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Ausblick

Was bringt 2013?

07.01.2013
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Von Daniel Rücker und Stephanie Schersch / Auf das Jahr 2012 werden nur wenige Apotheker mit Wehmut zurückblicken. Immerhin stehen die Chancen, dass 2013 finanziell zumindest etwas erfreulicher wird, nicht so schlecht. Mit dem ABDA-KBV-Modell und der Pharm-CHF-Studie gehen zwei wichtige Projekte der Apotheker an den Start. Im Herbst steht dann die Bundestagswahl an. Nach den Erfahrungen der vergangenen Jahre könnte für viele Apotheker die Wahl zur Qual werden.

In das Jahr 2013 starten die Apotheker mit einer großen Unsicherheit. Nach wie vor steht eine Entscheidung über den Kassenabschlag für dieses Jahr aus. Die Gespräche zwischen dem Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) und dem Deutschen Apothekerverband (DAV) waren im November 2012 gescheitert, da sich beide Seiten noch nicht einmal auf den Ausgangspunkt der Verhandlungen hatten einigen können. Die Apotheker wollten den Kassenabschlag aus dem Jahr 2010 als Basis wählen, dieser hatte bei 1,75 Euro gelegen. Die Krankenkassen hielten hingegen 2,05 Euro für den richtigen Ausgangspunkt. Auf diese Höhe hatte das Arzneimittelmarkt-Neuordnungsgesetz (AMNOG) den Rabatt für die Jahre 2011 und 2012 festgeschrieben.

Strittig waren darüber hinaus die Zahlen zur Kostenentwicklung in den Apotheken. Die Krankenkassen wollten die vom DAV vorgelegten Zahlen der Steuerberatungsgesellschaft Treuhand Hannover nicht akzeptieren. Auch Daten aus dem Bundeswirtschaftsministerium, die als Grundlage für die Anhebung der Packungspauschale zum 1. Januar gedient haben, hielten sie für unzureichend.

 

Nun muss wieder einmal die Schiedsstelle über den Kassenabschlag entscheiden und dies erstmals in neuer Besetzung. Denn die Amtszeit der »alten« Schiedsstelle unter Vorsitz von Dr. Rainer Daubenbüchel ist zum 31. Dezember ausgelaufen. Wunschkandidat für Daubenbüchels Nachfolge ist Dr. Rainer Hess, da sind sich der Deutsche Apothekerverband (DAV) und der GKV-Spitzenverband einig. Er saß bis Mitte 2012 dem Gemeinsamen Bundesausschuss vor. Nun leitet er den Vorstand der Deutschen Stiftung Or­gantransplantation. Ob dieses Amt mit dem Vorsitz der Schiedsstelle in Einklang zu bringen ist, ist noch nicht endgültig geklärt.

 

Wann die Schiedsstelle entscheiden wird, ist deshalb unklar. Der Deutsche Apothekerverband hat bereits angekündigt, bis dahin bei den Abrechnungen einen Rabatt in Höhe von 1,75 Euro anzusetzen. Die Krankenkassen hingegen brachten eine Übergangslösung ins Spiel, die einen vorläufigen Abschlag in Höhe von 1,90 Euro vorsieht. Für DAV-Chef Fritz Becker steht dies jedoch nicht zur Diskussion. »Wir bestehen auf 1,75 Euro und bleiben in jedem Fall dabei.« Die Apothekenrechenzentren berechnen deshalb den Krankenkassen den Abschlag in dieser Höhe.

 

Der Schiedsspruch zum Apothekenabschlag für das Jahr 2013 kann dann zwar wieder beklagt werden, er müsste aber sofort umgesetzt werden. Denn Klagen gegen die Entscheidung haben anders als bislang keine aufschiebende Wirkung mehr, so steht es im AMNOG. Das dürfte viele Apotheker nach ihren Erfahrungen mit den Abschlägen 2009 und 2010 freuen. Die Schiedsstelle hatte den Rabatt 2009 auf 1,75 Euro festgesetzt, dagegen hatten die Krankenkassen geklagt. Auch 2010 lag der Abschlag nach Schiedsstellenentscheid bei 1,75 Euro, diesmal reichten die Apotheker Klage ein. Bis heute steht eine Entscheidung für beide Jahre aus. Ein endgültiges Urteil in beiden Fällen wird voraussichtlich in diesem Jahr vor dem Landessozialgericht Berlin-Brandenburg fallen.

