Pharmazeutische Zeitung online
Generikamarkt

»Die Zitrone ist ausgepresst«

07.01.2014
Datenschutz bei der PZ

Von Stephanie Schersch, Berlin / Vielen Herstellern machen die Rabattverträge schwer zu schaffen. Pro-Generika-Geschäftsführer Bork Bretthauer hofft auf einen offenen Dialog mit der neuen Bundesregierung über dieses Problem. Faire Marktchancen fordert er zudem für Biosimilars. Denn in diesem und im kommenden Jahr laufen viele Biopharmazeutika aus dem Patent.

PZ: 2014 hat vor wenigen Tagen begonnen – mit welchen Erwartungen starten Sie in das neue Jahr?

 

Bretthauer: Unsere Erwartungen sind grundsätzlich positiv. Wir setzen da­rauf, dass die neue Bundesregierung zur Frage einer nachhaltigen Arzneimittelversorgung den offenen Dialog mit uns suchen wird. Das versprechen Union und SPD zumindest in ihrem Koalitionsvertrag. Für uns ist das eine gute Nachricht.

 

PZ: Für die Generikaindustrie hält der Vertrag allerdings auch weniger erfreuliche Vorhaben bereit. So wollen Union und SPD darauf verzichten, patentgeschützte Arzneimittel im Bestandsmarkt einer Nutzenbewertung zu unterziehen, im Gegenzug haben sie aber das Preismoratorium verlängert und wollen einen erhöhten Herstellerabschlag von 7 Prozent festsetzen. Dieser soll – anders als bislang – auch für Generika gelten. Was bedeutet das für die Unternehmen?

Bretthauer: Natürlich muss es einen finanziellen Ausgleich für das Ende der Nutzenbewertung im Bestandsmarkt geben. Diese Kompensation darf aber nicht zulasten der Generikaindustrie gehen. Schließlich profitiert sie auch nicht vom Verzicht auf den Bestandsmarktaufruf. Es muss daher eine Klarstellung im Gesetz geben, die Generika von Preismoratorium und erhöhtem Herstellerabschlag ausnimmt. Ich bin grundsätzlich optimistisch, dass das auch gelingen wird. Denn auch die Politiker erkennen zunehmend, dass die Zitrone im Generikamarkt ausgepresst ist.

 

PZ: Tatsächlich ist das Klima im Generikamarkt rau und die Marktkonzentration hoch: 71 Prozent des gesamten Absatzes im rabattfähigen Markt entfallen heute auf die zehn größten Hersteller. Denken Sie, dass die Konzentration weiter zunehmen wird?

 

Bretthauer: Diese Entwicklung hängt untrennbar mit den Rabattverträgen zusammen. Das eine bedingt das andere. Insofern muss man sagen: Je mehr Rabattverträge wir haben, umso stärker fällt die Marktkonzentration aus. Bedeutend ist dabei vor allem die Marktkonzentration im Bereich der Wirkstoffe. Heute gewährleisten beispielsweise nur drei Unternehmensgruppen die gesamte Antibiotikaversorgung in Deutschland.

 

PZ: Viele Kassen setzten bei Ausschreibungen inzwischen immerhin auf ein Mehrpartnermodell, bei dem auch kleinere Unternehmen häufiger zum Zug kommen sollen. Bringt das Entlastung für die Hersteller?

 

Bretthauer: Nein. Die Vergabe von Wirkstoffen an mehrere Unternehmen wird häufig mit einer erhöhten Liefersicherheit begründet. Doch das Gegenteil ist der Fall. Die Planbarkeit von Mengen wird für die Hersteller im Rabattvertragssystem insgesamt zunehmend schwieriger. Wenn zum Beispiel drei Unternehmen den Zuschlag für einen Wirkstoff erhalten, wissen sie nicht, welches Präparat der Apotheker letztlich abgibt und ob sie am Ende tatsächlich jeweils ein Drittel der Versorgung übernehmen. Der Anteil des einzelnen Herstellers könnte auch geringer oder aber größer ausfallen. Die Systemfallen der Rabattverträge zeigen sich hier auch in der Gefahr von Lieferengpässen. Unser Rabattvertragssystem ist auf Kante genäht. Es lässt Unternehmen finanziell keinerlei Spielräume für eine zusätzliche Bevorratung.

 

PZ: Lieferengpässe waren im vergangenen Jahr immer wieder ein Problem und sind auch Thema im Koalitionsvertrag. Dort fordern Union und SPD, dass Krankenkassen und Hersteller bei Rabattverträgen Maßnahmen gegen Lieferengpässe vereinbaren sollen. Wie hilfreich ist eine solche Vorgabe aus Ihrer Sicht?

