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Demenzpatienten

»Ich weiß gar nicht, warum ich hier bin«

12.01.2016  14:53 Uhr

Von Christina Müller, Sulzbach-Rosenberg / Kalter Stahl, kahle Wände und der Geruch nach Desinfektionsmitteln: Mit Krankenhäusern verbinden auch Gesunde nur selten schöne Erinnerungen. Für Demenzkranke ist ein Klinikaufenthalt oft eine ganz beson­dere Belastung. Doch das will Schwester Anita jetzt ändern. Mit viel Mut, Herz und ein paar Eimern Farbe.

»Grüß Gott, Frau Berg*!« Mit festen Schritten geht Anita auf die Dame im fliederfarbenen Bademantel zu. Beim Lächeln bleiben von ihren lebhaften blaugrünen Augen nur kleine Schlitze. Sie trägt einen Hauch Schminke und eine moderne Kurzhaarfrisur. Eine junge Schwester, die ihre lange dunkle Mähne zum Pferdeschwanz gebunden hat, schiebt Frau Berg in ihrem Rollstuhl ins Zimmer. Dazu einen Tropf. »Ich weiß gar nicht, warum ich hier bin«, murmelt Frau Berg und schaut Anita fragend und fast ein wenig vorwurfsvoll an. »Meinen Mann habe ich auch noch nicht gesehen, wo ist der denn?«

 

Anita weiß es nicht. Frau Berg ist heute zum ersten Mal im Sonnenstüberl. »Möchten Sie etwas trinken? Eine Saftschorle vielleicht?« »Ja«, erwidert Frau Berg leise. Dann hebt sie mit einer raschen Bewegung den Kopf und ruft Anita hastig hinterher: »Aber ohne Alkohol!«

 

Einzigartiges Projekt

 

Seit einem Jahr leitet Anita die Betreuung der Demenzkranken im St. Anna Krankenhaus im oberpfälzischen Sulzbach-Rosenberg. Rund 50 km östlich von Nürnberg hat sie mit der Arbeitsgemeinschaft (AG) Demenz eine einzigartige kleine Welt geschaffen: Im ehemaligen Notdienstzimmer der Station Med2 singt, spielt, liest und lacht die Krankenpflegerin zwei Stunden täglich mit ihren vergesslichen Patienten. Menschen mit Demenz, so lautet der offizielle Ausdruck. Die Bezeichnung findet Anita treffend und respektvoll zugleich. Die Menschen mit Demenz kommen aus verschiedenen Gründen in die Klinik. Herzprobleme zum Beispiel, oder weil sie gestürzt sind. Im Krankenhaus werden sie medizinisch versorgt. Aber Anita weiß, dass diese Patienten besondere Bedürfnisse haben. Werden sie aus ihrer gewohnten Umgebung gerissen, wirft sie das oft aus der Bahn. Mit der Demenzbetreuung will Anita ihrem Tag eine Struktur geben, sich Zeit für sie nehmen, Vertrauen schaffen.

 

Das Sonnenstüberl hat Anita selbst mitgestaltet. Die Wände sind sonnengelb gestrichen. Gelb vermittelt Wärme und wirkt positiv auf die Menschen. Das hat sie mal bei einer Schulung gelernt. An der sonnengelben Wand hängt ein golden gerahmtes Landschaftsbild. Himmel, Wolken, Bäume, Wiesen. Ein Fluss schlängelt sich hindurch. Das Bild stammt von der verstorbenen Mutter der Oberschwester. Früher haben viele Paare solche Bilder zur Hochzeit bekommen. Auf der gegenüberliegenden Seite steht ein Holzschränkchen in der Ecke, das Telefon darauf hat noch eine Schnur. Die Stehlampe am Fenster kann die Farbe wechseln. Blau beruhigt die Patienten, rot wirkt anregend. Im Regal bewachen Puppen Bücher über Traktoren.

