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Migräne bei Erwachsenen

Akuttherapie und Prophylaxe

19.01.2015
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Von Manfred Schubert-Zsilavecz / Migränemedikamente werden zur Behandlung des Migräneanfalls eingesetzt. Leichte Attacken können mit den klassischen Analgetika und Antiemetika gut behandelt werden. Bei mittelschweren bis schweren Migräneattacken sind Triptane die Mittel der Wahl. Eine prophylaktische Gabe soll die Anfallshäufigkeit reduzieren.

Die Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG) und die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) kooperieren – unter Einbindung von Vertretern der Österreichischen und Schweizerischen Fachgesellschaften – bei der Erstellung der Therapieleitlinie für die Akuttherapie und Prophylaxe der Migräne. Die aktuelle S1-Leitlinie (März 2013, gültig bis 2015) berücksichtigt auch die Empfehlungen der Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft, die Practise Parameters of the American Academy of Neurology sowie die »Guideline on the treatment of migraine« der European Academy of Neurologie (EAN). In diesem Titelbeitrag sind die wichtigsten pharmakotherapeutischen Maßnahmen (Arzneistoffe der ersten Wahl) zur Akuttherapie und Prophylaxe der Migräne bei Erwachsenen zusammengefasst.

 

Charakteristik der Attacken

 

Bei der Migräne kommt es attackenweise zu heftigen, häufig einseitigen, pulsierend-pochenden Kopfschmerzen, die bei körperlicher Betätigung an Intensität zunehmen. Bei einem Drittel der Patienten bestehen holokranielle (den ganzen Kopf betreffende) Kopfschmerzen. Die Attacken sind begleitet von ­Appetitlosigkeit (fast immer), Übelkeit (80 Prozent), Erbrechen (40 bis 50 Prozent), Lichtscheu (60 Prozent), Lärmempfindlichkeit (50 Prozent) und Überempfindlichkeit gegenüber bestimmten Gerüchen (10 Prozent). Wenn die Kopfschmerzen einseitig sind, können sie innerhalb einer Attacke oder von Attacke zu Attacke die Seite ­wechseln. Die ­Intensität kann von ­Attacke zu Attacke stark variieren. Die Attackendauer beträgt nach der Definition der Interna­tionalen Kopfschmerzgesellschaft zwischen 4 und 72 Stunden (Grafik).

 

Migräne ist eine der häufigsten Kopfschmerzformen überhaupt. Die Prävalenz liegt zwischen 10 und 15 Prozent. Vor der Pubertät beträgt die Häufigkeit 4 bis 5 Prozent, wobei Jungen und Mädchen gleich häufig betroffen sind. Die höchste Inzidenz der Migräneattacken besteht zwischen dem 35. und 45. Lebensjahr. In dieser Lebensphase sind Frauen dreimal häufiger ­betroffen als Männer.

 

Für die medikamentöse Akuttherapie stehen neben Acetylsalicylsäure (ASS), Ibuprofen, Naproxen, Diclofenac und Paracetamol insbesondere die Triptane zur Verfügung. Mutterkorn­alkaloide haben – wenn überhaupt – nur noch untergeordnete Bedeutung.

Akuttherapie mit Triptanen

 

Die Serotonin-5-HT1B/1D-Rezeptoragonisten Almotriptan, Eletriptan, Frova­triptan, Naratriptan, Rizatriptan, Su­matriptan und Zolmitriptan sind die Therapie erster Wahl bei mittelschweren und schweren Migräneattacken, die nicht oder nicht ausreichend auf Analgetika oder nicht steroidale Antirheumatika ansprechen (Tabelle 1, siehe unten). An dieser Einschätzung wird sich auch in den nächsten Jahren wenig ändern, zumal keine neuen Durchbrüche bei der Pharmakotherapie der Migräne zu erwarten sind.

