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Karies

Zahnpflege ab dem ersten Zähnchen

19.02.2007  11:34 Uhr

Karies

Zahnpflege ab dem ersten Zähnchen

Von Christina Hohmann

 

Karies muss nicht sein. Eltern können ihren Kindern das schmerzhafte Bohren des Zahnarztes durch einfache Maßnahmen ersparen: Fluoride, die tägliche Zahnpflege und eine zahngesunde Ernährung sind drei wichtige Bestandteile der Prophylaxe.

 

Dank intensiver Prophylaxe ist in Deutschland in den vergangenen Jahren Karies bei Kindern und Jugendlichen deutlich zurückgegangen. Mehr als die Hälfte der Sechsjährigen hat heute ein naturgesundes Gebiss, und Zwölfjährige weisen im Schnitt weniger als zwei Kariesstellen auf. Damit nimmt Deutschland international einen der vorderen Plätze ein. Dennoch erkranken immer noch zu viele Kinder an der schmerzhaften und zerstörerischen Karies der Milchzähne. Diese sind besonders empfindlich, weil der Zahnschmelz noch nicht sehr widerstandsfähig ist. Auch die bleibenden Zähne sind erst drei Jahre nach ihrem Durchbruch ausgereift. Daher müssen Kinderzähne besonders sorgfältig gepflegt werden.

 

Was viele Eltern nicht wissen: Karies ist eine Infektionskrankheit. Für den Angriff auf die Zähne sind verschiedene Bakterienarten, vor allem Streptococcus mutans, verantwortlich. Diese siedeln sich auf der Zahnoberfläche zusammen mit anderen Keimen an und bilden einen Biofilm, die sogenannte Plaque. Die Karies verursachenden Bakterien verstoffwechseln Zucker zu Milchsäure und senken somit den pH-Wert. Um die Säure zu neutralisieren, werden Mineralien aus der Zahnsubstanz, vor allem Calcium und Phosphor, herausgelöst. Die Demineralisation kann durch den Speichel wieder ausgeglichen werden. Er enthält neben 98 Prozent Wasser auch Mineralien wie Calciumphosphate, die in den Zahnschmelz eingebaut werden können. Zwischen Demineralisation durch die Säuren und Remineralisation durch den Speichel besteht normalerweise ein Gleichgewicht. Überwiegt aber die Demineralisation, entsteht Karies.

 

Eine Kusskrankheit

 

Die Karies verursachenden Bakterien sind nicht von Geburt an in der Mundhöhle vorhanden, sondern werden von Erwachsenen nach Durchbruch der ersten Zähne übertragen. Hierfür langt das Ablecken von Schnuller oder Babylöffel aus. Je später die Übertragung stattfindet, desto größer ist die Chance, dass sich schützende Bakterien im Biofilm einnisten und Streptococcus mutans im Zaum halten. Um eine Infektion des Kindes zu vermeiden, sollten daher weder Schnuller noch Löffel abgeleckt werden. Da die Bakterien aber auch beim Küssen übertragen werden, erscheint eine Vermeidungsstrategie hier wenig sinnvoll. Deutlich effektiver ist es, das Gebiss der Eltern, vor allem der Mutter, zu sanieren. Zwischen dem Streptococcus-Befall der Mutter und dem Auftreten von Milchzahnkaries beim Kind besteht ein eindeutiger Zusammenhang. So zeigt eine Studie aus dem Jahr 2003, dass eine aktive Karies der Mutter das Kariesrisiko der Kinder um das Vierfache erhöht.

 

Eine mechanische Plaqueentfernung (durch Zähneputzen) und Ernährungsmaßnahmen reichen für eine langfristige Reduktion der Streptococcus-Besiedlung bei den Eltern allerdings nicht aus. Das Gebiss der Eltern sollte durch eine professionelle Zahnreinigung beim Zahnarzt und die Behandlung aller kariösen Stellen gründlich saniert werden. Die Übertragung der Keime auf das Kind lässt sich durch die regelmäßige Verwendung von Xylitol in Mundspülungen oder Kaugummis verhindern. Der Zuckeraustauschstoff Xylitol (oder auch Xylit) senkt die Haftkraft der Kariesbakterien auf der Zahnoberfläche, weshalb sie durch den Speichel leichter entfernt werden können.

 

Studien zeigen, dass die Xylitolanwendung der Mutter das Kariesrisiko der Kinder deutlich senkt. Wenn Mütter vom 3. bis zum 24. Monat nach der Geburt des Kindes viermal pro Tag xylitolhaltige Kaugummis verwendeten, hatten die Kinder im Alter von fünf Jahren um bis zu 74 Prozent weniger Karies als Kinder der Vergleichsgruppe.