 

Anita schiebt Frau Berg an den großen rechteckigen Tisch in der Mitte des Raumes. Die Platte ist aus weißem Kunststoff. Im Krankenhaus müssen alle Oberflächen leicht zu reinigen sein, das ist Vorschrift. Den Tisch hat Anita mit orangenen Sets dekoriert. Orange regt den Appetit an, fördert soziales Verhalten und vermittelt Lebensfreude. Neben Frau Berg sitzen am Tisch bereits die ehrenamtliche Helferin Ingeborg und Frau Petersen. Frau Petersen lässt sich schon seit zwei Wochen in der Klinik behandeln, sie hatte einen Dünndarmdurchbruch. Jeden Tag um halb elf kommt sie ins Sonnenstüberl, sofern ihr Gesundheitszustand es zulässt. Jetzt beugt sie sich hinüber zu Frau Berg. »Wiegehtesihnen«, fragt sie mit monotoner Stimme. Ihr Blick ist starr, ihr Gesicht zeigt kaum eine Regung, die Mundwinkel hängen herunter. »Gut«, antwortet Frau Berg spontan. Dann scheint sie kurz abwesend. Als ob sie überlegt, ob das auch stimmt.

 

Einfache Bilder

 

»Frau Berg, schauen Sie mal!« Anita drückt ihr schnell einen Stapel mit Fotos in die Hand. Sie sind laminiert, damit sie leichter zu reinigen sind. Das erste Bild zeigt eine grau-weiß gestreifte Katze, die auf einer blauen Decke liegt und schläft. Einfach müssen die Bilder sein, weiß Anita. Zu viele Muster und Strukturen verwirren die Menschen mit Demenz. »Was sehen Sie?«, fragt Anita. »Eine Katze«, sagt Frau Berg. »Mögen Sie Katzen?« Frau Berg zögert. »Ich mag auch lieber Hunde«, erzählt Anita.

 

Nicht bevormunden

 

»Servus!« Eine Schwester mit kurzen Haaren und Brille schiebt Herrn Raabe herein. Wie Frau Berg und Frau Petersen sitzt auch er im Rollstuhl. Er trägt einen dunkelblauen Schlafanzug und hat eine große Nase, deren Spitze nach unten zeigt. Herr Raabe röchelt, wirft immer wieder den Kopf in den Nacken, um besser Luft zu bekommen. 

»Grüß Gott, Herr Raabe! Brauchen Sie Sauerstoff?« Anita ist besorgt. »Es geht schon«, erwidert Herr Raabe. Die Antwort kennt Anita schon. Herr Raabe ist öfter mal hier, wegen seiner Herzinsuffizienz. Er sagt immer, dass es schon so gehe. Meistens tut es das nicht. Um ihn nicht zu bevormunden, wartet Anita noch ein paar Minuten, bevor sie ihm die Sauerstoffmaske aufsetzt.

 

Tür auf. Eine Schwester rollt Frau Hermann herein, eine rundliche Frau mit roten Wangen, die ihren Rollstuhl nahezu ausfüllt. »Grüß Gott«, sagt Anita. Frau Hermann schweigt. Sie zupft an der hellgelben Bettdecke auf ihrem Schoß. Als Anita sie fragt, ob sie auch Bilder anschauen möchte, schüttelt sie kaum merklich den Kopf. Anita nimmt ihre Hand und streichelt sie. Für eine Sekunde sieht Frau Hermann Anita an, dann widmet sie sich wieder ihrer Bettdecke. Bei ihr ist die Krankheit schon sehr weit fortgeschritten, vermutet Anita.

 

Am Kopf des Tisches spielt Ingeborg mit Frau Petersen und Herrn Raabe Mensch ärgere dich nicht. Im Hintergrund blubbert die Sauerstoffflasche. Frau Petersen würfelt eine Sechs nach der nächsten und wirft Ingeborg raus. Die Ehrenamtlichen wie Ingeborg machen das Projekt erst möglich. Ohne sie würde Anita es nicht schaffen, der finanzielle Aufwand für die Klinik wäre zu groß.

