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Digitale Rezeptsammelstellen

Terminal statt Briefkasten

31.01.2018  10:27 Uhr

Von Elke Wolf, Neidlingen / Patienten in Orten ohne Apotheke sollen bald schneller und effektiver an ihre Medikamente kommen. Zwei digitale Rezeptsammelstellen gingen dazu vergangene Woche in den Testbetrieb: eine in Baden- Württemberg, die andere im Saarland. Die Geräte sollen unnötige Fahrten vermeiden und Zeit sparen.

Zur Expopharm im vergangenen September hatten Landesapothekerverband Baden-Württtemberg (LAV) und das Rezeptabrechnungsunternehmen VSA den Prototypen vorgestellt. Jetzt präsentierten im baden-württembergischen Neidlingen, etwa 40 Kilometer südöstlich von Stuttgart, LAV-Präsident Fritz Becker, der auch Vorsitzender des Deutschen Apothekerverbands (DAV) ist, sowie VSA-Geschäftsführer Herbert Wild eine Rezeptsammelstelle in Terminalform. Das neue Gerät ersetzt den Briefkasten, der bis dato vor einer Neidlinger Arztpraxis stand. Untergebracht ist das Terminal in einem Gebäude in Gemeindehand. Dort befindet sich bereits eine Sparkasse, künftig sollen in dem Gebäudekomplex Senioreneinrichtungen entstehen.

Ideengeber und Initiator der digitalen Rezeptsammelstelle in Baden-Württemberg ist Becker selbst. Für die technische Umsetzung der sogenannten »Indoor-Installation mit Anbindung an die Apotheke« zeigt sich Noventi mit seinem Tochterunternehmen VSA zuständig. »Uns ging es bei der Idee darum, vor allem Zeit und Wege zu sparen und dadurch die Patientenversorgung auf dem Land noch wirkungsvoller und noch schneller zu machen«, erklärte Becker in Neidlingen. Er sieht die digitale Rezeptsammelstelle als »eine Art Brücke, die die Welt der digitalen Kommunikation und die Welt der persönlichen Betreuung und Beratung der ortsnahen Apotheke miteinander verbindet«.

 

Von Angesicht zu Angesicht

 

Bisherige Rezeptsammelstellen brachten einen zeitlichen Verzug der Arzneimittellieferung von etwa einem Tag mit sich. »Jetzt können wir schneller agieren«, so Becker Und noch einen weiteren wesentlichen Vorteil nannte er: Mit dem Terminal als Rezeptsammelstelle seien die Apotheker in der Lage, von Angesicht zu Angesicht zu handeln. »Der Apotheker kann trotz digitaler Übermittlung vor und bei Abgabe des Arzneimittels mit dem Patienten direkt in Kontakt treten.« Der persönliche Kontakt bei der Übergabe des Medikaments sei der entscheidende Unterschied zwischen den digitalen Rezeptsammelstellen und Abgabe-Automaten, wie ihn Doc Morris in Hüffenhardt betreiben wollte, betonte Becker. Das neue Terminal demonstriere: »Wir hinken der Digitalisierung nicht hinterher, wir sind Vorreiter.«

 

Das auf drei bis sechs Monate angelegte Pilotprojekt dient nun dazu, die Wege der digitalen Arzneimittelversorgung in der Praxis und die Akzeptanz in der Bevölkerung zu testen. Wenn alles gut anläuft, sollen weitere herkömmliche Rezeptsammelstellen gegen das Terminal ausgetauscht werden. Die Entwicklungskosten teilen sich LAV und VSA. Die Terminals sollen bei positiver Testung in Zukunft vermietet werden, wenn die Genehmigung einer Rezeptsammelstelle vorliegt, stellte Wild in Aussicht.

 

Politische Unterstützer

 

Michael Hennrich, CDU-Bundestagsabgeordneter für den Wahlkreis Nürtingen und bislang Obmann der Unionsfraktion im Gesundheitsausschuss des Deutschen Bundestags, ist es wichtig, dass auch in ländlichen Gebieten eine qualitativ hochwertige Arzneimittelversorgung mit persönlicher Ansprache erhalten bleibt. »Wir wollen keine Arzneimittellieferung aus Logistik­zentren im Ausland mit anonymen Callcentern«, sagte er.