 

Streit um Fluoride

 

Fluoride sind ein wichtiger Bestandteil der Kariesprophylaxe. Die konsequente Versorgung mit diesen Verbindungen ist wohl der Hauptgrund, warum die Erkrankung in Deutschland so stark zurückgegangen ist. Fluoride schützen die Zähne auf mehrere Weisen: Zum einen unterstützen sie die Remineralisation des Zahnschmelz, indem sie den Einbau der Calciumphosphate beschleunigen. Zum anderen werden sie selbst in den Zahnschmelz eingelagert und machen diesen widerstandsfähiger. Weiterhin hemmen die Verbindungen den Stoffwechsel der Kariesbakterien und somit deren Vermehrung.

 

Als natürliche Spurenelemente sind Fluoride im Trinkwasser und in verschiedenen Lebensmitteln enthalten. Diese natürlichen Quellen reichen aber für die Deckung des Bedarfs nicht aus. Daher sind die Salze in fast allen Zahncremes enthalten und können auch über spezielle Lacke und Gele direkt auf den Zahnschmelz aufgebracht werden. Auch dem Speisesalz sind mittlerweile Fluoride zugesetzt.

 

Die Schutzwirkung der Fluoride ist unbestritten und daher sind sich Kinderärzte und Zahnärzte darin einig, dass bereits Säuglinge ausreichend mit den Verbindungen versorgt werden müssen. Nur wie diese Versorgung aussehen sollte, darüber gibt es in der Fachwelt verschiedene Meinungen.

 

Die Fachgesellschaften der Kinderärzte empfehlen, von Geburt an bis ins Alter von drei Jahren Fluoride in Form von Tabletten oder Tropfen zu verabreichen (im ersten Jahr in Kombination mit Vitamin D). Diese frühe Gabe soll die Zahnhärtung bereits in der Phase des Zahnaufbaus unterstützen. Ab dem ersten Zahn sollte das Kind auch in die tägliche Zahnpflege eingewiesen werden. Dabei sollten Eltern ihren Kindern die Zähne entweder ohne Zahnpasta oder mit einer fluoridfreien Creme putzen. Erst nach Absetzen der Prophylaxe sollen Kinder dann eine fluoridhaltige Zahncreme verwenden, um Überdosierungen zu vermeiden.

 

Zahnärztliche Fachgesellschaften raten dagegen seit dem Jahr 2000 dazu, keine Fluoridtabletten zu verwenden, sondern vom ersten Zahn an jeden Tag einmal mit einem erbsengroßen Stück fluoridhaltiger Zahnpasta zu putzen. Dabei sollte die Kinderzahncreme nicht mehr als 500 ppm Fluorid enthalten. Ab dem zweiten Lebensjahr sollten Eltern dem Kind zweimal täglich auf diese Weise die Zähne putzen. Die Zahnärzte begründen ihre Empfehlung mit Studien, die zeigen, dass eine lokale Applikation von Fluoriden wirkungsvoller ist als eine systemische Gabe. Außerdem befürchten sie, dass durch die Verwendung von Fluoridtabletten die Gefahr einer erhöhten Aufnahme bestehe. Diese kann zu dem kosmetischen Problem der Fluorosen, weißen Flecken im Zahnschmelz, führen.

 

Die Argumentation der Zahnärzte ziehen Kinderärzte aus verschiedenen Gründen in Zweifel: Zum einen sei die bessere Wirksamkeit der lokalen Applikation nicht bei Säuglingen und Kindern nachgewiesen, die sich im Regelfall gegen das Zähneputzen sperren. Die kariesprophylaktische Wirkung sei außerdem nur für Erwachsenenzahncreme (1000 bis 1500 ppm Fluorid) und nicht für die schwach dosierte Kinderzahnpasta belegt. Zum anderen wenden die Kindärzte ein, dass Kleinkinder unter drei Jahren häufig Zahnpasta verschlucken. Da Zahncremes zu den Kosmetikprodukten zählen und nicht zu Nahrungsmitteln, unterliegen sie keinen lebensmittelrechtlichen Kontrollen und eignen sich nicht zum regelmäßigen Verzehr. Außerdem sei in der Schweiz und in Norwegen die Kariesrate wieder angestiegen, nachdem die Fluoridsupplementation abgeschafft wurde.

