Pharmazeutische Zeitung online
Schluckstörungen

Wenn Essen nicht mehr runtergeht

13.02.2012
Datenschutz bei der PZ

Von Armin Steffen und Rainer Schönweiler / Schmerzen, Gewichtsverlust, Lungenentzündung: Gestörtes Schlucken kann viele Beschwerden auslösen und sogar lebensbedrohlich verlaufen. Betroffen sind häufig ältere und alte Menschen. Schlag­anfälle, Demenz und bösartige Tumoren, aber auch Arzneimittel können den Schluckakt stören.

Schluckstörungen kennt fast jeder aus eigener Erfahrung. Denn es gibt viele banale Ursachen. Brennen und Schmerzen im Hals und beim Schlucken sind häufige Begleitsymptome eines grippalen Infekts. Klingt dieser ab, klappt das Schlucken wieder problemlos. Das Apothekenteam muss aber hellhörig werden, wenn Kunden oder Angehörige über andauernde Schmerzen (Odynophagie) oder Schwierigkeiten beim Schlucken (Dysphagie) berichten. Vor allem Apotheker, die betagte Menschen oder Bewohner von Alten- und Pflegeheimen betreuen, werden mit dem Problem »Schluckstörung« häufig konfrontiert.

Denn diese sind keineswegs selten. Man schätzt, dass 30 bis 50 Prozent der Schlaganfallpatienten und mehr als 70 Prozent der Demenzkranken betroffen sind. Etwa die Hälfte der Parkinsonpatienten leidet in fortgeschrittenem Krankheitssta­dium daran. Allerdings wird das Problem häufig nicht erkannt, denn etwa die Hälfte der Patienten zeigt keine typischen Symptome und Reaktionen wie Räuspern und Husten beim Verschlucken. Eine Dysphagie kann viele Komplikationen nach sich ziehen. Fehl- und Mangelernährung sowie Dehydratation schwächen das Allgemeinbefinden, erhöhen das Mortalitäts­risiko und können Demenzsymptome verstärken. Verschlucken von Nahrungsanteilen kann eine Lungenentzündung auslösen, eine Verengung oder Verlegung der Atemwege durch fehlgeleitete Speisen zu Atemnot und sogar zum Tod führen.

 

Was passiert beim Schlucken?

 

Über das Schlucken macht sich ein gesunder Mensch keine Gedanken. Doch das Ganze ist ein komplexer Prozess, an dem etwa 50 verschiedene Muskeln beteiligt sind.

 

Der normale Schluckvorgang wird in einen willkürlich kontrollierbaren Schluckbeginn und in eine unwillkürliche Fortsetzung unterteilt (1). Der willkürliche Beginn umfasst die orale Phase; dabei sind die wechselnde Anspannung von Lippen-, Zungen- und Gaumenmuskulatur sowie der Abtransport in den Schlund fein aufeinander abgestimmt. Sobald der Schluckreflex durch die Aktivierung von Triggerarealen im Zungengrund und Weichgaumen ausgelöst wird, läuft der Schluckakt unwillkürlich ab. Mit dem Schluckreflex beginnt die pharyngeale Phase mit der physiologischen Trennung von Atem- und Speisewegen. Um ein Verschlucken (Aspiration) sicher zu vermeiden, greifen mehrere Mechanismen ineinander: Verschluss des Kehlkopfs durch den Kehlkopfdeckel, Schluss der Stimmlippen sowie anschließende Aufwärtsbewegung des Kehlkopfs gegenüber dem Schlund; damit verbunden ist die Öffnung des oberen Speiseröhrenschließmuskels. Die folgende ösophageale Phase beendet den Schluckakt mit dem Speisetransport in die Speiseröhre.

