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Erhebung in Apotheken und Schwerpunktpraxen

Einnahmeverhalten bei Patienten mit Epilepsie

10.01.2014
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Von Tatjana Surowy / Wie gehen Epilepsie-Patienten mit ihrer Medikation im Alltag um? Dieser Fragestellung ging eine Patientenbefragung in Apotheken und Epilepsie-Schwerpunktpraxen nach.

Epilepsien gehören zu den häufigsten chronischen Erkrankungen des zentralen Nervensystems. Ohne wesentliche ethnische oder geographische Unterschiede beträgt die Prävalenz von Epilepsien weltweit 0,5 bis 1 Prozent. Das heißt, von 100 bis 200 Menschen leidet einer an Epilepsie. In Deutschland ist daher mit 400 000 bis 800 000 Epilepsiekranken zu rechnen.

 

Epilepsien können in jedem Lebensalter auftreten. Die Hälfte ist bereits vor dem zehnten Lebensjahr manifestiert, zwei Drittel vor dem 20. Lebensjahr. Die Zahl der Neuerkrankungen pro Jahr (Inzidenz) liegt im Mittel bei 0,04 Prozent. Bezogen auf Deutschland bedeutet das jährlich über 30 000 Neuerkrankungen. Epilepsien sind sozialmedizinisch nicht nur wegen ihrer Häufigkeit in der Gesamtbevölkerung relevant, sie beeinträchtigen auch das soziale Leben der Betroffenen. In der Mehrzahl der Fälle ist die Erkrankung zwar eine »unsichtbare Erkrankung« – dennoch stigmatisiert sie die Kranken (1).

 

Unter Epilepsie versteht man das wiederholte Auftreten einer übersteigerten Hirnaktivität mit anfallsartigen Symptomen. Ob und welche Auffälligkeiten bei dem Patienten während des Anfalles bestehen, richtet sich nach den einbezogenen Regionen des Gehirns. Epileptische Krampfanfälle können fokal oder generalisiert mit oder ohne Bewusstseinsverlust auftreten.

 

Schon beim ersten epileptischen Anfall muss geprüft werden, ob die Indikation zu einer medikamentösen Behandlung besteht. Vorzugsweise wird zunächst mit einer antikonvul­siven Monotherapie begonnen. Das primäre therapeutische Ziel ist die Anfallsfreiheit. Sie kann hierdurch bei etwa zwei Dritteln der Patienten erreicht werden. Die Kombinationstherapie kann bei Resistenz gegen eine Monotherapie eine Alternative darstellen.

 

Non-Compliance bei medikamen­töser Therapie ist ein häufiges Problem bei allen chronischen Krankheiten (2). Bei Epilepsie kommt erschwerend hinzu, dass wegen der paroxysmalen, nicht vorhersehbaren und auch ohne Therapie oft nur in großen Abständen auftretenden Symptomatik die Über­prüfung des Therapieeffektes für die Betroffenen erschwert ist (3). Wahrscheinlich sind viele Anfallsrezidive unter Therapie mit Non-Compliance assoziiert und wären somit prinzipiell vermeidbar (4, 5, 6). Die Folgen von Non-Compliance und konsekutiven Anfallsrezidiven können gravierend sein: erhöhte Mortalität und Morbidität, hohe krankheitsbezogene Kosten, Verlust der Fahrerlaubnis und des Arbeitsplatzes (7, 8, 9).

 

Methodik

 

In Kooperation mit der Landesapothekerkammer Rheinland-Pfalz, Arztpraxen in Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen und Sachsen sowie der Desitin Arzneimittel GmbH konnte unter Projektleitung von Dr. Ulrich Specht (Rehabilitationsklinik, Epilepsie-Zentrum Bethel, Bielefeld) und wissenschaftlicher Begleitung von Professor Dr. Theodor W. May (Gesellschaft für Epilepsieforschung, Bielefeld) eine explorative und prospektive Querschnittsstudie in den Jahren 2012/13 durchgeführt werden. Der Fokus wurde auf folgende Fragestellungen gelegt:

 

 

1. Wie gehen Epilepsie-Patienten mit ihrer Medikation im Alltag um?

 

2. Gibt es Unterschiede im Einnahmeverhalten oder in den Schwierigkeiten/Hindernissen hinsichtlich der regelmäßigen Einnahme zwischen Patienten aus Schwerpunktpraxen und aus Apotheken?

 

3. Sind Einnahmeverhalten und gegebenenfalls Schwierigkeiten mit der regelmäßigen Einnahme mit demographischen Variablen, der Anzahl der Tagesdosen, dem Wissenstand des Patienten oder der erlebten Wirksamkeit und Nebenwirkungen der Arzneimittel assoziiert?

 

An der anonymen Patientenbefragung in insgesamt 43 rheinland-pfälzischen Apotheken und drei Epilepsie-Schwerpunktpraxen beteiligten sich 227 Patienten. An die Befragung in der Apotheke schloss sich eine intensive Beratung durch den Apotheker zur Medikation und zu einem verbesserten Einnahmeverhalten an. Dabei wurde ein Beratungsinstrument eingesetzt, das im Epilepsie-Zentrum Bethel ergänzend zu dem Forschungsprojekt neu entwickelt wurde (10).

