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Osteoporose

Mehr auf Stiefkind Vitamin D achten

14.02.2012  17:00 Uhr

Vitamin D ist trotz seines großen Nutzens für die Gesundheit im Vergleich zu Calcium eher ein Stiefkind der Forschung. Vor den Folgen für die Sturz- und Osteoporose-Prophylaxe warnte Professor Dr. Johannes Pfeilschifter, Essen.

Neueste Studien, so der Referent, zeigen, dass die ausreichende Calcium-Versorgung der Bevölkerung zumeist gewährleistet ist und allenfalls eine sehr niedrige tägliche Gesamtcalciumzufuhr von weniger als 800 mg täglich ein Frakturrisiko darstellt. Die zusätzliche Supplementierung, so Pfeilschifter, könne das Risiko für Schenkelhalsbrüche bei guter alimentärer Grundversorgung gemäß jüngster Auswertungen sogar leicht steigern. Die Gefahr von Herzinfarkten werde um bis zu 30 Prozent erhöht.

Ganz anders sei die Lage bei Vitamin D. Dieses ermöglicht, dass Calcium seine knochenstärken­de Wirkung überhaupt entfalten kann. Das im medizinischen Alltag als »Stiefkind« behandelte Colecalciferol gewährleistet die Calciumaufnahme aus dem Darm. Durch Stärkung der neuromusku­lä­ren Kraft und Koordination beugt es Stürzen vor. »Zur Umgehung von Frakturen können Zehn­telsekunden ausschlaggebend, sprich: schnelle Muskel(re)aktionen entscheidend sein«, sagte der Referent, der auf den großen Stellenwert entsprechender Vitamin-D-Serumkonzentra­tionen verwies.

 

Nach wie vor werde in der ärztlichen Praxis die als generelle Basismaßnahme propagierte, ungezielte Gabe von Calcium/Vitamin-D-Kombinationspräparaten praktiziert. Dies sei oftmals wenig zielführend, ja gar kontraproduktiv, da Caclium in den gängigen Kombinationspräparaten zumeist über-, Vitamin D hingegen unterdosiert ist.

 

Der generellen Bestimmung der Vitamin-D-Blutspiegel in der ärztlichen Praxis müsse mehr Gewicht verliehen werden. Liegt die Serumkonzentration von 25-Hydroxy-Vitamin-D3 sommers wie winters bei mehr als 25 ng/ml, so sei eine Supplementierung entbehrlich. Andernfalls sollte eine Vitamin-D-Supplementierung von mindestens 1000 bis 2000 Internationalen Einheiten (IE) täglich zum Einsatz kommen. Das entspricht 25 bis 50 µg Vitamin D pro Tag. Pfeilschifter betonte, dass die 25-Hydroxy-Vitamin-D3-Konzentration im Blutspiegel bei Gabe von 1000 IE/d um circa 7 ng/ml ansteigt. Sind dem jeweiligen Mangelstatus entsprechend höhere Mengen Vitamin D erforderlich beziehungsweise sollen Werte über 30 ng/ml erzielt werden, müsse die Dosierung entsprechend angepasst werden.

 

Als Alternative zur täglichen Gabe von 1000 bis 2000 IE nannte er die Applikation von 20 000 IE alle ein bis drei Wochen. Bei der Abgabe der rezeptpflichtigen Hochdosis-Präparate in der Apotheke müssten betroffene Patienten jedoch entsprechend über die dringende Notwendigkeit der gewissenhaften Handhabung informiert werden. Nur so könnten Intoxikationen zum Beispiel durch eine versehentliche tägliche Einnahme ausgeschlossen werden.

 

Fest stehe, dass Osteoporose-Therapeutika und hier insbesondere Bisphosphonate durch »Ökonomisierung der geschädigten Knochen-Architektur« das Auftreten von Wirbelkörperbrüchen um 50 bis 70 Prozent, von Schenkelhalsbrüchen um 40 Prozent sowie von Brüchen insgesamt um 20 Prozent mindern. Die Sterblichkeitsrate sinkt erheblich.

 

Die bruchhemmenden Effekte der Osteoporosetherapeutika können nach dem Ende der Therapie wieder verloren gehen. Prinzipiell sei die Dauermedikation erforderlich, zumal das Bruchrisiko exponenziell mit dem Lebensalter steigt. Auch hier sei eine detaillierte Abwägung und Nutzen-Schaden-Bilanz unumgänglich, da es Hinweise auf möglicherweise wiederum schädliche Effekte auf die Knochenqualität bei Langzeiteinnahme gibt.

 

Noch unklar sei, ob die seltenen atypischen Femurfrakturen unterhalb des Trochanters der Osteoporose selbst oder der Bisphosphonat-Langzeittherapie zuzuschreiben sind. Aufschluss, so Pfeilschifter, erhoffe er sich durch die vom Bundesministerium für Bildung und Forschung unterstützte, 2012 startende vierjährige Bisphosphonat-Langzeit (BILANZ)-Studie mit 7000 Osteoporose-Patienten. Mit ersten Ergebnissen sei 2014 zu rechnen.

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