Mögliche Symptome einer Schluckstörung

Druck- oder Kloßgefühl im Hals

Gewichtsverlust

Schmerzen beim Herunterschlucken

Würgereiz während des Schluckens oder Hochwürgen von bereits geschluckter Nahrung

Husten bei der Mahlzeit als Abwehrreflex, wenn Nahrung oder Flüssigkeiten in die unteren Atemwege eindringen

übermäßiger Speichelfluss (Hypersalivation)

Unfähigkeit zur oder Verweigern der Nahrungsaufnahme

Begleit- und Folgeerscheinungen: näselnde, belegte oder gurgelnde Stimme, Heiserkeit, Lungenentzündung, Fieber

 

Die schnelle Abfolge der oralen, pharyngealen und ösophagealen Phase des Schluckakts muss mit der Atmung koordiniert werden, da das Herunterschlucken immer eine Atempause be­inhaltet. Bei Menschen mit Lungenerkrankungen kann eine eingeschränkte Schluckfähigkeit die vollständigen Atmungsreserven abfordern, sodass Patienten mit reduzierter Atmungsleistung selbst geringfügige Schluckstörungen nur unter Anstrengung ausgleichen können. So verlängert sich beispielsweise durch einen länger dauernden Schluckakt auch die Atempause; selbst eine kleine Mahlzeit verursacht bei Lungenkranken dann Luftnot.

 

Was Patienten berichten

 

Die nötige Feinabstimmung der neuromuskulären Abläufe und die Wahrnehmungsleistung der Schlundschleimhäute machen das Schlucken zu einem komplexen Prozess, der auf allen Ebenen störanfällig ist. Im Gespräch lassen sich einzelne Störungen bereits genauer eingrenzen. Patienten beschreiben eine Passagestörung als »nicht herunterschlucken können« oder »die Speise kommt nach Minuten oder Stunden wieder hoch« (Kasten). Dann lohnt sich die Nachfrage, ob die Nahrung unverdaut ist. Ebenso ist es wichtig zu erfahren, welche Speisekonsistenzen (flüssig, breiig, fest) der Patient noch bewältigen kann; dies gibt Aufschluss über das Ausmaß einer Einengung. Ist die Feinabstimmung von Triggersignalen der Schleimhäute im Schlund oder die neuromuskuläre Koordination gestört, können krümelige Kost oder Speisen mit unterschiedlichen Konsistenzen ein Verschlucken provozieren.

Kardinale Alarmsignale

ungewollter Gewichtsverlust

häufiges Verschlucken

Blutungen aus dem Mund und/oder dunkler Stuhlgang

Fieber oder wiederholte Lungenentzündungen

anhaltende Schmerzen trotz Analgetika

Schluckprobleme nach einer Krebserkrankung im Kopf-Hals-Bereich

 

Ist der Mund zu trocken oder die notwendige Trinkmenge bei der Mahlzeit erhöht? Dann könnte der Speichelfluss eingeschränkt sein. Dies kann eine Folge von Medikamenten, zum Beispiel von Anticholinergika, Antihistaminika, trizyklischen Antidepressiva, Parkinson-Medikamenten oder starken Diuretika, oder von Vorbehandlungen wie Operationen oder Bestrahlungen an Kopf und Hals sein.

 

Bei bestimmten Warnsignalen sollte die Apotheke dem Patienten dringend raten, einen Arzt aufzusuchen (Kasten). Denn bei gehäuftem Verschlucken droht gerade älteren Menschen, deren Abwehrkraft meist eingeschränkt ist, eine Lungenentzündung. Zudem sollte man bei andauernden Entzündungen im Rachenraum und einseitigen Halsschmerzen an eine Vereiterung der Zähne oder der Gaumenmandel denken. Für Patienten und behandelnde Chirurgen ist es sehr vorteilhaft, wenn die Schmerzen nicht mit Salicylat-Präparaten behandelt wurden.

