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Geruchssinn

Düften auf der Spur

08.04.2008  17:22 Uhr

Pharmacon Davos 2008

Geruchssinn: Düften auf der Spur

 

Wenn Menschen ihren Geruchssinn verlieren, verlieren sie ein erhebliches Stück Lebensqualität. Professor Dr. Thomas Hummel erläuterte die  Ursachen, Auswirkungen und Möglichkeiten der Therapie.

 

Wir Menschen wären vermutlich nicht auf der Welt, wenn wir - genauer gesagt, Spermien - nicht riechen könnten. Mit dieser These eröffnete Professor Dr. Thomas Hummel, Facharzt für Pharmakologie und Toxikologie und Geruchsforscher am Universitätsklinikum Dresden, seinen Vortrag. Denn Spermien tragen auf ihrer Oberfläche Duftrezeptoren, mithilfe derer sie zur Eizelle finden. Jenseits der Fortpflanzung erfüllt der Geruchssinn im Menschenleben zwei besonders wichtige Funktionen: »Er trägt entscheidend zur Aromawahrnehmung beim Essen und Trinken bei. Zudem hängt die Partnerwahl in hohem Maße von den Körpergerüchen ab. Man muss sich im wahrsten Sinne des Wortes riechen können.«

 

Die Wahrnehmung von Gerüchen erfolgt im Riechepithel, das die Wand im oberen Bereich der Nasenhöhle auskleidet. Es besteht aus spezialisierten Nervenzellen, den Riechzellen. Jede von ihnen trägt auf ihrer Oberfläche spezielle Rezeptoren. Wenn Duftmoleküle daran binden, lösen sie eine elektrische Erregung aus. Die Riechzelle sendet sie über ihren faserartigen Nervenfortsatz direkt zum Riechkolben (Bulbus olfactorius) im Gehirn.

 

Anders als andere Sinneswahrnehmungen müssen Gerüche nicht den Thalamus durchqueren, der viele eintreffende Nervenimpulse für unwichtig befindet und aussortiert. Stattdessen landen sie unmittelbar und ungefiltert im limbischen System, das sie mit einem angenehmen oder unangenehmen Gefühl verbindet, und in Hirnregionen, die sie abspeichern. »Deshalb erinnern wir uns besonders gut an Düfte«, sagte Hummel. »Viele von ihnen wecken in uns Erinnerungen an Situationen aus der Kindheit, als wir sie zum ersten Mal gerochen haben. Deshalb scheint es beispielsweise vielen Menschen nirgends so gut zu schmecken wie im Elternhaus.«

 

Vier große Studien zeigen, dass etwa 5 Prozent der Bevölkerung unter Riechstörungen leiden. Doch fällt es Hummel zufolge den meisten Menschen schwer, ihr Riechvermögen oder -unvermögen realistisch einzuschätzen. Deshalb haben er und seine Kollegen einen diagnostischen Schnelltest entwickelt. Dazu lassen sie mögliche Patienten an zwölf »Riechstiften« schnuppern, die Düfte einer genau definierten Intensität verströmen. »Innerhalb von vier Minuten wissen wir, ob und in welchem Ausmaß eine Riechstörung vorliegt«, sagte Hummel. Auch eine Hirnstrommessung kann Aufschluss darüber geben. Dazu leiten Hummel und Kollegen einer Testperson Düfte in die Nase und zeichnen ein Elektroenzephalogramm auf.

 

»Bei 72 Prozent aller Riechstörungen liegt die Ursache im Bereich von Nasenraum und -nebenhöhlen«, sagte Hummel. »Meist lassen sie sich auf eine chronische Sinusitis zurückführen.« Bei vielen dieser Patienten bessere eine Operation die Beschwerden. Sie lasse sich wiederholt durchführen, wirke allerdings oft nur für etwa sechs Monate. »Auch der systemische Einsatz von Glucocorticoiden hilft vielen Betroffenen, sollte aber wegen des Nebenwirkungsrisikos nur kurzzeitig erfolgen.« Lokal als Nasenspray verabreicht, bessern Glucocorticoide nur bei etwa 13 Prozent der Patienten die Riechstörung. Das belegt eine Studie, die Hummel und Kollegen 2004 veröffentlichten. Hummel sieht die Ursache dafür in der Filterfunktion der Nase: »Sie lässt nicht genug Wirkstoff zu den Riechzellen durch, um dort effizient die chronische Entzündung zu lindern.« Studien hätten mittlerweile hinreichend belegt, dass Estrogene, Zink und α-Liponsäure nicht gegen Riechstörungen helfen. Vielversprechende Fallberichte gebe es bezüglich der Wirksamkeit der Akupunktur, von Vitamin B, C oder E, Theophyllin und Amitriptylin. »Hier besteht noch Forschungsbedarf. Wir kennen noch nicht einmal die zugrunde liegenden Mechanismen.«

 

»Schwierig« gestalte sich die operative und medikamentöse Therapie der anderen Riechstörungen. Etwa 1 Prozent dieser Fälle sei angeboren. 11 Prozent ließen sich auf einen Virenbefall der oberen Atemwege, weitere 5 Prozent auf Hirnschädigungen zurückführen. Doch Hummel wusste einen Trost für die Betroffenen: »Bei 10 bis 35 Prozent der posttraumatischen und sogar 60 Prozent der postviralen Riechstörungen erholt sich das Gewebe spontan.« Denn  Riechzellen können sich anders als die meisten anderen Neurone ein Leben lang neu bilden. »Selbst im Riechkolben wird täglich etwa 1 Prozent der Neurone ausgetauscht«, sagte Hummel. »Wir haben gewissermaßen alle 100 Tage einen rundum erneuerten Riechkolben.«  Dabei lasse sich das Nervengewebe ähnlich trainieren wie ein Muskel. »Der Riechkolben nimmt an Größe und Leistungsfähigkeit zu, je mehr man ihn mit Gerüchen konfrontiert.« Deshalb lindere bei vielen Patienten ein entsprechendes »Riechtraining« die Symptome einer Riechstörung.

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