Zudem müssten Arbeitsplätze vor Ort erhalten bleiben. Er sicherte dem Projekt Digitale Rezeptsammelstelle seine weitere Unter­stützung zu. »Ich kenne die Leistungsfähigkeit der ortsnahen Apotheken und ich weiß, dass sie wie kaum eine andere Branche durchdigitalisiert sind«, sagte Hennrich. Nur so erreichten Apotheken bei der Versorgung ihrer Patienten eine Geschwindigkeit, die »beispielhaft« sei.

 

Und so funktioniert das Terminal in Neidlingen: Der Patient startet auf dem integrierten Touch-Bildschirm den Vorgang und führt sein Rezept in den dafür vorgesehenen Schlitz ein. Zur Bestätigung der digitalen Übertragung erhält der Patient dann eine Quittung, auf der die Vorbestellnummer und die Kontaktdaten der Apotheke zu lesen sind. Außerdem wird der Patient gefragt, ob er mit der Apotheke per SMS auf dem Bildschirm Kontakt aufnehmen will. Dabei könnte der Patient beispielsweise zusätzlich eine OTC-Bestellung aufgeben. Die Möglichkeit der Kontaktaufnahme per Anruf soll erst zu einem späteren Zeitpunkt freigeschaltet werden. Eine Kontaktaufnahme ohne Rezepteingabe ist derzeit nicht vorgesehen. Die Daten der Bestellung laufen aus Datenschutzgründen verschlüsselt in das Rechenzentrum der VSA. Das Originalrezept bleibt im Terminal bis dieses geleert wird.

 

»Diese digitale Übermittlung bringt nicht nur für den Patienten Vorteile, sondern auch für die beliefernde Apotheke: Diese muss nicht erst zum herkömmlichen Briefkasten fahren, um das entsprechende Rezept zu holen«, erklärte Apotheker Hansjörg Egerer, der zusammen mit seiner Kollegin Tilla Frank-Neumeyer die Rezeptsammelstelle wechselseitig betreibt. »Sobald der Patient das Rezept in das Terminal steckt, können wir alles machen, was wir auch mit einem Original-Rezept in der Apotheke machen.«

 

In dem Moment der Übermittlung an die Apotheke ertönt ein akustisches Signal, sodass der Apotheker weiß, dass die Rezeptsammelstelle genutzt wurde. Durch die digitale Übertragung können nicht vorrätige Arzneimittel sofort bestellt werden, und auch eine eventuelle Rücksprache mit dem verordnenden Arzt kann stattfinden. Bevor das pharmazeutische Personal die Bestellung an den Patienten ausliefert, wird dieser telefonisch informiert. Der pharmazeutische Botendienst holt dann das Original in der digitalen Sammelstelle ab und führt alle pharmazeutischen Prüfungen am Originalrezept durch.

 

Digital im Saarland

 

Auch im Saarland nahm die erste digitale Rezeptsammelstelle vergangene Woche ihren Betrieb auf – in Heusweiler-Kutzhof, einer Gemeinde im oberen Köllertal mit rund 2200 Einwohnern. Das dortige Gerät sieht etwas anders aus und auch Hard- und Software unterscheiden sich. Die Rezeptübertragung funktioniert aber identisch: Auch hier geben die Patienten ihre Rezepte in einen Schlitz, die Daten werden per End-to-end-Verschlüsselung an die Allee-Apotheke in Heusweiler-Holz gesendet. Anschließend können die Patienten ihr Medikament dort abholen oder es sich per Botendienst nach Hause liefern lassen.

 

»Mit der digitalen Rezeptsammelstelle wollen auch wir unseren Beitrag zur Stärkung des ländlichen Raumes leisten«, sagte der Präsident der Apothekerkammer des Saarlands und Inhaber der Allee-Apotheke, Manfred Saar. Das sieht die saarländische Gesundheitsministerin Monika Bachmann (CDU) ganz ähnlich. Die gesellschaftliche Entwicklung mache es notwendig, »dass die Arzneimittelversorgung auf dem Land einfacher, schneller und digitaler gestaltet wird«, sagte sie.

 

Partner des Projekts ist das Apothekenrechenzentrum ARZ Darmstadt. Mit der digitalen Rezeptsammelstelle stärke man auch die Apotheke vor Ort, freute sich deren Geschäftsführer Reiner Haupt. In einem dreimonatigen Pilotbetrieb wollen die Initiatoren nun testen, wie gut die neue Rezeptsammelstelle funktioniert. Anschließend soll das Modell nach Möglichkeit in Serienproduktion gehen. /

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