 

Von Mundspatel bis Endoskopie

 

Ärzte haben zahlreiche Möglichkeiten, Schluckstörungen näher zu diagnostizieren. Bei Störungen, die sich auf den Mundraum eingrenzen lassen, ist die Inspektion der Mundhöhle mit Mundspatel und guter Leuchte häufig schon wegweisend. Dabei können Ärzte den Zustand von Zähnen, Zunge und Gaumenmandeln beurteilen und Entzündung, Vereiterung oder krebsverdächtige Schleimhautareale erkennen.

Anhand der Zungen- und Weichgaumenbewegung sowie der Empfindlichkeit auf Berührung können sie Funktionsstörungen der zuständigen Hirnnerven sicher diagnostizieren. Ein unzureichender Lippenschluss, zum Beispiel bei Gesichtslähmung nach einem Schlaganfall, erklärt, warum der Betroffene seine Speisen beim Essen nicht ausreichend im Mund behalten kann (2).

 

Bei Schmerzen oder möglichen Problemen tiefer im Hals ist eine endoskopische Untersuchung des Kopf-Hals-Bereichs sinnvoll, die von den eng kooperierenden Gebieten HNO-Heilkunde sowie Phoniatrie und Pädaudiologie durchgeführt wird. Mit Staboptiken oder flexiblen Endoskopen lassen sich Schlund, Kehlkopf und obere Speiseröhre gut beurteilen. Hierbei kann der Arzt die Schleimhaut beurteilen und achtet besonders auf die Bewegung der Stimmlippen und ihren Schluss. Ein Speichelsee im Schlund deutet auf eine schwere Störung hin. Wird eine Störung der ösophagealen Phase vermutet, gibt die Spiegelung von Speiseröhre und Magen Aufschluss über Sodbrennen, Blutungen oder Tumoren. Diese Untersuchungen finden typischerweise beim Internisten, speziell Gastroenterologen statt.

 

Mit verschiedenen bildgebenden Verfahren wie Ultraschall, Computer- und Magnetresonanztomographie werden die Halsweichteile zwischen der Hautoberfläche und dem Schlund dargestellt. So können vergrößerte Schilddrüsen, Lymphknoten oder bösartige Geschwulste beurteilt werden.

 

Um den Schluckakt an sich einschätzen zu können, helfen die endoskopische Schluckuntersuchung (FEES) und der sogenannte Röntgen-Breischluck (VFSS) weiter. Bei der FEES wird ein flexibles, wenige Millimeter dickes Endoskop durch die Nase eingeführt. Dann wird das Schlucken von Testmahlzeiten in unterschiedlichen Konsistenzen und Kopfhaltungen beobachtet. Zusätzlich kann die Effizienz schlucktherapeutischer Übungen geprüft werden, um die Behandlung durch Logopäden wirkungsvoller zu gestalten. Beim Röntgen-Breischluck wird das Schlucken eines Kontrastmittels unter Durchleuchtung in Millisekunden aufgenommen. Dabei werden Engstellen und ihre Beschaffenheit (weich oder fixiert) ebenso sichtbar wie Unregelmäßigkeiten der Schlundwand. Die FEES und der Röntgen-Breischluck sind funktionelle Untersuchungen des Schluckakts; ihre Informationen ergänzen sich.

 

Verschiedene Krankheitsbilder

 

Verschiedene Grundkrankheiten können Schluckstörungen auslösen. Danach richtet sich die Therapie. Einige Fallbeispiele sollen dies verdeutlichen. Da für den Apotheker Arzneimittelnebenwirkungen als Auslöser besonders interessant sind, wird dieses Beispiel hier vorangestellt.

 

Arzneimittelnebenwirkungen: Bei einem 37-jährigen Patienten mit schwerer Schizophrenie konnte die Erkrankung erst mit dem atypischen Neuroleptikum Clozapin so eingestellt werden, dass der Patient aus dem Krankenhaus entlassen werden konnte. Leider kam es zu einer übermäßigen Speichelbildung (Hypersalivation), die zum »Sabbern« führte. Diese stigmatisierende Nebenwirkung von Clozapin gefährdete die Compliance erheblich. Durch eine Injektion von Botulinumtoxin in die Ohrspeicheldrüsen wurde die Speichelbildung für mehrere Monate effektiv reduziert. Das Toxin unterbricht die sekretorischen Nervenimpulse auf die Speicheldrüsen. Durch diese einmalige, sehr lang wirksame Behandlung ohne medikamentöse Interaktionen kann die Compliance gerade bei besonderen Patientengruppen verbessert werden.