 

Ergebnis

 

In die Auswertung gingen die Daten von 226 erwachsenen Patienten (Mindestalter von 18 Jahre) ein (11). 13,3 Prozent aller Befragten waren älter als 60  Jahre. Fast die Hälfte aller Patienten beschrieb die Verträglichkeit ihrer einzunehmenden Antiepileptika als sehr gut. Bei mehr als 70 Prozent der Patienten, die in Apotheken befragt wurden, ist durch die Medikation eine Anfalls­freiheit erreicht worden. Die weitaus meisten Patienten sollten ihre Antiepileptika zweimal täglich einnehmen. 16,7 Prozent der Befragten in der Apotheke wiesen ein Therapieschema mit drei- bis viermaliger Applikation pro Tag vor. 

Um eine regelmäßige Einnahme zu erreichen, koppelten über 60 Prozent der Patienten ihre Tabletteneinnahme an feste Uhrzeiten oder verknüpften die Einnahme mit täglichen Gewohnheitsabläufen (45,6 Prozent). Allerdings gab knapp die Hälfte der Patienten an, Schwierigkeiten zu haben, ihre Medikation regelmäßig einzunehmen. Hierbei waren die Einnahme von unterschiedlichen Tablettensorten, ein unangenehmes Gefühl bei der Einnahme, das Teilen von Tabletten oder die Angst vor Nebenwirkungen Hinderungsgründe für ein Einhalten des Medikationsplans. 44 Prozent der Patienten, die mehr als zwei Tagesdosen einzunehmen hatten, berichteten, dass sie Schwierigkeiten mit der Einnahme der Mittagsdosis hätten (Abbildung 1).

Insbesondere hatten jüngere Patienten und solche, die die Verträglichkeit als nur befriedigend bis unbefriedigend einschätzten oder sich nicht als sehr gut über ihre Erkrankung informiert fühlten, Schwierigkeiten, ihren Medikationsplan einzuhalten. Über 40 Prozent der in Schwerpunktpraxen befragten Patienten gaben an, unsicher zu sein, ob sie ihre Arzneimittel tatsächlich eingenommen hätten. Mehr als 20 Prozent von ihnen hatten keine (zuverlässige) Möglichkeit, die tatsächliche Einnahme der Dosis zu überprüfen. Von hilfreichen Erinnerungsstützen haben mehr als die Hälfte der Befragten in Apotheken und fast ein Drittel in den Schwerpunktpraxen keinen Gebrauch gemacht (Abbildung 2). Bei Vergessen einer Tagesdosis wird sie häufig nicht nachträglich appliziert, sondern gänzlich ausgelassen (45,3 Prozent). Nur ein Drittel aller Patienten nehmen die vergessene Dosis vollständig zu einem späteren Zeitpunkt ein.

 

Fazit

 

Aufgrund der Risiken, die mit der Non-Compliance bei Epilepsie assoziiert sind, ist eine Optimierung des Therapieregimes und eine gezielte Beratung und Schulung der Patienten durch Arzt und Apotheker anzustreben. Apotheker können hier im Sinne der patientenorientierten Pharmazie ihren Beitrag zu einer verbesserten Compliance leisten und mit ihrer Fachkompetenz den nachteiligen Auswirkungen in vielen Lebensbereichen des Patienten entgegenwirken. /

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Literatur

  1. http://campus.uni-muenster.de -> Institut für Experimentelle Epilepsieforschung -> Epilepsien -> Häufigkeit; Stand: 13. November 2013
  2. Claxton, A. J., Cramer, J., Pierce, C. (2001) A systematic review of the associations between dose regimens and medication compliance. Clin Ther 23: 1296-310. 
  3. Specht, U. (2008) Medikamenten-Com­pliance bei Epilepsie. Nervenarzt 79: 662-668 
  4. Cramer, J. A., Mattson, R. H. (1995) Com­pliance with antiepileptic drug therapy. In: Levy, R. H., Mattson, R. H., Meldrum, B. S. (Hrsg.) Antiepileptic drugs, fourth edition. Raven Press, New York, S. 149-159
  5. Cramer, J. A., Glassman, M., Rienzi, V. (2002) The relationship between poor medication compliance and seizures. Epilepsy & Be­havior 3: 338-342
  6. Specht, U., Elsner, H., May, T. W., Schimichows­ki, B., Thorbecke, R. (2003) Postictal serum levels of antiepileptic drugs for detection of noncompliance. Epilepsy Behav 4: 487-495 
  7. Faught, E., Duh, M. S., Weiner, J. R., Guerin, A., Cunnington, M. C. (2008) Nonadherence to antiepileptic drugs and increased mortality. Findings from the RANSOM Study. Neuro­logy 71: 1572-1578
  8. Davis, K. L., Candrilli, S. D., Edin, H. M. (2008) Prevalence and cost of nonadherence with antiepileptic drugs in an adult managed care population. Epilepsia 49: 446-454
  9. Hovinga, C. A., Asato, M. R., Manjunath, R., Wheless, J. W., Phelps, S. J., Sheth, R. D., Pina-Garza, J. E., Zingaro, W. M., Haskins, L. S. (2008) Association of non-adherence to antiepileptic drugs and seizures, quality of life, and productivity: survey of patients with epilepsy and physicians. Epilepsy Behav 13: 316-322
  10. (Specht, U., Hausfeld, H. (2013) Beratungsset »Einnahmesicherheit mit Epilepsie-Medi­kamenten«, im Druck
  11. May, T., Specht, U. Medikamenten-Einnahmeverhalten bei Patienten mit Epilepsie: Eine Erhebung in Apotheken und Schwerpunktpraxen. Unveröffentlichter Projekt­bericht. Bielefeld, Bethel, 2013

Anschrift der Verfasserin

Dr. Tatjana Surowy, Landesapothekerkammer Rheinland-Pfalz, Am Gautor 15, 55131 Mainz, E-Mail: Tatjana.surowy(at)lak-rlp.de

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