 

Der aktuelle Arzneiverordnungsreport (AVR 2014) legt nahe, dass sich das Verordnungsverhalten zulasten der gesetzlichen Krankenkassen in den letzten Jahren kaum verändert hat. Es wurden ausschließlich Triptane verordnet. Sumatriptan ist seit Jahren der wichtigste Vertreter dieser Wirkstoffklasse (etwa 75 Prozent aller Verordnungen). Nennenswerte Verordnungen zeigen nur noch Rizatriptan (17 Prozent) und Zolmitriptan (7 Prozent). Seit April 2006 ist Naratriptan in einer Kleinpackung von zwei Tabletten als OTC-Arzneimittel verfügbar, was Apotheker in eine besondere Verantwortung bringt. Naratriptan ist besonders angezeigt für Patienten, die unter Sumatriptan ausgeprägte Nebenwirkungen zeigen, sowie bei Patienten mit langen und regelmäßig wieder auftretenden Attacken. Auch Almotriptan ist rezeptfrei in der Apotheke erhältlich.

 

Triptane bewirken über eine Aktivierung von vaskulären Serotoninrezeptoren eine Vasokonstriktion großer Hirngefäße, arteriovenöser Anastomosen und von Hirnhautgefäßen. Daneben hemmen sie die neurogene (aseptische) Entzündung durch verminderte Freisetzung proinflammatorischer Stimuli aus perivaskulären Trigeminusfasern. Als dritte und vielleicht wichtigste Wirkkomponente der Triptane wird eine Unterbrechung der trigeminalen Schmerztransmission zum Nucleus caudalis beschrieben.

 

Bei lange dauernden Migräneattacken kann nach Ende der erfolgreichen pharmakologischen Wirkung eines ­Migränemedikaments der Kopfschmerz wieder auftreten (headache recurrence, Wiederkehrkopfschmerz). Recurrence wird definiert als Verschlechterung der Schmerzintensität von keinem oder leichtem Kopfschmerz auf mittelschwere oder schwere Kopfschmerzen in einem Zeitraum von zwei bis 24 Stunden nach der ersten wirksamen Medikamenteneinnahme. Dieses Problem ist bei den Triptanen häufiger als bei Ergotamintartrat oder ASS. So kommt es bei 15 bis 40 Prozent der Patienten nach oraler Gabe von Triptanen zu einer Recurrence, wobei eine zweite Gabe der Substanz dann wieder wirksam ist. Triptane mit längerer Halbwertszeit haben tendenziell etwas geringere Recurrence-Raten als solche mit kurzer Halbwertszeit. Ist die erste Gabe eines Triptans unwirksam, ist es in der Regel sinnlos, in derselben Migräneattacke eine zweite Dosis zu applizieren – es sei denn, die erste Dosis wurde erbrochen.

 

Bei wiederkehrenden Kopfschmerzen nach initialer Wirksamkeit eines Triptans kann eine zweite Dosis innerhalb einer Attacke nach frühestens sechs Stunden gegeben werden. Diese Regel gilt nicht für Frovatriptan. Aufgrund der langen Halbwertszeit dieses Wirkstoffs kann die zweite Dosis erst nach 24 Stunden gegeben werden.

 

Triptane im Vergleich

Triptane sind spezifische Migräne­me­di­ka­men­te, die beim Kopfschmerz vom Spannungs­typ normalerweise unwirksam sind. Alle haben ihre Wirkung in großen placebokon­trollier­ten Studien belegt. Die bis zum Jahr 2000 in klinischen Studien erhobenen Daten zur Wirksamkeit der oralen Triptane sind in einer großen Metaanalyse zusammengefasst. Für das später zugelassene Frovatriptan sind die in der Metaanalyse nicht berücksichtigten Studien Grundlage der Empfehlung. Für die verschiedenen nicht oralen Applikations­for­men von Sumatriptan liegen Cochrane-Analysen vor, die ebenfalls eine Wirksamkeit zeigen. Auch die Wirkung von ­nasalem Zolmitriptan ist in placebokontrollierten Studien belegt.