 

Bretthauer: Der Koalitionsvertrag holt an dieser Stelle etwas nach, was längst Alltag in Deutschland ist. Wir kennen keine Rabattverträge zwischen Krankenkassen und Herstellern, die für den Fall von Lieferengpässen keine Vereinbarungen in Form von Vertragsstrafen oder Schadensersatzzahlungen enthalten. Der ohnehin enorm hohe ökonomische Druck der Kassen auf die Hersteller wächst damit noch weiter. Unternehmen werden noch gründlicher abwägen müssen, ob sie sich an Rabattvertragsausschreibungen beteiligen. Immerhin zeigt die Formulierung im Koalitionsvertrag aber, dass auch die Politik das Problem der Engpässe bei den Rabattverträgen erkannt hat.

 

PZ: Zuletzt sind auch große ausländische Unternehmen auf den deutschen Generikamarkt gedrungen: Teva hat 2010 Ratiopharm gekauft, Indiens größter Arzneimittelhersteller Ranbaxy ist mit seinem Tochterunternehmen Basics in Deutschland vertreten. Denken Sie, dass die Rabattverträge diese Entwicklung begünstigen?

Bretthauer: Ich sehe mittlerweile eher den umgekehrten Trend. Dr. Reddy’s, einer der weltweit großen Generikahersteller mit Sitz in Indien, hat öffentlich angekündigt, sich aus dem deutschen Rabattvertragsmarkt zurückzuziehen. Der Grund sind die schlechten Rahmenbedingungen hierzulande, die Teilnahme an Rabattvertragsausschreibungen rentiert sich aus Sicht des Unternehmens schlichtweg nicht mehr. Das ist ein ganz starkes Signal und sagt viel über die Situation auf dem deutschen Generikamarkt aus.

 

PZ: Ab 2014 laufen vergleichsweise viele Biopharmazeutika aus dem Patent. Pro Generika fordert seit Jahren faire Marktchancen für Biosimilars. Hat sich hier etwas getan?


Bretthauer: Es gibt immer noch zahlreiche Hürden, die den Marktzugang von Biosimilars erschweren. Viele Krankenkassen schreiben bereits Rabattverträge für Biosimilars aus. Biosimilars müssen aber die Chance haben, sich zunächst auf dem Markt zu etablieren. Denn nur ein vernünftiger Wettbewerb zwischen verschiedenen Anbietern führt am Ende auch zu niedrigen Preisen. Es gibt daher gute Gründe, zunächst eine vertragsfreie Zeit nach Patentablauf einzuführen. Klar benachteiligt werden Biosimilars auch durch die Festbeträge. Für den Arzt besteht dann kein wirtschaftlicher Anreiz, ein Biosimilar zu verordnen, weil auf diese Weise deren Vorteil – also gleiche Wirkung, gleiche Qualität, aber günstiger Preis – verloren geht. Festbeträge sollte es daher erst geben, wenn Biosimilars einen robusten Marktanteil erreicht haben.

 

PZ: Wie sinnvoll sind feste Verordnungsquoten für Biosimilars? In einigen Regionen haben Kassen und Ärzte entsprechende Vorgaben ja bereits vereinbart.

 

Bretthauer: Sachsen und Bremen zeigen, dass es geht. Dort werden diese Quoten vertraglich zwischen den Kassen und den Ärzten vereinbart, gut umgesetzt und führen bereits zu sinkenden Arzneimittelausgaben. Von diesem Beispiel können andere Regionen in Deutschland lernen, bei denen die Einsparpotenziale der Biosimilars noch nicht voll ausgeschöpft werden. Der Informationsbedarf der Ärzte ist allerdings vor allem in Bezug auf die neue Generation der Biosimilars, die monoklonalen Antikörper, sehr hoch und wächst, je mehr Biosimilaranbieter auf den Markt kommen. Biosimilars sind Produkte von gleicher Qualität und Wirksamkeit zu niedrigeren Preisen – diese Botschaft müssen wir den Ärzten vermitteln. Die Politik muss sich darüber hinaus jetzt mit fairen Marktchancen für Biosimilars beschäftigen, denn die Patentab­läufe stehen vor der Tür. 2015 werden Biopharmazeutika mit einem Umsatz von mehr als 1 Milliarde Euro auslaufen. /

 

Bork Bretthauer,

Geschäftsführer Pro Generika

Mehr von Avoxa