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Hustenmittel

Evidenz statt Tradition

14.02.2017
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Von Maria Pues / Akuter Husten bei viralen Atemwegsinfekten ist eines der häufigsten Symptome, die Patienten zum Arzt oder in die Apotheke führen. Welche Mittel dagegen traditionell empfohlen werden, unterscheidet sich in Europa von Land zu Land erheblich. Eine neue Metaanalyse nimmt die verschiedenen Mittel hinsichtlich ihrer Evidenz unter die Lupe.

Obwohl Hustenmittel zu den meistverkauften Arzneimitteln zählen, ist die Datenlage zur Wirksamkeit von Antitussiva und Expektoranzien eher dünn. Das berichten Professor Dr. Alyn Morice von der University of Hull und Dr. Peter Kardos vom Maingau-Krankenhaus Frankfurt am Main in ihrer von Procter & Gamble finanzierten Arbeit im »Britisch Medical Journal Open Respiratory Research« (DOI: 10.1136/bmjresp-2016- 000137).

 

Die Gründe hierfür sind vielfältig: Oft sind entsprechende Studien nicht placebokontrolliert und haben nur kleine Probandenzahlen. Eine weitere Ursache liegt in der Erkrankung selbst, die eine hohe Selbstheilungsrate aufweist – akuter Husten verschwindet auch unbehandelt meist in absehbarer Zeit von selbst wieder. Zudem macht es ein relativ ausgeprägter Placebo-Effekt schwierig, eine beobachtete Besserung auf das angewendete Arzneimittel zurückzuführen.

 

Symptome strukturiert erfasst

 

Darüber hinaus stellt es ein Problem dar, das Symptom Husten und seine Veränderung überhaupt zu quantifizieren. Hierzu führen die Autoren drei Methoden an: den Leicester Cough Questionnaire, der Hustensymptome strukturiert abfragt, das Cough Counting, bei dem die Zahl der Hustenstöße festgehalten wird, und den Cough Challenge zur Untersuchung der Wirkung auf den Hustenreflex, bei dem der Proband zuvor ansteigende Konzentrationen einer protussiven Substanz inhaliert.

 

Unter diesen drei Gesichtspunkten prüften die Autoren die Evidenz zu den einzelnen in Europa am häufigsten angewendeten Hustenmitteln. Unter den Antitussiva fanden sie dabei gute Belege für Dextromethorphan. Es vermindert demnach in einer Dosierung von 30 mg im Vergleich zu Placebo die Husten­frequenz signifikant. Dass dabei flüssige Zubereitungen schneller wirkten als feste, verwundert nicht.

 

Nicht überzeugen konnten hingegen Codein und Pentoxyverin. Bei Codein handelt es sich um ein Prodrug, das durch CYP2D6 zunächst in seine Wirkform Morphin aktiviert werden muss. Der Polymorphismus des Cytochrom-P450-Enzymsystems führt jedoch dazu, dass manche Menschen das Prodrug nur langsam umsetzen (Poor Metabolizer) und so möglicherweise keine ausreichenden Wirkstoffspiegel aufbauen. Andere laufen hingegen Gefahr, sehr schnell sehr hohe Spiegel zu erreichen (Fast Metabolizer) – mit einem erhöhten Risiko für Neben­wirkungen.

 

Daher habe die europäische Zulassungsbehörde EMA die Anwendung bei Kindern auch eingeschränkt, erinnern die Studienautoren. Sie gehen davon aus, dass das Problem sich nicht auf junge Patienten begrenzt. Heterogene Studienergebnisse hinsichtlich der Wirksamkeit und mögliche Gefahren, die den nicht sicheren Nutzen überwiegen könnten, lassen sie zu einem ins­gesamt negativen Urteil gelangen. Andere Gründe liegen dem Negativvotum für Pentoxyverin zugrunde: Eine unzureichende Studienlage, die aus Untersuchungen am Tier und drei mehr als 50 Jahre alten Studien besteht.

 

Interessantes zu Ambroxol

 

Unter den Expektoranzien schnitt Ambroxol am besten ab. Es vermindert demnach im Vergleich zu Placebo nachweislich die Symptome des akuten Hustens. Möglicherweise die interessantesten Untersuchungen, die einen Einblick in die Wirkweise des Arzneistoffs gewähren, seien diejenigen zur Blockade spannungsabhängiger Natriumkanäle auf sensorischen Nerven, die wahrscheinlich auch der lokalanästhetischen Wirkung von Ambroxol sowie weiteren Effekten zugrunde liege, so Morice und Kardos.

 

Nicht gut belegt ist hingegen die Wirkung von N-Acetylcystein, für das sich eine Symptomlinderung bei Kindern, nicht hingegen bei Erwachsenen finden ließ. Viele Studien wurden nicht mit Patienten mit akutem Husten durchgeführt, sondern mit Probanden, die beispielsweise an chronisch-obs­truktiver Lungenerkrankung (COPD) oder chronischem Husten litten, so die Autoren der Metaanalyse. /

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