 

Neben den Querelen um den Kassenabschlag gibt es für die Apotheker aber auch Grund zum Freuen. So wird es ab diesem Jahr eine pauschale Vergütung für Nacht- und Notdienste geben. Dafür stehen insgesamt 120 Millionen Euro zur Verfügung. Unklar ist allerdings nach wie vor, wie die neue Pauschale bei den Apotheken ankommen soll. Grundsätzlich sind zwei Wege denkbar. So könnten die Landesapothekerkammern die Notdienste einer Region sammeln und den Krankenkassen eine Rechnung stellen. Anschließend würden sie das Geld dann an die entsprechenden Apotheken verteilen.

 

Möglich ist aber auch, dass die Apotheken selbst über ihre Rechenzentren mit den Krankenkassen abrechnen. Dabei könnten die Kammern den Apotheken eine Art Zertifikat über den geleisteten Notdienst ausstellen, um Falschabrechnungen zu vermeiden. Diesen Nachweis müssten die Apotheken dann bei den Krankenkassen vorlegen. In den einzelnen Bundesländern soll es jeweils eine Krankenkasse geben, die die Abrechnung federführend für alle anderen Krankenkassen in der Region übernimmt.

 

Ungeklärte Details

 

Darüber hinaus sind auch noch weitere Details zu klären. So ist noch nicht entschieden, inwieweit sich die Private Krankenversicherung an den Kosten für die Notdienstpauschale beteiligen wird. Diskussionsbedarf gibt es auch mit der Beihilfe für Beamte. Auf die bislang erhobene Notdienstgebühr von 2,50 Euro hat die Einführung der Pauschale keine Auswirkungen. Sie bleibt als eine Art Schutzgebühr erhalten.

 

Die Verzögerung bei der Umsetzung der Notdienstpauschale ist ärgerlich, sie dürfte für die Apotheker aber keine Konsequenzen haben, denn die 120 Millionen Euro waren bereits im vergangenen Jahr vereinbart und können auch rückwirkend ab 1. Januar ausgezahlt werden.

 

Nur spekulieren lässt sich derzeit über die Entwicklung der Großhandelskonditionen. Nachdem sich diese zum Januar 2012 erneut deutlich verschlechtert haben, konnten sie sich im Laufe des Jahres wieder ein wenig stabilisieren. Das Wettrennen um die Marktführerschaft zwischen Noweda und Phoenix dürfte den Apothekern auf kurze Sicht gute Rahmenbedingungen bieten und auch die Geschäftspolitik der anderen Marktteilnehmer beeinflussen. Dass dieser Trend langfristig trägt, ist jedoch eher zweifelhaft. Zumindest in Deutschland ist die Ertragssituation der Großhändler nicht so gut, dass sie sich einen langen Preiskampf leisten sollten (lesen Sie dazu das Interview Großhandel: Der Markt wird sich nicht stark verändern).

 

In diesem Jahr müssen darüber hi­naus noch zwei weitere Themen der Apothekervergütung aus dem Jahr 2012 abgearbeitet werden: die Berechungsgrundlage für die Aufschläge von Großhandel und Apothekern und die Dynamisierung der packungsbezogenen Vergütung. Die Krankenkassen wollen die prozentuale Handesspanne der Apotheker bei Arzneimitteln mit einer Nutzenbewertung nicht mehr auf den Herstellerabgabepreis, sondern auf den zwischen Kassen und Herstellern ausgehandelten Erstattungsbetrag berechnen. Bislang sind davon nur 12 Arzneimittel betroffen, doch wird deren Zahl steigen. Apotheker, Hersteller und Großhändler sind nicht dazu bereit, in Zukunft auf niedrigerer Basis abzurechnen. Sie beziehen sich dabei auf eine Formulierung im Anhang zum Liefervertrag zwischen Apothekern und Kassen, in dem ausdrücklich der Herstellerabgabepreis als Basis genannt wird.