 

Herr Raabe schnauft und röchelt. Frau Berg zieht ein Katzenbild. Davon verstecken sich besonders viele im Stapel. Anita hält noch immer Frau Hermanns Hand. Diese flüstert mit heiserer Stimme etwas in Richtung Bettdecke. Anita versteht nicht. »Was meinen Sie?«, fragt Anita. Flüstern. Immer noch nicht. »Wie bitte?« Flüstern. »Ach, eine Stricknadel möchten Sie haben!« Anita läuft zu dem kleinen Holzschränkchen in der Ecke. Aus der Schublade kramt sie ein curryfarbenes Wollknäuel mit zwei Sticknadeln hervor. Jemand hat schon angefangen zu stricken. »Bitte schön!«, sagt Anita und legt Frau Hermann die Nadeln in die Hände. Frau Hermann sagt kein Wort. Statt an der Bettdecke zupft sie nun an der Wolle. Frau Petersen hat alles mit starrem Blick beobachtet und deutet auf ihre rosafarbene Jacke. »Habeichselbstgestrickt«, verkündet sie monoton. Anita und Ingeborg bewundern ihr Werk.

 

Auch Frau Berg hat alles beobachtet. Als Anita sich ihr wieder zuwendet, hält sie ihr ein Foto unter die Nase. »Aurica«, sagt sie und grinst. »Heißen die Blumen so?«, erkundigt sich Anita. »Ja«, sagt Frau Berg und nickt kräftig. Eine weiße Haarsträhne fällt ihr ins Gesicht. Sie beugt sich zu Anita, als wollte sie ihr ein Geheimnis verraten. »Mein Mann zieht immer die Etiketten aus den Blumentöpfen.« »So ein Schlawiner!«, ruft Anita. Beide lachen laut. Frau Berg fehlen ein paar Zähne. Dann wieder ein Katzenbild.

 

»Bis morgen«

 

Nebenan wendet sich Frau Petersen an Herrn Raabe. »Ichkonntedieganze nachtnichtschlafen.« Herr Raabe wiederholt: »Die ganze Nacht«, und nickt. Vielleicht schnappt er auch nur nach Luft. Die Flasche blubbert. Raabe röchelt. Petersen starrt. Hermann zupft. Katzenbild. Frau Petersen ist müde, sie möchte sich hinlegen. Herr Raabe schließt sich an und auch Frau Berg ist erschöpft. Frau Hermann sagt nichts. Anita sieht auf die Uhr. Es ist schon fast halb eins.

 

Anita informiert die Schwestern auf den Stationen, dass sie die Gruppe jetzt auflöst. Frau Petersen und Herr Raabe werden abgeholt, sie selbst kümmert sich um Frau Berg. Anita verabschiedet sich schließlich auch von Frau Hermann. »Bis morgen«, sagt sie sanft und streichelt noch einmal Frau Hermanns Hand. Frau Hermann schweigt und zupft. Dann schiebt Ingeborg sie hi­naus. Die Wolle darf sie behalten. Anita fährt mit Frau Berg davon. Als Ingeborg Frau Hermann auf ihr Zimmer bringt, wispert Frau Hermann ihr nur einen Satz ins Ohr, diese drei kleinen Worte, für die Anita die ganze Mühe jeden Tag auf sich nimmt: »Danke für alles.« /

 

*Anmerkung: Alle Patientennamen wurden von der Redaktion geändert.

Pflegereform

Das zweite Pflegestärkungsgesetz ist am 1. Januar in Kraft getreten. Laut Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) erhalten damit »erstmals alle Pflegebedürftigen einen gleichberechtigten Zugang zu Pflegeleistungen – unabhängig davon, ob sie an körperlichen Beschwerden oder an einer Demenz erkrankt sind«. Sowohl die Betroffenen als auch ihre Angehörigen und das Pflegepersonal sollen in Zukunft mehr Unterstützung erfahren.

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