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Lagerwert

Apotheker müssen Verluste hinnehmen

11.01.2011  17:02 Uhr

Von Martina Janning / Viele Apotheker, die 2010 verschreibungspflichtige Arzneimittel eingekauft haben, die sie erst 2011 abgeben, verzeichnen eine Wertminderung ihres bestehenden Warenlagers. Denn der neue Großhandelsabschlag senkt die Einkaufspreise. Die Hersteller wollen die Verluste nicht ausgleichen. Die Großhändler fühlen sich auch nicht zuständig.

Mancher Apotheker wird sich in diesem Monat ungläubig die Augen reiben, weil sein Wunsch nach Lagerwertausgleich abgelehnt wird. Wenn der Preis eines verschreibungspflichtigen Medikaments sinkt, erstattet der Hersteller in der Regel dem Apotheker den Verlust. Bei den aktuellen Preissenkungen ist es anders.

Für die Lagerwertverluste, die durch das Arzneimittelmarkt-Neuordnungsgesetz (AMNOG) entstehen, will keiner auf­kom­men. Die Arzneimittelhersteller fühlen sich nicht zuständig. Denn die Wertverluste ent­stünden »durch die Erhöhung von Abschlä­gen auf der Handelsstufe«, sagt der Bun­desverband der Pharmazeutischen Industrie (BPI). Dafür seien die Hersteller »absolut nicht der richtige Ansprechpartner«. Sie seien nur für den Herstellerabgabe­preis verantwortlich. »Dieser hat sich nicht verändert«, betont BPI-Hauptgeschäftsführer Henning Fahrenkamp.

 

Verluste individuell sehr verschieden

 

Es stimmt, die Preise der Hersteller sind gleich geblieben. Verändert hat sich der Abgabepreis des Großhandels. Seit Jahresbeginn müssen Pharmagroßhändler einen Abschlag in Höhe von 0,85 Prozent des Herstellerabgabepreises zahlen, wenn sie Apotheken verschreibungspflichtige Arzneimittel verkaufen. Der Einkaufpreis der Apotheken sinkt so. Das schmälert den Wert des Warenlagers, wenn ein Apotheker Arzneimittel bereits im Jahr 2010 eingekauft hat und sie erst 2011 abgibt.

 

Wie hoch die Lagerwertverluste sind, lässt sich in den meisten Fällen noch nicht genau sagen. Es kann sich um 100 Euro handeln. »Das können aber auch einige Tausend Euro sein«, sagt der stellvertretende Vorsitzende des Hessischen Landesapothekerverbands (HAV), Dr. Hans-Rudolf Diefenbach.

 

In einer Beispielrechnung, in der das Warenlager für verschreibungspflichtige Arzneimittel einen Wert von 65 000 Euro zum Apothekeneinkaufspreis hat, kommt der HAV auf einen Verlust von 520 Euro. Dabei hat er den Abschlag des Großhandels und die dadurch gesunkenen Einkaufspreise berücksichtigt.

 

Um den Schaden zu reduzieren, riet der HAV seinen Mitgliedern im Dezember, sich strategisch zu verhalten. Sie sollten entweder abverkaufen oder sich bewusst bevorraten. Um die individuell beste Lösung für sich auszuloten, musste ein Apotheker die gesunkenen Preise in 2011 in die Rechnung einbeziehen – aber auch schlechtere Einkaufsbedingungen. Denn die Großhändler hatten bereits angekündigt, dass sie die 200 Millionen Euro Belastung durch das AMNOG an die Apotheken weitergeben wollen, indem sie ihre Konditionen ändern. Das tun sie aktuell zum Beispiel, indem sie weniger Skonto geben. Diefenbach kommt daher zu dem Schluss: »Die Apotheker sind in jedem Fall die Dummen.«

 

Um schlechten Konditionen des Großhandels zu entgehen, kann es eine Option sein, den Direktbezug bei Herstellern auszubauen. »Das ist aber mehr Arbeit und verursacht höhere Lagerkosten«, sagt Diefenbach. Völlig ohne Pharmagroßhandel geht es allerdings nicht, urteilt Michael Klauß, Geschäftsführer des Apothekerverbands Brandenburg. »Kein Warenlager kann so gut bestückt sein, dass ein Apotheker auf den Einkauf beim Großhandel verzichten kann.«

 

Gesetz sieht keinen Ausgleich vor

 

Klauß empfiehlt deshalb, mit den Außendienstlern des Großhandels Klartext zu reden: »Apotheker sollten darauf pochen, dass die Großhändler ihre 200 Millionen Euro Einsparungen durch das AMNOG nicht auf sie abwälzen und gegebenenfalls ihr Bestellverhalten verändern.«

 

Die Lagerwertverluste durch das AMNOG will der Großhandel jedenfalls nicht ausgleichen. Sie entstünden schließlich nicht durch die unternehmerische Entscheidung eines Händlers, seine Preise zu senken. Der Gesetzgeber habe gewollt, dass alle Handelsstufen die Regelung zum Stichtag umsetzen, erklärt Thomas Graf, Pressesprecher der Andreae-Noris-Zahn (ANZAG). »Es ist nicht vorgesehen, zwischen den Handelstufen einen Stichtagsausgleich herbeizuführen.«

 

So wird wohl jeder Apotheker einen Lagerwertverlust durch den veränderten Großhandelsabschlag selbst tragen müssen. Es gibt keine rechtliche Regelung, die den Großhandel zum Ausgleich verpflichtet. Sogar der sonst übliche Lagerwertausgleich beim Sinken des Herstellerabgabepreises ist nicht gesetzlich geregelt. Wenn Pharmaunternehmen die Verluste erstatten, geschieht es aus Kulanz. /

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