 

Die kürzeste Zeit bis zum Wirkungseintritt besteht für die subkutane Gabe von Sumatriptan (10 Minuten). Orales Sumatriptan, Almotriptan und Zolmi­triptan wirken nach 45 bis 60 Minuten. Rizatriptan und Eletriptan oral sind am raschesten wirksam (nach 30 Minuten). Naratriptan und Frovatriptan benötigen bis zu vier Stunden bis zum Wirkungseintritt; daher sind sie für Patienten mit kurzen Migräneattacken wenig geeignet. Zolmitriptan 5 mg als Nasenspray hat einen rascheren Wirkungseintritt als orales Zolmitriptan 2,5 mg.

 

Die Besserung der Kopfschmerzen nach zwei Stunden – der wichtigste Parameter klinischer Studien für die Wirksamkeit von Migränemedikamenten – ist am höchsten bei der subkutanen Applikation von Sumatriptan (70 bis 80 Prozent), wobei diese Arzneiform auch die höchste Nebenwirkungsrate zeigt. Sumatriptan-Nasenspray und -Suppositorien sind ebenso wirksam wie Tabletten. 25 mg Sumatriptan oral sind weniger wirksam als 50 mg und 100 mg (etwa 50 bis 60 Prozent), lösen aber auch weniger Nebenwirkungen aus. Naratriptan und Frovatriptan (je 2,5 mg) bessern Kopfschmerzen nach zwei Stunden weniger effektiv als Sumatriptan und Rizatriptan, zeigen aber auch weniger Nebenwirkungen und eine etwas geringere Rate an Recurrence.

 

Der Wirkungseintritt von Naratriptan und Frovatriptan ist im Vergleich zu den anderen Triptanen verzögert, obwohl in manchen Studien kein Unterschied zwischen Frovatriptan und anderen Triptanen nachgewiesen werden konnte. Nach vier Stunden ist die Wirksamkeit mit der von Sumatriptan vergleichbar.

 

Im mittleren Wirkungsbereich liegen Zolmitriptan 2,5 bis 5 mg und Almotriptan 12,5 mg. Rizatriptan 10 mg ist etwas wirksamer als 100 mg Suma­triptan und als Almotriptan 12,5 mg. Eletriptan ist in einer Dosierung von zweimal 40 mg das effektivste orale Triptan, hat aber auch die meisten ­Nebenwirkungen.

 

Die Häufigkeit der Recurrence liegt bei den verschiedenen Triptanen zwischen 15 und 40 Prozent. Ist ein bestimmter Wirkstoff bei drei hintereinander behandelten Attacken nicht wirksam, kann ein Therapieversuch mit einem anderen Triptan erwogen werden.

Tabelle 1: Therapie der akuten Migräneattacke mit Triptanen (gereiht nach dem Zulassungsjahr)

Arzneistoff Dosis (mg) Nebenwirkungen Kontraindikationen
Sumatriptan 50 bis 100 (peroral)
25 (rektal)
10 bis 20 (nasal)
6 (subkutan, Autoinjektor)
Engegefühl in
der Brust,
­Parästhesien
der Extremitäten, Kältegefühl
Hypertonie, Angina Pectoris,
KHK, Myokardinfarkt
in der Vorgeschichte,
M. Raynaud, pAVK,
TIA oder Schlaganfall,
Schwangerschaft,
Stillzeit, schwere Leber-
und Niereninsuffizienz
Zolmitriptan 2,5 bis 5 (peroral)
5 (nasal)
wie
Sumatriptan
wie
Sumatriptan
Naratriptan 2,5 (peroral) etwas geringer
als Sumatriptan
wie
Sumatriptan
Rizatriptan 10 (peroral) wie
Sumatriptan
wie
Sumatriptan; Dosis
5 mg bei
gleichzeitiger Gabe
von Propranolol
Almotriptan 12,5 (peroral) etwas geringer
als Sumatriptan
wie
Sumatriptan
Eletriptan 20 bis 40 (peroral) wie Sumatriptan wie
Sumatriptan
Frovatriptan 2,5 (peroral) etwas geringer
als Sumatriptan
wie
Sumatriptan

Vorsicht Nebenwirkungen

 