 

Zenkersches Divertikel: Eine 72-jährige Frau berichtet über ständig zunehmende Probleme beim Abschlucken von Mahlzeiten. Meistens mehrere Minuten, aber auch Stunden nach den Mahlzeiten würge sie die unverdaute Speise wieder hervor. Dadurch traue sie sich kaum noch zu öffentlichen Veranstaltungen. Im Röntgen-Breischluck zeigte sich eine Aussackung der oberen Speiseröhre (Zenkersches Divertikel, Kasten), die auf einer Muskelwandschwäche beruht. Im Divertikel sammelt sich Essen an, anstatt weiter in den Magen befördert zu werden. In Vollnarkose wird diese Muskelschwelle endoskopisch laserchirurgisch durchtrennt. Damit bekommt die Aussackung wieder Anschluss an den eigentlichen Schluckweg, und das Schluckproblem ist beseitigt.

 

Refluxlaryngitis: Ein 64-jähriger Mann mit deutlichem Übergewicht klagt vor allem nach dem Aufwachen über starke Mundtrockenheit und ein Fremdkörpergefühl im Hals, das den gesamten Vormittag anhält. Die Stimme sei oft belegt. Bei den Mahlzeiten habe er das Gefühl, gegen einen Widerstand »anschlucken« zu müssen; nach dem Essen brenne es hinter dem Brustbein. In der Lupenlaryngoskopie beim HNO-Arzt zeigte sich eine Schwellung des hinteren Kehlkopfeingangs in der Nähe des Speiseröhrenmunds. Eine Magenspiegelung ergab eine deutliche Reizung der Schleimhäute in der Speiseröhre; zusätzlich war der Helicobacter-pylori-Test positiv. Nach einer Eradikations­behandlung mit zwei Antibiotika und einem Protonenpumpen­inhibitor verschwanden die Schluck­beschwerden. Zusätzlich ist eine Gewichtsreduktion hilfreich.

 

Tumorerkrankungen: Einem 61-jährigen Mann fällt das Schlucken von fester Kost seit fünf Wochen immer schwerer. Dabei überfalle ihn ein stechender Schmerz im rechten Kiefer-Hals-Bereich; er breche Mahlzeiten immer häufiger ab oder vermeide diese sogar. So habe er bereits mehrere Kilogramm Gewicht ungewollt verloren. Das Rauchen habe er wegen des Brennens auf eine Schachtel reduziert. Bis vor 15 Jahren habe er täglich mehrere Liter Bier getrunken, sei jetzt aber ab­stinent. Nun habe er Blut beim Zähneputzen bemerkt. Der Arzt fand bei der Untersuchung mit Mundspatel und Leuchte ein großes Geschwür auf der rechten Zungenseite. In der histologischen Untersuchung bestätigte sich ein Karzinom der rechten Halslymphknoten. Da weder Lunge noch Leber beteiligt waren, wurden der Krebs und der rechte Halslymphknoten komplett entfernt. Um das Rückfallrisiko zu verringern, folgte eine mehrwöchige Bestrahlung.

Schlaganfall: Eine 57-jährige Patientin braucht auch mehrere Monate nach einem Schlaganfall eine Magensonde, da ihr das Schlucken durch die Beteiligung der Hirnnerven hypoglossus, vagus und glossopharyngeus schwerfällt und sie sich häufig verschluckt (Abbildung oben). Daher müssen der Großteil der Nahrung und die Medikamente über die Sonde (PEG: perkutane endoskopische Gastrostomie) zugeführt werden, obwohl sie intensiv mit einer Logopädin das Schlucken übt. Nach einer Schluckuntersuchung mit Endoskopie (FEES) werden die Maßnahmen umgestellt, sodass die Patientin diese teilweise alleine üben kann. Nach einer intensiven Trainingsphase kann sie alle Mahlzeiten und Medikamente über den Mund aufnehmen. Die Sonde wird entfernt.