 

Fakten schaffen

 

Da eine Einigung nicht in Sicht ist, werden die Apotheker nun Fakten schaffen. Die Softwarehäuser sind informiert und werden ab Februar 2013 bei den betreffenden Arzneimitteln den Preisnachlass des Herstellers an die Kassen erst nach der Berechnung der Aufschläge abziehen. Die Krankenkassen drohen nun mit einer Klage. Ob es dazu kommt, wird sich zeigen. Für die Apotheker könnte eine juristische Auseinandersetzung über den Erstattungsbetrag zu einer weiteren Verunsicherung führen.

Ebenfalls offen ist die zukünftige Anpassung des Apothekenhonorars. Nach der unbefriedigenden Erhöhung der Packungspauschale um 25 Cent hatte der Vorsitzende des Deutschen Apothekerverbandes (DAV), Fritz Becker, eine automatische Überprüfung und Anpassung der Honorierung gefordert. Ebenso offen blieb die Forderung nach einer kostendeckenden Vergütung von Rezepturen und der Belieferung von BtM-Rezepten. Hier will der DAV am Ball bleiben. Einige Unionspolitiker zeigten dafür durchaus Verständnis. Ausgerechnet im Wahljahr 2013 eine weitere Anpassung der Honorierung zu erreichen, dürfte für die Apotheker jedoch eine große Herausforderung werden.

 

Der lange und zähe Kampf um die Honorierung der Apotheker hat eines deutlich gemacht: Es ist nicht gut, dass das Apothekenhonorar fast ausschließlich an die Abgabe von Arzneimitteln gekoppelt ist. Die Distributionskette ist immer auch ein potenzieller Angriffspunkt für Einsparungen. Zudem droht hier die Gefahr, dass Logistiker den Apothekern Konkurrenz machen, weil Logistik preiswerter ist als Versorgung.

 

Europaweit unternehmen deshalb die Apotheker Anstrengungen, Teil des therapeutischen Teams zu sein und auch für nicht unmittelbar an die Abgabe von Arzneimitteln gekoppelte Dienstleistungen eine Vergütung zu erhalten. In Großbritannien oder den Niederlanden sind sie damit bereits ziemlich weit gekommen. Auch in der Schweiz haben Apotheker Aufgaben übernommen wie Impfungen oder einen Medikations-Check, die so gut vergütet werden, dass sie einen wichtigen Beitrag zum Ertrag einer Apotheke leisten.

 

In enger Zusammenarbeit

 

In Deutschland wollen ABDA, Kammern und Verbände diesen Weg ebenfalls einschlagen. Im Gegensatz zur Schweiz setzen sie dabei aber nicht auf eine Konfrontation mit den Ärzten. In einigen Bundesländern gibt es bereits Modelle, in denen Krankenkassen Apotheker für Medikations-Checks honorieren. Grundsätzlich kann es keinen Widerspruch dazu geben, dass sich die Apotheker intensiver und in Zusammenarbeit mit den Ärzten für eine sichere und effiziente Arzneimitteltherapie einsetzen.

 

Dafür spricht auch eine Untersuchung des Informationsdienstleisters IMS Health im Auftrag des Weltapothekerverbandes FIP. Demnach könnten die Gesundheitssysteme weltweit um rund 500 Milliarden Euro entlastet werden, wenn Apotheker dafür sorgen, dass die richtigen Arzneimittel korrekt und ausreichend lang angewendet werden. Für die Bundesrepublik beziffert die Untersuchung das Einsparpotenzial auf rund 20 Milliarden Euro.