Unter der Behandlung mit Triptanen wurden schwere Nebenwirkungen bei Patienten mit kardialen Vorerkrankungen beobachtet, aus denen sich die ­Anwendungsbeschränkungen ableiten lassen (Tabelle 1). Lebensbedrohliche Nebenwirkungen wie Herzinfarkt und Schlaganfall sind allerdings extrem selten und wurden unter Sumatriptan in einer Häufigkeit von 1:1 000 000 beobachtet. Gleichwohl dürfen Triptane nicht bei Patienten mit Herzinfarkt in der Vorgeschichte oder solchen mit symptomatischer ischämischer Herzkrankheit, Koronarspasmen, peripherer arterieller Verschlusskrankheit (PAVK), Morbus Raynaud, mittelschwerem bis schwerem Bluthochdruck oder leichtem unkontrolliertem Bluthochdruck eingesetzt werden.

 

In seltenen Fällen können Triptane als Serotoninrezeptor-Agonisten bei Komedikation von SSRI oder SNRI ein lebensbedrohliches Serotoninsyndrom auslösen. Ist bei Migränepatienten eine Behandlung mit diesen Antidepressiva unverzichtbar, sollten vor allem Ele­triptan, Naratriptan und Frovatriptan eingesetzt werden, da diese nur geringfügig über das MAO-System verstoffwechselt werden.

 

Aus Sicherheitsgründen sollen Patienten, die unter einer Migräne mit Aura leiden, ein Triptan erst nach Abklingen der Aura und mit Einsetzen der Kopfschmerzen anwenden.

 

Es gilt als gesichert, dass die regelmäßige Einnahme von Migränetherapeutika häufig Dauerkopfschmerzen verursacht. Triptane scheinen dabei rascher zu Dauerkopfschmerz (zwei bis drei Einnahmejahre) zu führen als Mutterkornalkaloide (drei bis fünf Einnahmejahre) oder Analgetika (fünf bis zehn Einnahmejahre).

Was am besten hilft

Die aktuelle Studienlage legt nahe, dass Triptane für den Endpunkt »schmerzfrei nach zwei Stunden« wirksamer sind als Analgetika oder NSAR. In Vergleichsstudien haben sich für den primären Endpunkt folgende Ergebnisse gezeigt:

 

  • 50 mg Sumatriptan waren wirksamer als 1000 mg ASS, aber nicht als 400 mg Ibuprofen.
  • Die Kombination von ASS, Paracet­amol und Coffein war wirksamer als Sumatriptan.
  • Die Kombination von 900 mg ASS und Metoclopramid war vergleichbar mit 100 mg Sumatriptan.
  • 100 mg Diclofenac waren vergleichbar mit 100 mg Sumatriptan
  • Rizatriptan 10 mg war Ibuprofen 400 mg überlegen.
     

Für die anderen Triptane liegen keine Vergleichsstudien vor. Bei etwa 60 Prozent aller NSAR-Nonresponder sind Triptane wirksam. Sumatriptan 6 mg subkutan war geringgradig besser wirksam als 1000 mg ASS intravenös, hatte aber mehr Nebenwirkungen. ­Ergotamintartrat war in Vergleichs­studien weniger wirksam als Suma­triptan, Eletripan und Almotriptan.

Mutterkornalkaloide

 

Die Wirksamkeit von Ergotamin ist in prospektiven Studien schlecht belegt. Wegen seines ungünstigen Nebenwirkungsprofils wird es kaum noch eingesetzt.

 

Dihydroergotamin hat ebenfalls untergeordnete Bedeutung, allerdings ist es besser verträglich als Ergotamin. Intravenös kann es bei therapierefraktärer Migräne eingesetzt werden, wobei es in Deutschland nicht zugelassen/nicht im Handel ist. Dies gilt auch für intranasales und ein oral inhalierbares Dihydroergotamin (MAP0004).

 

Antiemetika

Metoclopramid (MCP) oder Domperidon bekämpfen Übelkeit und Erbrechen im Rahmen einer Migräneattacke, wobei MCP auch eine geringe eigenständige Wirkung auf den Kopfschmerz hat. Die Rationale für den Einsatz der Antiemetika leitet sich zum einem davon ab, dass Übelkeit und Erbrechen regelhaft zu den charakteristischen Begleitsymptomen der Migräne zählen, zum anderen legen pharmakokinetische Studien nahe, dass die Resorption von Paracetamol und ASS während einer Attacke verzögert ist. Als Ursache wird eine gestörte Magenperistaltik vermutet.