 

Entzündung: Nachdem sich eine starke Mandelentzündung durch Mundspülungen und Penicillintherapie bei einem 64-jährigen Diabetiker zunächst besserte, litt er zwei Tage später erneut an schweren Halsschmerzen auf der rechten Seite. Essen und Trinken waren trotz starker Analgetika unmöglich. Bei der Inspektion des Mundes zeigte sich eine erhebliche Rötung und Vorwölbung des Weichgaumens mit Schwellung des Zäpfchens (Abbildung unten). Da der Arzt einen Peritonsillar­abszesses vermutete, wurden die Gaumenmandeln notfallmäßig in Vollnarkose entfernt. Dadurch konnte sich der Eiter hinter der Mandel komplett entleeren. Eine Verschleppung hätte eine lebensgefährliche Brustzwischenraumentzündung (Mediastinitis) auslösen können, wenn sich der Eiter entlang der Bindegewebsstraßen im Hals abgesenkt hätte.

 

Behandlung je nach Ursache

 

So vielgestaltig die Beschwerden und Ursachen von Schluckstörungen sind, so unterschiedlich sind auch die Behandlungsansätze. Dies haben die Fallbeispiele gezeigt. Entzündungen und Vereiterungen in Mund und Hals werden medikamentös oder chirurgisch saniert. Bei Tumorerkrankungen steht die onkologische Behandlung im Vordergrund. Ein wichtiger Aspekt ist die Nahrungszufuhr; dabei ist eine ambulante Eigenversorgung anzustreben, die den Energiebedarf deckt.

Gerade bei Älteren sollte man an Arzneimittel als Auslöser denken. Aufgrund von Gelenkschmerzen nehmen viele Menschen nicht-steroidale Antirheumatika wie Ibuprofen oder Acetylsalicylsäure als Dauermedikation ein. Ein leichtes Sodbrennen kann sich dadurch deutlich verstärken, was zu Schmerzen hinter dem Brustbein oder im Hals führen kann. Zusätzlich leiden Patienten durch eine Reflux-assoziierte Reizung des Kehlkopfs teilweise an hartnäckigem Hustenreiz oder Fremdkörpergefühl im Hals. Zu beachten ist, dass moderne Protonenpumpeninhibitoren mehrere Tage zur vollen Wirkungsentfaltung brauchen und gerade bei persistierenden Beschwerden eine zweimal tägliche Einnahme relevant sein kann.

 

Schluckbeschwerden können zudem durch unerwünschte Arzneimittelwirkungen, meist Mundtrockenheit, entstehen. Dann sollten Arzt und Apotheker an alternative Applikationsformen oder einen Wechsel der Arzneistoffklasse denken. Da dies jedoch meist dringend indizierte Neuro- und Psychopharmaka betrifft, ist eine Umstellung mitunter kaum oder nicht möglich. Um die Compliance der Patienten zu sichern, sollte die Apotheke ihnen dringend raten, mit dem Facharzt darüber zu sprechen.

 