 

Ohne Frage ist dies ein gutes Argument für eine deutliche Ausweitung der apothekerlichen Tätigkeiten. Erfahrungsgemäß lassen sich Politik und Krankenkassen aber nicht allein von Rechenmodellen überzeugen. Es braucht valide Untersuchungen mit nachvollziehbaren Resultaten, anhand derer sich der Nutzen der Intervention durch die Apotheker eindeutig belegen lässt. In diesem Jahr sollen zwei große Untersuchungen genau dies belegen. Das gemeinsame Modell von ABDA und Kassenärztlicher Bundesvereinigung (KBV) soll im Frühling oder Frühsommer in Thüringen und Sachsen in den Praxistest gehen. Bereits seit einigen Monaten läuft der Pilotversuch zur Pharm-CHF-Studie. Mit dieser randomisierten, kontrollierten Studie wollen Apotheker und Ärzte untersuchen, ob sie über ein unter den beiden Heilberufen abgestimmtes Betreuungsprogramm erreichen können, dass Patienten mit chronischer Herzinsuffizienz seltener ins Krankenhaus eingewiesen werden müssen und ein geringeres Sterblichkeitsrisiko haben.

 

Pilotstudien laufen

 

In die Studie werden Patienten eingeschlossen, die mindestens 65 Jahre alt sind, an Herzinsuffizienz leiden, bereits medikamentös behandelt werden und in den vergangenen 12 Monaten mindestens einmal wegen einer akuten Entgleisung Ihrer Herzinsuffizienz im Krankenhaus waren. Allerdings geht dies nur, wenn sowohl der behandelnde Arzt als auch eine Apotheke in dem Ort an der Studie teilnehmen.

 

Derzeit laufen bereits Pilotstudien im Saarland, Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen. Bayern soll bald folgen. Nach der Pilotphase sollen rund 2000 Patienten und jeweils 300 Arztpraxen und Apotheken an der Untersuchung teilnehmen. Damit ist die Pharm-CHF-Studie nach den Angaben von ABDA-Geschäftsführer Professor Dr. Martin Schulz das größte gemeinsame wissenschaftliche Projekt von Ärzten und Apothekern in Deutschland. Die Patienten sollen mindestens 12 Monate, möglichst aber 21 Monate in die Studie eingeschlossen sein.

 

Die Apotheker haben die Aufgabe, die Gesamtmedikation ihrer Patienten zu erfassen und den Medikationsplan zu konsolidieren. Die Patienten sollen wöchentlich in die Apotheke kommen, wo sie mit individuell gestellter Medikation jeweils für eine Woche versorgt werden. Der wöchentliche Termin soll auch dafür genutzt werden, über die Einnahmetreue und mögliche Nebenwirkungen zu sprechen. Außerdem sollten dem Patienten in der Apotheke Blutdruck und Puls gemessen werden, um mögliche Krisen frühzeitig zu erkennen. Ist dies der Fall, schickt der Apotheker den Patienten zum Arzt.

Prinzipiell kann jede Apotheke an der Studie teilnehmen, wenn eine allgemeinärztliche oder internistische Arztpraxis in der Nähe der Apotheke auch an der Studie teilnimmt. Es kann auch sein, dass eine Apotheke von einem an der Studie teilnehmenden Arzt angesprochen wird, weil sich dessen Patient für diese Apotheke entschlossen hat. Detaillierte Informationen für interessierte Apotheken finden sich unter www.pharm-chf.de. Wie der medizinische Leiter der Studie, Professor Ulrich Laufs, bei einer Versammlung der Apothekerkammer Nordrhein berichtete, sollen die die Ergebnisse der Studie spätestens 2016 vorliegen.

