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Arzneistoffmarkt

Neues Jahr, neue Substanzen

07.01.2014
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Von Manfred Schubert-Zsilavecz und Sven Siebenand / Im Jahr 2013 sind insgesamt 23 neue Arzneistoffe auf den Markt gekommen. Wie viele es im Jahr 2014 werden, steht noch nicht fest. Allerdings stehen die Chancen gut, dass die Zahl von 2013 überboten wird. Eine Auswahl aussichtsreicher Arzneistoff- Kandidaten.

Mit der Einführung der direkten oralen Antikoagulanzien Apixaban, Rivaroxaban und Dabigatranetexilat wurde das Spektrum der verfügbaren Arzneimittel zur antithrombotischen Prophylaxe und Therapie erweitert. In den Empfehlungen der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft zum Einsatz von Dabigatranetexilat und Rivaroxaban bei nicht-valvulärem Vorhofflimmern wird kritisiert, dass bislang kein spezifisches Antidot für die neuen Substanzen verfügbar ist, was in Notfallsituationen bei blutenden Patienten zu Problemen führen kann.

 

Antidote gegen orale Antikoagulanzien

 

Spezifische Antidote befinden sich allerdings in der Entwicklung und ihre Zulassung wird teilweise schon für 2014 erwartet. Im Falle von Dabigatran­etexilat entwickelt Boehringer Ingelheim ein humanisiertes monoklonales Antikörperfragment, das den direkten oralen Thrombin-Inhibitor neutralisieren soll. Portola Pharmaceuticals verfolgt die Entwicklung des Breitband-Antidots Andexanet alfa gegen alle Faktor-Xa-Inhibitoren. Als Grundlage hierfür dient ein rekombinantes modifiziertes Faktor-Xa-Molekül, das mit hoher Affinität alle Faktor-Xa-Inhibitoren bindet, aber keinen Einfluss auf die Blutgerinnung hat. Andexanet alfa wäre damit nicht nur ein Antidot gegen Rivaroxaban und Apixaban, sondern auch eines gegen Edoxaban. Dieser Faktor-Xa-Hemmer ist in Deutschland bisher noch nicht zugelassen, in Japan allerdings schon. 2014 könnte auch der Markteintritt in Europa erfolgen. Der Wirkstoff befindet sich in Phase III der klinischen Prüfung.

 

Comeback und Premiere bei den SGLT-2-Hemmern

 

Ende 2013 haben AstraZeneca und Bristol-Myers Squibb das Dapagliflozin-haltige Antidiabetikum Forxiga® vorerst außer Vertrieb genommen. Anlass dafür sind wirtschaftliche Gründe. Die Unternehmen rechnen damit, dass der Pharmagroßhandel das Präparat noch mindestens bis Mitte Februar liefern kann. Wichtig: Dapagliflozin bleibt in allen zugelassenen Indikationen voll zulasten der Gesetzlichen Krankenversicherung verordnungs- und erstattungsfähig. Gut möglich, dass – je nach Ausgang eines Schiedsverfahrens – die Unternehmen den Wirkstoff im Laufe des Jahres 2014 wieder anbieten werden. Zudem könnte die Substanzklasse der SGLT-2-Hemmer im neuen Jahr Zuwachs bekommen. Empagliflozin und Canagliflozin sind zwei weitere SGLT-2-Inhibitoren in später Phase der klinischen Prüfung. Canagliflozin ist in den USA bereits zugelassen. Zum Wirkmechanismus dieser Klasse oraler Antidiabetika: Durch die Hemmung des Transportproteins SGLT-2 wird die Rückresorption von Glucose in der Niere vermindert, was zur Ausscheidung von Zucker über den Urin führt, der Blutzucker sinkt damit.