 

Die Datenlage für den kombinierten Einsatz von Antiemetika und Migränetherapeutika ist dünn. Ein Cochrane Review aus 2010 kommt zu dem Schluss, dass die Kombination von ASS mit 10 mg MCP oral zwar die Wirkung auf Übelkeit und Erbrechen substanziell verbessert, die zusätzliche Gabe von MCP jedoch keinen Unterschied macht, was den Schmerz betrifft.

 

Analgetika als OTC-Option

 

Analgetika und nicht steroidale Antirheumatika sind bei der Behandlung von akuten Migräneattacken wirksam. Opioide sollen nicht eingesetzt werden.

 

Es ist davon auszugehen, dass die große Mehrheit aller Betroffenen – Schätzungen sprechen von 80 Prozent – ihre Kopfschmerzen überwiegend mit OTC-Analgetika behandelt, woraus sich eine besondere Verantwortung für Apo­theker ableitet. ASS, Ibuprofen, Diclo­fenac, Naproxen und Paracetamol sind die Analgetika erster Wahl bei leicht- und mittelgradigen Migränekopfschmerzen (Tabelle 2). Wahrscheinlich sind auch Metamizol und Phenazon wirksam.

 

Die Kombination von ASS, Paracet­amol und Coffein ist wirksamer als ­Placebo. Eine Studie des Neurologen Professor Diener ergab, dass diese Kombination wirksamer ist als die Kombination ohne Coffein und wirksamer als die Einzelsubstanzen. Die optimale Dosis beträgt bei alleiniger oraler Anwendung für ASS und Paracetamol mindestens 1000 mg, für Ibuprofen 400 bis 600 mg und für Diclofenac-Kalium 50 bis 100 mg. Analgetika sollten wegen der schnelleren Resorption bevorzugt in Form einer Brausetablette oder einer Kautablette eingenommen werden.

 

Lysiniertes ASS in Kombination mit MCP ist fast genauso wirksam wie ­Sumatriptan. Paracetamol wird besser nach rektaler als nach oraler Gabe resorbiert (rektale Gabe bei initialer Übelkeit und Erbrechen).

 

Alle Analgetika können bei zu häufiger, regelmäßiger Einnahme (Übergebrauch) zu Kopfschmerz führen. Daher wird empfohlen, die Einnahme von Akutmedikamenten gegen Migräne auf maximal zehn Tage pro Monat und maximal drei Tage hintereinander zu beschränken.

Tabelle 2: Analgetika mit nachgewiesener Wirksamkeit zur Akutbehandlung von Mi­gräneattacken mit und ohne Aura (Mittel der ersten Wahl)

Arzneistoff, Dosierung (mg) Nebenwirkungen Kontraindikationen
ASS 1000 Magenschmerzen, Gerinnungsstörungen, allergische Reaktionen Magen-Darm-Ulcera, hämorrhagische Diathese, Schwangerschaft (letztes Drittel)
Ibuprofen 200 bis 600 wie ASS, Ödeme wie ASS, Niereninsuffizienz, Lupus erythematodes
Naproxen 500 bis 1000 wie Ibuprofen wie Ibuprofen
Diclofenac 50 bis 100 wie Ibuprofen wie Ibuprofen
Paracetamol 1000 Leberschäden Leberschäden, Niereninsuffizienz
ASS + Paracetamol + Coffein 250 + 200 + 50 wie ASS und Paracetamol wie ASS und Paracetamol

Was tun in der Schwangerschaft?

 

In der Schwangerschaft können Migräneattacken gemäß der DGN-Leitlinie mit Paracetamol oder zwischen dem 2. und 3. Trimenon mit ASS behandelt werden. Zwar gibt es Hinweise auf ein erhöhtes kindliches Asthmarisiko und vermehrtes Auftreten eines Hodenhochstands nach Einnahme von Par­acetamol; die Daten rechtfertigen ­jedoch nicht, Paracetamol in der Schwangerschaft grundsätzlich abzulehnen.