 

Für die ABDA haben die beiden Untersuchungen hohe Priorität. Das machte auch ABDA-Präsident Friedemann Schmidt in einem Interview mit der Pharmazeutischen Zeitung deutlich: »Die Pharm-CHF-Studie und das ABDA-KBV-Modell sind zwei qualitativ sehr hoch stehende Projekte, mit denen wir anhand von klinischen Endpunkten bestätigen wollen, dass Apotheker in der Lage sind, die Versorgung von Patienten zu verbessern. Das ist sehr wichtig für uns, denn in einer Welt knapper Ressourcen muss man seine Ansprüche gut begründen können.«

 

Das ABDA-KBV-Modell startet in Sachsen und Thüringen, weil es dort nach einigen Verhandlungen gelungen ist, Apotheker, Ärzte und die AOK Plus zusammenzubringen. Die AOK Plus gibt es in beiden Bundesländern, sie ist erfreulich experimentierfreudig und hat ein Interesse daran, die Arzneimittelversorgung multimorbider Menschen zu verbessern.

 

Das bedeutet aber nicht, dass es keine Probleme zwischen den drei Parteien gibt. Der Honorarstreit zwischen Ärzten und Krankenkassen im vergangenen Herbst hat auch in Sachsen und Thüringen Spuren hinterlassen. Das könnte sich auch auf den Starttermin auswirken. Ein großes Problem muss das jedoch nicht sein. Vertreter der ABDA hatten immer wieder betont, eine exakte Planung sei wichtiger als ein schneller Start. Wichtig ist, dass das Modell positive Ergebnisse liefert.

 

Das ABDA-KBV-Konzept besteht aus dem Medikationskatalog, der Wirkstoffverordnung und dem Medikationsmanagement. Angesprochen werden chronisch kranke Patienten, die mindestens fünf systemisch wirkende Arzneimittel dauerhaft einnehmen. Die Patienten werden von jeweils einem Arzt und einem Apotheker gemeinsam betreut. In der Praxis sollen die Ärzte Wirkstoffe aus dem Medikationskatalog unter der Angabe von Dosierung und Darreichungsform verordnen. Der Apotheker wählt dann das Präparat aus. Der Patient erhält einen Medikationsplan, in dem seine Medikamente mit Dosierung und Einnahmeschema angegeben sind.

 

Hohe Einsparungen

 

Nach den Vorstellungen der Initiatoren soll der Test in Thüringen und Sachsen zeigen, das Ärzte und Apotheker gemeinsam die Compliance der Patienten und die Arzneimitteltherapiesicherheit verbessern können und dies der Gesetzlichen Krankenversicherung jährliche Einsparungen in Milliardenhöhe beschert. Nach der Testphase kann das ABDA-KBV-Modell Teil der Regelversorgung werden, vorausgesetzt es ist erfolgreich. Bis dahin können auch andere Bundesländer einen Test auflegen.

 

Spannend wird es in diesem Herbst, wenn die nächste Bundestagswahl stattfindet. Was auf die Apotheker mit den einzelnen Parteien zukommen könnte, darüber lässt sich nur spekulieren. Die SPD hat bereits angekündigt, bei einem Wahlsieg ihre Bürgerversicherung einzuführen. Diese soll langfristig alle Bürger, also auch Selbstständige und Beamte, als eine Art Pflichtversicherung aufnehmen. Das Modell der Privaten Krankenversicherung soll zunächst weiterbestehen. Privatversicherte erhalten die Möglichkeit, in die Bürgerversicherung zu wechseln, wenn sie das wollen. Alle neu zu versichernden Bürger werden automatisch von der Bürgerversicherung aufgenommen. Dabei sollen viele verschiedene Krankenkassen die Bürgerversicherung anbieten, die Höhe des Beitrags legt jede Kasse individuell fest.

 

Bei der Finanzierung setzen die Sozialdemokraten auf drei Säulen. Arbeitgeber und Arbeitnehmer sollen zu gleichen Teilen in die Bürgerversicherung einzahlen. Dabei müssen Unternehmen ihre Beiträge prozentual auf die gesamte Lohnsumme ihrer Mitarbeiter entrichten. So werden nicht nur Löhne und Gehälter, sondern auch Bonuszahlungen und Sonderzulagen herangezogen. Auch auf der Arbeitgeberseite entfällt die Beitragsbemessungsgrenze. Auf diese Weise sollen solche Firmen stärker belastet werden, die besonders hohe Löhne und Boni zahlen. Als weiteres Finanzierungsstandbein soll es einen Steuerzuschuss geben.