Gerade bei Schluckstörungen nach Schlaganfällen oder anderen neurologischen Erkrankungen wie Morbus Parkinson, Multiple Sklerose oder Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) ist eine frühzeitige Mitbehandlung durch Schlucktherapeuten zu empfehlen (2, 3). Je konkreter der Arzt die Schlüsselprobleme beim Schlucken identifiziert hat, umso effektiver kann eine schlucktherapeutische Behandlung individuell abgestimmt werden. Das kann beispielsweise bestimmte Kopfpositionen in Kombination mit Pressmanövern beinhalten oder auch einfache Verhaltensregeln wie Mahlzeiten gleicher Konsistenz durch Pürieren herzustellen. Teilweise können auch Hilfsmittel wie Schnabeltassen oder spezielle Trinkansätze helfen; allerdings gibt es hierzu keine generelle Empfehlung. Viele Betroffene können zahlreiche im Schlucktraining eingeübte Manöver selbstständig im Alltag umsetzen (2). In Einzelfällen ist ein intensives Schlucktraining in einer Klinik erforderlich, um eine hohe Übungsintensität zu erzielen und mögliche Komplikationen bei Risikopatienten rechtzeitig zu erfassen.

 

Bei schweren Schluckstörungen, die mit einer deutlichen Gewichtsreduk­tion oder Fehlernährung einhergehen, muss man Zeit für die schlucktherapeutische Behandlung gewinnen. Vor allem nach Schlaganfällen oder Operationen im Kopf-Hals-Bereich geht es manchmal nicht ohne nasale Magensonde oder eine PEG. Damit erhält der Patient die notwendigen Vitamine, Kalorien, Ballaststoffe, Flüssigkeiten und Medikamente. Sowohl die Anlage dieser nicht-natürlichen »Zufahrtswege« für Mahlzeiten als auch deren Dauernutzung müssen regelmäßig ärztlich kontrolliert werden, um Komplikationen zu vermeiden.

 

Gerade bei Demenzerkrankten, Menschen in Heimen oder in der terminalen Lebensphase sind Magensonde oder PEG nicht unumstritten (4); diese sollten erst nach ausführlicher Abwägung eingesetzt werden. Trotz medizinischer und ethischer Bedenken ermöglichen diese Verfahren jedoch vielen Patienten mit schweren Schluckstörungen das Überleben und schaffen Ruhe und Zeit, um ursachenbezogen nach anderen Lösungen zu suchen.

 

Aspiration verhindern

 

Ein besonderes Problem ist andauerndes Verschlucken (Aspiration), denn dies kann tödlich enden. Bei einer Aspiration sind die Atem- und Speisewege nicht ausreichend an der Kardinalstelle Kehlkopf getrennt. Daher gelangen Speisen und Flüssigkeiten in die Lunge und können je nach Menge, Häufigkeit und individueller Abwehr zur teilweise schweren Lungenentzündungen führen.

Selbst wenn die Nahrung über Magensonde oder PEG zugeführt wird, kann das Verschlucken des regelmäßig produzierten Speichels respiratorische Infekte auslösen. Vor allem ältere Menschen mit geminderter Immunabwehr und Bronchialerkrankungen reagieren deutlich empfindlicher auf das Verschlucken. Dann ist manchmal ein Luftröhrenschnitt mit Anlage einer sogenannten geblockten Trachealkanüle zur Lungenprotektion unumgänglich. Diese ermöglicht die sichere Atmung und verhindert durch einen aufblasbaren Ballon um die eigentliche Kanüle, dass verschluckte Speisen oder Speichel in die Lunge gelangen. Je nach Schweregrad muss der aufgestaute Speichel auf dem Kanülenballon mehrmals täglich abgesaugt werden. Sprechen ist nicht mehr möglich. Der Luftröhrenschnitt mit geblockter Kanüle schränkt die Lebensqualität massiv ein, schützt aber die Lunge.

 

Ähnlich wie bei den vorher erwähnten PEG-Sonden schafft die Tracheotomie in diesen Fällen die lebensnotwendige Sicherheit und Zeit, um das aspirationsfreie Schlucken wieder zu erlernen. In manchen Fällen sind eine dauerhafte Entfernung der Kanüle und ein Tracheostomaverschluss möglich.

 

Nach einer Therapie von Kopf-Hals-Tumoren oder einem Schlaganfall kann die Schleimhautempfindlichkeit im Schlund so gestört sein, dass der Hustenreflex beim Verschlucken vermindert ist. Man spricht von einer »stillen« Aspiration. Daher sollte bei diesen Risikogruppen und bei wiederholten Lungenentzündungen immer ein Facharzt um Rat gefragt werden.

