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Diarrhö

Weltweit ein Problem

27.01.2016  09:23 Uhr

Insgesamt 1,7 Milliarden Menschen weltweit erkranken jedes Jahr an einer Magen-Darm-Infektion. Diarrhö ist nicht nur unangenehm, sondern kann gefährlich werden – auch in Industrienationen.

»Laut Angaben der Weltgesundheits­organisation WHO sterben jedes Jahr etwa 740 000 Menschen an gastro­intestinalen Infektionen, hauptsächlich Kinder unter fünf Jahren«, berichtete Professor Dr. Thomas Weinke vom Klinikum Ernst von Bergmann in Potsdam. Auch in Industrienationen kann Durchfall tödlich enden. So wird in den USA die Zahl der jährlichen Todesfälle, die auf gastrointestinale Infektionen zurückgehen, auf 11 000 geschätzt.

 

Antibiotika in der Regel überflüssig

 

Um die Zahl der Todesfälle weltweit zu senken, hat die WHO zusammen mit Unicef ein Programm aufgelegt, dessen wichtigste Maßnahme neben der oralen Rehydratation bei Infekten die Förderung des Stillens ist. Laut Studien haben nicht ausreichend gestillte Kinder ein 4,6-fach höheres Risiko, an einem gastrointestinalen Infekt zu sterben, als Kinder, die entsprechend den WHO-Empfehlungen sechs Monate voll gestillt wurden.

 

In Deutschland sind die häufigsten Diarrhö-Erreger Noroviren, Campylobacter und Rotaviren vor Salmonellen, Lamblien und Shigellen. Weinke stellte klar: »Bei den meisten Durchfallerkrankungen braucht man keine Antibio­tika.« Gegen virale Infekte, die zahlenmäßig am häufigsten sind, helfen diese Arzneimittel nicht, und bei bakteriellen Infektionen sind sie in der Regel nicht indiziert. Ausnahmen sind immunsupprimierte Menschen oder Patienten mit Fieber und blutiger Diarrhö. Bei Infektionen mit Shigellen und Lamblien sollte eine Antibiose erfolgen.

Clostridium difficile steht zwar nicht auf der Liste der häufigsten Erreger, hat aber in Deutschland an Bedeutung gewonnen. Meldepflichtig sind schwere Verläufe einer Clostridium-difficile-Infektion, die aufgrund der Verbreitung einer aggressiven Form des Erregers deutlich zugenommen haben. Risikofaktoren für einen schweren Verlauf sei ein Alter über 65 Jahre, voran­gegangene Antibiotikatherapie oder Klinikaufenthalt sowie Einsatz von PPI, sagte Weinke.

 

Bei der ersten Episode und einem leichten Verlauf kommt laut Leitlinie Metronidazol zum Einsatz. Bei einer schwer verlaufenden ersten Episode ist Vancomycin der Standard. In der Rezidivsituation können Vancomycin oder Fidaxomicin eingesetzt werden, wobei Letzteres in der Vermeidung von Rezidiven Vancomycin überlegen sei. Bei multiplen Rezidiven nennt die Leitlinie auch die Stuhltransplantation als Option.

 

Keine Prophylaxe auf Reisen

 

Die häufigsten Auslöser der Reise­diarrhö sind enterohämorrhagische Escherichia coli (EHEC), Noroviren und Clostridium difficile. Als Prävention steht die Hände- und Lebensmittel­hygiene im Vordergrund. Eine antibio­tische Prophylaxe sei Studien zufolge zwar wirksam, aber aufgrund der Auswirkungen auf die Darmmikrobiota nicht empfehlenswert. In speziellen Situationen kann eine Cholera-Impfung gegeben werden, die aufgrund der strukturellen Ähnlichkeit der Erreger auch gegen EHEC wirkt. Empfehlen könne man die Impfung Patienten mit chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen oder Immunsupprimierten. Zur prophylaktischen Wirkung von Probiotika sei die Datenlage unzureichend.

 

Die Infekte sind meist gutartig und selbstlimitierend und mit einer oralen Rehydratation ausreichend behandelt. Bei unkomplizierten Verläufen könne man mit Loperamid die Symptome abmildern, sagte Weinke. Bei schweren Erkrankungen darf es nicht angewandt werden, da die Erreger sonst länger im Gastrointestinaltrakt bleiben. Bei fieberhaften und blutigen Durchfällen kann eine Antibiotikatherapie für eine »möglichst kurze Dauer« erfolgen, zum Beispiel als einmalige Gabe von Azithromycin oder zweimalige Gabe von Ciprofloxacin. »Tannin, Kaolin, Pektin und medizinische Kohle haben in der Therapie keinen Stellenwert mehr.«

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