 

Triptane sind für Schwangere nicht zugelassen. Jedoch gibt es keine klinischen Hinweise, dass diese zu Fehl­bildungen oder anderen Komplikationen führen. Ein großes Sumatriptan-Schwangerschaftsregister zeigt bislang keine erhöhe Komplikationsrate im ­ersten Trimenon. Ähnliche Ergebnisse zeigen auch die kleineren Register für Naratriptan und Rizatriptan.

 

Zur Migräneprophylaxe in der Schwangerschaft liegen keine kontrollierten Studien vor. Bei vielen Frauen nehmen die Attacken in der Schwangerschaft ab. Als vertretbare medikamentöse Prophylaxe gilt nur Metoprolol. Hilfreich können Magnesium und nicht-medikamentöse Maßnahmen wie Entspannungsübungen, Biofeedback und Akupunktur sein.

 

Medikamentöse Prophylaxe

Die Indikation zu einer medikamentösen Prophylaxe der Migräne ergibt sich bei besonderem Leidensdruck und Einschränkung der Lebensqualität. Ergänzend sind nicht medikamentöse Verfahren der Verhaltenstherapie und Ausdauersport empfehlenswert. Eine Alternative zur medikamentösen Prophylaxe bietet die Verhaltenstherapie. Zusammenfassend wird eine Migräneprophylaxe insbesondere empfohlen, wenn einer der folgenden Punkte vorliegt:

 

  • drei und mehr Migräneattacken pro Monat,
  • Migräneattacken, die regelmäßig länger als 72 Stunden anhalten,
  • Attacken, die auf eine Therapie gemäß den Empfehlungen (inklusive Triptanen) nicht ansprechen, und/oder wenn Nebenwirkungen der Akuttherapie nicht toleriert werden,
  • Zunahme der Attackenfrequenz und Einnahme von Schmerz- oder Migränemitteln an mehr als zehn Tagen im Monat,
  • komplizierte Migräneattacken mit beeinträchtigenden und/oder lang anhaltenden Auren,
  • Zustand nach migränösem Infarkt bei Ausschluss anderer Ursachen.
     

Ziel der medikamentösen Prophylaxe ist die Reduktion von Häufigkeit, Schwere und Dauer der Migräneattacken und die Prophylaxe von Kopfschmerz bei Medikamentenübergebrauch, wobei in den meisten Studien nur eine Abnahme der Attackenfrequenz dokumentiert ist. Von Erfolg spricht man, wenn die Anfallshäufigkeit um mindestens 50 Prozent zurückgeht. Nach Konsens der ­Experten wird als grundsätzliches Vorgehen empfohlen:

 

  • Grundsätzlich sollen die Arzneistoffdosen schrittweise erhöht werden, da die meisten Nebenwirkungen in den ersten Wochen der Einnahme auftreten.
  • Die meisten Medikamente zur Migräneprophylaxe können Müdigkeit auslösen und sollten daher abends eingenommen werden.
  • Da alle prophylaktischen Medikamente ursprünglich eine andere Indikation haben, ist eine eingehende Aufklärung der Patienten zur Erhaltung der Compliance sehr wichtig.
  • Aufgrund der Pharmakodynamik der meisten Migräneprophylaktika kann die Wirksamkeit erst nach sechs bis acht Wochen beurteilt werden. Bis dahin sollten die Medikamente allenfalls aufgrund von Nebenwirkungen abgesetzt werden. Zur Beurteilung der Wirksamkeit soll der Patient einen Kopfschmerzkalender führen.
  • Eine wirksame medikamentöse Prophylaxe sollte wenigstens sechs Monate lang gegeben werden. Dann ist ein Auslassversuch sinnvoll, um zu prüfen, ob noch eine Indikation für die Prophylaxe besteht. In Einzelfällen kann es sinnvoll sein, die Prophylaxe in Absprache mit dem Patienten über diesen Zeitraum hinaus zu geben.
     