 

Bei fortwährender Aspiration von Speichel bietet neben den bekannten Anticholinergika – zur Reduktion des Speichelflusses – die Injektion von Botulinumtoxin eine gut tolerierte und sichere Behandlungsoption. Dabei wird unter Ultraschallkontrolle das Botulinumtoxin in die Ohr- und Unterkieferspeicheldrüse gespritzt und unterbricht dort den Speichel aktivierenden Nervenimpuls für mehrere Wochen bis zu drei Monaten. Durch die Lokalwirkung kommt es nicht zu Medikamentenwechselwirkungen. Lässt die Wirkung nach, wird erneut eingespritzt. Die Injektion durch sehr dünne Nadeln tolerieren selbst empfindliche Personen gut; eine Narkose ist nicht erforderlich. /

Literatur

<typolist type="1">

Schönweiler, R., The Management of Dysphagia. Part 1: Diagnostics. Laryngorhinootologie 83 (2004) 862-870.

Bartolome, G., Grundlagen der funktionellen Dysphagietherapie (FDT). In: Bartolome, G., Schröter-Morasch, H. (Hrsg.), Schluckstörungen – Diagnostik und Rehabilitation. Urban & Fischer Verlag, München Jena 2010, S. 245-370.

Deutschen Gesellschaft für Neurologie, S1-Leitlinie »Neurogene Dysphagien«. www.dgn.org/images/stories/dgn/leitlinien/LL2008/ll08kap_098.pdf

Körner, U., et al., DGEM-Leitlinie Enterale Ernährung: Ethische und rechtliche Aspekte. Aktuel. Ernähr. Med. Suppl. 1 (2003) 36-41. www.dgem.de/leitlinien/I.C.pdf

 

Die Autoren

Armin Steffen studierte Medizin an der Universität zu Lübeck und wurde 2005 promoviert. Seitdem arbeitet er als wissenschaftlicher Assistent an der HNO-Klinik und leitet das Schlaflabor der HNO-Klinik. Steffen ist Facharzt für HNO-Heilkunde und hat sich Ende Januar 2012 habilitiert. Neben der Schlafmedizin und der Ohrmuschelrekonstruktion liegt sein wissenschaftlicher Schwerpunkt bei der Behandlung von Schluckerkrankungen, insbesondere der Therapie von übermäßigem Speichelfluss mit Botulinumtoxin. Er ist Koordinator der AWMF-Leitlinie Hypersalivation.

 

Rainer Schönweiler studierte von 1977 bis 1984 Humanmedizin an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) und wurde dort 1984 promoviert. Seit 1989 ist er Facharzt für HNO-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie und seit 1992 Facharzt für Phoniatrie und Pädaudiologie. 2001 übernahm er die Leitung der Abteilung für Phoniatrie und Pädaudio­logie an der HNO-Klinik des Univer­sitätsklinikums Schleswig-Holstein, Campus Lübeck. Einige seiner Forschungsergebnisse wurden 1997 und 2006 mit dem Förderpreis der Annelie-Frohn-Stiftung und 1998 mit dem Förderpreis der Geers-Stiftung ausgezeichnet. 2007 erhielt er das Bundesverdienstkreuz. Schönweiler war von 2003 bis 2011 Präsident der Deutschen Gesellschaft für Sprach- und Stimmheilkunde (www.dgss-ev.org) und wurde im September 2011 in Zürich zum Präsidenten der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie gewählt (www.dgpp.org).

 

Privatdozent Dr. Armin Steffen, Professor Dr. Rainer Schönweiler, Abteilung für Phoniatrie und Pädaudiologie, Klinik für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde, Universität zu Lübeck, Ratzeburger Allee 160, 23538 Lübeck, E-Mail: armin.steffen(at)uksh.de

Mehr von Avoxa