 

Für Irritationen bei den Apothekern haben die Sozialdemokraten mit einem Parteitagsbeschluss aus dem Dezember 2011 gesorgt. Darin hieß es mit Blick auf den Apothekenmarkt: »Den Arzneimittelvertrieb werden wir liberalisieren, um Preisvorteile von größeren Vertriebsstrukturen zu erreichen.« Mit dieser Aussage blieb die Partei zwar wenig konkret. Doch die Formulierung weist zumindest darauf hin, dass man in der SPD offenbar über eine Aufweichung des Fremd- und Mehrbesitzverbots nachdenkt. Niemand in der Partei wollte sich jedoch zu diesem Beschluss bekennen. Bis heute wurde er allerdings nicht zurückgenommen.

 

Die SPD hat sich darüber hinaus bereits eigene Gedanken über das Apothekenhonorar gemacht. Aus Sicht des gesundheitspolitischen Sprechers der Partei, Karl Lauterbach, sollte die Beratungsleistung künftig eine größere Rolle bei der Vergütung spielen. Die Apotheker seien sehr gut ausgebildet und sollten stärker als bislang in die Gesundheitsberatung einbezogen werden, hatte er zuletzt beim Deutschen Apothekertag in München gesagt. Für diese Leistung müsse es eine entsprechende Vergütung geben, so Lauterbach. Über ein pauschales Honorar sei das nicht möglich. Grundsätzlich zeigten die Apotheker in München viel Interesse an Lauterbachs Vorschlag. Der hat das Thema seitdem allerdings nicht mehr angesprochen. Das könnte auch darauf hindeuten, dass es bei den Sozialdemokraten nicht zu den drängenden gesundheitspolitischen Fragestellungen zählt.

Ähnlich wie die Sozialdemokraten wollen auch die Grünen eine Bürgerversicherung einführen, in der auch die bislang privat Versicherten unterkommen sollen. Hier sollen allerdings neben Löhnen und Gehältern auch andere Einkommensarten in die Finanzierung einbezogen werden. Dazu zählen Mieteinnahmen und Einkünfte aus Kapi­talerträgen. Darüber hinaus soll die Beitragsbemessungsgrenze auf das Niveau der Rentenversicherung steigen.

 

Was die Apotheker von den Grünen zu erwarten haben, lässt sich nur schwer sagen. Die Partei hat sich in den vergangenen Jahren mehrfach für eine Deregulierung der Arzneimittelversorgung ausgesprochen. Im Zuge des Fremdbesitzverfahrens vor dem Europäischen Gerichtshof im Jahr 2009 hatte sich die gesundheitspolitische Sprecherin der Partei, Birgitt Bender, für Apothekenketten starkgemacht. Zuletzt verwunderte sie die Branche mit einem Vorschlag zum Apothekennotdienst. Demnach sollten Ärzte in Bereitschaft selbst Arzneimittel an Patienten abgeben dürfen.

 

Sollten die Grünen in ihrem Programm zur Bundestagswahl den Vorstellungen Benders weitgehend folgen, dann wird sich die Sympathie der Apotheker für die Partei in engen Grenzen halten. Da es jedoch mit der nordrhein-westfälischen Landesgesundheitsministerin Barbara Steffens auch eine einflussreiche Grünenpolitikerin gibt, die sich für eine zentrale Rolle der Apotheker in der Arzneimittelversorgung starkmacht, werden die Pharmazeuten wohl auf das Wahlprogramm warten müssen, um zu erfahren, woran sie bei der Partei sind.

