagt Popp. Er hat zehn angestellte Mitarbeiter und beschäftigt weitere Saisonkräfte. 55 Prozent des Weines verkauft er in Deutschland, vor allem an die gehobene Gastronomie, aber auch an Privatkunden. 40 Prozent gehen an ausgesuchte Restaurants auf Mallorca. Der Rest kommt bei Weinverkostungen auf den Tisch oder wird der zunehmenden Zahl von Besuchern des Weinguts und den Teilnehmern von Fortbildungsveranstaltungen über Phytopharmaka kredenzt.

 

Mehr als Liebhaberei

 

Das Weingut ist längst mehr als eine Liebhaberei des Bionorica-Chefs geworden. Zwanzig bis dreißig Mal im Jahr fliegt er nach Mallorca, meist für ein Wochenende. Obwohl er auch dort arbeitet, fühlten sich zwei Tage auf dem Weingut an wie eine Woche Urlaub, sagt Popp. Er schwärmt von der »wunderschönen Umgebung, den Gerüchen und vielfältigen Sinneseindrücken«.

 

Popp hat drei Baumaschinen gekauft, um alte Gebäude abzureißen und Felsen vom Weinberg zu holen. Mit den Steinen werden eingestürzte oder fehlende Trockenmauern repariert und ergänzt. Es gibt einen Heilpflanzengarten, demnächst will Popp das Konzept einer »Phytothek« für Apotheken dort präsentieren. Er hat immer neue Ideen. »Ich bin ja gern Unternehmer«, sagt er. Auf seiner Finca kann er auch diese Leidenschaft ausleben. »Das ist meine Märklin-Eisenbahn im Maßstab eins zu eins.« /

Wein als Medizin

Schon in alter Zeit wurde Wein zu medizinischen Zwecken eingesetzt. Hippokrates (etwa 460 bis 370 vor Christus) empfahl bei Kopfschmerzen und Verdauungsstörungen mit Wasser verdünnten Wein. Der griechische Arzt setzte Wein auch zur Wundbehandlung, bei Augenkrankheiten und als Schlaf- und Beruhigungsmittel ein.

 

Römische Soldaten desinfizierten ihre Wunden mit Wein und gaben ihn ins Trinkwasser, um dessen hygienische Qualität zu verbessern. Nicht auszuschließen ist, dass sie sich vor dem Gemetzel Mut angetrunken haben. Ob das klug war, steht auf einem anderen Blatt, denn Alkohol vermindert die Muskelspannung, und das dürfte in einer altrömischen Schlacht Mann gegen Mann eher lebensverkürzend gewirkt haben.

 

Im Mittelalter verwendete die Mystikerin Hildegard von Bingen (1098 bis 1179) erhitzten und verdünnten Wein, oft zusammen mit unterschiedlichen Kräutern, zur Bekämpfung von vielerlei Leiden – unter anderem gegen schwarzgallige Wut.

 

Auch Friedrich Hoffmann (1660 bis 1742) nutzte Wein als Medizin. Eines seiner Medikamente, als »Hoffmanns Tropfen« bekannt, besteht aus Alkohol und Äther. Hoffmann war der erste Medizin-Professor der Universität Halle und Leibarzt am preußischen Königshof. Friedrich I. berief ihn aus Halle nach Berlin. Später kurierte Hoffmann dessen schwer erkrankten Sohn, Friedrich Wilhelm I., den Soldatenkönig. Hoffmann soll eine Weinkur erfunden haben, die mit anderthalb Litern pro Tag begann und fünf Wochen dauerte. Die Dosis steigerte sich auf sechs bis acht Liter Wein pro Tag. Wie viele Patienten diese Therapie überlebt haben, ist nicht überliefert.

 

Noch 1892 wurden Weiß- und Rotwein nach ärztlicher Verordnung in der Apotheke an Patienten abgegeben – die Krankenkasse übernahm die Kosten.

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