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Arzneitherapie im Alter

Dosierungen häufig zu hoch

20.02.2007  13:44 Uhr

Arzneitherapie im Alter

Dosierungen häufig zu hoch

Von Gudrun Heyn, Berlin

 

Im Durchschnitt wird jeder gesetzlich Versicherte über 60 Jahren täglich mit 2,6 Arzneimitteln behandelt, Versicherte zwischen dem 80. und 84. Lebensjahr sogar mit täglich 3,3 Wirkstoffen. Werden die physiologsichen Veränderungen hochbetagter Patienten nicht berücksichtigt, kann eine Therapie mehr schaden als nützen.

 

»Im Alter kommt es zu physiologischen Veränderungen, denen in der Arzneimitteltherapie Rechnung getragen muss«, sagte Professor Dr. Daniel Grandt, Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft (AkdÄ), im Rahmens eines Forums der Bundesärztekammer. So haben alte Menschen rund 15 Prozent weniger Körperwasser, dafür aber deutlich mehr Fett. Zudem ändern sich die Transportvorgänge im Darm, die Metabolisierung in der Leber und die Nierenfunktion. In der Folge nimmt die Nebenwirkungshäufigkeit bei bestimmten Wirkstoffen im Alter zu.

 

Vorsicht bei Benzodiazepinen

 

Unter den derzeit mehr als 50.000 gelisteten Arzneimitteln in der ABDATA-Datenbank gibt bei 3470 Präparaten Hinweise für eine veränderte Dosierung im Alter zu finden. Dies entspricht etwa 7 Prozent aller auf dem Markt befindlichen Medikamente.

 

Ein erhöhtes Risikopotenzial bergen zum Beispiel Benzodiazepine. In einer Metaanalyse zeigte sich, dass Patienten im Alter über 60 Jahre weit weniger von den Wirkstoffen profitieren als jüngere Patienten. Bei ihnen werden 25 Minuten mehr Schlaf mit einer 2,6-fach höheren Rate an motorischen Nebenwirkungen, einer 3,8-fach höheren Rate an Tagesmüdigkeit und einer 4,8-fach höheren Rate an cerebraler Dysfunktion erkauft.

 

Häufig zeigen sich unerwünschte Arzneimittelwirkungen nur in kleinen Veränderungen. Besonders die anticholinerge Wirkung wird oft nicht beachtet. In einer Studie, die sich mit kognitivem Altern befasste, entwickelten 80 Prozent der Patienten, die mindestens ein Medikament mit anticholinerger Wirkung einnahmen, eine leichte, nicht degenerative Demenz. Unter Placebo waren es nur etwa 30 Prozent.

 

Vor allem lipophile Benzodiazepine mit einer langen Halbwertszeit wie Flurazepam und Flunitrazepam haben bei alten Menschen ein ungünstiges Nutzen-Risiko-Verhältnis. Bei einem 85-Jährigen ist die Halbwertszeit dieser Wirkstoffe etwa fünfmal so lang, wie bei einem 20-Jährigen. Als Folge davon treten dann häufig Stürze auf. Auch Antihistaminika der ersten Generation und trizyklische Antidepressiva gelten wegen anticholinerger Nebenwirkungen als ungünstig. Ein erhöhtes Unfall- und Sturzrisiko ist auch hier durch Studien belegt.

 

Bei nicht steroidalen Antirheumatika (NSAR) wie Indometacin ist ebenfalls Vorsicht geboten. In der Behandlung älterer Patienten mit Gelenkbeschwerden sind sie anderen Analgetika nicht überlegen. Doch das Ulcusrisiko ist weitaus größer. In der Kombination mit Phenprocoumon besteht bei älteren Patienten ein zwölffach höheres Blutungsrisiko, in der Kombination mit Cortison in einer Dosis von mehr als 10 mg/Tag ist das Blutungsrisiko siebenfach erhöht. Zudem muss mit einer Verschlechterung der Nierenfunktion gerechnet werden.

 

Risikopotenzial haben auch atypische Neuroleptika. So zeigte sich in einer Studie, dass Wirkstoffe wie Risperidon zur Behandlung von Verhaltensstörungen bei Demenz als Dauertherapeutika kritisch zu bewerten sind. Bei einer Therapiedauer von zehn Wochen lag die Mortalität in der Verumgruppe bei 5 Prozent versus 2,5 Prozent in der Placebogruppe.

 

Bei Digitalis auf Gewicht achten

 

»Unter den Arzneimitteln, die aufgrund schwerwiegender unerwünschter Wirkungen zu einer Krankenhauseinweisung führen, nehmen Insuline und orale Antidiabetika eine führende Rolle ein«, sagte Professor Dr. Petra A. Thürmann vom Lehrstuhl für klinische Pharmakologie der Universität Witten/Herdecke. Mit Abstand am »gefährlichsten« sei Phenprocoumon. Etwa 15 von 1000 Patienten werden pro Quartal aufgrund einer Blutung in die Klinik eingeliefert.

 

Obwohl Digitalisglykoside nicht mehr so häufig verordnet werden wie früher, sind 10 Prozent der arzneimittelbedingten Krankenhausaufnahmen auf sie zurückzuführen. 92 Prozent der Fälle werden bei über 70-Jährigen beobachtet. In der Regel sind die betroffenen Patienten sogar älter als 80 Jahre und signifikant leichter als der Durchschnittspatient. Bei einer Verordnung mit üblicher Dosierung kommt es dann zwangsläufig zu Nebenwirkungen.

 

Zudem können unerwünschte Wirkungen auch auf Interaktionen mit anderen Substanzen beruhen. So verursacht beispielsweise das Diuretikum Spironolacton auffällig mehr Nebenwirkungen als andere Präparate. Dagegen zeichnet sich in dem vom BfArM geförderten Projekt bei den ACE-Hemmern und den NSAR kein spezifisches Altersrisiko ab.

 

Derzeit befassen sich die AkdÄ und die Deutsche Gesellschaft für Geriatrie mit der Entwicklung von Kriterien, die es ermöglichen inadäquate Arzneimittelverordnungen im Alter zu erkennen. Grundlage bilden die in den USA und Kanada entwickelten sogenannten Beers-Kriterien beziehungsweise die McLeod-Kriterien.

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