 

Versandhandel beschränken

 

Als dritte Partei im Bunde will auch die Linkspartei die Trennung in Gesetzliche und Private Krankenversicherung aufheben und das Geschäft der privaten Anbieter auf Zusatzversicherungen beschränken. Beiträge sollen auch in der Bürgerversicherung der Linken auf alle Einkommensarten erhoben werden, die Beitragsbemessungsgrenze darüber hinaus ganz entfallen. In der Vergangenheit hat sich die Linkspartei mehrfach für die flächendeckende Versorgung durch Präsenzapotheken starkgemacht. In den Bundestag brachten sie einen Antrag ein, den Versandhandel auf verschreibungsfreie Arzneimittel zu beschränken. Dabei verwiesen sie auf den besonderen Charakter von Medikamenten und die qualifizierte Beratung in der Apotheke. Diesem Vorstoß wollte allerdings keine andere Partei folgen. Darüber hinaus fordern die Linken, Patienten-Zuzahlungen im Gesundheitswesen grundsätzlich abzuschaffen.

 

Bleibt es auch nach der Bundestagswahl bei einer schwarz-gelben Koalition, würden Union und FDP ihre Politik der vergangenen Jahre vermutlich fortführen. Beide Parteien heben immer wieder den Wert der inhabergeführten Apotheke hervor. Dennoch mussten die Apotheker insbesondere mit dem AMNOG zuletzt harte Einschnitte hinnehmen. Im Rahmen der neuen Apothekenbetriebsordnung hat sich die Politik dafür gegen die zunächst geplanten Erleichterungen für Filialen entschieden und damit die umstrittene »Apotheke light« verhindert. Darüber hinaus kündigt Schwarz-Gelb seit Jahren an, Pick-up-Stellen verbieten zu wollen. Passiert ist bislang aber nichts.

 

Auch die Piratenpartei hat Ende November erste gesundheitspolitische Positionen formuliert. Ihre Vorstellungen bleiben dabei recht vage. Insgesamt fordern die Piraten mehr Transparenz und eine verstärkte Aufklärung der Patienten. Bessere Arbeitsbedingungen und mehr Ausbildungsplätze sollen dem Fachkräftemangel im Gesundheitswesen langfristig entgegenwirken. Nachhaltige Gesundheitspolitik darf aus Sicht der Partei nicht nur auf Kostensenkung abzielen. Vielmehr sollen Investitionen in mehr Qualität und eine bessere Betreuung der Patienten helfen, Folgekosten zu vermeiden. Da­rüber hinaus sollen alle Beteiligten im Gesundheitswesen berufsübergreifend stärker zusammenarbeiten. Finanzieren soll sich das System über solidarische Beiträge aller Bürger, abhängig jeweils von der finanziellen Leistungsfähigkeit des Einzelnen.

 

Um eine Ziffer erweitert

 

Eine weitere Neuerung in diesem Jahr war vor allem für die Softwarehäuser eine große Herausforderung. Die Pharmazentralnummer (PZN) wurde um eine Stelle auf acht Ziffern erweitert. Der Grund für diese Umstellung ist einfach. Die bislang verwendeten siebenstelligen Nummern waren ausgeschöpft. Alle neuen Verpackungen tragen deshalb seit 1. Januar die längere PZN. Doch auch Arzneimittelpackungen mit siebenstelliger Nummer können theoretisch noch bis Ende 2019 von den Erfassungssystemen im Großhandel und in den Apotheken verarbeitet werden. Die bisherigen PZN werden dafür um eine Null als Anfangsziffer ergänzt und lassen sich so relativ problemlos in das neue System überführen.

 

Große Bedeutung für die Arzneimittelsicherheit hat der Pilotversuch von Securpharm. Das Gemeinschaftsunternehmen von Apothekern, Großhändlern und pharmazeutischer Industrie soll sicherstellen, dass in der ohnehin sehr sicheren deutschen Versorgungskette keine gefälschten Arzneimittel auftauchen. Dazu soll jede Arzneimittelpackung anhand einer individuellen Kennung in den Apotheken authentifiziert werden. Der Pilotversuch hat am 1. Januar begonnen (lesen Sie dazu Securpharm: Echtheitsprüfung live). /

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