Neue Optionen bei Hepatitis C

 

Auch bei der Behandlung von Hepatitis-C-Patienten wird sich im Jahr 2014 voraussichtlich einiges tun. Derzeit befinden sich knapp 30 potenzielle Arzneistoffe zur Behandlung von Hepatitis C in klinischen Studien. Besonders weit vorangeschritten ist zum Beispiel Feldaprevir, ein Protease-Hemmer der zweiten Generation. Der Wirkstoff stellt eine Option sowohl für eine Interferon-haltige als auch für Interferon-freie Therapieschemata dar. Ende 2013 bewilligte die europäische Arzneimittelbehörde EMA für ein Interferon- basiertes Therapieregime ein beschleunigtes Beurteilungsverfahren. Her­steller Boehringer Ingelheim zufolge könnte Feldaprevir im Falle einer Zulassung in der zweiten Jahreshälfte 2014 in der EU verfügbar sein.

 

Mit Deleobuvir befindet sich ein weiterer Wirkstoff aus dem Hause Boehringer Ingelheim im späten Stadium der klinischen Entwicklung. Es ist ein nicht-nukleosidischer Inhibitor der NS5B-Polymerase, der besonders für die Behandlung von Hepatitis-C-Patienten mit Genotyp 1b optimiert ist. Die Phase-III-Studien zur Kombinationstherapie von Deleobuvir in Kombination mit Faldaprevir und Ribavirin sind bereits erfolgreich abgeschlossen.

 

Möglicherweise wird im Rennen um die erste Interferon-freie Hepatitis-C-Behandlung die Firma Gilead auch in Europa die Nase vorn haben. Der Wirkstoff Sofosbuvir hat in den USA bereits die Zulassung erhalten, und Ende 2013 hat der Polymerase-Inhibitor auch von der EMA eine Zulassungsempfehlung erhalten.

 

Durchbruch-Therapie bei Herzinsuffizienz

 

Die etablierten Pharmakotherapien bei Colitis ulcerosa und Morbus Crohn zeigen nur begrenzte Wirksamkeit und nicht unerhebliche Nebenwirkungen. Mit Vedolizumab befindet sich ein humanisierter monoklonaler Antikörper in später Phase der klinischen Prüfung, der bei Patienten mit therapieresistenten entzündlichen Darmerkrankungen eine bessere Remissionsrate als Placebo zeigte. Der therapeutische Effekt von Vedolizumab beruht auf seiner speziellen Wirkung gegen a4ß7-Integrin, einem Adhäsionsmolekül, das für die Einwanderung von Lymphozyten speziell ins Darmgewebe verantwortlich ist.

 

Die bisherigen Therapeutika für Patienten mit akuter Herzinsuffizienz, zum Beispiel Diuretika, Vasodilatatoren und positiv inotrop wirkende Arzneistoffe, verbessern zwar die Symptomatik, allerdings nicht die Prognose. Serelaxin (RLX030) ist eine rekombinate Variante des physiologischen Peptidhormons Relaxin, welches vermehrt in der Schwangerschaft gebildet wird und unter anderem vasodilatatorisch und antifibrotisch wirkt. 

Darüber hinaus verbessert es die Nierenfunktion und stimuliert die Gefäßneubildung. Die Ergebnisse der Phase-III-Studie RELAX-AHF zeigten eine Symptomverbesserung sowie eine reduzierte Sterblichkeit von Patienten mit akuter Herzinsuffizienz. Im Sommer 2013 erteilte die amerikanische Zulassungsbehörde FDA diesem Arzneistoffkandidaten die Bezeichnung »Breakthrough Therapy«.

 

Neue Wirkklasse bei Nagelpilz

 

Mit den Benzoxaborolen ist eine neue Wirkstoffklasse zur Behandlung von Onychomykosen in der klinischen Entwicklung. Die Benzoxaborol-Struktur ist ein für Wirkstoffe untypisches Strukturelement, das einen Bor-haltigen Heterozyklus darstellt. Die Vertreter der neuen Wirkstoffklasse hemmen die Leucyl-tRNA-Synthase in Pilzen, wodurch die Proteinbiosynthese des Pilzes gestört wird. Im Gegensatz zu klassischen Antimykotika, die die Zellwandsynthese von Pilzen hemmen, stellt die Inhibition der fungalen Proteinbiosynthese einen neuen Wirkmechanismus dar. Tavaborol (AN-2690) zeigte in Studien gute antimykotische Wirksamkeit gegen Hefen, Schimmelpilze und Dermatophyten. /

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