 

Putztechnik erlernen

 

Einig sind sich die beide Fachgesellschaften allerdings darin, dass bereits ab dem Durchbruch des ersten Zahn täglich geputzt werden sollte, um dem Kind die Wichtigkeit der Zahnpflege zu verdeutlichen. Mit etwa drei Jahren haben Kinder gelernt, die Zahnpasta nicht zu verschlucken. In diesem Alter können sie auch beginnen, ihre Zähne selbst zu putzen. Dabei kommt es auf die richtige Technik an. Bewährt hat sich das KAI-System, das sich leicht merken lässt: Als erstes werden die Kauflächen (K) geputzt. Dann werden Kreise auf die Außenflächen (A) gemalt. Abschließend werden die Innenseiten (I) vom Zahnfleisch nach oben hin ausgefegt. Das selbe System ist auch bei der Nutzung von elektrischen Zahnbürsten, die wegen ihrer einfachen Handhabung für kleine Kinder besonders geeignet sind, anzuwenden. Bis ins Schulalter hinein sollten Eltern die Zähne ihrer Kinder regelmäßig kontrollieren und nachputzen, vor allem beim Schlafengehen. Auch in der Schulzeit ist eine Kontrolle der Zähne zu empfehlen, wobei spezielle Aufmerksamkeit den bleibenden Backenzähnen gelten sollte, da diese wegen ihrer Rillen in den Kauflächen ein besonders hohes Kariesrisiko haben.

 

Zahngesunde Ernährung

 

Bei der Zahnpflege spielt die Ernährung eine ganz wichtige Rolle. Eine ausgewogene Ernährung versorgt Zahn und Zahnfleisch mit allen Mineralien, die für den Zahnaufbau und die Festigkeit benötigt werden. Vor allem das in Milch und Milchprodukten enthaltene Calcium ist hierfür wichtig. Süßes ist dagegen nur mit Vorsicht zu genießen. Denn die Kariesbakterien benötigen Zucker für ihre Vermehrung. Dabei ist Haushaltszucker genauso schädlich wie Trauben-, Frucht-, Milchzucker oder Honig. Auch auf versteckte Zucker ist zu achten. Diese sind zum Beispiel in Lebensmitteln wie Joghurt, Bananen, Müsliriegeln oder Senf enthalten. Auch Chips und Ketchup sind zahnschädigend. Grundsätzlich gilt, dass Kinder lieber eine größere Portion Süßigkeiten (nach den Mahlzeiten) als viele kleine erhalten sollten. Nach dem Naschen ist Zähneputzen angesagt, oder der Mund sollte mit Wasser ausgespült werden.

 

Der Speichel erfüllt eine wichtige Schutzfunktion, indem er die Remineralisation fördert und schädliche Säuren wegschwemmt. Da Kauen den Speichelfluss anregt, sollten Kinder vor allem Lebensmittel erhalten, die gut gekaut werden müssen wie Vollkornbrot, Rohkost oder Obst. Die Zähne brauchen ausreichend lange Pausen zwischen den Mahlzeiten, damit sie mithilfe des Speichels die verlorenen Mineralien wieder ersetzen können. Kinder sollten daher nicht ständig etwas essen oder trinken.

 

Besonders das Dauernuckeln an Flaschen oder Schnabeltassen, was manche Eltern als Beruhigungshilfe einsetzen, führt zu Karies. Dabei sind zuckerhaltige Getränke wie Instant-Tees oder Fruchtsäfte besonders schädlich. Doch auch ständiges Wassertrinken kann Nuckelflaschenkaries verursachen, da es die Remineralisation der Zähne durch den Speichel stört. Trinkflaschen sollten daher nicht als Einschlafhilfen mit ins Bett gegeben werden. Außerdem sollten Eltern ihre Kinder früh daran gewöhnen, ungesüßte Tees oder Wasser zu trinken und zwar am besten zu den Mahlzeiten und aus dem Glas.

 

Wann zum Zahnarzt?

 

Mit etwa drei Jahren, wenn das Milchzahngebiss vollständig ist, sollte der erste Zahnarztbesuch stattfinden. Bis zum Alter von sechs Jahren hat das Kind Anspruch auf drei Früherkennungsuntersuchungen, die unbedingt wahrgenommen werden sollten. Das Kind lernt so, wie wichtig regelmäßige Kontrollen sind. Außerdem werden mögliche Schäden entdeckt, die durch rechtzeitige Behandlung behoben werden können, was dem Kind das schmerzhafte Bohren erspart.

Zahngesunde Ernährung

auf ausreichende Calciumzufuhr achten

niedriger Zuckerverzehr

lieber eine große Portion Süßes als viele kleine

nach dem Essen Zähne putzen

Kinder sollten gut kauen, da dies den Speichelfluss erhöht

lange Pausen zwischen den Mahlzeiten

kein ständiges Flaschenuckeln, egal ob mit süßen oder ungesüßten Getränken

 

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