Als Mittel der ersten Wahl haben sich seit vielen Jahren die Betablocker Pro­pranolol und Metoprolol (Bisoprolol mit etwas schlechterer Datenlage als zweite Wahl), der Calciumkanalblocker Flunarizin sowie in den letzten Jahren die Antikonvulsiva Valproinsäure und Topiramat etabliert (Tabelle 3). Alle Arzneistoffe sind zur Migräneprophylaxe zugelassen und hier häufig in niedrigeren Dosen wirksam als in ihrer Origi­nalindikation. Daneben gibt es Arzneistoffe der zweiten Wahl für die Migräneprophylaxe, für die die Datenlage schlecht bis wenig ausreichend ist. Dazu zählen die Antidepressiva Ami­trip­tylin und Venlafaxin, das Anti­epileptikum Gabapentin sowie Naproxen und ASS. In einer Dosierung von 600 mg erwies sich Magnesium in ­einer Studie als wirksam, wobei als häufige Nebenwirkung Diarrhö auftrat. /

Tabelle 3: Arzneistoffe mit nachgewiesener Wirksamkeit zur Migräneprophylaxe (Mittel der ersten Wahl)

Arzneistoff,
Tagesdosis (mg)
Nebenwirkungen
Metoprolol
50 bis 200
H: Müdigkeit, Hypotonie
G: Schlafstörungen, Schwindel
S: Hypoglykämie, Bronchospasmus, Magen-Darm-Beschwerden, erektile Dysfunktion
Propranolol
40 bis 240
H: Müdigkeit, Hypotonie
G: Schlafstörungen, Schwindel
S: Hypoglykämie, Bronchospasmus, Magen-Darm-Beschwerden, erektile Dysfunktion
Bisaprolol
5 bis 10
H: Müdigkeit, Hypotonie
G: Schlafstörungen, Schwindel
S: Hypoglykämie, Bronchospasmus, Magen-Darm-Beschwerden, erektile Dysfunktion
Flunarizin
5 bis 10
H: Müdigkeit, Gewichtszunahme
G: gastrointestinale Beschwerden, Depression
S: Hyperkinesien, Tremor, Parkinsonoid
Topiramat
25 bis 100
H: Müdigkeit, kognitive Störungen, Gewichtszunahme, Parästhesien
G: Geschmacksversänderungen
S: Engwinkelglaukom
Valproinsäure
600 bis 1800
H: Müdigkeit, Schwindel, Tremor
G: Hautauschlag, Haarausfall, Gewichtszunahme
S: Leberfunktionsstörungen

H: Häufig, G: Gelegentlich, S: Selten

Literatur

 

Der Autor weist besonders auf die Homepage der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (www.dgn.org) und die der Deutschen ­Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (www.dmkg.de) hin, wo sich die aktuellen Therapieleitlinien in ihrer Langform finden.

Der Autor

Manfred Schubert-­Zsilavecz studierte Pharmazie in Graz und wurde 1989 promoviert. 1993 habilitierte er sich für das Fach Pharmazeutische Chemie in Graz und erhielt 1997 den Ruf auf eine Pro­fessur an der Goethe-Universität Frankfurt am Main, deren Vizepräsident er seit 2009 ist. Schubert-Zsilavecz ist zudem Wissenschaftlicher Leiter des ZL und seit April 2010 externes Mitglied der Chefredaktion der PZ. Von 2008 bis 2011 war er Präsident der Deutschen Pharmazeutischen Gesellschaft. Seine Forschungsgebiete umfassen die Medizinische Chemie nukleärer Rezeptoren (PPAR, FXR) und die Bioanalytik von Wirkstoffen.

 

Professor Dr. Manfred Schubert-Zsilavecz

Zentrum für Arzneimittelforschung, Entwicklung und Sicherheit

Institut für Pharmazeutische Chemie

Max-von-Laue-Straße 9

60438 Frankfurt am Main

E-Mail: Schubert-Zsilavecz@pharmchem.uni-frankfurt.de

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